{"id":796,"date":"2016-05-05T18:50:15","date_gmt":"2016-05-05T16:50:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=796"},"modified":"2016-05-05T18:50:39","modified_gmt":"2016-05-05T16:50:39","slug":"norgaard-erhaelt-den-ernst-von-siemens-musikpreis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/05\/norgaard-erhaelt-den-ernst-von-siemens-musikpreis\/","title":{"rendered":"N\u00f8rg\u00e5rd erh\u00e4lt den Ernst von Siemens Musikpreis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Im Rahmen der Preisverleihung des Ernst von Siemens Musikpreises an Per N\u00f8rg\u00e5rd sowie der drei obligatorischen Komponisten-F\u00f6rderpreise spielt das ensemble recherche die Urauff\u00fchrung von Hladan ti dah do grla von Milica Djordjevi\u0107, Intersections von David Hudry und Sachlicher Bericht aus Arien \/ Zitronen, ebenso eine Urauff\u00fchrung, von Gordon Kampe. Aus dem \u0152uvre des Hauptpreistr\u00e4gers Per N\u00f8rg\u00e5rd erklingen Scintillation f\u00fcr sieben Instrumente (1993) und Seadrift f\u00fcr Sopran und Ensemble (1977-78). F\u00fcr die erkrankte Sarah Maria Sun \u00fcbernimmt Johanna Zimmer kurzfristig den Sopran-Part, Truike van der Poel &#8222;singt&#8220; die Mezzosopran-Partie im Werk von Djordjevi\u0107.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich ist es soweit und ein Skandinavier erh\u00e4lt den Ernst von Siemens Musikpreis f\u00fcr Komponisten! Es ist der D\u00e4ne Per N\u00f8rg\u00e5rd, der nun diese hoch dotierte und international gewichtige Auszeichnung in H\u00e4nden h\u00e4lt. Und dies mehr als gerechtfertigt, sein kompositorisches Schaffen ist von stets \u00fcberraschender Originalit\u00e4t, von h\u00f6chster handwerklicher Vollendung bis in die dichteste Polyphonie, und wirkt dennoch absolut nat\u00fcrlich, frei und frisch. Rhythmisch besticht es durch nicht an die symmetrische Taktschreibweise angepasste Gliederung, die viel eher von nat\u00fcrlichem Sprachgebrauch und dem menschlichen Interagieren allgemein beeinflusst ist, melodisch entdeckte N\u00f8rg\u00e5rd schon in den sechziger Jahren die sogenannte Unendlichkeitsreihe, die sich ebenso von den klassischen Perioden zu l\u00f6sen vermag und eigene Wege beschreitet, die jedoch immer in gewisser Weise nachvollziehbar bleiben. Die Musik von N\u00f8rg\u00e5rd sagt im Kern etwas aus, jedes Werk ist eine vollkommen neue Welt, in h\u00f6chster Kunstfertigkeit und wie er selbst sagt, immer gewagt und &#8222;strange&#8220;, doch stets auch f\u00fcr die menschliche Wahrnehmung unmittelbar auffassbar und wirksam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Begr\u00fc\u00dfung durch Michael Kr\u00fcger &#8211; Vorsitzender des Stiftungsrats der Ernst von Siemens Musikstiftung und Pr\u00e4sident der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste &#8211; beginnt der Abend mit der Urauff\u00fchrung von Milica Djordjevi\u0107s &#8222;Hladan ti dah do grla&#8220;, auf Deutsch &#8222;Verflucht dein Atem bis zum Schlund&#8220;, f\u00fcr Mezzosopran und Ensemble. Ihre Musik solle den Menschen bis in sein Innerstes ersch\u00fcttern und keinen H\u00f6rer kalt lassen, hei\u00dft es im sehr gelungenen Portraitfilm \u00fcber die Komponistin (alle vier Portraitfilme sind von Johannes List ausgezeichnet gedreht und produziert). Doch ber\u00fchren kann mich ihr dargebotenes Werk kein bisschen, es l\u00e4sst mich absolut unbeteiligt. Die Streicher kratzen und quietschen, der Schlagzeuger drischt w\u00fcst auf alle m\u00f6glichen Trommeln ein und kratzt mit aufgesetzten N\u00e4geln \u00fcber Blech, die Bassklarinette spielt total unzusammenh\u00e4ngendes Ton-Chaos. Solch eine Musik kann heute gar nicht mehr