{"id":7632,"date":"2026-09-28T00:53:10","date_gmt":"2026-09-27T22:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7632"},"modified":"2026-09-28T00:53:14","modified_gmt":"2026-09-27T22:53:14","slug":"musica-viva-strawinskys-geschichte-vom-soldaten-als-marionettentheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/28\/musica-viva-strawinskys-geschichte-vom-soldaten-als-marionettentheater\/","title":{"rendered":"musica viva: Strawinskys Geschichte vom Soldaten als Marionettentheater"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Programm<\/em>: <\/p>\n\n\n\n<p><em>Igor Strawinsky (1882\u20131971): Die Geschichte vom Soldaten (1918)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Mitwirkende<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Georg Baselitz (Marionetten und Ausstattung), Matthias Bundschuh (Regie), Leonhard Winkler (Ausf\u00fchrender Bildhauer und Figurenbau)<\/em>, <em>Dominique Horwitz (Sprecher)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Intrumentalistinnen und Instrumentalisten: Isabelle Faust (Violine), Pascal Moragu\u00e8s (Klarinette), Giorgio Mandolesi (Fagott), Reinhold Friedrich (Kornett), Ian Bousfield (Posaune), Wies de Boev\u00e9 (Kontrabass), Raymond Curfs (Schlagwerk)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Marionettenspielerinnen und Marionettenspieler: Edouard Funck, Ursula Winzer (Der Soldat), Philippe Brunner, Eva Wiener (Der Teufel), Vladimir Fediakov, Maximilian Kiener-Laubenbacher (Die Prinzessin), Veronika Grimme (Der K\u00f6nig \/ Der Veteran), Marion Mayer (Der Ausrufer \/ Der Trompeter), Philipp Schmidt (Der Trommler), Ensemble des Salzburger Marionettentheaters (Dorfbewohner)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses zweite <em>musica viva <\/em>Sonderkonzert war im wahrsten Sinne des Wortes ein mehrfach<br \/>besonderes Konzert: Ein besonderes Programm, ein besonderes Ensemble, ein besonderer Ort. Zu Gast war aus Salzburg das Marionettentheater mit einem Ensemble um die Ausnahme-Geigerin Isabelle Faust. 2025 hatten sie diese besondere Inszenierung von Strawinskys <em>Histoire du soldat <\/em>auf den Salzburger Festspielen aus der Taufe gehoben und boten es nun in M\u00fcnchen im Prinzregententheater dar. Es ist kaum abzusch\u00e4tzen, ob es f\u00fcr das Publikum einer der drei gro\u00dfen Namen war: Faust als Geigerin, Baselitz als f\u00fcr Figuren und B\u00fchnenbild verantwortlicher K\u00fcnstler oder der gro\u00dfartige Strawinsky, der den Ausschlag gegeben hat; oder ob es die kaum je dagewesene M\u00f6glichkeit war, ein szenisches Werk bei einer <em>musica viva <\/em>zu erleben \u2013 wahrscheinlich war es alles zusammen, der Saal war jedenfalls bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Geschichte um den Soldaten Josef, der auf seiner Wanderung nach Hause w\u00e4hrend seines Fronturlaubs vom Teufel verf\u00fchrt wird, fesselt das Publikum. Strawinsky erz\u00e4hlt die Geschichte eines einfachen Mannes, in den man sich sehr gut hineinversetzen kann: Ein armer Mensch, der den Verlockungen nach Reichtum und Ansehen in (oder aufgrund) seiner schlechten Situation erliegt, aber sp\u00e4ter bitter bereut, menschliche W\u00e4rme f\u00fcr Geld und Einfluss verkauft zu haben. Er l\u00f6st sich von den Umgarnungen, bekommt seine zweite Chance auf Gl\u00fcck, scheitert aber letztendlich, als er es erneut herausfordert. Ein Thema, dass zeitlos und heute weiterhin relevant ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hageren Figuren von Baselitz haben keine Gesichter und zeigen damit, dass sie niemanden Singul\u00e4ren verk\u00f6rpern, sondern jeder gemeint sein k\u00f6nnte. Gerade ihr nur recht undefinierter Strichm\u00e4nnchencharakter, l\u00e4sst sich in diese Richtung deuten. Sie sind \u201eTypen\u201c. Einen weiteren \u00fcberzeugenden Kunstgriff stellen die Momente im Leben des Soldaten dar, wenn seine Freunde in Schatten und Schemen \u00fcbergehen. Dann verschwimmt die Zeit und Zeitgenossen schwinden zu noch weniger klar zu fassenden Charakteren.