{"id":863,"date":"2016-05-31T17:49:54","date_gmt":"2016-05-31T15:49:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=863"},"modified":"2016-06-03T18:34:13","modified_gmt":"2016-06-03T16:34:13","slug":"eine-tanzende-klarinette","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/05\/31\/eine-tanzende-klarinette\/","title":{"rendered":"Eine tanzende Klarinette"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Musikmuseum 23, CD13022; EAN: 9 079700 700108<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0051.jpg\" rel=\"attachment wp-att-864\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-864\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/0051-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. Created with a Creative Commons Licence (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/3.0\/) Rules for use: 1. 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Immer wieder beeindruckt dieser Klangk\u00f6rper mit reflektierten Darbietungen und interessanten Ausgrabungen nahezu vergessener Komponisten. Gerade der romantische Tiroler Symphoniker Rufinatscha w\u00e4re vermutlich ohne dieses Orchester auch weiterhin komplett in der Versenkung verschwunden geblieben. So konnte ich mir selbstverst\u00e4ndlich auch die bislang neueste CD dieses Orchesters mit dem Titel &#8222;Veitst\u00e4nze&#8220; nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Tontr\u00e4ger enth\u00e4lt 23 gr\u00f6\u00dftenteils recht kurze Nummern in meist romantisierendem Gestus. Den Beginn machen die &#8222;Dance Preludes&#8220; von Wito\u0142d Lutos\u0142awski, scheinbar fl\u00fcchtig hingeworfene St\u00fcckchen von unsagbarem Witz und Spielfreude. Und zweifelsohne ist das gro\u00dfe Genie Lutos\u0142awskis auch in diesen fast fragmentarischen St\u00fccken auf der Basis polnischer Volkst\u00e4nze un\u00fcberh\u00f6rbar. Johann Baptist G\u00e4nsbacher, ein Sch\u00fcler von unter anderem Antonio Salieri und Abb\u00e9 Vogler, erweist sich in seinem Konzert f\u00fcr Klarinette und Orchester Es-Dur als ein sehr wacher Geist und bezaubert durch wendige und vielseitige Melodien und einen stets spannenden Dialog zwischen Solist und Orchester. Hier hat das Orchester der Akademie St. Blasius wieder einmal einen wertvollen Komponisten aus seiner Heimatstadt ausgegraben, f\u00fcr den ebenso wie f\u00fcr Rufinatscha ansonsten gar nichts geschehen w\u00fcrde. Die Suite aus &#8222;The Victorian Kitchen Garden&#8220; von Paul Reade f\u00fchrt den H\u00f6rer weiter nordwestlich, nach England. Sie ist eine Umarbeitung von Teilen der Musik zur gleichnamigen Fernsehserie, welche gro\u00dfe Popularit\u00e4t genoss und dem Komponisten den Ivor Novello-Preis einbrachte. Die f\u00fcnf S\u00e4tze erweisen sich als ansprechende wie harmlose Stimmungsbilder von verzaubernder Schlichtheit. Zur\u00fcck nach Innsbruck nimmt Michael F. P. Huber mit seinen titelgebenden &#8222;Veitst\u00e4nzen&#8220; mit. Mittlerweile ist Huber geradezu als &#8222;Stammkomponist&#8220; des Orchesters der Akademie St. Blasius zu bezeichnen. Hier kommt man nicht darum herum, das Wort &#8222;leider&#8220; anzuh\u00e4ngen; nat\u00fcrlich hat er mit dem Klangk\u00f6rper gro\u00dfartige Vork\u00e4mpfer seiner Werke und die Gew\u00e4hrleistung, dass seine Werke auch gespielt werden, doch ist es bedauernswerterweise zugleich fast das einzige Orchester, welches seine gro\u00dfartige Musik auff\u00fchrt. (Es sollte nicht vergessen werden, dass das <span class=\"null\">Kammerorchester INNSTRUMENTI wie ebenso das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck auch Weltpremieren von Huber gaben, doch sind auch dies Klangk\u00f6rper aus seiner Heimatregion.<\/span>) Dieser Komponist h\u00e4tte es mehr als verdient, \u00fcber die Grenzen Innsbrucks und \u00d6sterreichs hinaus bekannt, von einem gro\u00dfen Verlag unterst\u00fctzt und auf internationalen B\u00fchnen gespielt zu werden. F\u00fcr die vorliegende CD steuerte er acht Veitst\u00e4nze bei, Orchestrierungen f\u00fcr Klarinette, Schlagwerk und Streicher von fr\u00fcheren Kammermusikwerken, die bereits in verschiedenen Besetzungen existieren. Die Musik ist genauso vielschichtig wie ihr Name, der zum einen auf einen mittelalterlichen Tanz, andererseits aber auch auf eine Krankheit mit Symptomen wie unkontrolliertem Zucken der Gliedma\u00dfen zur\u00fcckgeht. Rhythmische Pr\u00e4gnanz, grenzenlose Inspiration und eine gepfefferte Prise Humor pr\u00e4gen diese T\u00e4nze, die so locker aus dem Handgelenk gesch\u00fcttelt