{"id":781,"date":"2016-05-01T20:31:41","date_gmt":"2016-05-01T18:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=781"},"modified":"2016-05-01T20:32:03","modified_gmt":"2016-05-01T18:32:03","slug":"brittissimo-eine-laengst-ueberfaellige-kollektion-im-gedenken-eines-grossen-komponisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/01\/brittissimo-eine-laengst-ueberfaellige-kollektion-im-gedenken-eines-grossen-komponisten\/","title":{"rendered":"\u201eBrittissimo!\u201c \u2013 Eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Kollektion im Gedenken eines gro\u00dfen Komponisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Opus Arte, OA BD7189 BD; EAN: 80947807189<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002.jpg\" rel=\"attachment wp-att-782\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-782\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002-300x297.jpg\" alt=\"Georg0002\" width=\"300\" height=\"297\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002-300x297.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002-768x760.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002-1024x1013.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Georg0002.jpg 1450w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Opern von Benjamin Britten (1913-76) werden auf den heutigen Opernb\u00fchnen mit Ausnahme des Peter Grimes leider nach wie vor viel zu selten gespielt. In Anbetracht dieses Umstandes ist es nun umso erfreulicher, dass die meisten in vorliegender Box enthaltenen Produktionen als Hommage zum hundertsten Geburtstag an den englischen Komponisten im Jahr 2013 erstver\u00f6ffentlicht wurden und nun in dieser Sammelkollektion erh\u00e4ltlich sind. Die Box besticht gleich auf den ersten Blick durch ihre geschmackvolle Aufmachung. Der Schuber, welcher markant durch ein gestrandetes Schiff illustriert ist, nimmt sogleich Bezug auf die h\u00e4ufig in Brittens Opern eingestreute Motivik um See und Seefahrer, was v. a. in Peter Grimes und Billy Budd deutlich wird. Zeit seines Lebens f\u00fchlte sich Britten den malerischen Landschaftsbildern der englischen Nordseek\u00fcste verbunden und gr\u00fcndete dort auch schlie\u00dflich das Aldeburgh Festival, welches u. a. als Urauff\u00fchrungsort diverser B\u00fchnenwerke des Komponisten fungierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Drei der in der vorliegenden Box enthaltenen Mitschnitte m\u00f6chte ich im Folgenden genauer herausheben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Bereits die erste Produktion innerhalb des Schubers pr\u00e4sentiert das bedeutendste Opernwerk Brittens \u00fcberhaupt: Peter Grimes. Uraufgef\u00fchrt im Jahr des Kriegsendes war es zu dieser Zeit das Werk, welches Britten zu nachhaltigem Ruhm verhalf. Die \u00e4u\u00dferst anspruchsvolle Titelpartie des Grimes hatte Britten f\u00fcr seinen Lebensgef\u00e4hrten, den gro\u00dfen Tenor Peter Pears, geschrieben, mit welchem der Komponist dann auch im Jahr 1958 eine Studioproduktion f\u00fcr das Label Decca einspielte, die bis heute als unangefochtene Referenzaufnahme des Werkes gilt (Decca, 4757713; EAN: 0028947577133). Aufgrund der gro\u00dfen s\u00e4ngerischen Strapazen, mit welchen die Rolle verbunden ist, wird die Partie oftmals von Wagner-S\u00e4ngern gesungen, darunter v. a. auch von bedeutenden S\u00e4ngern wie dem kanadischen Heldentenor Jon Vickers, welcher die Rolle in der Gesamtaufnahme von 1978 unter Sir Colin Davis \u00fcbernahm (Decca, 4782669; EAN: 0028947826699). Wenngleich auch nicht mit derart unersch\u00f6pflichen stimmlichen Mitteln ausgestattet wie besagte Vorg\u00e4nger, so kann der britische Tenor John Graham-Hall doch in der vorliegenden Produktion der Mail\u00e4nder Scala \u00fcberzeugen. Auf b\u00fchnendarstellerischer Ebene mangelt es ihm in dieser Partie allerdings des \u00d6fteren an Intensit\u00e4t. Das eigentliche Glanzlicht der Produktion ist die Besetzung der Ellen Orford durch Susan Gritton. Ihre lyrischen Qualit\u00e4ten wie auch ihr intensives Spiel zeichnen eine Frau, die gegen das existentielle Dilemma und die Ungerechtigkeit des konservativen d\u00f6rflichen Milieus aufbegehrt und letztlich daran scheitert. Susan Grittons Sopran ist bestens disponiert und verspr\u00fcht eine W\u00e4rme, welche der darstellerischen Gestaltung ihrer Rolle aufs Eindringlichste gerecht wird. Unterst\u00fctzt werden die S\u00e4nger vom routinierten Orchester und Chor der Mail\u00e4nder Scala. Obwohl es dem jungen Dirigenten Robin Ticciati anfangs auch mangels Schwung nicht gelingt, aus Chor und Orchester einen einheitlichen Klangk\u00f6rper zu formen, spornt er diese doch nach und nach zu voller Leistung an. Sp\u00e4testens in den bedrohlich-d\u00fcsteren \u201eSea Interludes\u201c, v. a. aber im Sturm-Interludium des zweiten Aktes, in welchem das Orchester mit martialischer Kraft aufgepeitscht wird, gelingt es ihm, gro\u00dfe Spannungsb\u00f6gen und orchestrale Facetten von gro\u00dfer Transparenz zu zeichnen. Die teils moderne, teils konservative