{"id":7653,"date":"2026-10-21T01:06:53","date_gmt":"2026-10-20T23:06:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=7653"},"modified":"2026-10-21T01:06:58","modified_gmt":"2026-10-20T23:06:58","slug":"eine-sternstunde-mit-isabelle-faust-und-simon-rattle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/10\/21\/eine-sternstunde-mit-isabelle-faust-und-simon-rattle\/","title":{"rendered":"Eine Sternstunde mit Isabelle Faust und Simon Rattle"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 15. und 16.10.2026 spielte das <\/em>Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks <em>unter der Leitung von <\/em>Sir Simon Rattle <em>im M\u00fcnchner Herkulessaal <\/em>Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1ks <em>\u201eScherzo capriccioso\u201c, <\/em>Franz Schuberts <em>gro\u00dfe C-Dur Symphonie D 944 und <\/em>Alban Bergs <em>Violinkonzert \u00bbDem Andenken eines Engels\u00ab mit der Solistin <\/em>Isabelle Faust<em>. Unser Rezensent berichtet \u00fcber den zweiten Abend.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7654\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-1536x1024.jpg 1536w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/BRSO-Rattle-Faust-c-BR-Michael-Hopf-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>BRSO, Isabelle Faust und Sir Simon Rattle, 15. 10. 2026 <em>\u00a9<\/em> BR\/Michael Hopf<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Musikkritiker sind ja eigentlich stets darauf bedacht, auch bei noch so guten Darbietungen das ber\u00fchmte Haar in der Suppe zu finden. Beim Symphoniekonzert am Freitag erschiene dies fast l\u00e4cherlich, denn eine derartige Sternstunde gelingt selbst dem BRSO nur selten. Absolut herausragend an diesem Abend war das von diesem Orchester schon mit zahlreichen Weltstars aufgef\u00fchrte <em>Violinkonzert \u00bbDem Andenken eines Engels\u00ab <\/em>von <em>Alban Berg<\/em> (1885\u20131935). <em>Isabelle Faust<\/em> interpretierte das St\u00fcck mit einer zutiefst ber\u00fchrenden Wahrhaftigkeit, die jenseits aller stilistischen Erw\u00e4gungen gut 25 Minuten lang absolut unter die Haut ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum ersten Mal in einem \u00f6ffentlichen Konzert hingegen tr\u00e4gt das BRSO Dvo\u0159\u00e1ks <em>Scherzo capriccioso<\/em> op. 66 vor. Schon dieses Werk erklingt vielversprechend. Der in Deutschland vernachl\u00e4ssigte 12-Min\u00fcter ist weitaus vielschichtiger, als sein Titel vermuten l\u00e4sst, entstand 1883 in einer Phase des stilistischen Umbruchs und pers\u00f6nlicher Schicksalsschl\u00e4ge. Doch hier finden sich geradezu modellhaft die meisten f\u00fcr den Komponisten typischen Charakteristika, zum Beispiel die seidig-slawische Gestaltung der walzerhaften Momente. Zu phantastischem Witz treten dann auch dunklere Farben hinzu. Oft stellt Dvo\u0159\u00e1k spezielle Instrumente wie Piccolofl\u00f6te, Englischhorn oder Bassklarinette besonders heraus \u2013 ganz fabelhaft gespielt. Nach einer gewissen dramatischen Zuspitzung endet das Scherzo jedoch triumphal. Rattle dirigiert insgesamt spritzig, das Orchester reagiert mit kontrollierter Leidenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Bergs letzte vollendete Komposition ist im Grunde genau so komplex gebaut wie fast all seine Musik. Das Violinkonzert, Portr\u00e4t und Nachruf auf die im April 1935 mit nur 18 Jahren an Kinderl\u00e4hmung verstorbene Manon Gropius, gilt seit jeher als eines der zug\u00e4nglichsten Werke der <em>Zweiten Wiener Schule<\/em>. Berg gelingt hier eine besondere Verschmelzung von Dodekaphonie mit tonalem Material, etwa dem Bachschen Sterbechoral <em>\u201eEs ist genug\u201c<\/em>,und eine expressionistische Emotionalit\u00e4t, die zugleich noch unmittelbar an sp\u00e4tromantische Idiome ankn\u00fcpft. Der erste Satz beginnt mit leeren Quinten als einer Art Ursuppe, aus der sich bald mit weiteren F\u00fcllnoten eine Zw\u00f6lftonreihe aufbaut, deren letzte vier T\u00f6ne dem Anfang besagten Chorals entsprechen. Herrscht zun\u00e4chst noch jugendlich-unschuldige Unbeschwertheit vor, besonders durch die Verwendung einer K\u00e4rntner Volksweise, tr\u00fcbt sich gegen Ende des Satzes die Stimmung bedrohlich ein und l\u00e4sst Schlimmstes erahnen. Faust spielt hier zart, empfindsam und mit sparsamem, daf\u00fcr umso effektiverem Vibrato. Das St\u00fcck z\u00e4hlt f\u00fcr das Orchester l\u00e4ngst zum Kernrepertoire, aber eine derartig perfekte Transparenz und gehaltvolle Ausdeutung wirklich jedes Details hat der Rezensent