{"id":860,"date":"2016-05-28T21:45:39","date_gmt":"2016-05-28T19:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=860"},"modified":"2016-05-28T21:45:39","modified_gmt":"2016-05-28T19:45:39","slug":"wem-gott-will-rechte-gunst-erweisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/28\/wem-gott-will-rechte-gunst-erweisen\/","title":{"rendered":"Wem Gott will rechte Gunst erweisen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Friedrich Theodor Fr\u00f6hlich: The Complete String Quartets<br \/>\nRasumowsky Quartett<br \/>\nDora Bratchkova, Violine<br \/>\nEwgenia Grandjean, Violine<br \/>\nGerhard M\u00fcller, Viola<br \/>\nAlina Kudelevic, Violoncello<br \/>\ncpo 555017-2<br \/>\nEAN\u00a0 761203501724<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Koch0004.jpg\" rel=\"attachment wp-att-861\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-861\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/Koch0004-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. 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Von ihm stammt (kaum \u00e4lter als der Text) die Melodie dazu. Erst recht unbekannt sind seine vier Streichquartette, die nun erstmals komplett auf vorliegender Doppel-CD vom Rasumowski Quartett eingespielt wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Weil es gro\u00dfartige Musik ist, obendrein gro\u00dfartig eingespielt, wird man traurig \u00fcber den allgemeinen Stumpfsinn gegen\u00fcber Fr\u00f6hlichs Werk, damals wie heute. Weil diese Ignoranz exemplarisch steht f\u00fcr die Rezeption von \u201eNicht-Titanen\u201c, m\u00f6chte ich mich dazu etwas breiter auslassen: In Wikipedia lesen wir: \u201eFr\u00f6hlichs Musik ist durch erfrischende und nat\u00fcrliche Melodizit\u00e4t und Sinn f\u00fcr das Einfache und gleichzeitig Effektvolle gekennzeichnet. Seine Musik ist reich an gef\u00fchlhaftem Ausdruck und an unerwarteten Wendungen im Bereich des Harmonischen. Doch auch das starr Formelhafte und Schematische sowie die vielfachen Satzfehler in seinen Werken sind nicht zu \u00fcbersehen. An diesen M\u00e4ngeln wird erkennbar, dass Fr\u00f6hlich wohl nicht nur an der provinziellen Enge seiner Umwelt, sondern auch an der wachsenden Einsicht in seine eigene k\u00fcnstlerische und kompositorisch-technische Unzul\u00e4nglichkeit verzweifelte\u201c. Ich musste erstaunt feststellen, dass viele gerade aus diesem sehr fragw\u00fcrdigen Beitrag w\u00f6rtlich abgeschrieben haben. Solche Worte g\u00e4ben Fr\u00f6hlich auch heute noch Grund genug, sich gleich noch einmal in die Aare zu st\u00fcrzen. Ich konnte nicht herausbekommen, wie dieser Wikipedianer zu seiner \u201eMeinung\u201c gelangt war. Wie dem Mitteilungsblatt des Naturschutzvereins Kloten (Schweiz) zu entnehmen ist, starb er (seinen Namen behalte ich f\u00fcr mich) 2010 (zwei Jahre nach seinem Beitrag \u00fcber Fr\u00f6hlich) im Alter von fast 83 Jahren, hoch geehrt f\u00fcr \u201esein Engagement f\u00fcr den Verein und f\u00fcr die Musik\u201c. \u00dcber Musik zu schreiben war, neben seiner Vorstandst\u00e4tigkeit im Verein, offenbar sein Hobby.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wesentlich besser kommt Fr\u00f6hlich bei Edgar Refardt, dem hochverdienten Hans Huber-Biographen, im alten MGG (Bd. 4, 1955) weg, der ihm eine \u201egeradezu hochromantische Harmonik [\u2026] , eine Zartheit, Innigkeit und Intensit\u00e4t des Empfindens [\u2026], St\u00e4rke seiner Erfindung, Differenzierung der Gef\u00fchlsstimmung [\u2026]\u201c und \u201e[\u2026] eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Begabung f\u00fcr Erfindung charakteristischer Instrumentalfiguren [\u2026]\u201c attestierte, aber derlei eigenst\u00e4ndige Beobachtung ist leider die Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wenn Sie noch mehr Fundiertes zu Friedrich Theodor Fr\u00f6hlich erfahren wollen, so empfehle ich Ihnen die Lekt\u00fcre des sehr guten Booklet-Texts zur vorliegenden Einspielung, verfasst von Anneliese Alder. Dort kann man lesen: \u201eDas mangelnde Interesse an einer Gesamtedition mag in den wenigen Untersuchungen begr\u00fcndet liegen, die den Streichquartetten handwerkliche M\u00e4ngel wie Quintparallelen attestieren und Plagiate nachweisen.