{"id":7629,"date":"2026-09-29T10:16:00","date_gmt":"2026-09-29T08:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7629"},"modified":"2026-09-28T00:53:41","modified_gmt":"2026-09-27T22:53:41","slug":"die-rache-des-vaters-verdis-rigoletto-in-der-staatsoper-unter-den-linden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/29\/die-rache-des-vaters-verdis-rigoletto-in-der-staatsoper-unter-den-linden\/","title":{"rendered":"Die Rache des Vaters  &#8211; Verdis Rigoletto in der Staatsoper Unter den Linden"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die Staatsoper Unter den Linden zeigt in diesem Herbst die vierte Wiederaufnahme von Verdis Rigoletto in einer soliden, doch nicht sehr tiefgehenden Inszenierung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>17\/09\/2026. Hier werden hohe Erwartungen geweckt. Auf den Gazevorhang, der anf\u00e4nglich die B\u00fchne f\u00fcr Giuseppe Verdis <em>Rigoletto<\/em> verh\u00fcllt, ist George Grosz&#8216; Gem\u00e4lde <em>Widmung an Oskar Panizza<\/em> projiziert, ein gigantischer, blutrot beleuchteter, von Pest und Syphilis angef\u00fchrter Leichenzug. Sp\u00e4ter, im Ballsaal des Herzogs von Mantua, ist es das Aquarell <em>Nieder mit Liebknecht<\/em>, das die karikaturistisch verzerrten <em>St\u00fctzen der Gesellschaft<\/em> den pornographischen Blick auf nackte Frauenbr\u00fcste werfen l\u00e4sst. Die verhei\u00dfungsvolle Idee von B\u00fchnenbildner Michael Yeargan scheint f\u00fcr Regisseur Bartlett Sher hinreichendes Zeichen einer dekadenten, zynischen Oberschicht zu sein; so dass seine Inszenierung sich darum offensichtlich nicht gro\u00df zu k\u00fcmmern braucht. So verkommen Grosz&#8216; messerscharf sezierende, in grotesken Zuspitzungen schockierende Bilder zur blo\u00dfen Kulisse einer reichlich angestaubten Darbietung. Sie dient mehr oder weniger der Vorf\u00fchrung gro\u00dfer S\u00e4ngerstars. Ihre Kompatibilit\u00e4t zum amerikanischen Markt ist damit gesichert \u2013 die traditionell ausgerichtete Berliner Staatsoper Unter den Linden arbeitet in dieser Produktion mit der renommierten Metropolitan Opera New York zusammen. Das Prinzip, ber\u00fchmte Gasts\u00e4nger zu engagieren und weniger auf Ensemblebildung zu setzen, ist beiden Opernh\u00e4usern gemeinsam. Dieser <em>Rigoletto<\/em> kam bereits 2019 heraus \u2013 damals in der Besetzung mit Christopher Maltman in der Titelrolle, Michael Fabiano und Nadine Sierra als Gilda. Nachdem zwischendurch Alfredo Daza Maltman abgel\u00f6st hatte und der Herzog durch Pene Pati, Gilda durch Aida Garifullina verk\u00f6rpert worden war, kommt in diesem September die vierte Wiederaufnahme auf die B\u00fchne der Staatsoper. Den Rigoletto singt diesmal Simon Keenlyside, eine Paraderolle f\u00fcr den britischen Bariton, der damit schon in den verschiedensten Inszenierungen brillierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine seltsame Unentschlossenheit kennzeichnet die Inszenierung von Bartlett Sher. Vor die Grosz-Prospekte hat Yeargan eine konventionell-naturalistische Szenerie gebaut, die zeitlos sein will, aber auch indifferent wirkt. Anzug- und W\u00fcrdentr\u00e4ger (Kost\u00fcme: Catherine Zuber) bev\u00f6lkern den herzoglichen Palast, er selbst ist mit allerlei milit\u00e4rischen Ehren beh\u00e4ngt, Doch der ist kein Nachwuchs-Autokrat, dem eine pr\u00e4faschistische Junta aus den Startl\u00f6chern hilft. Daf\u00fcr sind die Herren vom Staatsopernchor einfach zu blass, fehlt auch Ben Bliss als Herzog die n\u00f6tige H\u00e4rte. Die Damen tragen Glitzergew\u00e4nder im Empire-Stil. Er s\u00e4he in Verdis ber\u00fchmter Oper keine metaphysische oder allegorische Ebene, meint der Regisseur dazu. Auch an die durch Grosz gekennzeichneten \u201eRoaring Twenties\u201c wolle er nicht