{"id":814,"date":"2016-05-10T16:42:01","date_gmt":"2016-05-10T14:42:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=814"},"modified":"2016-05-10T16:42:01","modified_gmt":"2016-05-10T14:42:01","slug":"hochseil-sonaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/10\/hochseil-sonaten\/","title":{"rendered":"Hochseil-Sonaten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Cypres, CYP1674; EAN: 5 412217 016746<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0047.jpg\" rel=\"attachment wp-att-815\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-815\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0047-300x189.jpg\" alt=\"0047\" width=\"505\" height=\"318\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0047-300x189.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0047-768x483.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0047-1024x644.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 505px) 100vw, 505px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der belgische Pianist St\u00e9phane Ginsburgh spielt f\u00fcr Cypr\u00e8s alle neun mit Opuszahl versehenen Klaviersonaten von Sergei Sergejewitsch Prokofieff ein: Op. 1, Op. 14, Op. 28, Op. 29, Op. 38, Op. 86, Op. 83, Op. 84 und Op. 103.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der Amerikaner George Antheil, wenngleich unvergleichlich begabter, geh\u00f6rt Sergei Sergejewitsch Prokofieff wohl zu denjenigen bekannten Pianisten, die man als Enfant Terrible bezeichnen w\u00fcrde. Bereits in seiner fr\u00fchen Jugend geriet Prokofieff durch au\u00dferordentliche technische F\u00e4higkeiten in den Blickpunkt der \u00d6ffentlichkeit. Herausragendes Ereignis diesbez\u00fcglich war die Urauff\u00fchrung seines zweiten Klavierkonzerts in der 1912\/1913 entstandenen Originalfassung, die heute verschollen ist. Prokofieff spielte der Presse zufolge trocken und scharf akzentuiert, die Musik wirkte auf einen gro\u00dfen Teil absto\u00dfend und lie\u00df die Menge der Zuschauer im Saal schnell sch\u00fctter werden. Doch Prokofieff, angespornt von dem divergierenden Get\u00f6se aus Ablehnung und Zuspruch, lie\u00df sich dazu hinrei\u00dfen, es gar da capo zu spielen, wie er es noch in seiner Autobiographie schelmisch erfreut beschreibt. Nun gilt es allerdings zu bedenken, dass Prokofieff zu dieser Zeit schon eine riesige Auswahl an Werken geschrieben hatte, f\u00fcr Klavier alleine sechs nicht mit Opuszahlen versehene Sonaten (die letzte davon ist nicht erhalten) und eine gro\u00dfe Anzahl weiterer nicht gez\u00e4hlter St\u00fccke, dann die ersten beiden nummerierten Sonaten f-Moll op. 1 von 1909 und d-Moll op. 14 von 1912, die noch heute gerne als Zugabe pr\u00e4sentierte Toccata d-Moll op. 11 von 1912 und kleinere Einzelst\u00fccke wie auch Et\u00fcden. Als junger Mann bereits derma\u00dfen produktiv und vor allem technisch herausfordernd, behielt er seine pr\u00e4genden Stilmerkmale bis zu seinem Tod am 5. M\u00e4rz 1953, dem gleichen Tag wie Josef Stalin, bei, und schuf fundamentale Werke h\u00f6chster Komplexit\u00e4t und Virtuosit\u00e4t in einem unverwechselbar eigenen Stil. Seine Musik ist hart, rhythmisch pr\u00e4gnant, mit einer gewissen K\u00fchle versehen, wild und gerne dissonant, wobei durchweg eine tonale Grundlage un\u00fcberh\u00f6rbar ist, die jedoch durch Harmoniechangierungen in wahnwitziger und kaum nachvollziehbarer Geschwindigkeit ins Virtuose gesteigert ist und f\u00fcr ein Verst\u00e4ndnis auch den H\u00f6rer zu \u00e4u\u00dferst aktiv aktiver H\u00f6rhaltung zwingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede einzelne der insgesamt neun nummerierten Klaviersonaten ist f\u00fcr sich eine enorme