{"id":7639,"date":"2026-10-14T23:26:00","date_gmt":"2026-10-14T21:26:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7639"},"modified":"2026-10-15T01:26:51","modified_gmt":"2026-10-14T23:26:51","slug":"neue-werke-zur-genesis-und-kaija-saariahos-schwanengesang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/10\/14\/neue-werke-zur-genesis-und-kaija-saariahos-schwanengesang\/","title":{"rendered":"Neue Werke zur Genesis und Kaija Saariahos Schwanengesang"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Nach der Ouvert\u00fcre aus <\/em>Darius Milhauds<em> \u201eLa Cr\u00e9ation du monde\u201c spielte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>am 9.10.2026 unter der Leitung von <\/em>Matthias Pintscher <em>im M\u00fcnchner Herkulessaal die europ\u00e4ische Erstauff\u00fchrung eines neuen Zyklus von St\u00fccken, die sich der Sch\u00f6pfungsgeschichte gem\u00e4\u00df der \u201eGenesis\u201c widmen. Damit hatte man sieben namhafte Komponisten beauftragt: <\/em>Lisa Streich<em> (Schweden), <\/em>Francesco Filidei<em> (Italien), <\/em>Chen Yi<em> (China\/USA), <\/em>Hannah Kendall<em> (Gro\u00dfbritannien), <\/em>Mikel Urquiza<em> (Spanien), <\/em>Saad Haddad<em> (USA) und <\/em>Mark Andre<em> (Frankreich\/Deutschland). Nach der Pause erklangen <\/em>Kaija Saariahos<em> Trompetenkonzert \u201eHush\u201c und \u201eGeysir\u201c des Isl\u00e4nders <\/em>J\u00f3n Leifs<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7640\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva-1024x732.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva-300x214.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva-768x549.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva-1536x1097.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/mv-261009-Verneri-Pohjola-Matthias-Pintscher-\u00a9Astrid-Ackermann-BR-musica-viva.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Verneri Pohjola, Matthias Pintscher \u00a9 Astrid Ackermann\/BR musica viva<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Matthias Pintscher <\/em>ist seit 2024 Musikdirektor von <em>Kansas City Symphony<\/em>, das gemeinsam mit dem Cincinnati Symphony Orchestra und der <em>musica viva <\/em>des BR sieben Komponistinnen und Komponisten mit kompakten St\u00fccken zum Sch\u00f6pfungsbericht nach der <em>Genesis<\/em> beauftragt hatte, die dann im Mai 2026 in Missouri uraufgef\u00fchrt wurden. Nun besorgte der Dirigent mit dem BRSO im Herkulessaal auch deren zu Recht bejubelte europ\u00e4ische Erstauff\u00fchrungen. Das Motto wird an diesem Abend zun\u00e4chst durch die viermin\u00fctige Ouvert\u00fcre aus <em>Darius Milhauds<\/em> Ballettmusik <em>La Cr\u00e9ation du monde <\/em>(1922\u201323) gesetzt, einer eher mild-unaufdringlichen Musik, die schlicht den Vorhang \u00f6ffnet. Anders als die <em>Genesis-Suite <\/em>von 1945, ein Gemeinschaftsprojekt von u.&nbsp;a. Sch\u00f6nberg, Strawinsky, Tansman und Castelnuovo-Tedesco, das sieben Episoden aus dem Buch bis hin zum Turmbau zu Babel aufgriff, beschr\u00e4nken sich die neuen Werke sukzessive auf die ersten sieben Tage des Sch\u00f6pfungsmythos.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Lisa Streich<\/em> demonstriert mit <em>Morgen &amp; Abend <\/em>mittels unterschiedlicher, bis zu 36stimmiger Akkordtypen \u2013 wie immer bei ihr relativ nahe an tonalen Vorbildern \u2013 den Verlauf von \u201ehell\u201c (eher reine Streicherkl\u00e4nge) bis \u201edunkel\u201c (Blech etc. mit st\u00e4rkeren Mikrointervall-Tr\u00fcbungen) und bezieht die Basslinie der Rameau-Hymne <em>Tendre amour<\/em> mit ein, ohne jeden Anflug von Dramatik: Sch\u00f6pfung als Akt der Liebe. Ultra-langsam, unheimlich mit stets interessanten Klangkombinationen und sich sp\u00e4ter geheimnisvoll verdichtend, zeichnet <em>Francesco Filidei<\/em> den 2. Tag (<em>Le acque sopra