{"id":7620,"date":"2026-09-26T14:31:21","date_gmt":"2026-09-26T12:31:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7620"},"modified":"2026-09-26T14:31:26","modified_gmt":"2026-09-26T12:31:26","slug":"sorabjis-opus-archimagicum-tellef-johnsons-ueberzeugende-ersteinspielung-der-gewaltigsten-aller-klaviersonaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/26\/sorabjis-opus-archimagicum-tellef-johnsons-ueberzeugende-ersteinspielung-der-gewaltigsten-aller-klaviersonaten\/","title":{"rendered":"Sorabjis \u201eOpus Archimagicum\u201c: Tellef Johnsons \u00fcberzeugende Ersteinspielung der gewaltigsten aller Klaviersonaten"},"content":{"rendered":"\n<p>Opus A Records #004 (7CD); EAN: 1 99874 52177 0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7621\" width=\"484\" height=\"487\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box.jpg 846w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box-298x300.jpg 298w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Opus-Archimagicum-Johnson-box-768x773.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><em>91 Jahre nach ihrer Komposition erschien nun die Erstaufnahme der sicherlich gewaltigsten und schwersten aller Klaviersonaten. Der amerikanische Pianist <\/em>Tellef Johnson<em> hat die 7\u00bd-st\u00fcndige <\/em>Klaviersonate Nr. V \u201eOpus Archimagicum\u201c<em> des Briten <\/em>Kaikhosru Sorabji<em> (1892\u20131988) am 18.12.2025 \u00f6ffentlich uraufgef\u00fchrt und \u00fcberzeugt nun mit einer bereits 2021\/22 entstandenen sorgf\u00e4ltigen Studioproduktion auf 7 CDs oder BluRay <\/em>(<em>5.1 bzw. Dolby Atmos<\/em>)<em>, die von einem 322 Seiten starken Hardcover-Buch begleitet wird \u2013 ein Meilenstein der Sorabji-Rezeption.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Lesern unseres Blogs d\u00fcrfte der britische Exzentriker Kaikhosru Shapurji Sorabji kein Unbekannter mehr sein. Ein paar grunds\u00e4tzliche Infos zu ihm finden sich etwa in der Rezension der <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/08\/kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2022\/04\/08\/kaikhosru-sorabji-sequentia-cyclica-beim-heidelberger-fruehling\/\">deutschen Erstauff\u00fchrung<\/a> seiner <em>Sequentia Cyclica<\/em>. Dar\u00fcber hinaus sei auf die <a href=\"https:\/\/www.sorabji-archive.co.uk\/biography\/biography.php\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.sorabji-archive.co.uk\/biography\/biography.php\">Kurzbiographie<\/a> des <em>Sorabji Archivs <\/em>verwiesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der US-amerikanische Filmemacher, Pianist und Komponist <em>Tellef Johnson <\/em>(*1977) trat bereits 1998 mit der ersten modernen Darbietung von Sorabjis 2. Klaviersonate, die 1922 und 1924 nur der Komponist selbst gespielt hatte, an die \u00d6ffentlichkeit \u2013 auf Altarus Records sp\u00e4ter als CD dokumentiert. Mit 50 Minuten ist diese jedoch kaum eine Vorstufe zu Sorabjis f\u00fcnfter und letzter Sonate <em>Opus Archimagicum <\/em>von 1934\/35 mit einer L\u00e4nge von nicht weniger als 7\u00bd Stunden. Danach schrieb der Brite allerdings u.&nbsp;a. noch sechs \u00e4hnlich gelagerte Werke, dann freilich als <em>Piano Symphonies <\/em>betitelt, von denen die drei ersten noch ihrer Urauff\u00fchrung harren. Tellef Johnsons Besch\u00e4ftigung mit der 5. Sonate reicht etliche Jahre zur\u00fcck. W\u00e4hrend der Corona-Krise hat er sich schlie\u00dflich das gesamte, aus drei gewaltigen Teilen bestehende St\u00fcck vollst\u00e4ndig am Klavier erarbeitet und 2021\/22 unter Studiobedingungen eingespielt. Erst am 18. Dezember 2025 wagte er sich an die \u00f6ffentliche Urauff\u00fchrung des Riesenwerkes im Oscar Larson Performing Arts Center der South Dakota State University in Brookings. Dies und nat\u00fcrlich genauso seine CD-Einspielung sind fraglos Meilensteine der Sorabji-Rezeption.