\u201c\u00a0 Zum Thema\u00a0 Quintparallelen f\u00e4llt mir ein: Am 25. Mai1826 schrieb der einflussreiche Zeitgenosse Carl Friedrich Zelter (gener\u00f6ses Lob f\u00fcr Fr\u00f6hlich: \u201eSchweizer, das hast du brav gemacht\u201c) an seinen Freund Goethe \u00fcber seinen Sch\u00fcler Felix Mendelssohn Bartholdy (es geht um das f\u00fcnfte Brandenburgische Konzert): \u201eIn der Partitur eines prachtvollen Konzerts von Sebastian Bach gewahrte mein Felix, als er zehn Jahre alt war [1819], mit seinen Luchsaugen sechs reine Quinten nacheinander, die ich vielleicht niemals gefunden h\u00e4tte \u2026\u201c\u00a0 \u00dcber Zelter bemerkte Fr\u00f6hlich einmal bitter: \u201eIhm allein habe ich es zu verdanken, dass meine gr\u00f6\u00dferen Kompositionen noch nicht bekannt sind.\u201c Zum vorgeblichen Plagiats-Problem (W. Labhart: \u201eFr\u00f6hlicher Themenklau\u201c), das ja auf Gustav Mahler immer wieder angewendet werden k\u00f6nnte, f\u00e4llt mir ein anderes prominentes Beispiel ein: Der Choral des vierten Satzes von Brahms\u2018 erster Symphonie erinnert oberfl\u00e4chlich, und wirklich nur oberfl\u00e4chlich, an Beethovens Finale aus seiner \u201eNeunten\u201c. Auf diese \u201eMerkw\u00fcrdigkeit\u201c angesprochen soll Brahms geantwortet haben: \u201e[\u2026] und noch merkw\u00fcrdiger ist, dass das jeder Esel gleich h\u00f6rt!\u201c In Fr\u00f6hlichs Streichquartetten findet man in der Tat mehrere Zitate, und wir freuen uns, wenn wir (als zuh\u00f6rende Esel) etwas wiedererkennen. Da beginnt das g-Moll-Quartett\u00a0 mit einem \u201everhalten melancholischen Thema\u201c (Alder) und auf einmal moduliert es nach Dur und m\u00fcndet in \u201e \u2026 Bl\u00fche Deutsches Vaterland\u201c (genauer: Joseph Haydn, op. 76, Nr. 3, also das Kaiserquartett &#8211; den Text, den heute unsere Fu\u00dfball-Nationalmannschaft singt, gab es damals noch nicht). Ich habe in diesem g-Moll-Quartett noch etwas Wundersch\u00f6nes entdeckt: Carl Maria von Webers Freisch\u00fctz war damals erst ein paar Jahre alt, aber Fr\u00f6hlich hat die Oper sicher gekannt. In Agathes Arie \u201eLeise, leise \u2026\u201c ist die Stelle \u201eLied, erschalle! Feiernd walle \u2026\u201c genau der Anfang und die Keimzelle von Fr\u00f6hlichs Largo cantabile (hier allerdings dann mit einer ganz anderen Fortsetzung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist nicht einfach, Fr\u00f6hlichs Kompositionsstil zu beschreiben; manchmal klingt er eher wie Schubert (z.B. im 1. Satz des f-moll-Quartetts), manchmal etwas nach Schumann, oft auch wie Weber (z. B. im 4. Satz des f-moll-Quartetts). Jemand, der fr\u00fchromantische Musik liebt, aber nicht auf Namen fixiert ist, wird gro\u00dfe Freude an diesen Streichquartetten haben, und obendrein: Er kann sie Freunden vorspielen und sie raten lassen &#8211; das wird sicher spannend! Kaum zu glauben, dass solch gute Musik bisher kaum beachtet und derart verschm\u00e4ht wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Noch ein paar Worte zum Rasumowsky Quartett: Ich muss (zu meiner Schande) gestehen: Zun\u00e4chst dachte ich, hier habe das f\u00fcr seine \u201eNischen-Produktionen\u201c bekannte Label cpo\u00a0 auch gleich noch einem unbekannten Ensemble eine Chance geben wollen. Weit gefehlt!: Das Quartett, zu dessen Kernrepertoire die Wiener Klassik geh\u00f6rt, und das auch schon zeitgen\u00f6ssische Werke (z. B. von dem mir unbekannten Leo Dick) uraufgef\u00fchrt hat, ist schon f\u00fcr seine Gesamtaufnahme der 15 Streichquartette Schostakowitschs weithin mit Lob \u00fcberh\u00e4uft worden. Was mir an der vorliegenden Einspielung so gut gef\u00e4llt, ist das Unpr\u00e4tenti\u00f6se der Darstellung: Vielleicht auch, weil es nicht die dreihundertste Aufnahme der Streichquartette eines Beethoven oder Schubert ist, hatten die vier Musiker es gar nicht n\u00f6tig, ihre Programmwahl durch eine sensationell neue Art der Interpretation zu rechtfertigen. Worte wie \u201eexzentrisch\u201c \u201eaufw\u00fchlend\u201c oder \u201eatemberaubend\u201c sind hier fehl am Platz. Exzellent aufeinander eingespielt, bekennen sie sich zwar zur sogenannten historisch informierten Auff\u00fchrungspraxis, haben aber kein Interesse daran, alles unbedingt \u201egegen den Strich\u201c zu b\u00fcrsten. Vielmehr dienen sie \u201eselbstvergessen\u201c der Darstellung dieser Musik mit vitaler Musikalit\u00e4t und Spielfreude. Und ihre Schostakowitsch-Quartette werde ich mir jetzt auch noch anh\u00f6ren!<\/p>\n<p><strong>[Hans von Koch, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedrich Theodor Fr\u00f6hlich: The Complete String Quartets Rasumowsky Quartett Dora Bratchkova, Violine Ewgenia Grandjean, Violine Gerhard M\u00fcller, Viola Alina Kudelevic, Violoncello cpo 555017-2 EAN\u00a0 761203501724 Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Den schickt er in die weite Welt, Dem will er seine Wunder weisen In Berg und Wald und Strom und Feld. 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