{"id":776,"date":"2016-04-30T18:09:02","date_gmt":"2016-04-30T16:09:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=776"},"modified":"2016-05-02T15:27:45","modified_gmt":"2016-05-02T13:27:45","slug":"betrachten-eines-sternenhimmels","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/30\/betrachten-eines-sternenhimmels\/","title":{"rendered":"\ufeffWie das Betrachten eines Sternenhimmels"},"content":{"rendered":"<p>Wie das Betrachten eines Sternenhimmels<\/p>\n<p>Morton Feldman: Patterns in a Chromatic Field<br \/>\nChristian Giger, Cello<br \/>\nSteffen Schleiermacher, Klavier<br \/>\nCD 76\u201921 Min.,1\/2014<br \/>\n\u00a9&amp; MDG, 2016<br \/>\nMDG 613 1931-2<br \/>\nEAN\u00a0 7\u00a0 60623\u00a0 19312\u00a0 0<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Koch0003.jpg\" rel=\"attachment wp-att-777\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-777\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Koch0003-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. 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Wollte MDG hier Geb\u00fchren f\u00fcr die VG Bild-Kunst sparen?) \u00fcberwunden, und jetzt dieser Anfang! Ich dr\u00fccke ihm die Daumen, dass er durchh\u00e4lt, denn schon nach eineinhalb Minuten ver\u00e4ndert sich das Bild, allm\u00e4hlich (abgesehen von ein paar gelegentlichen kleinen \u201eSt\u00f6rungen\u201c wie oben\u2013 dazu komme ich noch) kehren Ruhe und das typisch Feldmansche Schweben in Schwerelosigkeit ein. Wenn er die CD nicht vorher schon mit spitzen Fingern beiseitegelegt hat, dann kann er jetzt nacherleben, was Feldmans prominenterer Freund John Cage \u00fcber diesen gesagt hat (zu finden in der deutschen Ausgabe von Silence, Bibliothek Suhrkamp 1995):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eUm die Dinge auf den neuesten Stand zu bringen, lassen Sie mich sagen, dass ich mich, wie immer, in Ver\u00e4nderung befinde, w\u00e4hrend mir Feldmans Musik sich eher fortzusetzen als zu ver\u00e4ndern scheint. Es gab f\u00fcr mich nie, und gibt ihn auch jetzt nicht, einen Zweifel an ihrer Sch\u00f6nheit. Sie ist manchmal sogar zu sch\u00f6n. Das Aroma dieser Sch\u00f6nheit, das mir fr\u00fcher heroisch schien, ber\u00fchrt mich jetzt als erotisch (ein gleichwertiges Aroma, keineswegs von geringerem Rang). Dieser Eindruck r\u00fchrt, glaube ich, von Feldmans Tendenz zur Zartheit her, einer Zartheit, die nur kurz, und manchmal \u00fcberhaupt nicht, von Heftigkeit unterbrochen wird.\u00a0 [\u2026] Er besteht auf einer Aktion innerhalb der Skala von Liebe, und dies erzeugt (um nur die extremen Wirkungen zu erw\u00e4hnen) Sinnlichkeit des Klanges oder eine Atmosph\u00e4re der Hingabe.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steffen Schleiermacher, vielleicht (neben Sabine Liebner oder Aki Takahashi) der kompetenteste bekannte und lebende Interpret f\u00fcr Klavierwerke der New York School, hat bei seinem jetzigen Hauslabel MDG bereits die mit vielen Preisen dotierte monumentale Complete Piano Music John Cages auf 18 CDs (dort sogar mit ansprechenden Covern) herausgebracht, danach (ab jetzt durchweg mit sehr h\u00e4sslichen Covern) Morton Feldmans Late Piano Works (auf 3 CDs), und nun auch die zwei sp\u00e4ten Schwesternwerke Feldmans (bei denen jeweils ein Streichinstrument solistisch eingesetzt wird): for John Cage (entstanden 1982) f\u00fcr Violine und Klavier (Andreas Seidel) und jetzt eben die Patterns in a Chromatic Field (entstanden 1981) f\u00fcr Cello und Klavier mit Christian Giger. Dass dabei beide Werke auch noch sekundengenau die gleiche Zeit (76\u201921 Minuten) beansprucht haben sollen, ist aber ein Druckfehler auf der R\u00fcckseite der \u201ePatterns\u201c-CD: Giger und Schleiermacher brauchen (innen im Booklet steht\u2019s richtig) daf\u00fcr 79\u201917 Minuten. Damit halten sie den Rekord, dicht gefolgt (mit 80\u201942 Minuten) von Aleck Karis (Klavier) und Charles Curtis (Cello). Alle anderen mussten das St\u00fcck auf 2 CDs aufteilen: Youtaka Oya (Klavier) und Arne Deforce (Cello) nehmen sich daf\u00fcr 88\u201904 Minuten Zeit, Giancarlo und Marco\u00a0 Simonacci (Cello) 89\u201918 und Marianne Schroeder (Klavier) mit Rohan de Saram (Cello) gar 105\u201918 Minuten. Der Faktor Zeit wird von Kritikern traditionell \u00fcberbewertet, ist aber hier, denke ich, doch von einiger Relevanz: Viele Werke Feldmans, und im Besonderen die \u201ePatterns\u201c, sind \u00fcber weite Strecken von einer hochkomplexen, extrem vertrackten rhythmischen Struktur, welche bei allzu hastiger Interpretation kaum mehr gut dargestellt, geschweige denn verstanden werden kann. Umso erstaunlicher ist es, mit welcher Pr\u00e4zision und Luzidit\u00e4t Schleiermacher und Giger uns dieses wunderbare Werk nahebringen. Dazu sollte man wissen, dass Patterns in a Chromatic Field im Sp\u00e4twerk Feldmans eine Sonderstellung einnimmt. Ich m\u00f6chte kurz ausholen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morton Feldman erz\u00e4hlte nach der Urauff\u00fchrung seines letzten Orchesterwerkes Coptic Light : \u201eIch habe gerade ein St\u00fcck f\u00fcr die Philharmoniker in New York geschrieben, und ich bekam eine sehr interessante Kritik: Der Rezensent sagte, ich sei der langweiligste Komponist in der Geschichte der Musik. [\u2026] Das ist die Hauptkritik an meiner Musik: sie sei nicht interessant. In Wirklichkeit ist damit gemeint, dass sie kein Moment von \u201aDrama\u2018 enth\u00e4lt.\u201c Auch heute noch ist Vielen Feldmans Musik zu statisch, zu ereignislos. Vielleicht sollten sie sich dann einmal die \u201ePatterns\u201c\u00a0 (\u00fcbrigens manchmal, auch von Feldman selbst, als \u201eUntitled Composition for Cello and Piano\u201c bezeichnet) anh\u00f6ren: Denn zu recht\u00a0 schreibt Walter Zimmermann (Morton Feldman\u00a0 Essays, Kerpen 1985) dar\u00fcber: \u201eDieses St\u00fcck stellt sich ebenso erstaunlich quer zu den anderen l\u00e4ngeren St\u00fccken, wie dem Streichquartett, wie es auch das St\u00fcck f\u00fcr John Cage in seinem Gestaltenreichtum tat. Es ist das vitalste St\u00fcck, das Feldman je geschrieben hat. Es br\u00f6ckelt und flirrt in schwierigsten rhythmischen Passagen des Cellos und erfordert in seinen 90 Minuten schier Unm\u00f6gliches von den Interpreten.\u201c\u00a0 \u00dcbrigens war es sicher auch kein Zufall, dass das Michael Douglas Kollektiv f\u00fcr seine \u00e4u\u00dferst energetische Tanz-Performance Golden Trash (Gewinner des K\u00f6lner Tanz- und Theaterpreises 2013) genau dieses St\u00fcck Feldmans ausgew\u00e4hlt hat. Ich pers\u00f6nlich liebe ja gerade den \u201elangweiligen\u201c, den \u201ehypnotischen\u201c Feldman, den \u201eTrance Composer\u201c am meisten. Aber auch der kommt bei Schleiermacher und Giger nicht zu kurz: Herrlich die langen Pianissimo-Haltet\u00f6ne des Cellos, wie Bewegung langsam in Stasis m\u00fcndet und alles auf einmal zu leuchten beginnt. An dieser Stelle muss ich aber auch zugeben, dass ich die (langsamste) Interpretation von Marianne Schroeder und Rohan de Saram ganz besonders liebe. Diese CD des Kult-Labels hat ART ist leider vergriffen und deshalb inzwischen entsprechend teuer, wenn man sich nicht mit einem MP3-Download zufriedengeben will.\u00a0 Feldman, King of slow motion, King of silence, soll den Interpreten eines seiner St\u00fccke einmal w\u00fctend zugerufen haben: \u201eIt\u2019s too fuckin\u2018 loud, and it\u2019s too fuckin\u2018 fast.\u201c Das kann man sicher Schroeder und de Saram am wenigsten vorwerfen. Hier trifft vielleicht am st\u00e4rksten das zu, was Wilfrid Mellers in seinem Buch \u201cMusic in a New Found Land\u201d\u00a0 \u00fcber Feldman schreibt: \u201eMusic seems to have vanished almost to the point of extinction; yet the little that is left is, like all Feldman\u2019s work, of exquisite musicality \u2026\u201d Und trotzdem gelingen auch der etwas h\u00e4rteren, stringenteren und strengeren Darstellung von Schleiermacher und Giger eben auch diese schwebend tr\u00e4umerischen Augenblicke (Ewigkeiten) ganz wunderbar. Und noch ein weiterer Aspekt von Feldmans Musik