e le acque sotto<\/em>) nach, der mit Glocken (\u201eEchos aus Haydns <em>Die Sch\u00f6pfung<\/em>\u201c) ausklingt. Dass die auch in den USA ausgebildete und dort lehrende Chinesin <em>Chen Yi<\/em> (*1953) hier offenkundig \u00fcber die gr\u00f6\u00dfte Erfahrung verf\u00fcgt, zeigt sich in <em>Water Messenger<\/em>. Ihr herrliches Gewusel, kurz und temporeich, ist trotz konsequentester Freitonalit\u00e4t zugleich plakativ-direkt, klanglich gro\u00dfartig, dabei selbst im Blech und Schlagzeug nie zu dick auftragend und zeigt klar erkennbare motivische Arbeit. Wieder v\u00f6llig anders, freilich kaum weniger beeindruckend, beginnt <em>Hannah Kendalls<\/em> <em>\u201ethe need \/ to be shattered &amp; rebuilt\u201c <\/em>mit ausgefeiltesten Divisi-Streichern. Ein zun\u00e4chst z\u00e4her, dichter Fluss begegnet dann hartem Schlagzeug, gegen das sich etwas aufzub\u00e4umen scheint; am Schluss feines Geglitzer, nicht zuletzt mittels Harmonikas: Entstehen so Sterne?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mikel Urquiza<\/em> (*1988), Siemens-F\u00f6rderpreistr\u00e4ger 2022, f\u00fchrt uns mit <em>Urvogel <\/em>in eine total freundliche, positive Urwald-Welt zwischen Baby-Dinos und ausgewachsenem, manchmal balzendem Federvieh, voll von luftig-intensivem Geflatter, Gezwitscher und Gekr\u00e4chze. Nicht nur rhythmisch ist dieses h\u00fcbsch gemachte Scherzo-Bild stellenweise ziemlich witzig. Urquizas bei aller Komplexit\u00e4t recht nat\u00fcrliche und wirkungsvolle Musik wirkt insgesamt allerdings doch arg naiv. Ausgerechnet <em>Saad Haddads<\/em> Reflexion \u00fcber die Erschaffung der Tiere und des Menschen, \u201e<em>Shabah\u201c <\/em>(\u201eEbenbild\u201c), ger\u00e4t ein wenig fad. Den H\u00f6rer umwabern fraglos intensive Kl\u00e4nge, die jedoch lange eint\u00f6nig verharren; der einzig deutlich variable Parameter ist das Tempo. Selbst ein deutliches Zeichen mit danach st\u00e4rker irisierender Mikrointervallik bewirkt keinerlei Zielgerichtetheit. Der paradiesische Zustand vor dem S\u00fcndenfall bedarf eben keiner Ver\u00e4nderung: <em>\u201eEs gibt nur die Existenz selbst\u201c<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon das riesige Format der Partitur von <em>Mark Andres<\/em> \u201e<em>Im Enth\u00fcllen\u201c <\/em>verr\u00e4t die hochgradig ausdifferenzierte Orchestrierung, hier oft dynamisch kaum wahrnehmbar und anteilig stark ger\u00e4uschhaft. Fast nichts tut sich am Ruhetag nach vollendeter Sch\u00f6pfung. Selbst die Zeit scheint stillzustehen; f\u00fcr den Dirigenten interessanterweise \u00fcberwiegend in schnellen Tempi. Dies sind typische Stilmerkmale von Andres zerbrechlicher Spiritualit\u00e4t. Man hat \u00c4hnliches schon oft von ihm geh\u00f6rt, bleibt dennoch bei der Stange und ist erstaunlicherweise ergriffen, obwohl sich sein St\u00fcck zieht. Andre provoziert so ehrfurchtsvolles, fast and\u00e4chtiges Innehalten; in unserer an Sinneseindr\u00fccken so \u00fcbers\u00e4ttigten Zeit an sich schon eine Kunst. Der hochpr\u00e4zise agierende, zugleich immer auch emotional mitgehende Matthias Pintscher und das BRSO haben hier eine gute Stunde Schwerstarbeit geleistet, um eine derartige Vielfalt zu einem \u00fcberzeugend gelungenen Ganzen zusammen zu schwei\u00dfen. Fast paradox, jedoch gerade wegen der h\u00f6chst unterschiedlichen musikalischen Texturen, heterogenen Personalstile und kulturellen Pr\u00e4gungen ergibt sich als Summe eine erstaunlich konsistente, quasi universelle Aussage. Der gewaltige Applaus f\u00fcr diese konzentrierte Leistung kommt dann nat\u00fcrlich ebenso den beiden anwesenden Komponisten Streich und Urquiza zugute.