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht umsonst liegt allen bei Johnsons eigens daf\u00fcr gegr\u00fcndetem Label <em>Opus A Records <\/em>erh\u00e4ltlichen Ausgaben, wie der hier besprochenen auf 7 CDs, kein normales CD-Booklet, sondern ein gr\u00f6\u00dferes, 322-seitiges Hardcover-Buch <em>\u201eHearing Is Believing\u201c<\/em> bei. Es enth\u00e4lt sehr ausf\u00fchrliche, zumeist extra daf\u00fcr verfasste Beitr\u00e4ge der namhaftesten Forscher zu Person und Werk Sorabjis sowie lesenswerte Interviews \u00fcber <em>Opus Archimagicum<\/em>. Am interessantesten davon ist sicherlich Johnsons eigener Versuch einer Analyse des St\u00fccks, die \u00fcber eine grobe Beschreibung weit hinausgeht. Zum Beispiel hat der Pianist herausgefunden, dass Sorabji bei der zeitlichen Gesamtanlage wie bei einzelnen Teilen sowohl das Verh\u00e4ltnis des Goldenen Schnitts als auch ganzzahlige Proportionen ber\u00fccksichtigt zu haben scheint, denen Johnson in seiner Einspielung durch entsprechende Temponahmen m\u00f6glichst gerecht werden wollte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front.jpg\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front-677x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7622\" width=\"440\" height=\"665\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front-677x1024.jpg 677w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front-768x1161.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Hearing-Is-Believing_front.jpg 926w\" sizes=\"(max-width: 440px) 100vw, 440px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.sorabji-archive.co.uk\/compositions\/piece.php?pieceid=58\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.sorabji-archive.co.uk\/compositions\/piece.php?pieceid=58\">Partitur der Sonate<\/a> in modernem Computersatz, erh\u00e4ltlich \u00fcber das Sorabji Archive, umfasst 432 Seiten DIN A3 quer und wahrscheinlich mehr Noten als alle Beethoven-Sonaten zusammen. F\u00fcr die drei gro\u00dfen Teile <em>Pars Prima: Arcana minora \u2013 Pars Altera: Arcana majora <\/em>und <em>Pars Tertia <\/em>[<em>Archimagus<\/em>] ben\u00f6tigt Johnson jeweils rund 2\u00bd Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als Sorabjis ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigtes <em>Opus Clavicembalisticum <\/em>(<a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/03\/gebaendigter-titanismus-kaikhosru-sorabjis-opus-clavicembalisticum-in-berlin\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/08\/03\/gebaendigter-titanismus-kaikhosru-sorabjis-opus-clavicembalisticum-in-berlin\/\">siehe hier<\/a>) enth\u00e4lt <em>Opus Archimagicum <\/em>vier gro\u00dfe \u201eEntwicklungss\u00e4tze\u201c (I., IV., V. und VI.), die nicht nur f\u00fcr den H\u00f6rer die gr\u00f6\u00dften H\u00fcrden darstellen, da deren diverse Steigerungswellen keinen bekannten Formmodellen entsprechen und dennoch emotional \u00fcber lange Zeitr\u00e4ume einigerma\u00dfen greifbar gemacht werden m\u00fcssen. Dies gelingt Johnson vorbildlich und zumeist glaubw\u00fcrdig. So wird auch schnell klar, dass IV. wohl eine Fortsetzung von I. darstellt. Der kurze II. Satz, offenkundig die \u201eQuadratur\u201c des Finales aus Chopins b-Moll-Sonate und Alkans \u00c9tude op.\u00a076, No.\u00a03, sowie III. \u2013 einer der wundersch\u00f6nen <em>Punta d\u2019Organo <\/em>S\u00e4tze Sorabjis, in dem u.\u00a0a. Ravels <em>Le Gibet <\/em>gr\u00fc\u00dfen l\u00e4sst \u2013 w\u00e4ren demnach nur Einsch\u00fcbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben halbwegs konsistenten Tempi \u00fcberzeugt bei Johnsons Interpretation vor allem die erstaunlich pr\u00e4zise Realisierung von Sorabjis selbst f\u00fcr die Entstehungszeit absurd komplexen, rhythmisch irrationalen \u00dcberlagerungen der einzelnen Klangschichtungen. Auch beim Akkordwerk, das teilweise ebenso phantastische Dimensionen annimmt, ist der Pianist den immensen technischen Anforderungen absolut gewachsen. Seine Dynamik \u2013 der Komponist gibt kaum Hinweise \u2013 ist abwechslungsreich und ger\u00e4t nie zur reinen Kraftmeierei. Kaum zu erw\u00e4hnen braucht man, dass hier wirklich alles, was in der Partitur fast durchgehend auf drei, stellenweise sogar bis zu sechs Systemen notiert ist, tats\u00e4chlich erklingt. Dies w\u00e4re etwa bei manchen Werken Xenakis\u2019 (<em>Synaphai<\/em>) definitiv unm\u00f6glich. Allein die Verteilung der Notenmassen auf zwei H\u00e4nde \u00fcberhaupt sicher zu organisieren, ist schon eine Herkulesaufgabe. Aus vielen Momenten \u2013 namentlich in III. <em>Punta d\u2019Organo<\/em> oder dem gro\u00dfen <em>Adagio <\/em>(VI.) \u2013 kitzelt Johnson die unvergleichliche Delikatesse Sorabjischer Klangwelten v\u00f6llig nat\u00fcrlich