{"id":7642,"date":"2026-10-16T00:15:00","date_gmt":"2026-10-15T22:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7642"},"modified":"2026-10-15T18:00:46","modified_gmt":"2026-10-15T16:00:46","slug":"spectrum-concerts-berlin-wie-phoenix-aus-der-asche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/10\/16\/spectrum-concerts-berlin-wie-phoenix-aus-der-asche\/","title":{"rendered":"Spectrum Concerts Berlin: Wie Ph\u00f6nix aus der Asche"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7643\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42-768x576.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42-1536x1152.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/PHOTO-2026-10-01-10-20-42.jpg 1600w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>v.l.n.r: Boris Brovtsyn, Mohamed Hiber, Gareth Lubbe, Hartmut Rohde und Claudio Borh\u00f3rquez \u00a9 Frank Dodge\/Spectrum Concerts<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Spectrum Concerts Berlin versorgen die deutsche Hauptstadt seit fast vierzig Jahren mit hochkar\u00e4tiger Kammermusik.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sie h\u00f6ren will, muss nach Berlin fahren. Als \u201eone of the finest Konzertadressen in town\u201c wurden die Spectrum Concerts Berlin schon vor Jahren bezeichnet; immer wieder erhielten ihre Konzerte und CD-Produktionen h\u00f6chstes Lob von Presse und Publikum. Ger\u00fchmt werden Tiefgang und Authentizit\u00e4t der Interpretationen, perfektes, aber keineswegs steriles Zusammenspiel, das aus Dialog und wechselseitigem Zuh\u00f6ren entsteht \u2013 Kennzeichen eines kommunikativen Musizierens wie jeglichen ersprie\u00dflichen Zusammenseins \u00fcberhaupt. Diesen Anspruch stellen und erf\u00fcllen die Spectrum-Musiker in hohem Ma\u00dfe, ohne damit im mindesten ideologisch oder abstrakt zu wirken. Im Gegenteil: Ihr Spiel ist von \u00fcberw\u00e4ltigender sinnlicher Sch\u00f6nheit, die durch Nat\u00fcrlichkeit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit frappiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum tritt eine solche Wundertruppe nicht in der ganzen Welt auf und eilt von Erfolg zu Erfolg? Und wer sind diese \u201eSpectrum Concerts Berlin\u201c \u00fcberhaupt? Eine Kammermusikreihe? Ein Veranstalter? Ein Ensemble? In jeder Saison stellt sich das ein bisschen anders dar. Als der aus USA stammende, seit \u00fcber 40 Jahren in Berlin lebende Cellist Frank Dodge das \u201eSpectrum\u201c-Projekt 1988 ins Leben rief, schwebte ihm ein \u201etransatlantischer Br\u00fcckenschlag\u201c zwischen den Kulturen vor: Komponisten wie Robert Helps oder John Harbison begegneten Robert Schumann und Johannes Brahms. Werke von nationalsozialistisch Verfolgten \u2013 vor allem derjenigen, die in den USA ihre Zuflucht gefunden hatten \u2013 bereicherten bald die Programme. Nach der Mauer\u00f6ffnung verlagerte sich der Schwerpunkt noch st\u00e4rker auf russische\/sowjetische und osteurop\u00e4ische Musik. Dies lag auch daran, dass hochqualifizierte Musikerinnen und Musiker aus dem Osten nach Berlin dr\u00e4ngten, w\u00e4hrend in Spectrums Anfangsphase Solisten aus den USA zusammen mit hochkar\u00e4tigen Berliner Musikern, etwa von den Berliner Philharmonikern, auftraten. Doch die Grundidee ist die gleiche geblieben: Wenig bekannte, vernachl\u00e4ssigte und neu entdeckte Werke werden durch die hochqualifizierte