ersch\u00fcttern &#8211; vielleicht h\u00e4tte sie es vor sechzig Jahren einmal gekonnt, aber selbst das w\u00fcrde ich bezweifeln, mehr als einen kurzen Schock h\u00e4tte sie nicht ausgel\u00f6st. Man hat sich schlicht sattgeh\u00f6rt an solch einer Musik, die im Grunde gew\u00f6hnlich unangenehm ist wie das quietschende Einfahren einer U-Bahn, und es macht auch klanglich wenig Unterschied. Alles verliert sich in Strukturlosigkeit, skurrilem Klang- und Ger\u00e4uschgewirre ohne jeglichen Sinn und einer dumpfen Statik, die jede Art der Entwicklung im Vorhinein ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Intersections hei\u00dft das zweite Werk des Abends, von David Hudry, komponiert 2014. Die Grundidee dahinter besteht in der st\u00e4ndig wechselnden Beleuchtung einer vorgegebenen Figur, wodurch immer neue Perspektiven er\u00f6ffnet werden. Unvermeidlich erh\u00e4lt Intersections durch dieses Prinzip eine gewisse Starrheit und technokratische Aura mit dem kontinuierlich bestehen bleibenden Grundgedanken. Doch hat es einen gewaltigen Reiz, all die Neuschattierungen und changierenden Kontexte auszukundschaften, die mit einfallsreich reflektierten Kl\u00e4ngen magische Momente erzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interesse erregt der Titel der dritten Komposition: &#8222;Sachlicher Bericht&#8220; und dann noch aus einer Sammlung namens &#8222;Arien \/ Zitronen&#8220;. Und tats\u00e4chlich erlebt das Publikum hier eine sehr erfreuliche \u00dcberraschung. Gordon Kampe hat eine wahrhaft eigene Aussage in diesem Werk f\u00fcr Sopran und Ensemble. Die Tonsprache tanzt durch ihre Individualit\u00e4t aus der Reihe der viel zu oft gleichf\u00f6rmig-nichtssagenden Werke der postmodernen Avantgarde, bietet h\u00f6chst spannende Augenblicke und birgt sogar eine gewisse sinnlich unmittelbar sich vermittelnde Struktur. Gewiss, teils mag der musikalische Sinn der Gesamtkonstruktion noch etwas wackeln und der Kontext verlorengehen, doch bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass Gordon Kampe den heutigen F\u00f6rderpreis wirklich nutzen kann, um an seinem Stil zu schleifen und seine vielseitig eigene Tonsprache reifen zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause folgt der Hauptteil der Veranstaltung, die Verleihung des begehrten Ernst von Siemens Musikpreises an den d\u00e4nischen Meister Per N\u00f8rg\u00e5rd. Anders Beyer, Intendant des Bergen International Festival, ist extra aus Norwegen angereist, um die kompakte, geistreiche Laudatio zu halten, und Michael Kr\u00fcger \u00fcberreicht die Urkunde an den Komponisten. Umrahmt wird der Festakt durch die Darbietung zweier Werke aus den 90er- beziehungsweise 70er-Jahren. Zun\u00e4chst Scintillation f\u00fcr sieben Instrumente, ein dicht polyphon gewobenes Werk von unverkennbarer Eigenst\u00e4ndigkeit, einer vom ersten bis zum letzten Ton anhaltenden Spannung mit herrlich unorthodox formulierter melodischer Kontinuit\u00e4t. Beendet wird der Abend durch die Walt Whitman-Vertonung Seadrift, ein mehrteiliges Werk f\u00fcr Sopran und Ensemble, was einen Umbruch in der Musik von N\u00f8rg\u00e5rd darstellt, noch vor seiner vielzitierten &#8222;W\u00f6lfli-\u00c4ra&#8220;. Dieses in jeder Hinsicht vollendete Werk d\u00fcrfte wohl jeden im Saal angesprochen haben durch seine unbestechliche Nat\u00fcrlichkeit, den klaren Sprachfluss, die ph\u00e4nomenale Instrumentation inklusive verst\u00e4rkter Gitarre und ungew\u00f6hnlichem Schlagwerk wie kleinen, zarten Gl\u00f6ckchen. Was f\u00fcr eine Rhythmik, die absolut von innen heraus gef\u00fchlt ist, vollkommen ungek\u00fcnstelt wirkt und doch gegen alle Gewohnheiten aufbegehrt! Solch