{"id":824,"date":"2016-05-16T10:40:13","date_gmt":"2016-05-16T08:40:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=824"},"modified":"2016-05-16T22:28:17","modified_gmt":"2016-05-16T20:28:17","slug":"der-klingende-schutzschild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/16\/der-klingende-schutzschild\/","title":{"rendered":"Der klingende Schutzschild"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">EAN: 9 783793 140825<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049.jpg\" rel=\"attachment wp-att-825\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-825\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049-300x249.jpg\" alt=\"0049\" width=\"425\" height=\"353\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049-300x249.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049-768x636.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049-1024x849.jpg 1024w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0049.jpg 1728w\" sizes=\"(max-width: 425px) 100vw, 425px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&#8222;Musik aus einer anderen Welt&#8220; oder, wie die hier vorliegende \u00fcberarbeitete Ausgabe hei\u00dft, &#8222;Musik in Auschwitz&#8220;, ist ein autobiographischer Bericht des Komponisten und Violinisten Simon Laks \u00fcber seine Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Herausgegeben von Frank Harders-Wuthenow und Elisabeth Hufnagel erschien er bei Boosey &amp; Hawkes, Harders-Wuthenow verfasste zudem ein K\u00fcnstlerportrait, welches ebenso wie ein Bericht von Andr\u00e9 Laks \u00fcber seinen Vater der Ausgabe beigef\u00fcgt ist.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beizeiten f\u00e4llt einem einmal ein Gegenstand in die H\u00e4nde, der schon l\u00e4ngere Zeit im Regal stand und bereits aus der aktiven Wahrnehmung verschwunden war. Doch beim Betrachten zieht er einen erneut in seinen Bann und es \u00fcberkommt einen, sich auf der Stelle wieder all seinem Zauber zu widmen. Genau so erging es mir mit &#8222;Musik in Auschwitz&#8220; von Simon Laks, welches ich Anfang 2015 in Berlin erhielt und mit gro\u00dfer Begeisterung regelrecht verschlang. Nun entdeckte ich dieses Buch wieder und konnte nicht anders, als es erneut \u201ain einem Atemzug\u2019 durchzulesen, mich in diese Welt zu vertiefen und das gro\u00dfartige musikalische Schaffen Laks&#8216; noch intensiver zu studieren, auf dass es seine Einzigartigkeit f\u00fcr mich entfesseln kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bericht von Simon Laks \u00fcber seine Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von 1942 bis 1945 setzt sich durch eine Sache ganz klar vom Gros der Zeugnisse von \u00dcberlebenden ab: Er verzichtet so konsequent wie irgend m\u00f6glich auf alle detaillierten Beschreibungen des Schreckens und Terrors im Lager, von Gewalt, Folter, Unterdr\u00fcckung und Mord. Sein Hauptanliegen: Die Musikszene im Konzentrationslager zu beschreiben, seine Erlebnisse im Bezirksorchester mitzuteilen und allgemein eine reflektierte, nicht aus dem Trauma heraus v\u00f6llig subjektiv entstandene Schilderung des Lagerlebens zu geben. Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben (obwohl er der Hauptautor ist, stand er damals noch zusammen mit Ren\u00e9 Coudy als Verfasser da) und drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter \u00fcberarbeitet, konnte Laks mit der Revision seine Gedanken sammeln und heilende, f\u00fcr Autor und Publikum guttuende Distanz zu den Schreckenserlebnissen gewinnen, um so ein objektiveres und detaillierteres Bild zu vermitteln &#8211; ein Bild, das der Leser versteht, da es in Worten und Vorstellungen niedergeschrieben ist, die ihm vertraut sind, obgleich er diese unvorstellbaren Zust\u00e4nde nicht miterlebt hat. So ist der Leser nicht paralysierter Zuh\u00f6rer eines traumatisch verst\u00f6rten Schreckensberichts, sondern wird aus seinen individuellen Erfahrungen heraus in diese &#8222;andere Welt&#8220; hinein geworfen und kann mit dem autobiographischen Erz\u00e4hler mitf\u00fchlen, sich in ihn hineinversetzen und es selbst miterleben. Das