Darbietung mit bew\u00e4hrtem Repertoire konfrontiert, k\u00f6nnen so ihr geistig-emotionales Potential entfalten und finden auch beim Publikum offene Ohren. Was im Kammermusiksaal der ber\u00fchmten Berliner Philharmonie beif\u00e4llig aufgenommen wurde, war bald auch auf anderen B\u00fchnen gefragt. Komponisten wie Ernest Bloch, Ernst Toch, Sergej Tanejew und Ern\u00f6 von Dohn\u00e1nyi erlebten so ihre Rehabilitation, nicht zuletzt durch auf CD gebannte Konzertmitschnitte. Das horrend schwierige Oktett von George Enescu trat von hier aus seinen Siegeszug an und erklang bald in Verbier, beim Hambacher Musikfest des Mandelring-Quartetts oder dem Internationalen Kammermusikfestival Utrecht zu h\u00f6ren oder ging mit \u201eJanine Jansen &amp; Friends\u201c auf Tournee. Da der k\u00fcnstlerische Leiter Frank Dodge zwar auf einen festen Pool von Musikern zur\u00fcckgreifen kann \u2013 die \u201eSpectrum-Familie\u201c \u2013, f\u00fcr jedes Projekt aber sein Ensemble flexibel zusammenstellt, tragen seine Spitzensolisten die St\u00fccke quasi in die Welt hinaus, spielen sie auf verschiedenen Festivals in unterschiedlichen Besetzungen. Auf diese Weise wirkt Spectrums Pionierarbeit weit \u00fcber Berlin hinaus, obwohl sich seine Veranstaltungen selbst am festen Standort Berlin abspielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Neugier und Risikofreude, die kurze, aber intensive Probenphase, in der man die Werke gemeinsam auf ihre Substanz befragt, der freundliche, kommunikative Umgang miteinander, das alles strahlt auf der B\u00fchne aus und gibt der Musik eine unglaubliche Lebendigkeit, ja Dringlichkeit. Sie teilt sich auch da mit, wo von Spectrums explorativen Programmpfaden ein wenig abgewichen wird. Im dritten Konzert der 38. Saison begegneten am 30. September 2026 die beiden Streichquintette von Felix Mendelssohn-Bartholdy Mozarts ber\u00fchmtem g-Moll-Quintett. Das mag konventionell erscheinen, doch zumindest die beiden Mendelssohn-Werke kann man getrost als \u201eunbekannt\u201c bezeichnen. Auch zeigt die direkte Konfrontation, wie br\u00fcchig das Klischee ist, Mendelssohn als Kopie eines Mozart darzustellen, der nur \u201esonnig\u201c oder \u201eheiter\u201c vor sich hintr\u00e4llert \u2013 also das Klischee eines Klischees. Die Vorstellung vom \u201eglatten\u201c, \u201eformvollendeten\u201c, dabei \u201eoberfl\u00e4chlichen\u201c Mendelssohn, der an die emotionalen, gr\u00fcblerisch-zerrissenen Tiefen eines Robert Schumann niemals heranreichen kann, verdankt sich nationalsozialistischer Ideologie und pr\u00e4gt auch heute noch die Rezeption zumindest in Deutschland. Die Spectrum-Musiker strafen sie sofort L\u00fcgen. Mendelssohn schrieb sein Quintett Nr.&nbsp;1 in A-Dur 1826, mit 17 Jahren. Im selben Jahr entstand auch die ber\u00fchmte \u201eSommernachtstraum\u201c-Ouvert\u00fcre, das hinrei\u00dfende Oktett ein Jahr zuvor. Doch dieses St\u00fcck ist von v\u00f6llig anderem Charakter. Es verbl\u00fcfft und bezaubert durch den Reichtum gegens\u00e4tzlichster Themen auf engstem Raum, die mit aller kontrapunktischen Kunstfertigkeit verarbeitet werden \u2013 der junge Komponist war von seinem Lehrer Zelter in allen traditionellen Techniken gr\u00fcndlich unterwiesen worden. Boris Brovtsyn gibt dem lieblichen Anfangsthema der ersten Geige s\u00fc\u00dfen Schmelz, aber doch eine Geradlinigkeit, die es nie in