{"id":842,"date":"2016-05-20T19:18:06","date_gmt":"2016-05-20T17:18:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=842"},"modified":"2016-06-22T12:32:18","modified_gmt":"2016-06-22T10:32:18","slug":"fantasien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/20\/fantasien\/","title":{"rendered":"Fantasien"},"content":{"rendered":"<p>Georg Philipp Telemann: 12 Fantaisies pour la Basse de Violle<br \/>\nWelt-Ersteinspielung<br \/>\nThomas Fritzsch, Viola da gamba<br \/>\nCD 84\u201846 Min.,10\/2015<br \/>\n\u00a9&amp; Coviello Classics 2015, COV 91601<br \/>\nEAN\u00a0 4\u00a0 039956\u00a0 916017<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Hans0010.jpg\" rel=\"attachment wp-att-843\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-843\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Hans0010-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. 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Die Metapher vom verschollenen Bernstein-Zimmer der solistischen Gambenmusik (zu finden im Booklet zu vorliegender Einspielung) trifft die Situation vor Thomas Fritzschs Sensationsfund (und Ersteinspielung) sehr gut. Ich habe die CD als Rezensionsst\u00fcck bekommen, aber um ehrlich zu sein: Ich als Telemann-Aficionado w\u00e4re bereit gewesen, jeden Preis daf\u00fcr zu bezahlen, und auch dann, wenn es eine drittklassige Einspielung gewesen w\u00e4re, und nicht wie hier die wahrhaft erstklassige des Gamben-Experten Thomas Fritzsch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die bisher einzige verf\u00fcgbare Telemann\u2019sche Fantasie f\u00fcr Sologambe, die Fantasia \u00e0 Viola di Gamba senza Cembalo aus seinem Getreuen Music-Meister hat also endlich ihre 12 Schwestern (im M\u00e4rchen w\u00e4ren es 12 Br\u00fcder) wiedergefunden. Davor mussten wir uns mit Ersatz zufrieden geben: Wir haben von Telemann n\u00e4mlich noch zwei Dutzend (klingt nach \u201eDutzendware\u201c, ist es aber beileibe nicht) \u00e4hnliche Werke f\u00fcr ein Soloinstrument ohne Generalbass: Im Lauf der Zeit wurden die 12 Fantasien f\u00fcr Solo-Traversfl\u00f6te (TWV 40:2-13) dann auch auf der Blockfl\u00f6te, der Violine, der Oboe (es gibt sogar eine \u00dcbertragung f\u00fcr das Fagott) eingespielt, und von den 12 Fantasien f\u00fcr Solo-Violine (TWV 40:14-25) ist eine sehr \u00fcberzeugende Interpretation f\u00fcr Viola (da braccio!) von Ori Kam und f\u00fcr Violoncello von Viviane Spanoghe erh\u00e4ltlich, ja, ich habe in meiner Sammlung sogar eine Bearbeitung f\u00fcr Gitarre (Carlo Marchione). Aber gerade beim Vergleich der 12 \u201eCello-Fantasien\u201c mit den hier endlich vorliegenden Fantasien f\u00fcr Bassgambe kann man auch gut sehen: So gro\u00df ist der stilistische Unterschied nicht. Hier wie dort finden wir ebenso viel \u201eCorellisierendes\u201c wie \u201eVivaldisierendes\u201c, dann aber auch hin und wieder eine Bourr\u00e9e oder eine Gigue oder sonstiges Franz\u00f6sisches, versteckt hinter durchweg italienischen Tempobezeichnungen. Ganz wie bei den anderen Fantasien hei\u00dft dann zum Beispiel ein Menuett hier einfach nur \u201eVivace\u201c. Wieder finden wir eine (auch \u00e4hnliche) Siciliana, wieder steht ein Drittel der Fantasien in Moll-Tonarten. Und \u00fcbereinstimmend mit den Violin-Fantasien, bei denen auf die ersten sechs eher kontrapunktisch gearbeiteten St\u00fccke sechs \u201eGalanterien\u201c folgen, so finden wir, vielleicht\u00a0 wegen ihrer Ver\u00f6ffentlichung in Zweiergr\u00fcppchen, diesmal die \u201eDolces\u201c und \u201eScherzandos\u201c bei den geraden, die S\u00e4tze von imitatorischer Bauart meist bei den ungeraden Nummern. Wer sich von dieser Neuentdeckung aber Werke im altfranz\u00f6sischen Gamben-Idiom der vorhergehenden Generation erwartet hat, z.B. \u00e0 la Sainte Colombe (p\u00e8re oder fils) oder De Machy, der wird entt\u00e4uscht sein. Dass Telemann so etwas auch gekonnt h\u00e4tte, ist nachzuh\u00f6ren beispielsweise in der Ouverture f\u00fcr Gambe, Streicher und Generalbass (TWV 55:D6), wenn beim Double der Sarabande auf einmal die Sologambe einen wunderbar nostalgischen Kontrast setzt im reinsten \u201eMarin-Marais-Stil\u201c. Auch ein \u201eStylus phantasticus\u201c im Sinne Athanasius Kirchers oder Johann Matthesons ist hier nicht zu finden. Telemanns Fantasien erinnern nur noch dem Wortstamm des Titels nach daran, sind aber im \u00dcbrigen im Stil v\u00f6llig \u00e0 la mode: Anno 1735, zeitlich genau zwischen dem Druck der Musique de Table und der Nouveaux Quatuors galten als typisch franz\u00f6sisch ein gewisser Charme und Esprit der rhythmischen und