{"id":83,"date":"2015-08-18T00:00:27","date_gmt":"2015-08-17T22:00:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=83"},"modified":"2015-08-11T19:15:46","modified_gmt":"2015-08-11T17:15:46","slug":"genie-und-wahnsinn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/18\/genie-und-wahnsinn\/","title":{"rendered":"Genie und Wahnsinn"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Triton TRI331195, ISBN: 3 760229 161957<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0059.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-84\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0059-300x264.jpg\" alt=\"IMG_0059\" width=\"300\" height=\"264\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0059-300x264.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/IMG_0059-1024x902.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Olivier Greif spielt live auf zwei CDs zwei seiner letzten Werke f\u00fcr Klavier Solo, &#8222;Les Plaisirs de Ch\u00e9rence&#8220; und &#8222;Portraits et apparitions&#8220;. Zudem gibt er zu letzterem eine franz\u00f6sischsprachige Einf\u00fchrung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu kaum einem Komponisten und Pianisten zugleich passt die an sich viel zu h\u00e4ufig verwendete Phrase von \u201eGenie und Wahnsinn\u201c so trefflich wie zu Olivier Greif. Der Stil des zu fr\u00fch verstorbenen Musikers ist vollkommen frei von jeglichem Denken in Schubladen oder Schulen und absolut unverkennbar eigent\u00fcmlich. Seine Inspirationen holt er sich aus der gesamten Musikgeschichte, auch jenseits geographischer Begrenzungen, neben Chor\u00e4len und Namen wie Beethoven oder Schumann finden sich auch Anleihen aus dem HipHop oder von Lou Reeds &#8222;Take a walk on the wild side&#8220;. Jedes seiner Werke ist dabei h\u00f6chst komplex und vielschichtig, Greif beherrscht die kontrapunktische \u00dcberlagerung verschiedenster Motive und Rhythmen in \u00fcberw\u00e4ltigender Weise und nutzt dabei die M\u00f6glichkeiten des Klaviers bis ins Letzte und auch ins Abgelegenste aus. Nicht selten sind seine Kompositionen auf mehr als zwei Systemen notiert und nutzen parallel s\u00e4mtliche Register der Klaviatur vollst\u00e4ndig aus. Harmonisch ist das Schaffen Greifs schier unergr\u00fcndbar, in voller Akkordik durchbricht er die Grenzen des tonalen Denkens und schafft sich somit vollkommen unergr\u00fcndete Klangsph\u00e4ren. Trotz dessen bleibt seine Basis das Denken in Grunddreikl\u00e4ngen, die jedoch durch Aufspaltung in gro\u00dfe Lagen und Hinzunahme greller Dissonanzen verfremdet und in der Kombination neuartig erscheinen. Die Wiedererkennbarkeit der einzelnen S\u00e4tze liegt vor allem an der pr\u00e4gnanten Rhythmik, die diese als roter Faden durchzieht und zusammen mit wiederkehrenden Motiven trotz aller Fremdartigkeit der Musik im Ged\u00e4chtnis bleiben. Als zentrales Erkennungsmerkmal der Musik Greifs ist jedoch noch zu nennen die geballte, explosive Gewalt, die jedem seiner gro\u00dfen Werke innewohnt und durch extreme Dynamik und wie erw\u00e4hnt dissonant versch\u00e4rfte Harmonik in weitgespreizten Lagen deutlich zum Ausdruck kommt. Die resultierende Wirkung ist ph\u00e4nomenal, die Musik h\u00e4mmert sich sprichw\u00f6rtlich in den Kopf der Zuh\u00f6rer ein &#8211; wie hier auch sehr sch\u00f6n mit dem Albumcover eines