Sentimentalit\u00e4t abrutschen l\u00e4sst. Wie dieser Geiger phrasiert und artikuliert, wie er behutsam Tempi steigert und wieder zur\u00fccknimmt, damit das ganze Ensemble f\u00fchrt, l\u00e4sst sich nicht \u00fcbertreffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Brovtsyn geh\u00f6rt zum eisernen Bestand des Spectrum-Ensembles; seit 2008 war er in jeder Saison dabei, ist zur tragenden S\u00e4ule des gemeinsamen Musizierens durch seine Akribie, seine Klangfantasie und seine glaubw\u00fcrdige Emotionalit\u00e4t geworden. Er begann sein Studium in Moskau, schloss es in London ab, wo er seither lebt. Er ist der Typ Musiker, der von seinen \u00fcberragenden F\u00e4higkeiten kein Aufhebens macht, v\u00f6llig uneitel hinter dem Werk zur\u00fccktritt. Starall\u00fcren findet man bei den Spectrum-Musikern ohnehin nicht. Claudio Boh\u00f3rquez belebt Mendelssohns Werk mit burschikosen Cello-Einw\u00fcrfen, tritt immer wieder durch ungew\u00f6hnliche Vitalit\u00e4t hervor. Zwei g\u00e4nzlich verschiedene Temperamente stellen die beiden Bratscher dar: Hartmut Rohde \u00e4u\u00dferst beweglich, mit offenem, schlankem Ton, Gareth Lubbe viel ruhiger, geerdeter, mit samtweicher, volumin\u00f6ser Tongebung. Ihr Positionswechsel bei Mozart ver\u00e4ndert die gesamte Klangbalance. Hier ist Rohde f\u00fcr den breiten Melodiestrom zust\u00e4ndig, w\u00e4hrend Lubbe nerv\u00f6ses Figurenwerk beisteuert \u2013 aufst\u00f6rend vor allem in den Moll-Teilen des Es-Dur-Adagios. Mohamed Hiber an der zweiten Geige muss gewiss die undankbarste, unauff\u00e4lligste Rolle spielen, die er souver\u00e4n und subtil unterst\u00fctzend versieht. Doch auch er kann markant hervortreten, etwa in den Spitzent\u00f6nen des leichtf\u00fc\u00dfigen Staccato-Themas in Mendelssohns Erstling. Seine Virtuosit\u00e4t fordert alle Spieler aufs \u00e4u\u00dferste, die sich im rasanten Scherzo in den Rausch unabl\u00e4ssiger, dabei auch noch fugierten Sechzehntelbewegungen spielfreudig hineinsteigern.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwanzig Jahre sp\u00e4ter, im Streichquintett B-Dur op.&nbsp;87, ist der Rausch verflogen. Alles ist nun klarer, geordneter, griffiger, nicht so kompliziert. F\u00fcr Ferdinand David, seinen Konzertmeister am Leipziger Gewandhaus, schrieb Mendelssohn hier fast ein Violinkonzert. Die aufsteigende Dreiklangsbewegung des Kopfthemas nimmt dennoch eine Erinnerung an das Oktett des Sechzehnj\u00e4hrigen auf. Doch das Scherzo ist jetzt ein Allegretto scherzando, eine melancholische Serenade. Nat\u00fcrlich beeindruckt Mendelssohns Ernsthaftigkeit, die Sorgfalt seiner Themenverarbeitung, die kontrapunktische Schreibweise, die melodische Erfindungskraft auch hier. Doch der \u00fcberw\u00e4ltigende Schwung der Jugend, der unbek\u00fcmmert viel zu viele Einf\u00e4lle in das Werk hineinpackt, sich vor Inspiration gar nicht zu lassen wei\u00df, ist doch gez\u00e4hmt. Dabei ist Herzst\u00fcck aller drei Werke der langsame Satz, schon im ersten Mendelssohn-Quintett eine tiefernste Klage \u00fcber den Tod seines Jugendfreundes Eduard Rietz, die vielleicht eher zur Tarnung den Titel \u201eIntermezzo\u201c tr\u00e4gt, im klassizistischen zweiten ein schmerzhaft zerrissenes d-Moll-Adagio. Bei Mozart soll das heilige Es-Dur der \u201eZauberfl\u00f6te\u201c tr\u00f6stende Gelassenheit inmitten der g-Moll-Wehmut der vorhergegangenen S\u00e4tze