{"id":885,"date":"2016-06-07T19:05:04","date_gmt":"2016-06-07T17:05:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=885"},"modified":"2016-06-07T19:05:04","modified_gmt":"2016-06-07T17:05:04","slug":"bilder-und-zeichnungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/06\/07\/bilder-und-zeichnungen\/","title":{"rendered":"Bilder und Zeichnungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die letzte der &#8222;Stationen der Musikgeschichte&#8220;, des diesj\u00e4hrigen Konzertzyklus der Reihe Klavierspielkunst von und mit J\u00fcrgen Plich, besch\u00e4ftigt sich mit &#8222;Mussorgsky plus&#8220;, wobei das Plus am Nachmittag des 5. Juni 2016 im Johannissaal des Schloss Nymphenburg in M\u00fcnchen f\u00fcr Claude Debussy steht. Von Debussy erklingen die Estampes aus dem Jahre 1903 (Pagodes, La Soir\u00e9e dans Grenade und Jardins sous la pluie). Aus der Feder von Mussorgsky werden die unverw\u00fcstlichen Bilder einer Ausstellung (Erinnerungen an Viktor Hartmann, 1874) dargeboten sowie mit der Mezzosopranistin Dorothee Labusch der Liederzyklus Kinderstube von 1870-72 in deutscher \u00dcbersetzung (Mit der Njanja, Im Winkel, Der K\u00e4fer, Mit der Puppe, Abendgebet, Kater Prinz, Steckenpferdreiter).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Er war einst mein Sch\u00fcler, nun ist er mein Kollege&#8220;, so lobte der gefragte P\u00e4dagoge und Pianist Professor Gregor Weichert den heute zu h\u00f6renden J\u00fcrgen Plich bei seinem Konzert im April diesen Jahres, welches ich ebenfalls f\u00fcr The New Listener besprach. Bei solchen auf distinguierte Art anerkennenden Worten konnte ich es mir nat\u00fcrlich nicht nehmen lassen, das heutige Konzert zu besuchen, welches den Abschluss dieser Saison von Klavierspielkunst darstellt. (Doch keine Angst, die Termine f\u00fcr die kommende Saison sind bereits bekanntgegeben, im November gibt es Schubert und im kommenden Jahr sechs Konzerte mit allen Klaviersonaten von Mozart.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Saisonfinale f\u00fchrt den H\u00f6rer zu zwei absoluten Nationalisten, deren Musik meist ganz und gar im Zeichen ihrer Heimat steht: Claude Debussy und Modest Mussorgsky. Den Beginn macht Debussy mit seinen Estampes, drei kurzen &#8222;Zeichnungen&#8220;, bestehend aus den von der Gamelanmusik beeinflussten Pagodes, den fl\u00fcchtigen Impressionen spanischer Musik in Le Soir\u00e9e dans Grenade und dem perlig-verregneten Jardins sous la pluie. In diesen kurzen St\u00fccken liegen ganze Welten voll pr\u00e4chtiger Farbenspiele, innovativer Zusammenkl\u00e4nge und stets dem auf den Punkt gebrachten &#8222;lyrischen Moment&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verbindung zum folgenden Liederzyklus Kinderstube von Modest Mussorgsky schafft J\u00fcrgen Plich durch seine h\u00f6chst informative Werkeinf\u00fchrunge, lobte doch Debussy alias Monsieur Croche die Lieder des Russen in einer Zeitungsrezension als absolutes Meisterwerk. Und auch heute noch, weit mehr als 100 Jahre sp\u00e4ter, kann man Debussy nur zustimmen. Die sieben Lieder gl\u00e4nzen in ihrer leicht-beschwingten Art in erhabener Zur\u00fcckgenommenheit, welche jeder Akkordwendung Bedeutung schenkt und nicht eine Note \u00fcberfl\u00fcssig erscheinen l\u00e4sst. Die ebenfalls von Mussorgsky stammenden Texte sind in der Singstimme wie in der Klavierbegleitung unmittelbar ausgedeutet, geben immer wieder zum Grinsen Anlass, k\u00f6nnen aber auch einmal einen kurzen Schauer \u00fcber die R\u00fccken der H\u00f6rer gleiten lassen. Gerade die (teils nur vermeintliche, teils aber auch tats\u00e4chliche) Unschuld aus den M\u00fcndern der hier sprechenden Kinderfiguren zeugt durchweg inspirierte und ph\u00e4nomenal beschworene Momente.