jungen, erstarrten Kopfes mit vielfarbiger Sch\u00e4deldecke \u2013 ein Bezug auf &#8222;Mein junges Leben hat ein End&#8216; &#8211; Portrait de l&#8217;artiste en jeune cr\u00e2ne&#8220; \u2013, dargestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim H\u00f6ren wird augenblicklich der Eindruck erweckt, Greifs Musik sei nur auf ihn selbst zugeschnitten und kein anderer k\u00f6nne es nur ansatzweise so spielen. Mit gr\u00f6\u00dfter Passion und innerer Ergriffenheit passt er sich jedem St\u00fcckcharakter exakt an und bleibt doch immer er selbst &#8211; stetig in mitrei\u00dfender Obsession, bei der sich kein Zuh\u00f6rer unangesprochen f\u00fchlen kann. Sehr gewaltig und bewusst gewaltt\u00e4tig knallen die Akkorde in die Tastatur und er tobt \u00fcber die Klaviatur, als w\u00e4re es ein Schlachtfeld; und pl\u00f6tzlich, ganz unvermittelt, bricht es ab und er scheint nur mehr zu fl\u00fcstern, wenngleich mit unverminderter Intensit\u00e4t und Empfindung. Auch scheint es, als habe er die St\u00fccke besser im Kopf, als sie je auf dem Notenblatt niedergeschrieben sein k\u00f6nnen. Vielmals f\u00fcgt Greif neue Dynamikabstufungen und unvermittelte Akzente ein, wie sie so \u00fcberhaupt nicht im Notentext zu finden sind. Auch mit dem Tempo agiert Greif vielerorts frei, doch immer in einem den Zusammenhang gew\u00e4hrleistenden Ma\u00dfe. Es ist wahrlich erstaunlich, wie exakt er all diese h\u00f6chstkomplexen und unglaublich wilden Werke live darbietet. Jede einzelne Stimme ist einzeln ausgestaltet und gar die einzelnen Akkordt\u00f6ne perfekt ausgewogen und aufeinander abgestimmt. Die Fehlerquote ist in Anbetracht dessen weniger als marginal, und auch wenn vielleicht einmal ein kaum vernehmliches Stocken auftreten sollte, so l\u00e4sst einen die schwindelerregende Intensit\u00e4t, strahlende Kraft und alles \u00fcberwindende Musikalit\u00e4t gar nicht dazu kommen, dessen gewahr zu werden. So ger\u00e4t der H\u00f6rer immer wieder ins Staunen, wie mitrei\u00dfend und effektgeladen doch ein derart scharfkantiger und heftiger Anschlag sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Les Plaisirs de Ch\u00e9rence&#8220; nannte Olivier Greif seine 1997 komponierte 22. Klaviersonate, die an sich eher eine f\u00fcnfs\u00e4tzige Suite denn eine Sonate ist, jedoch wie fast jeder Klavierzyklus seiner letzten Schaffensphase als Sonate betitelt ist. Die Sonate erhielt die Opuszahl 319, was den gewaltigen Werkumfang Greifs schauernd erahnen l\u00e4sst. Wie fast immer betitelte Greif jeden seiner S\u00e4tze in individueller Weise, hier lauten sie: &#8222;Hallali de Gommecourt&#8220;, &#8222;Tombeau de Monsieur de Clachaloze&#8220;, &#8222;\u00c9garements de La Roche-Guyon&#8220;, &#8222;Fant\u00f4mes d&#8217;Haunte-Isle&#8220; und &#8222;Le Carillon de Ch\u00e9rence&#8220;. Sehr eing\u00e4ngig ist vor allem der erste Satz durch seine pointierte Melodik, die durch stetig wechselnde Situationen den Satz durchzieht. Ziemlich am\u00fcsant ist die Grundidee des dritten Satzes, der den Rhythmus inklusive entsprechender Melodik von Lou Reeds &#8222;Take a Walk on the Wild Side&#8220; als Grundmuster verwendet und freitonal ausarbeitet sowie kontrapunktisch mit fremden Motiven kombiniert. Die Aufnahme Greifs von 1998 zeigt ihn in gewohnt unergr\u00fcndlicher St\u00e4rke, Brillanz und packender