{"id":7610,"date":"2026-09-17T19:38:48","date_gmt":"2026-09-17T17:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7610"},"modified":"2026-09-17T19:38:53","modified_gmt":"2026-09-17T17:38:53","slug":"musik-und-kunst-hommage-a-brancusi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/17\/musik-und-kunst-hommage-a-brancusi\/","title":{"rendered":"Musik und Kunst \u2013 Hommage \u00e0 Br\u00e2ncu\u015fi"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7612\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Thomas-Hell-und-Gabriel-Iranyi_nach-dem-Konzert_-Hommage-a-Brancusi.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Gabriel Iranyi und Thomas Hell<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Programm, wie es Thomas Hell im knapp hundert Personen fassenden \u201eGro\u00dfen Salon\u201c der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz anbietet, w\u00fcrde ihm kein Veranstalter der etablierten Konzertinstitute abnehmen. Das Besondere ereignet sich mal wieder abseits der Event-Locations. Barockmusik geht mit neuen und neuesten Kl\u00e4ngen subtile Verbindungen ein. Das wird \u00fcberlagert vom Konzept \u201eMusik und Kunst\u201c, das hier auf die soeben zuende gegangene Ausstellung \u201eConstantin Br\u00e2ncu\u015fi\u201c in der Neuen Nationalgalerie Bezug nimmt. Als \u201eHommage \u00e0 Br\u00e2ncu\u015fi\u201c zum 150. Geburtstag ist dieses Konzert denn auch deklariert. Hell entwickelte das Konzept zusammen mit dem Komponisten Gabriel Iranyi, der sich von Br\u00e2ncu\u015fi bereits zu zwei Klavierst\u00fccken inspirieren lie\u00df und diese nun zum vierteiligen, hier uraufgef\u00fchrten Zyklus <em>Brancusiana<\/em> erweiterte. Der rum\u00e4nisch-ungarisch-j\u00fcdische Komponist, der im rum\u00e4nischen Jassy und Tel Aviv lehrte und seit 1988 freischaffend in Berlin lebt, fand seine Inspirationsquellen bereits mehrfach in Werken der Bildenden Kunst. Davon zeugen <em>F\u00fcnf Skizzen zu Bildern von Paul Klee<\/em> f\u00fcr Bl\u00e4serquintett, eine <em>Hommage \u00e0 Chagall<\/em> oder die <em>Leonardo-Fragmente<\/em> f\u00fcr Sopran, Fl\u00f6te und Harfe als bildnerisch-philosophisher Tribut. Iranyis knappe, fast aphoristische, damit umso pr\u00e4gnantere Schreibweise kommt dem konsequenten Reduktionismus des Bildhauers Br\u00e2ncu\u015fi entgegen. Der Schl\u00fcssel zum Klavierzyklus ist das an den Schluss gesetzte, bereits 1981 entstandene St\u00fcck <em>Maiastra<\/em> \u2013 der Titel bedeutet so etwas wie \u201eVogel des Wunders\u201c. Br\u00e2ncu\u015fi schuf seinen \u201eMeistervogel\u201c in 29 Variationen von zunehmender Stilisierung. Der nach oben gereckte K\u00f6rper, die schimmernde Metalloberfl\u00e4che suggerieren zugleich ein Streben nach Transzendenz und Spiritualit\u00e4t. Aus ruhig schreitenden Basst\u00f6nen, einem geheimnisvollen Untergrund, erheben sich heftige Vorschl\u00e4ge und Repetitionen, ein Frage- und Antwortspiel, das sich virtuos steigert. Parallelbewegungen in verschiedenen Schichten und scharfen Rhythmen, herausgeschleuderte Diskantt\u00f6ne, die Zuckungen des Vogels bezeichnend, m\u00f6gen an Olivier Messians <em>Catalogue d&#8217;Oiseaux<\/em> erinnern. Doch Iranyi setzt Statik und Bewegung viel flexibler gegeneinander, schafft interessante Spannungsverh\u00e4ltnisse zwischen verschiedenen sich \u00fcberlagernden und durchkreuzenden Klangebenen. <em>Bird in Space<\/em> (Vogel im Raum) von 2005 nutzt dieses Klangmaterial in extremer Zuspitzung, scharfe, enggef\u00fcgte Akkorde, die sich in \u00fcber die Register verteilte Einzelt\u00f6ne auff\u00e4chern. Die <em>Essenz des Fliegens<\/em> zeigt sich hier \u00e4u\u00dferst reduziert und konzentriert. Die im vorigen Jahr komponierten Mittelst\u00fccke <em>The Sleep, a marble dream<\/em> (Der Schlaf, ein Marmortraum) und <em>For Views on Prometheus<\/em> (Vier Blicke auf Prometheus) thematisieren das Weiterleben des Materials nach vollendetem Schaffensprozess und die Verschiedenartigkeit der Betrachtungsweisen, setzen auf melodische Fragmente, variierte Akkordketten und Ausdrucksgesten.