und \u00fcberw\u00e4ltigend heraus, ohne dass die simultan vorhandenen unterschiedlichen Materialebenen unter den Tisch zu fallen drohen. Und die manchmal abrupten, heftigen Kontraste pr\u00e4sentiert er wohl\u00fcberlegt, ohne sofort zu \u00fcbertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der dritte, letztlich komplizierteste Teil des St\u00fccks (<em>Archimagus<\/em>) ist trotzdem neben den obengenannten S\u00e4tzen II &amp; III f\u00fcr den H\u00f6rer am fasslichsten, weil hier mit vertrauten Techniken gearbeitet wird, lediglich ungeahnt ausufernd. Er besteht aus einem <em>Preludio<\/em>, einem <em>Preludio-corale sopra &#8222;Dies Irae&#8220;<\/em>, einer <em>Cadenza <\/em>sowie einer abschlie\u00dfenden, f\u00fcnfstimmigen Tripelfuge. Allein diese dauert bei Johnson 82 Minuten. Das gesamte Werk gr\u00fcndet sich auf Motiven bzw. Tonfolgen, die man \u2013 ohne dies hier genauer darzulegen \u2013 aus dem Namen des urspr\u00fcnglich angedachten Widmungstr\u00e4gers, <em>Bernard Bromage <\/em>(1899\u20131957), ableiten kann. Leicht erkennbar fungiert \u201eB\u201c (im Deutschen: \u201eH\u201c) als eine Art Zentralton. Bromage schrieb als Buchautor \u00fcber okkultistische Themen; daher auch die Bez\u00fcge zum <em>Tarot. <\/em>Nachdem sich Sorabji mit ihm verkracht hatte, widmete er das St\u00fcck Clinton Gray-Fisk. Neben diesen Keimzellen und dem Sorabji zeitlebens faszinierenden <em>Dies irae <\/em>macht sich jedoch schnell ein weiteres Motiv breit: <em>B\u2013A\u2013C\u2013H<\/em>, mit dem \u00fcber glei\u00dfenden Akkordt\u00fcrmen auch alles, keineswegs unerwartet, endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Sorabjis <em>Opus Archimagicum<\/em> hat selbstverst\u00e4ndlich seine L\u00e4ngen, abgesehen von der rein zeitlichen Dimension. Manche Abschnitte superlativistischer Pianistik wirken ma\u00dflos bis penetrant. Einige musikalische Entwicklungen beginnen so z\u00e4h wie die Evolution des Lebens auf der Erde. Dies ist jedoch angesichts der Gesamtkonzeption verschmerzbar. Kaum jemand wird sich das Werk auf CD sogleich am St\u00fcck anh\u00f6ren, ist aber mit Tellef Johnsons wegweisender Wiedergabe zu jeder Zeit in besten H\u00e4nden. Aufnahmetechnisch ist diese tour de force ebenfalls hervorragend gelungen: gut mikrofoniert, immer ad\u00e4quat ausgesteuert, ohne Klirren und sehr r\u00e4umlich. Allenfalls einige wenige Schnittgrenzen kann man \u00fcber Kopfh\u00f6rer vielleicht wahrnehmen. Die 5.1-Abmischung auf Blu-Ray soll sogar noch besser klingen \u2013 insgesamt ist dieses Projekt eine sensationelle Leistung.<\/p>\n\n\n\n<p>Es soll nicht verschwiegen werden, dass nur zwei Monate nach Johnsons Erstauff\u00fchrung ein weiterer Pianist <em>Opus Archimagicum <\/em>\u00f6ffentlich gespielt hat: der damals erst 23-j\u00e4hrige Chinese Yi-Chung Huang in New York und Chicago (beides auf Youtube zu finden). Er ben\u00f6tigt rund 70 Minuten weniger als Johnson \u2013 vor allem die Fuge ger\u00e4t ihm wahnwitzig rasch \u2013 und hat ein komplett anderes Auff\u00fchrungskonzept, das in Fachkreisen \u00e4u\u00dferst kontrovers diskutiert wird. In jedem Fall verbietet es sich, nach nur zwei Interpreten als Kritiker den Eindruck erwecken zu wollen, man w\u00fcsste bereits sicher, wie diese Mammutkomposition \u201erichtig\u201c anzugehen sei; daher hier keine vergleichende Besprechung.<\/p>\n\n\n\n<p>Tellef Johnsons Aufnahme ist nur direkt bei <a href=\"https:\/\/www.opusarecords.com\/category\/all-products\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.opusarecords.com\/category\/all-products\">Opus A Records<\/a> aus den USA zu beziehen. Der Preis von 90 $ (evtl. plus Zollgeb\u00fchren etc.) f\u00fcr die 7-CD-Schachtel (Gold Edition) inkl. Buch erscheint angesichts der Bedeutung dieser Ver\u00f6ffentlichung angemessen. F\u00fcr Sorabji-Fans ist deren Erwerb ein Muss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 23. September 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Opus A Records #004 (7CD); EAN: 1 99874 52177 0 91 Jahre nach ihrer Komposition erschien nun die Erstaufnahme der sicherlich gewaltigsten und schwersten aller Klaviersonaten. Der amerikanische Pianist Tellef Johnson hat die 7\u00bd-st\u00fcndige Klaviersonate Nr. 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