Aufgabe und ein wahrer Hochseilakt. Der Belgier St\u00e9phane Ginsburgh wagt sich nun in einer 3-CD-Box an eine Gesamteinspielung dieser neun Meilensteine. Der Pianist geht mit einem trocken-harten Grundgestus an diese Werke heran, der auch dem bekannten Klischee der \u00a0Sonaten entspricht. Dabei vermittelt er einen beschwingten und teilweise gar spielerisch leichten Charakter, der selbst in den physikalisch an die Grenzen des Machbaren reichenden Passagen beibehalten ist. Eine interessante Note verleiht Ginsburgh den Sonaten durch einen tendenziell lyrischen Ton in manchen Stellen, der bei genauem Blick in die Noten durchaus vorhanden und nur von den meisten Pianisten vollst\u00e4ndig vernachl\u00e4ssigt ist. Aber tats\u00e4chlich, Prokofieffs Klaviermusik kann auch singen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniger h\u00e4lt er sich hingegen an manche unerl\u00e4ssliche Angabe in den Noten, vor allem im Bereich der Dynamikbezeichnungen. So reicht sein Spektrum bisweilen meist nur bis in ein Mezzo hinab, die Piano- und Pianissimobereiche werden kaum tangiert. Dadurch werden als logische Konsequenz fundamentale Strecken des Spannungsaufaufbaus und -abbaus unkenntlich, lassen also die stringente, bei Prokofieff immer wieder im fortw\u00e4hrenden Precipitato-Charakter nach vorne weisende Form durch Gleichf\u00f6rmigkeit verflie\u00dfen. Deutlich beispielsweise im wohl bekanntesten Satz aus der reichen Fundgrube der Klaviersonaten, dem ohnehin auch mit &#8222;Precipitato&#8220; bezeichneten Finale der siebten Sonate. Der Satz wirkt eher entspannt als nach vorne treibend, der zwingende Aufbau der ersten 45 Takte vom Mezzopiano zum Fortissimo mit abruptem Abbruch zur\u00fcck ins Piano bleibt vollkommen aus. Manche besonders sperrigen und strukturell undurchsichtigen Passagen geraten unf\u00f6rmig, beispielsweise der Kopfsatz sowie der Beginn des zweiten Satzes der vierten Sonate &#8211; hier scheint sich Ginsburgh mit der lupenreinen und sicherlich beachtlichen technischen Beherrschung begn\u00fcgen zu wollen. Auch kommt es immer wieder zu mir nicht innerlich nachvollziehbaren Rubati.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wesentlich packender gelingen vor allem die fr\u00fchen Sonaten, die eins\u00e4tzige erste Sonate in ihrem t\u00e4nzerischen Schwung und ihrer Dualit\u00e4t zwischen Verspieltheit und Gewalt, die vielseitige und bis ins Brachiale sich steigernde Zweite sowie die stellenweise gar vertr\u00e4umte, wiederum eins\u00e4tzige Dritte. Interessant gestalten sich auch die ersten beiden S\u00e4tze der Siebten, der toccatenhaft im strengen non legato gehaltene, perkussive Kopfsatz und der zweite Satz, hier gar als sachliche Nocturne genommen. Auch in guten Teilen der anderen, hier nicht dezidiert besprochenen Sonaten kann Ginsburgh seine St\u00e4rken gut ausspielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz einiger Schw\u00e4chen der Darbietung &#8211; was aufgrund der Tatsache, dass hier alle neun dieser Mammutwerke in weniger als einer Woche am St\u00fcck eingespielt wurden, schwerlich anders zu erwarten w\u00e4re &#8211; liegt hier doch eine recht h\u00f6renswerte Gesamteinspielung vor und so ist diese durchaus zu empfehlen, um einen umfassenden Einblick in das Klaviersonatenschaffen von Sergei Prokofieff bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cypres, CYP1674; EAN: 5 412217 016746 Der belgische Pianist St\u00e9phane Ginsburgh spielt f\u00fcr Cypr\u00e8s alle neun mit Opuszahl versehenen Klaviersonaten von Sergei Sergejewitsch Prokofieff ein: Op. 1, Op. 14, Op. 28, Op. 29, Op. 38, Op. 86, Op. 83, Op. 84 und Op. 103. 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