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Hell spielt dies alles mit rhythmischer Pr\u00e4zision und beeindruckendem Farbenreichtum, einer Intensit\u00e4t, die den Spannungsbogen nie zerbrechen l\u00e4sst. Leider spielen ihm die akustischen Gegebenheiten einen Streich: der brillante Steinway-Fl\u00fcgel klingt einfach zu kompakt und m\u00e4chtig f\u00fcr den kleinen Raum, der zudem dem Klang mit niedriger Decke und glatten W\u00e4nden \u00fcberhaupt keine Entfaltungsm\u00f6glichkeiten erlaubt. So muss einiges an Differenzierungen eher erahnt werden \u2013 ein st\u00e4rkeres Piano-Spektrum, meint der Pianist im Gespr\u00e4ch, w\u00fcrde die Klangfarben allzusehr reduzieren. Hell, der nach ausgedehnten Konzertreisen und Lehrt\u00e4tigkeiten in Hannover und Stuttgart eine Professur f\u00fcr Klavier und Kammermusik an der Musikhochschule Mainz aus\u00fcbt, hat sich \u2013 neben dem ebenfalls beherrschten Standardrepertoire \u2013 auf Klaviermusik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert. Als herausragend gilt seine Auff\u00fchrung s\u00e4mtlicher <em>18 Etudes pour piano<\/em> von Gy\u00f6rgy Ligeti, die er auch beim Label WERGO einspielte. Ligetis Et\u00fcde <em>Columna infinita<\/em> bezieht sich auf Br\u00e2ncu\u015fis ber\u00fchmte Skulptur <em>Unendliche S\u00e4ule<\/em>, der vielleicht wichtigsten, fast 30 Meter hohen Skulptur des Bildhauers, die zum Unesco-Welterbe geh\u00f6rt. Ligetis St\u00fcck, meint der Pianist, f\u00fchre wie eine Lokomotive \u00fcber die Zuh\u00f6rer hinweg und sei eigentlich nur durch die Tastatur des Klaviers begrenzt. Tats\u00e4chlich werden seine aufsteigenden Elemente immer wieder neu angesetzt, greifen ineinander und \u00fcberlappen sich. Ein unendlicher Sog entsteht auf diese Weise. George Enescus Suite Nr.&nbsp;2 schlie\u00dft sich an, 1901 komponiert, unmittelbar nach Abschluss des Studiums bei Jules Massenet und Gabriel Faur\u00e9, ist sie ein Zeugnis der fr\u00fchen Reife dieses bedeutendsten Komponisten Rum\u00e4niens. Im ihrem vom Impressionismus zum Neoklassizismus her\u00fcberblickenden Zuschnitt steht sie dem <em>Tombeau de Couperin<\/em> des Mitsch\u00fclers Maurice Ravel gar nicht so fern, doch ihre Quint- und Quartschichtungen entfalten eine ganz eigene Klanglichkeit, in der das Obertonspektrum farbgebend mitschwingt. <em>Des cloches sonores<\/em> hat sie Enescu auch betitelt \u2013 der Glockenklang war im Osteuropa des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts allgegenw\u00e4rtig. Zugleich schl\u00e4gt die Suite in ihrer barocken Satzfolge \u2013 Toccata, Sarabande, Pavane und Bour\u00e9e \u2013 den Bogen zum Eingangsst\u00fcck des Abends: Die Toccata D-Dur von Johann Sebastian Bach ist in Hells intensiver, gleichwohl plastisch gliedernder Darbietung ein Vitalit\u00e4tsrausch, tiefe Innenschau und im finalen Presto eine Explosion namenloser Freude. Dem antwortet besinnlich als Zugabe die Busoni-Fassung des Bach-Chorals <em>Nun komm, der Heiden Heiland<\/em>. Da heben sich pl\u00f6tzlich die einzelnen Stimmen plastisch voneinander ab, erklingt aus Piano-Schattierungen ber\u00fchrend die Choralmelodie. Pianist und Fl\u00fcgel scheinen sich endlich besser verstanden zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Isabel Herzfeld, September 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Programm, wie es Thomas Hell im knapp hundert Personen fassenden \u201eGro\u00dfen Salon\u201c der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz anbietet, w\u00fcrde ihm kein Veranstalter der etablierten Konzertinstitute abnehmen. Das Besondere ereignet sich mal wieder abseits der Event-Locations. Barockmusik geht mit neuen und neuesten Kl\u00e4ngen subtile Verbindungen ein. 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