melodischen Einf\u00e4lle als solcher, auch wenn sie mitunter \u201eim welschen Rock\u201c daherkamen. Ausschlaggebend war dabei der gute Geschmack, und die Sinne der Musiker ebenso wie die der Zuh\u00f6rer daf\u00fcr zu kalibrieren war keiner besser im Stande als Telemann, nicht zu Unrecht der beliebteste und erfolgreichste Komponist seiner Zeit. Diese 12 Fantasien warten also nicht mit gro\u00dfen \u00dcberraschungen auf, sondern sind eben aus demselben Holz geschnitzt wie ihre 24 Geschwister TWV 40:2-25, und \u201ealtfranz\u00f6sisch\u201c ist dabei eigentlich nichts au\u00dfer der Wahl des Instruments, was sich Telemann dank seiner Popularit\u00e4t durchaus leisten konnte. Also haben wir jetzt einfach ein weiteres Dutzend nach gleichem Strickmuster? Ja, so gesehen schon, doch ist diese Musik einfach von solch inspiriert makelloser Qualit\u00e4t, dass man eben nicht genug davon bekommen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und welch ein Gl\u00fcck, dass gerade Thomas Fritzsch sie entdeckt und dann auch gleich eingespielt hat. Kein anderer w\u00e4re besser daf\u00fcr geeignet gewesen. Er pr\u00e4sentiert diese Kleinodien mit exzellentem stilistischen Geschmack, Hingabe, W\u00e4rme und Spielwitz. Auch die \u201eFugen\u201c, die es ja \u201eeinstimmig\u201c eigentlich gar nicht geben d\u00fcrfte (\u00e4hnlich wie bei Bach funktionieren solche Gebilde \u00fcber weite Strecken durch Intervallspr\u00fcnge nach einer Art \u201eRei\u00dfverschluss-Prinzip\u201c), klingen bei Fritzschs Telemann angenehm unkompliziert, ganz im Sinne von Matthesons Vollkommenem Capellmeister: \u201cMan gibt dem Frantz\u00f6sischen Geschmack im Punct der Leichtigkeit darum den Vorzug, da\u00df er einen aufger\u00e4umten lebhafften Geist erfordert, der ein Freund des wolanst\u00e4ndigen Schertzes, und der Feind alles dessen ist, was nach M\u00fche und Arbeit riechet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Besonderes Lob verdient auch das sch\u00f6ne Booklet: Da finden wir solch herrlich irrelevante wie unterhaltsame Informationen \u00fcber die (in ihrer Akustik \u00fcbrigens vorz\u00fcgliche) Klosterkirche Zscheiplitz hinsichtlich Geologie (Formung der Landschaft durch die letzte Eiszeit), Historie (Gr\u00fcndung als S\u00fchneleistung f\u00fcr einen Mord) und Kunst (romanischer Keller, gotisches Portal, usw.), aber auch einen sehr sch\u00f6nen und ausf\u00fchrlichen Beitrag von Thomas Fritzsch zur dargebotenen Musik &#8211; lediglich getoppt vom Autor selbst durch das Geschenk, das er uns im Beiheft seiner Weltersteinspielung (beim gleichen Label) der 2nd Pembroke Collection von Carl Friedrich Abel gemacht hat, wo er uns mit un\u00fcbertroffenem Sachverstand und gr\u00f6\u00dfter Ausf\u00fchrlichkeit (40 Fu\u00dfnoten!) \u00fcber den Komponisten und Menschen Abel erz\u00e4hlt. Dort erfahren wir auch mehr \u00fcber die beiden phantastischen Instrumente aus dem 18. Jahrhundert, die in der vorliegenden Einspielung auch wieder verwendet wurden. Gern h\u00e4tte ich auch noch erfahren (vielleicht mittels weniger kleiner Sternchen), bei welchen St\u00fccken die Lady Amber, und wann das Instrument von Johann Casper G\u00f6bler zu Wort gekommen ist. Aber dieses kleine Manko tut der Qualit\u00e4t dieser exquisiten Produktion keinen Abbruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>[Hans von Koch, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georg Philipp Telemann: 12 Fantaisies pour la Basse de Violle Welt-Ersteinspielung Thomas Fritzsch, Viola da gamba CD 84\u201846 Min.,10\/2015 \u00a9&amp; Coviello Classics 2015, COV 91601 EAN\u00a0 4\u00a0 039956\u00a0 916017 Als sich 1993 die Nachricht verbreitete, dass nach nunmehr 350 Jahren endlich ein Beweis der Fermat\u2019schen Vermutung gelungen sein sollte, da rieben sich selbst eingefleischte Mathematiker &hellip; <a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/20\/fantasien\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Fantasien<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[13],"tags":[417,514,823,821,822,820],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/842"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=842"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/842\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":943,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/842\/revisions\/943"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=842"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=842"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=842"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}