eine rundum \u00fcberzeugende Musik der Gegenwart (und dies auch noch so vollkommen unpr\u00e4tenti\u00f6s!) ist eine absolute Rarit\u00e4t und hat es noch nie in den Kanon der auf dem Kontinent des \u00d6fteren gespielten zeitgen\u00f6ssischen Musik geschafft &#8211; warum, l\u00e4sst sich schwer sagen, vielleicht mag es an den eigenen Aussagen der Musik liegen, an ihrer so ungewohnten und doch organisch zusammenh\u00e4ngend entstehenden Klangvielfalt, die ganz im Gegenteil zum Gros der heutigen Avantgarde tats\u00e4chlich noch fortschrittlich modern und komplett eigenst\u00e4ndig ist &#8211; und somit f\u00fcr die meisten, selbst f\u00fcr die gestandenen Anh\u00e4nger zeitgen\u00f6ssischer Musik oft &#8222;gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker des ensemble modern sind nat\u00fcrlich erfahren in der Darbietung zeitgen\u00f6ssischer Musik, und trotzdem ist es frappierend, wie scheinbar m\u00fchelos sie mit den unm\u00f6glichsten Ger\u00e4usch-Abstraktionen und mit selbst in der verzweigtesten Rhythmik \u00fcberzeugen. Sogar die qualitativ schw\u00e4cheren Passagen bei Djordjevi\u0107 spielen sie mit voller \u00dcberzeugung, wodurch selbst diesen ein gewisser Reiz abgewonnen werden kann. Truike van der Poel erf\u00fcllt in Djordjevi\u0107s Werk haupts\u00e4chlich eine parlierend-skandierende, oft vulg\u00e4r aufschreiende Aufgabe, die ihre Stimme nicht in ein attraktives Licht setzen kann, doch daf\u00fcr bekommt Johanna Zimmer als kurzfristige Einspringerin f\u00fcr Sarah Maria Sun umso mehr die M\u00f6glichkeit zu gl\u00e4nzen. Die virtuosen Solostimmen von Kampe und N\u00f8rg\u00e5rd musste sie innerhalb von wenigen Tagen vollkommen neu einstudieren. Doch das h\u00f6rt man ihr kein bisschen an, sie singt mit einer Freiheit, Feinheit und innigem Ausdruck, als w\u00e4ren diese St\u00fccke ihr bereits in die Wiege gelegt worden. Sie hat sichtliche Freude vor allem an N\u00f8rg\u00e5rds Seadrift und surft in unvergleichlichem Einklang mit allen Instrumentalisten des Ensembles in hellwach traumwandlerischem Vertrauen auf ihre herrliche Stimme. Zimmer singt klar, hell, verf\u00fcgt \u00fcber un\u00fcberschaubar viele ausgereifte Nuancen der Tongebung und ein exzellentes Gesp\u00fcr f\u00fcr Dynamik, Artikulation und Vibrato. Auch der Komponist selbst ist sichtlich begeistert von ihrer Leistung und will es sich trotz be\u00e4ngstigender gesundheitlicher Beschwerden &#8211; nachdem er sogar bei der Urkundenverleihung sitzen bleiben musste &#8211; nicht nehmen lassen, auf die B\u00fchne zu steigen, um die S\u00e4ngerin zu umarmen &#8211; und das zu Recht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist selten, dass man vollkommen begeistert aus einem Konzert herauskommt und so sehr beeindruckt ist von der kompositorischen Qualit\u00e4t eines Meisters der Gegenwart, dass man \u00fcber die Musik sagen m\u00f6chte: &#8222;Verweile doch, du bist so sch\u00f6n&#8220;. Und es h\u00e4tte keinen w\u00fcrdigeren Preistr\u00e4ger geben k\u00f6nnen als Per N\u00f8rg\u00e5rd. Wir gratulieren dem Komponisten zu dieser Auszeichnung und hoffen sehr, dass er uns als Mittachtziger noch einige weitere grandiose Werke schenken wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen der Preisverleihung des Ernst von Siemens Musikpreises an Per N\u00f8rg\u00e5rd sowie der drei obligatorischen Komponisten-F\u00f6rderpreise spielt das ensemble recherche die Urauff\u00fchrung von Hladan ti dah do grla von Milica Djordjevi\u0107, Intersections von David Hudry und Sachlicher Bericht aus Arien \/ Zitronen, ebenso eine Urauff\u00fchrung, von Gordon Kampe. 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