kommt in der vorliegenden Einspielung besonders gut zur Wirkung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den \u201ePatterns\u201c benutzt Feldman sehr ausgiebig das von ihm so bezeichnete \u201espelling\u201c, eine auskomponierte Mikrotonalit\u00e4t, bezeichnet durch Doppelkreuze und Doppel-B\u2019s, die man aus der enharmonischen Verwechslung kennt, wo ihrer Vermeidung wegen umnotiert wird; \u201edie er aber nicht funktional einsetzt, sondern als leichte Schwankung am Rande des gemeinten Tons verstanden wissen will\u201c (Walter Zimmermann in \u201eEssays\u201c). Lassen wir dazu Feldman selbst zu Wort kommen, der ein leidenschaftlicher Sammler alter t\u00fcrkischer Nomadenteppiche war (zu finden wieder in Walter Zimmermanns \u201eEssays\u201c): \u201e [\u2026] Ich benutze das, weil ich denke, es ist eine sehr praktische Art, das Hauptaugenmerk auf der Tonh\u00f6he zu belassen. [\u2026] Aber diese Vorstellung habe ich nicht aus der Musik, \u00fcberhaupt nicht. Ich habe sie von Teppichen. [\u2026] Eine der interessantesten Sachen bei einem sch\u00f6nen alten Teppich, der mit Naturfarben gef\u00e4rbt ist, ist, dass er \u201eabrash\u201c hat. [\u2026] Insofern ist die Farbe dieselbe und ist doch nicht gleich. Der Teppich hat eine Art mikrotonale F\u00e4rbung. Wenn Sie ihn dann anschauen, dann hat er diesen herrlichen Schimmer, der von den sanften Abstufungen kommt.\u201c\u00a0 Und hier geb\u00fchrt dem Cellisten Christian Giger ein ganz gro\u00dfes Lob, denn ihm gelingt der Zauber dieser feinen Subtilit\u00e4ten ganz besonders gut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abseits aller Theorie m\u00f6chte ich aber nicht vergessen, Ihnen das H\u00f6ren dieser sch\u00f6nen CD ans Herz zu legen. Und, ein gro\u00dfer Vorteil, vielleicht der einzige, aber auch gravierende, eines \u201eHeimkonzerts\u201c: Sie k\u00f6nnen das St\u00fcck immer wieder h\u00f6ren, und Sie werden es mit jedem Mal besser verstehen und lieben lernen. Christian Wolff, Feldmans inzwischen einundachtzigj\u00e4hriger Weggef\u00e4hrte aus den New-York-School-Zeiten, hat es im Booklet-Text zu Feldmans Streichquartett Nummer 2 sehr treffend zum Ausdruck gebracht: \u201cEs geht nat\u00fcrlich darum, zuzuh\u00f6ren. Endg\u00fcltige Informationen k\u00f6nnen hier nicht vermittelt werden. Diese Bemerkungen bieten einige Informationen, doch genau genommen sind sie f\u00fcr die H\u00f6rerfahrung dieser Musik nicht von Belang. Das H\u00f6ren dieser Musik ist wie das Betrachten eines Sternhimmels bei Nacht, alles andere bleibt Material f\u00fcr eine Unterrichtsstunde in Astronomie.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong> [Hans von Koch, April 2016]<\/strong><span style=\"text-decoration: underline;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie das Betrachten eines Sternenhimmels Morton Feldman: Patterns in a Chromatic Field Christian Giger, Cello Steffen Schleiermacher, Klavier CD 76\u201921 Min.,1\/2014 \u00a9&amp; MDG, 2016 MDG 613 1931-2 EAN\u00a0 7\u00a0 60623\u00a0 19312\u00a0 0 Bum Viiuuviiuviu Bum Viouvioviiu \u2026 BumzakBumzak Viviviovivi\u00a0 Bumzak \u2013 BumzakBumzak\u2014Vivihioviiuviu \u2026 Ich stelle mir einen an Neuer Musik interessierten Laien vor, der schon &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/04\/30\/betrachten-eines-sternenhimmels\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\ufeffWie das Betrachten eines Sternenhimmels<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[745,747,744,409,746],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/776"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=776"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/776\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":785,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/776\/revisions\/785"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=776"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=776"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=776"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}