Inszenierung vermag dabei mittels gezielter Lichteffekte und kontrastreicher Kost\u00fcme interessante Eindr\u00fccke zu vermitteln und die innerdramaturgische Beklommenheit auf nachvollziehbare Art und Weise herauszustreichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die Produktion des auf einer Erz\u00e4hlung von Herman Melville basierenden B\u00fchnenwerkes Billy Budd kann als eine weitere Sternstunde realistisch-historisierenden Musiktheaters gesehen werden. Die tragische Seemannsoper entstand urspr\u00fcnglich als Auftragswerk f\u00fcr das Royal Opera House, wo sie 1951 zur Urauff\u00fchrung gelangte. Ebenso wie den Peter Grimes nahm Britten auch diese Oper zusammen mit Pears im Jahr 1967 f\u00fcr das Decca-Label auf (Decca, 4174282; EAN: 0028941742827). In der Rolle des befehlshabenden Captain Vere der vorliegenden Auff\u00fchrung vom Glyndebourne Festival ist John Mark Ainsley zu sehen. Sein hellschlanker Tenor vermag, einen von Selbstzweifel geplagten Idealisten darzustellen, welcher letztlich zwischen Gesetz und eigenem Gewissen entscheiden muss. Spiel und Gesang sind von gro\u00dfer darstellerischer \u00dcberzeugungskraft. Die Titelpartie ist durch den s\u00fcdafrikanischen Bariton Jacques Imbrailo besetzt, welcher es als jugendlich-lyrischer Bariton aufs Beste versteht, der Figur die n\u00f6tige Naivit\u00e4t angedeihen zu lassen. Sein tragisches Ende im Fadenkreuz des Spannungsfeldes zwischen Humanit\u00e4t und Ordnungsmacht ist von gro\u00dfer Wirkung und Eindringlichkeit. Hervorragend besetzt ist auch die Rolle des sadistischen Intriganten Claggart, gespielt mit d\u00e4monischer Intensit\u00e4t vom kanadischen Bassbariton Philip Ens. Eine besondere Bemerkung wert ist die herausragende Inszenierung von Michael Grandage, welcher die Handlung in das klaustrophobische Innere eines Schiffrumpfes versetzt. Die ungesch\u00f6nte Brutalit\u00e4t zur Zeit der Revolutionskriege wie auch die Qual des Matrosenalltags werden realistisch nachgezeichnet und durch historische Kost\u00fcme erg\u00e4nzt. Das ausgezeichnete London Philharmonic Orchestra unter der expressiven Stabf\u00fchrung von Mark Elder rundet das Bild dieser erstklassigen Produktion ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Brittens Death in Venice nach einer Adaption der Novelle von Thomas Mann wurde als letzte Oper des Komponisten im Jahr 1973 im Rahmen des Aldeburgh Festivals uraufgef\u00fchrt.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Wie bereits in der vorgenannten Aufnahme des Peter Grimes hat man auch in dieser Produktion der English National Opera den Tenor John Graham-Hall mit der Titelpartie betraut. Und Graham-Hall liefert hier eine weitaus vielschichtigere Darstellung ab als in der Grimes-Produktion! Sein selbstqu\u00e4lerischer Zwiespalt zwischen Eros, also der Neigung zu dem Knaben Tadzio, und Ratio, also der Akzeptanz des gesellschaftlich Tabuisierten im Kontext seiner Reputation als ber\u00fchmter Schriftsteller, nimmt man ihm ohne weiteres ab. Auch in stimmlicher Hinsicht ist er diesmal bestens disponiert, von fast gehauchten Piani bis hin zu aufsch\u00e4umendem und stets sicher intoniertem Forte komplexer Melodielinien. Brittens stilistische Wandlung gegen\u00fcber den beiden vorgenannten Werken ist deutlich sp\u00fcrbar. In Anbetracht der komplexen Motivik, des archaisch anmutenden Schlagwerks und der farbig-dissonanten Harmonik als Spiegel der psychologischen Innenwelt Aschenbachs meint man immer wieder Komponisten wie den Strauss der Salome und Elektra und v. a. auch Strawinsky aus der Partitur herausblitzen zu sehen. Dieser Umstand wird mit gro\u00dfer Intensit\u00e4t durch die ungeheure Impression atmosph\u00e4rischer B\u00fchnenbilder unterstrichen, welche sich mit der Musik auf einer stimmungsvollen Verdichtungsebene vereinigen. Wenn auch s\u00e4ngerisch nicht vollauf \u00fcberzeugend, so ist Bassbariton Andrew Shore doch in darstellerischer Hinsicht als Verk\u00f6rperung der \u201eSieben-Personen-Rolle\u201c mit besonderem Lob zu w\u00fcrdigen. Chor und Orchester gelingen zudem unter der Leitung von Edward Gardner wahre H\u00f6chstleistungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alles in allem handelt es sich hierbei um eine herausragende Sammlung der wichtigsten B\u00fchnenwerke Brittens (noch dazu in augenbet\u00f6render HD-Qualit\u00e4t), die sich jeder gewissenhafte Musikliebhaber durchaus zu Gem\u00fcte f\u00fchren darf. Ein anerkennendes \u201eBrittissimo!\u201c wird in diesem Falle dem ein oder anderen im Anbetracht der herausragenden s\u00e4ngerischen und darstellerischen Leistungen mit Sicherheit von den Lippen schallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Georg Glas, April 2016\u00a0]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Opus Arte, OA BD7189 BD; EAN: 80947807189 Die Opern von Benjamin Britten (1913-76) werden auf den heutigen Opernb\u00fchnen mit Ausnahme des Peter Grimes leider nach wie vor viel zu selten gespielt. 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