noch nie irgendwo geh\u00f6rt. Auch alle Tempi trifft <em>Sir Simon Rattle<\/em> optimal; gerade zu Beginn wird nichts unn\u00f6tig breitgetreten. Dirigent, Orchester und Solistin sind von Anbeginn musikalisch engstens verschwei\u00dft und die Balance ist stets vollendet abgestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Teil f\u00fchrt sofort in die Katastrophe: ein Todeskampf, aus dem sich die Solovioline schmerzvoll herauszuwinden versucht \u2013 vergeblich. Faust beherrscht die daf\u00fcr eingesetzten, unglaublich herausfordernden technischen Kunstgriffe umwerfend; dabei dient alles nur dem musikalischen Ausdruck. Selbst beim auch dynamisch gewaltsamen Zusammenbruch bleibt alles durchh\u00f6rbar, wie etwa das meist untergehende Harfenglissando. Danach erscheint der Bach-Choral in allerlei Modifikationen (Umkehrung, unterschiedlichsten Orchesterfarben zugewiesen etc.) als ein Sich-F\u00fcgen in unab\u00e4nderliches Schicksal, gleichzeitig bereits Trost f\u00fcr die Hinterbliebenen. Bis zum Schluss, dessen sph\u00e4risches Leuchten Berg ein wenig von Zemlinskys <em>Lyrischer Symphonie <\/em>abgekupfert zu haben scheint, und wo sich die Seele des \u201eEngels\u201c quasi in jenseitige H\u00f6hen erhebt, bleibt Fausts Violinklang trotz D\u00e4mpfers erstaunlich pr\u00e4sent; auch dies ein Verdienst von Rattles Vermittlung echter Hingabe an s\u00e4mtliche Orchesterstimmen. Diese Auff\u00fchrung d\u00fcrfte Rezeptionsgeschichte schreiben und hinterl\u00e4sst beim Publikum unmittelbare Ergriffenheit, bevor ein wahrer Begeisterungssturm losbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Schuberts \u201egro\u00dfe C-Dur\u201c Symphonie, die den Rezensenten wegen ihrer ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u201ehimmlischen L\u00e4ngen\u201c schon bei so manchen Auff\u00fchrungen tats\u00e4chlich erm\u00fcdete, wirkt unter Rattles H\u00e4nden durchgehend frisch und langweilt keine Sekunde. Er startet bereits die <em>Andante-<\/em>Einleitung flott; im <em>Allegro, ma non troppo<\/em> wird es sogar richtig fetzig. Die Dynamik bleibt fein abgestuft, lediglich ein paar Blechakzente geraten ein wenig marktschreierisch. Die \u00fcberaus spannungsvoll disponierte Durchf\u00fchrung und die auf die starke Coda gerichtete Reprise gelingen faszinierend. Auch der zweite Satz verzichtet auf jegliche Beh\u00e4bigkeit; hier begeistern die antagonistischen Bl\u00e4ser-Einw\u00fcrfe. Das Scherzo, sehr rasch und hochenergetisch, wirkt fast schon wie Berlioz. Alles bleibt wahrhaft t\u00e4nzerisch, ohne nur oberfl\u00e4chlich zu gl\u00e4nzen. Zum H\u00f6hepunkt wird an diesem Abend freilich das gef\u00fcrchtete Finale, wo uns Schubert in typischer Manie oftmals quasi auf eine wom\u00f6glich nicht endende \u201eWanderschaft\u201c schickt: Der Weg ist das Ziel. Das diese Reise hier doch zu einem gl\u00fccklichen Ende f\u00fchrt, ohne dass die Zuh\u00f6rer zwischenzeitlich verlorengehen, ist einmal mehr Rattles musikalischer \u00dcbersicht und einem emotional v\u00f6llig konsistenten Aufbau zu verdanken, dem sein Orchester mitrei\u00dfend folgt. Nach dem die Stimmung nat\u00fcrlich etwas niederdr\u00fcckenden Berg erscheint Schuberts Meisterwerk als die genau richtige Antwort f\u00fcr einen \u00fcberragenden Konzertabend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[Martin Blaumeiser, 19. Oktober 2026]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. und 16.10.2026 spielte das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle im M\u00fcnchner Herkulessaal Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1ks \u201eScherzo capriccioso\u201c, Franz Schuberts gro\u00dfe C-Dur Symphonie D 944 und Alban Bergs Violinkonzert \u00bbDem Andenken eines Engels\u00ab mit der Solistin Isabelle Faust. Unser Rezensent berichtet \u00fcber den zweiten Abend. Musikkritiker sind ja eigentlich &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2026\/10\/21\/eine-sternstunde-mit-isabelle-faust-und-simon-rattle\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Eine Sternstunde mit Isabelle Faust und Simon Rattle<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[157,466,87,728,4079,507,5621,243],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7653"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7653"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7653\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7655,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7653\/revisions\/7655"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}