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaija Saariaho (1952\u20132023) gilt als eine der bedeutendsten Komponistinnen ihrer Generation. Das Trompetenkonzert <em>Hus<\/em><em>Hush<\/em> ist ihr Schwanengesang, eine Reise in die letzte Stille und wie in allen Solokonzerten Saariahos zugleich ein Portr\u00e4t des f\u00fcr die Urauff\u00fchrung bestimmten Interpreten. Der eigentlich vom Jazz herkommende, technisch perfekte <em>Verneri Pohjola<\/em> spielt das Werk auch in M\u00fcnchen mit eindringlicher B\u00fchnenpr\u00e4senz und in jedem Moment unmittelbar ergreifend. In jedem der vier knappen S\u00e4tze sp\u00fcrt der Zuh\u00f6rer so etwas wie eine Station der ganz w\u00f6rtlich zu nehmenden, extrem schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Tod, dem die Komponistin wegen eines unheilbaren Hirntumors ins Auge sah und <em>Hush <\/em>mit letzter Energie gerade noch vollenden konnte. Das beginnt mit einem R\u00fcckbezug auf ein Trompetensolo in ihrem ersten Instrumentalkonzert <em>Graal Th\u00e9\u00e2tre<\/em> (1994, f\u00fcr Gidon Kremer). Im dritten Satz <em>What ails you?<\/em> tickt bereits unerbittlich die Uhr; zudem wird an die unertr\u00e4glichen Ger\u00e4usche von MRT-Untersuchengen erinnert. Diesfordert vom Solisten eine geradezu \u00fcbermenschliche Kraftanstrengung, brutal und herzzerrei\u00dfend, die in einen vokalen Aufschrei m\u00fcndet. Der erscheint f\u00fcr manche Zuh\u00f6rer, die vielleicht von weiter hinten den zuvor demonstrierten extremen Einsatz Pohjolas optisch nicht wirklich wahrnehmen k\u00f6nnen, zu theatralisch. Der Solist hatte schon im Einf\u00fchrungsgespr\u00e4ch darauf hingewiesen, dass genau diese Stelle immer eine Gratwanderung darstellt. Der Schluss ist ein wunderbar begleitetes Solo, dessen Motive vom BRSO wie ein Verm\u00e4chtnis dankbar aufgenommen werden. Eine wirklich besondere Transzendenz ergibt sich hier schon durch die Tatsache, dass man zu versp\u00fcren scheint, wie der Atem der Komponistin durch Pohjola weitergetragen wird. Dies macht bei aller Faszination sehr nachdenklich. Kein Wunder, dass diese Darbietung zum H\u00f6hepunkt des Abends wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Isl\u00e4nder J\u00f3n Leifs (1899\u20131968) hat in den fr\u00fchen 1960er Jahren vier gro\u00dfbesetzte Orchesterst\u00fccke komponiert, die Naturgewalten seiner Heimat portr\u00e4tieren. Das ungef\u00e4hr 10-min\u00fctige Pr\u00e9lude <em>Geysir<\/em>, erst 1984 uraufgef\u00fchrt, baut objektiv auf einfachstem, gleichsam archaischem Material auf, zeugt aber von einem enorm tiefen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Orchesterklang. Leifs gelingt es damit sensibel, einen stringenten und ehrlichen musikalischen Aufbau zu entwickeln, dessen Spannungsbogen sich von unterirdischem Grummeln bis zum eigentlichen Ausbruch stetig steigert und zum Schluss hin wieder beruhigt, womit der Kreislauf der Natur einmal durchlaufen ist. Publikum, Orchester und Dirigent haben sichtlich Vergn\u00fcgen an diesem auf seinem H\u00f6hepunkt selbstverst\u00e4ndlich so richtig lautem Spektakel. Da w\u00fcnschte man sich f\u00fcr die Zukunft einmal Leifs Schilderung des Vulkanausbruchs der <em>Hekla<\/em>. Die dazu n\u00f6tige Schlagzeugbatterie w\u00e4re aber zumindest im Herkulessaal nicht unterzubringen. Der begeisterte Zuspruch f\u00fcr das BRSO und einen gl\u00fccklichen Dirigenten wird dann nur von Pintscher angesichts der fortgeschrittenen Zeit und aus R\u00fccksicht auf seine Musiker beendet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 11. Oktober 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Ouvert\u00fcre aus Darius Milhauds \u201eLa Cr\u00e9ation du monde\u201c spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 9.10.2026 unter der Leitung von Matthias Pintscher im M\u00fcnchner Herkulessaal die europ\u00e4ische Erstauff\u00fchrung eines neuen Zyklus von St\u00fccken, die sich der Sch\u00f6pfungsgeschichte gem\u00e4\u00df der \u201eGenesis\u201c widmen. 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