macht Simon Laks&#8216; Buch zu einem der am unmittelbarsten wirkenden und auch verst\u00e4ndlich-informativsten B\u00fccher \u00fcber das Leben im Konzentrationslager. Nicht nur \u00fcber das Grauen erf\u00e4hrt man, sondern auch \u00fcber die sich langsam aufbauende Gesellschaftsordnung in Birkenau, \u00fcber Handelssysteme und die Wege und M\u00f6glichkeiten, innerhalb des Lagers zur Prominenz aufzusteigen. Auch Einzelschicksale einiger Leidensgenossen werden beleuchtet, doch nur um das Bild zu vervollst\u00e4ndigen, denn schlie\u00dflich war jedes Einzelschicksal in Auschwitz zugleich Kollektivschicksal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zentral f\u00fcr das Schicksal von Simon Laks ist die Musik. Der Komponist und Violinist er\u00f6rtert, wie er zum Lagerorchester kam und dort zeitweise sogar zum Dirigenten avancierte, wie dadurch die Musik ihn am Leben erhielt. &#8222;Die Geige, die ich halte, ist mein Schutzschild geworden&#8220;, so hei\u00dft es bereits auf der Titelseite der deutschen Ausgabe; dieser Satz ist Programm. Durch seinen gefragten Posten als professioneller Musiker, Notenschreiber, Violinist und Dirigent n\u00e4mlich konnte sich Laks schnell Kontakte aufbauen zur Lagerprominenz und geh\u00f6rte schon bald dazu &#8211; sprich, er konnte sich ausreichend Lebensmittel und andere f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse des Lagers unermesslich wertvolle Gegenst\u00e4nde beschaffen. So wei\u00df Laks auch, skurrile Geschichten zu erz\u00e4hlen \u00fcber besondere Vorlieben einiger Prominenter und SS-M\u00e4nner, \u00fcber besondere Musikideale und -vorstellungen. Doch vor allem der Alltag wird detailliert geschildert, die Funktion der Musik f\u00fcr die Gefangenen und f\u00fcr SS-Leute, die von Ermutigung zu Unterhaltung bis hin zur absoluten moralischen Abgr\u00fcndigkeit reichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ausgabe bei Boosey &amp; Hawkes bietet dar\u00fcber hinaus alles, was man sich nur \u00fcber so einen noch immer viel zu unbekannten Komponisten w\u00fcnschen kann: Ein Verzeichnis aller Kompositionen Laks&#8216;, die Diskographie und eine Portrait-CD liegen ebenso bei wie zwei absolute Sch\u00e4tze an Essays \u00fcber Laks. Frank Harders-Wuthenow, zweifelsohne einer der feinf\u00fchligsten Musikverst\u00e4ndigen in Deutschland und unter anderem mit seiner CD-Reihe &#8222;Poland Abroad&#8220; ein beispielloser Vorreiter und Verbreiter der polnischen Musik in Deutschland, verfasst ein \u00e4u\u00dferst informatives und in pr\u00e4gnanter K\u00fcrze umfassendes Portrait \u00fcber Simon Laks, au\u00dferdem erz\u00e4hlt Andr\u00e9 Laks, Sohn des Komponisten und derjenige, der f\u00fcr die internationale Verbreitung des Buchs Sorge trug, \u00fcber die lange Geschichte hinter der Entstehung und Ver\u00f6ffentlichung des Buches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2014 ist diese 1979 \u00fcberarbeitete Fassung nun schon in deutscher \u00dcbersetzung von Mirka und Karlheinz Machel bei Boosey &amp; Hawkes zu erwerben, doch noch immer ist das Echo darauf allzu gering angesichts des hohen Werts der Publikation. So sei knappe zwei Jahre sp\u00e4ter dieses Buch und die Musik von Simon Laks wenigstens hier ausdr\u00fccklich empfohlen. Egal ob Musiker oder nicht, jeder Leser wird von den sensitiven Schilderungen Simon Laks&#8216; gefesselt und mitgeschleift durch diese Welt und am Schluss leidet man gar mit ihm, als er einige Zeit nach seiner Befreiung mit echter Emp\u00f6rung sieht, dass die Waffenfabrik gesprengt wird, an deren Aufbau er die letzten Monate seiner Gefangenschaft mitarbeiten musste &#8211; war es doch schlie\u00dflich auch &#8222;seine&#8220; Fabrik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EAN: 9 783793 140825 &#8222;Musik aus einer anderen Welt&#8220; oder, wie die hier vorliegende \u00fcberarbeitete Ausgabe hei\u00dft, &#8222;Musik in Auschwitz&#8220;, ist ein autobiographischer Bericht des Komponisten und Violinisten Simon Laks \u00fcber seine Zeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. 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