Emotionalit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Sonate befindet sich auf der ersten CD noch eine Pr\u00e4sentation \u00fcber die ersten neun der &#8222;Portraits et apparitions&#8220; vom Datum der Urauff\u00fchrung am 31. Mai 1999. Bedauerlicherweise ist es f\u00fcr jemanden mit nicht \u00fcberragenden Franz\u00f6sischkenntnissen nur sehr schwer zu verstehen, und es liegt keine \u00dcbersetzung oder auch nur Zusammenfassung bei. Die Einf\u00fchrung ist sehr humorvoll gestaltet und Greif erz\u00e4hlt unter anderem \u00fcber die Entstehungsgeschichte, dar\u00fcber, dass er zuerst ein St\u00fcck f\u00fcr die Mutter und den Dackel einer Familie schrieb und dann beschloss, eine ganze Reihe von elf St\u00fccken zu komponieren, welche ganz leicht sein sollen &#8211; was ihm allerdings nicht gelingt, und wo er sogar den Eindruck hat, dass, wenn er es spielt, der Komponist den Pianisten verflucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Eindruck erh\u00e4lt man sogar dann, wenn man es blo\u00df anh\u00f6rt. Der \u00fcber 60-min\u00fctige Zyklus aus elf St\u00fccken ist durchzogen von technischen H\u00f6chstleistungen und maximalen strukturellen Schwierigkeiten, wobei die Musik immer unmittelbar ergreift und von unausweichlicher Ausrichtung bestimmt ist. Greif selber hat es vor seinem Tod drei Mal aufgenommen, wobei hier die letzte dieser Aufnahmen zu h\u00f6ren ist, wie der Booklettext von Brigitte Fran\u00e7ois-Sappey erl\u00e4utert. Die erste war die der Urauff\u00fchrung, mit der zweiten war er nicht zufrieden, und die dritte und hier dokumentierte ist diejenige, die auch ihn selbst am meisten verzauberte &#8211; obgleich es nur zuf\u00e4llig von einem Freund mit nichtprofessioneller Ausr\u00fcstung spontan aufgenommen wurde, Fl\u00fcgel und Akustik suboptimal und gelegentliche Hintergrundger\u00e4usche bemerkbar sind. Greif nannte den Zyklus den H\u00f6hepunkt seines Schaffens, auf welchen alle seine Werke zusteuerten. Was vorliegt, ist eine bunte Mischung aus verschieden langen St\u00fccken, von denen bis auf das k\u00fcrzeste Mittelst\u00fcck &#8222;I mon waxe mod (Jouir: les larmes du corps)&#8220; jedes einem seiner Freunde gewidmet ist. Immer wieder werden Werke der klassischen Literatur aufgegriffen, Chor\u00e4le wie &#8222;Allein Gott in der H\u00f6h'&#8220; und &#8222;Wir glauben all&#8216; an einen Gott&#8220; werden Namen wie Beethoven, Schumann, Britten und Kurt\u00e1g gegen\u00fcbergestellt. Gerade die beiden Chor\u00e4le verbindet Olivier Greif mit modernster Musik, und zwar HipHop und Rap. Den 63-min\u00fctigen Klaviermarathon meistert der Komponist in atemberaubender Genauigkeit und sowohl technischer als auch musikalischer Perfektion in h\u00f6chstem Ma\u00dfe. Am Ende bleibt wohl keiner unber\u00fchrt von der einmaligen, sowohl genialen als auch wahnsinnigen Musik von Olivier Greif.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, August 2015]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Triton TRI331195, ISBN: 3 760229 161957 Olivier Greif spielt live auf zwei CDs zwei seiner letzten Werke f\u00fcr Klavier Solo, &#8222;Les Plaisirs de Ch\u00e9rence&#8220; und &#8222;Portraits et apparitions&#8220;. Zudem gibt er zu letzterem eine franz\u00f6sischsprachige Einf\u00fchrung. 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