durch direkte \u00dcbertragung ankn\u00fcpfen, vielmehr die \u201eDekadenz, Freiz\u00fcgikeit und Orientierungslosigkeit\u201c dieser Geschichte vom sexs\u00fcchtigen Herzog und seinem unterw\u00fcrfig-hinterlistigen Hofnarren Rigoletto verdeutlichen. Der schl\u00e4gt allerhand lustige Spiele vor, zum Beispiel einen Rivalen k\u00f6pfen zu lassen, damit der Herzog sich ungest\u00f6rt mit dessen Frau vergn\u00fcgen kann. Als die Begehrlichkeit des jungen Herrn sich auf Rigolettos eigene Tochter richtet, wendet sich das Blatt: Nach der \u201eSch\u00e4ndung\u201c des verliebten M\u00e4dchens wird Rache geschworen, ein Mord in Auftrag gegeben, dem Gilda durch tragische Verstrickungen zum Opfer f\u00e4llt. An diese Geschichte, hier solide und gradlinig erz\u00e4hlt, lie\u00dfen sich heutzutage einige Fragen stellen. Was steckt hinter dieser symbiotischen Vater-Tochter-Beziehung? Was tut Rigoletto seiner f\u00fcgsamen Gilda eigentlich an? Was ist Liebe, was Besch\u00fctzen, was Kontrolle? Wie zeigt sich das soziale Gef\u00e4lle zwischen M\u00e4chtigen und Machtlosen, wie die Ohnmacht des Unterdr\u00fcckten gegen ein geschlossenes, undurchdringbares System? Rigoletto ist eigentlich ein Loser, der zum Schluss mir dem mit seinen Habseligkeiten vollgepackten Einkaufswagen durch die finstere Stadt irren m\u00fcsste. Statt dessen sitzt er mit Gilda in einer spie\u00dfigen zweist\u00f6ckigen Wohnung, die zwar mit ihren \u00fcberdimensionalen Glasfl\u00e4chen noch wie ein \u00dcberbleibsel des Grosz&#8217;schen <em>Panizza<\/em>-Bildes wirkt, auf dem die Prostituierten in hellerleuchteten Schaufenstern sitzen, doch die M\u00f6blierung mit Nachttischl\u00e4mpchen und Sofas nimmt ihr jede soziale Brisanz. Sie ist eine Oase der b\u00fcrgerlichen Sicherheit, kein Gef\u00e4ngnis f\u00fcr Gilda, das sie nur zum Kirchenbesuch verlassen darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles steht und f\u00e4llt mit den S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen, und die schlagen sich achtbar. Allen voran Elena Villal\u00f3n, die dem Ensemble der Frankfurter Oper angeh\u00f6rte, an der Royal Ballet &amp; Opera London oder in Glyndebourne gastierte und nun als Gilda ihr Staatsopern-Debut gibt. Zugegeben, eine schlanke, m\u00e4dchenhafte Engelsstimme hat sie nicht, aber wo findet man die heutzutage noch, wo Stimmen nach Anfangserfolgen \u00fcberall herumgereicht werden, und sich im Verschlei\u00df des Opernalltags nicht mehr pflegen lassen? Vom klaren, fokussierten Stimmideal, das vielleicht noch bis in die 1980er Jahre galt, sind wir heute weit entfernt. Allzuoft wabert uns die Stimmgewalt mit weit ausholendem Vibrato entgegen; \u201efacettenreich\u201c ist daf\u00fcr noch ein gn\u00e4diger Ausdruck. Aber Villal\u00f2n hat ihre Stimme noch im Griff, erklimmt bruchlos die h\u00f6chsten H\u00f6hen und liefert vor allem ein \u00fcberzeugendes Rollenportrait. Ihre Gilda ist ganz liebende, begehrende Frau. In der ber\u00fchmten Arie \u201eCaro nome\u201c muss sie keine glockenreinen Staccati, Koloraturen, Triller und Spitzent\u00f6ne vorzeigen, sondern nutzt sie als Ausdruck gesteigerter Emotion. Sie scheint damit die M\u00e4nner bes\u00e4nftigen zu k\u00f6nnen: so findet Ben Bliss in seiner gro\u00dfen Szene Anfang des zweiten Aktes (\u201eElla mi fu rapida\u201c \u2013 sie wurde mir entrissen), geradezu anr\u00fchrende T\u00f6ne, wenn er besingt dass Gilda ihn fast zur Tugend verleitet h\u00e4tte. Er zeigt einen wandlungsf\u00e4higen Tenor: Farbenreichtum entsch\u00e4digt f\u00fcr eine gewisse Uneinheitlichkeit, die sich in seinen \u201eVerf\u00fchrungsarien\u201c (\u201eLa Donna e mobile\u201c) zu metallischerer Klarheit b\u00fcndelt. Alexander Tsymbalyuk bietet den der M\u00f6rderrolle des Sparafucile