scheinen. Die Titel der T\u00e4nze sagen einiges \u00fcber ihren Inhalt aus: Frisch und munter, Etwas st\u00f6rrisch, Nerv\u00f6s, Launisch, Fl\u00fcchtige Vision, Nonchalant, Frech und Fr\u00f6hlich, Fl\u00fcchtiges Finale. Bestechend ist nicht zuletzt die gro\u00dfe Gabe der Orchestration, die Huber beherrscht wie wenige andere Komponisten unserer Zeit. Die Besetzung wirkt, als w\u00e4re sie niemals anders als genau so geplant gewesen, wobei gleiches auch \u00fcber die fr\u00fcheren Fassungen gesagt werden kann, die mir vorliegen. Zwei kurze Werke folgen auf Hubers T\u00e4nze: Heinrich Joseph Baermanns Adagio f\u00fcr Klarinette und Streicher, ein stimmungsvoll-lyrisches romantisches Gem\u00e4lde, welches nach Hubers mitrei\u00dfenden Veitst\u00e4nzen simpler scheint, als es eigentlich ist, und Eduard Demetz&#8216; UE1 f\u00fcr Klarinette, Bassklarinette und Elektronik. Fast wirkt letzteres, das modernste St\u00fcck der CD wie fehl am Platz nach solch romantisch durchwehter und eing\u00e4ngiger Musik, doch weist es auch einige witzige und kecke Passagen auf, und es ist trotz der (\u00fcbrigens recht interessant eingesetzten) Elektronik in der Dynamik der Form prim\u00e4r auf T\u00f6ne und Melodien (nicht auf Ger\u00e4usche) bezogen und bietet dem H\u00f6rer somit noch eine Art Struktur, an die er sich festhalten kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Golser wird den H\u00f6rern von MusikMuseum sicherlich bekannt sein, wenngleich nicht als Musiker, ist er doch bei dieser Reihe schlie\u00dflich Tontechniker, und auch hier ist er f\u00fcr Technik, Schnitt und Mastering zust\u00e4ndig. Auf dieser Einspielung ist er jedoch auch einmal vor dem Mikrofon, es ist sein CD-Deb\u00fct als Klarinettist. Seine langj\u00e4hrige Arbeit hinter der B\u00fchne mit dem Orchester und seinem Dirigenten zahlt sich nun auch in dieser Einspielung aus. Seine Solostimme ist mit dem Orchester stets in exakt \u00dcbereinstimmung und verschmilzt mit ihm zu einer Einheit. Er tritt in st\u00e4ndigen Dialog mit seinen Mitstreitern, kann teils sogar mit sich selbst dialogisieren. Sein Spiel ist ausgesprochen klar und wendig, verliert dabei nie an Lockerheit und Gelassenheit. Wie ein Cham\u00e4leon passt sich Golser den Anforderungen der Werke an, kann sowohl die klassisch-romantischen T\u00f6ne als auch die Stimmungsbilder und die vielseitig-epochen\u00fcbergreifenden Veitst\u00e4nze gut erfassen und dem H\u00f6rer glaubhaft vermitteln. Alles ist bei ihm im Fluss auf einer st\u00e4ndigen Reise durch unz\u00e4hlige Tongebungs-Schattierungen vom klaren quasi-Fl\u00f6tenton \u00fcber tiefe celloartige Kl\u00e4nge bis hin zu hexenhaftem Aufb\u00e4umen. Katja Lechner steht ihm in Raedes Suite als Harfenistin zur Seite mit voll klingendem, leicht hallig aufgenommenem Spiel von perlender Sch\u00f6nheit und Zartheit. In UE1 von Eduard Demetz ist es J\u00fcrgen Federer an der Bassklarinette, der einen exzellenten Duettpartner abgibt, sie stimmen ihr Spiel \u00e4u\u00dferst fein aufeinander ab und klingen f\u00f6rmlich wie aus einem Mund. Das Orchester der Akademie St. Blasius, hier nicht blo\u00dfer Hintergrund, sondern bedeutungsvoller Widerpart zu Peter Golser, musiziert wie immer \u00e4u\u00dferst reflektiert und mit fesselnder Plastizit\u00e4t. Das Zusammenspiel dieses Orchesters ist stets au\u00dfergew\u00f6hnlich pr\u00e4zise und auch tats\u00e4chlich &#8222;geh\u00f6rt&#8220;, Karlheinz Siessl achtet minuti\u00f6s auch auf das Vortreten der wichtigen Nebenstimmen und l\u00e4sst weit mehr als farbenpr\u00e4chtige Vielfalt entstehen. Auch der diffizil zu erarbeitende Humor in Hubers Veitst\u00e4nzen kommt tadellos \u00fcber die Rampe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier prallen verschiedenste Welten aufeinander, in der Mitte entsteht dabei etwas T\u00e4nzerisches und Munteres. Alles ist dargeboten in h\u00f6chster technischer und musikalischer Qualit\u00e4t voll Witz, Keckheit und unverkennbarer Freude an der Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Mai 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musikmuseum 23, CD13022; EAN: 9 079700 700108 Schon seit l\u00e4ngerer Zeit verfolge ich die Aktivit\u00e4ten des Innsbrucker Orchesters der Akademie St. Blasius unter Leitung seines Chefdirigenten Karlheinz Siessl. Immer wieder beeindruckt dieser Klangk\u00f6rper mit reflektierten Darbietungen und interessanten Ausgrabungen nahezu vergessener Komponisten. 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