bringen, doch zwei dramatische Moll-Episoden entlarven das als untauglichen Versuch. Subtil unterl\u00e4uft Mozart formale Vorgaben: Aufschreiende Synkopen lassen sein \u201eMenuett\u201c zerbersten, und im Finale wird fast frivol Walzer getanzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einm\u00fctigkeit des Spiels, gemeinsames Atmen, ansteckende Spielfreude sind Kennzeichen dieses gro\u00dfartigen Musizierens, das wie immer Begeisterung eines kleinen, aber sehr aufmerksamen Publikums hervorruft. Kein Wunder, dass dieses Kammermusikprojekt einfach nicht totzukriegen ist, immer wieder wie Ph\u00f6nix aus der Asche aufersteht. Die ersten vierzehn Jahre war es im reichen, subventionsfreudigen Deutschland eine exotische Pflanze: Privatpersonen und Berliner Unternehmen kamen f\u00fcr Saalmieten und K\u00fcnstlergagen auf. Im siebten Jahr des Bestehens erg\u00e4nzte dies die Gr\u00fcndung eines Vereins durch Mitgliedsbeitr\u00e4ge und Spenden. \u201eOft war alles organisiert, der Saal gemietet, die K\u00fcnstler engagiert, nur wo das Geld herkommen sollte, wussten wir manchmal kurz vor dem Termin noch nicht\u201c, erz\u00e4hlt Frank Dodge, bis heute k\u00fcnstlerischer Leiter. Doch es klappte immer. Erst 2002 sorgte eine j\u00e4hrliche F\u00f6rderung aus dem Hauptstadtkulturfonds f\u00fcr etwas mehr Sicherheit. Diese wurde im Zuge der K\u00fcrzungen durch den Kultursenat Ende 2025 komplett gestrichen. Das Er\u00f6ffnungskonzert der 38. Spectrum-Saison am 21. Januar 2026 sollte eigentlich auch das letzte sein. Dazu war ein Programm der \u201eletzten Werke\u201c gew\u00e4hlt worden: Die f-Moll-Fantasie f\u00fcr Klavier zu vier H\u00e4nden und das Streichquintett C-Dur von Franz Schubert, beides im letzten Lebensjahr des Komponisten entstanden, bildeten die \u201eWinterreisen\u201c-Stimmung verbreitende Klammer um das A-Dur-Quintett von Alexander Glasunow, dessen Helligkeit in fast schmerzhaftem Kontrast dazu stand. Doch w\u00e4hrend die Presse die ersten Nachrufe verfasste, war schon f\u00fcr Dezember ein Abend mit Werken der in der Sowjetunion verschwiegenen oder auch drangsalierten Komponisten Nikolai Karetnikow und Mieczys\u0142aw Weinberg geplant, quasi als Zukunftshoffnung. Und Frank Dodge w\u00e4re nicht er selbst, wenn er nicht mittlerweile zwei Stiftungen aufgetan h\u00e4tte, die in der laufenden Saison die \u00fcblichen vier bis f\u00fcnf Konzerte und Spectrums Bestehen bis zur Feier des 40j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums am 22. Januar 2028 sichern. Mit Zoltan Kod\u00e1lys Serenade f\u00fcr zwei Violinen und Viola sowie den Oktetten von Jean Fran\u00e7aix und Franz Schubert in der Besetzung f\u00fcr Klarinette, Fagott, Horn, zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass ist diesmal eine erheblich optimistischere Stimmung zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Isabel Herzfeld, Oktober 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Spectrum Concerts Berlin versorgen die deutsche Hauptstadt seit fast vierzig Jahren mit hochkar\u00e4tiger Kammermusik. Wer sie h\u00f6ren will, muss nach Berlin fahren. Als \u201eone of the finest Konzertadressen in town\u201c wurden die Spectrum Concerts Berlin schon vor Jahren bezeichnet; immer wieder erhielten ihre Konzerte und CD-Produktionen h\u00f6chstes Lob von Presse und Publikum. 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