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wird der Musik damit absolut gerecht. Sie ist gekennzeichnet von der gleichen vordergr\u00fcndigen Einfachheit wie Figuren und Handlung, hinter der sich in ihrer ironischen Brechung Abgr\u00fcnde auftun. Die Atmosph\u00e4re des Gebrochenen ist allgegenw\u00e4rtig. Die minimalistischen und abstrakten Figuren und das B\u00fchnenbild passen zur ebenso ironisierenden gebrochenen Musik Strawinskys, nicht nur zu Beginn, als Josef wandert, ohne vorw\u00e4rts zu kommen. Auch musikalisch betrachtet trifft man auf das Aufgreifen von Stereotypen. Ein Walzer zum Tanzen, ein Marsch zum Marschieren des Soldaten und der Triumphmarsch des Teufels am Ende: das sind alles sehr plastisch untermalende Kl\u00e4nge. Die Inszenierung bringt von den erklingenden Instrumenten neben der Geige Josefs auch die Trompete und an wenigen Stellen das Schlagwerk in Form einer Trommel auf die B\u00fchne. Die enge Beziehung von Handlung und Musik, ihre Aufrichtigkeit und Direktheit werden so noch deutlicher. Bez\u00fcge und Wiederaufnahmen von Motiven werden in Bilder umgesetzt. Dass das Geigenspiel etwas \u00dcbermenschliches nicht aus der Kraft der Figur selbst Kommendes, sondern Magisch-Besonderes ist, zeigt die Inszenierung dadurch, dass der Marionettenspieler immer, wenn Josef Geige spielt, auf der B\u00fchne zu sehen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ausf\u00fchrung ist der Abend nicht weniger besonders als in Programmwahl und Setting. Dominique Horwitz als Sprecher klingt nicht nur so, als w\u00fcrde er unterschiedlichen Rollen eine Stimme geben, sondern er ist, er dr\u00f6hnt, er kr\u00e4chzt mehrere Stimmen und Rollen. Er wirkt extrem ausdrucksstark, variabel, setzt Reime und Assonanzen sehr passend um. Stellenweise tritt Abstraktion durch Lautsprecher und Stimmverfremdung hinzu. Auch das Ensemble ist perfekt pr\u00e4zise und dabei enorm involviert. Die Sch\u00e4rfe, die Br\u00fcche, das Umschlagen, die bei\u00dfende ja tragische Ironie sind direkt f\u00fchlbar. Die W\u00fcnsche des Soldaten werden zwar schlussendlich jedes Mal dann doch nicht erf\u00fcllt. Dieses Konzert aber l\u00e4sst keine W\u00fcnsche, sondern nur den staunenden Mund offen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Johanna Bulitta, September 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Programm: Igor Strawinsky (1882\u20131971): Die Geschichte vom Soldaten (1918) Mitwirkende: Georg Baselitz (Marionetten und Ausstattung), Matthias Bundschuh (Regie), Leonhard Winkler (Ausf\u00fchrender Bildhauer und Figurenbau), Dominique Horwitz (Sprecher) Intrumentalistinnen und Instrumentalisten: Isabelle Faust (Violine), Pascal Moragu\u00e8s (Klarinette), Giorgio Mandolesi (Fagott), Reinhold Friedrich (Kornett), Ian Bousfield (Posaune), Wies de Boev\u00e9 (Kontrabass), Raymond Curfs (Schlagwerk) Marionettenspielerinnen und Marionettenspieler: &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/09\/28\/musica-viva-strawinskys-geschichte-vom-soldaten-als-marionettentheater\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">musica viva: Strawinskys Geschichte vom Soldaten als Marionettentheater<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[5601,5598,5603,5605,1102,4079,5600,5599,507,2202,5602,5607,5604,5597,5606],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7632"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7632"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7633,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7632\/revisions\/7633"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}