angemessenen finsteren Bass, w\u00e4hrend Anna Kissjudit als seine Schwester Maddalena den Herzog mit m\u00e4chtigen Altt\u00f6nen umgarnt. Im enganliegenden gr\u00fcnen Outfit mit wallender roter M\u00e4hne entspricht sie dem Bild der Prostituierten, wie sie auch Grosz gemalt haben k\u00f6nnte. Doch der Regiekniff, sie w\u00e4hrend des Quartetts \u201eBella figlia dell&#8217;amore\u201c auf einem halb einsehbaren Bett mit dem \u201eHerzog\u201c auf- und abwippen zu lassen, wirkt eher l\u00e4cherlich als provokativ. \u00c4u\u00dferst eindrucksvoll nimmt sich der junge Bassbariton Hanseong Yun, seit dieser Saison Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, der Rolle des Grafen Monterone an: Mit Stock, Frack und Zylinder macht er ehrw\u00fcrdige Figur, und so m\u00e4chtig schleudert er seinen Fluch gegen den Herzog und Rigoletto heraus, dass man den Steinernen Gast aus Mozarts <em>Don Giovanni<\/em> zu h\u00f6ren meint.<\/p>\n\n\n\n<p>Herzog und Hofnarr nehmen diesen Fluch, welcher der Vergewaltigung von Monterones Tochter gilt, ohne erkennbare Regung entgegen. Sir Simon Keenlyside als Rigoletto ist die mit den meisten Erwartungen behaftete, deshalb auch die die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung bereitende Person des Abends. Einen Buckel hat man dem sich hinkend kleiner machenden S\u00e4nger noch angeklebt, doch die erzwungene Verkr\u00fcppelung scheint ihn im wahrsten Sinne zu behindern. Sein an sich lyrischer, geradliniger Bariton, der als Don Giovanni, Papageno oder als Valentin in Gounods <em>Faust<\/em> gl\u00e4nzte, erscheint hier schlicht \u00fcberstrapaziert. Nichts spielerisch Groteskes blitzt am Anfang auf, wenn Rigoletto den Herzog mit abstrusen Ideen unterhalten will. Seine Wutausbr\u00fcche sind meistens \u2013 laut; auch in der gro\u00dfen Arie \u201eCortigiani\u201c, wenn er v\u00f6llig aufgel\u00f6st nach seiner Tochter sucht. Das Weinen und Bitten nach seinem Zusammenbruch gelingt ihm mit differenzierterer Tongebung schon besser \u2013 doch warum muss er dabei ein wei\u00dfes Taschentuch aus seiner Jackentasche hervorziehen? Auch in den Duetten mit Gilda kommt weicherer Schmelz zum Vorschein, damit auch eine gr\u00f6\u00dfere Ausdruckspalette. Trotzdem, der ber\u00fchmte Bariton erh\u00e4lt den st\u00e4rksten Beifall von einem Publikum, dem es wohl haupts\u00e4chlich um den Belcanto zu tun ist. Doch wer einen wahrhaft ersch\u00fctternden <em>Rigoletto<\/em> bei allem konservativen Regieansatz erleben m\u00f6chte, sehe sich die italienische Verfilmung von 1946 an, mit Tito Gobbi als absto\u00dfendem, anr\u00fchrendem, exaltiertem, sich selbst in tiefstes Ungl\u00fcck sto\u00dfendem Narren und Mario Filippeschi als Herzog mit einem Timbre, das an den siegstrahlenden Operettenhelden Jan Kiepura erinnert: \u201eOb blond, ob braun, ich liebe alle Frau&#8217;n.\u201c Mit gem\u00e4chlicheren Tempi erreicht Tullio Serafin am Pult des Orchesters der Oper Rom ungleich st\u00e4rkere Intensit\u00e4t: Pl\u00f6tzlich wird deutlich, dass die Ouvert\u00fcre ein Trauermarsch ist, mit schicksalhaft scharfen H\u00f6rner- und Trompetenakzenten. Diese Ruhe bringt Domingo Hindoyan mit der Staatskapelle Berlin nicht auf, doch gelingt ihm eine feine, leichte Beweglichkeit, die die Feierlaune am Hof zu Mantua, aber auch die nerv\u00f6se Zuspitzung des Dramas \u00fcberzeugend antreiben kann.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Isabel Herzfeld, September 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Staatsoper Unter den Linden zeigt in diesem Herbst die vierte Wiederaufnahme von Verdis Rigoletto in einer soliden, doch nicht sehr tiefgehenden Inszenierung. 17\/09\/2026. Hier werden hohe Erwartungen geweckt. 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