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der Pause folgt der gro\u00dfe Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung, Erinnerungen an Viktor Hartmann. Zehn Bilder des gro\u00dfen russischen Malers und engen Freundes vertonte Mussorgsky, ging dabei allerdings weit \u00fcber die bildliche Vorlage hinaus und schuf eine ganze Geschichte, die dadurch gegeben ist, dass der Ausstellungsbesucher (wohl Mussorgsky selbst) mit abgebildet ist, wie er von einem Kunstwerk zum n\u00e4chsten schreitet \u2013 in den Promenaden. Warum die Promenade nach den Katakomben nicht mehr als eigener Abschnitt betitelt ist, sondern mit &#8222;Con mortuis in lingua mortua&#8220; einen neuen Titel erh\u00e4lt sowie im Gro\u00dfen Tor (dem Heldentor) direkt eingebunden erscheint, wird dabei allen Erbsenz\u00e4hlern wohl immer ein R\u00e4tsel bleiben. Ob der Besucher nun so von den Bildern in den Bann gezogen wird, dass das Gehen als unbewusste Aktion geschieht, oder ob doch die Toten in der Grabst\u00e4tte den Besucher in die Kunstwerke selbst gebannt haben, dass er Teil von ihnen wird, werden wir nicht belegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">J\u00fcrgen Plich erweist sich als ein exzellenter Pianist, der die Musik durchdringen, auffassen und mit spielerischer Leichtigkeit glaubhaft vermitteln kann. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich vom technischen Aspekt her eine Parallele zu Gregor Weichert ziehen, was seinen gesamten Armeinsatz betrifft, der jedoch von Plich auch modifiziert und abgewandelt wurde. Besonders auff\u00e4llig dabei ist sein federndes Handgelenk, welches die Energie vom K\u00f6rper direkt in die Fingerkuppen bringt, der Arm dient vor allem als reiner, federleichter Vermittler, der absolut keinen Widerstand darstellt, sich auf alle geforderten Umst\u00e4nde einstellen kann. Dies hat einen sehr feinen, sensiblen Ton zur Folge, der eine Leichtigkeit und unmittelbare Wirkung beinhaltet, der man sich schwerlich entziehen kann. Durch eine vollkommen nat\u00fcrlich erscheinende Phrasierung wird der H\u00f6rer sogleich in den Bann gezogen und es herrscht durchweg eine beeindruckende Aufmerksamkeit im (leider zu wenig gef\u00fcllten) Saal, wie sie selten zu finden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besonders interessant ist J\u00fcrgen Plichs Vorgehen in Mussorgskys Bildern einer Ausstellung, denn hier wird auch er noch einmal sch\u00f6pferisch t\u00e4tig. Er vollzieht einige durchaus merkliche \u00c4nderungen gegen\u00fcber der \u00fcblichen Auslegung der Spielanweisungen, was Dynamik und auch Tempo betrifft. Ein Gro\u00dfteil dieser \u00c4nderungen funktioniert einwandfrei und unterstreicht einige Aspekte, die ihm besonders wichtig sind wie die zauberhaft-verschleierte Melodievariation im Alten Schloss, der fast aufst\u00e4ndisch wirkende Gesang in der Mitte des Byd\u0142o, die markanten Unterschiede zwischen den beiden Juden Samuel Goldenberg und Schmu<em>\u00ffle <\/em>oder das pittoreske Markttreiben in Limoges. Auch das Heldentor in der Hauptstadt Kiew erh\u00e4lt durch feiner gew\u00e4hlte Dynamik einen wesentlich gr\u00f6\u00dferen Aufbau zum Schluss hin. Lediglich der Gnomus erklingt etwas &#8222;harmlos&#8220;, da die aufbegehrende Anfangsfloskel h\u00e4ufig unscheinbar leise und zu schnell, somit schwer verst\u00e4ndlich, her\u00fcberkommt. Im Gegensatz dazu wirken die unausgeschl\u00fcpften K\u00fcken etwas zu erwachsen, da aus dem piepsenden Pianissimo (bis ppp sogar) ein gesundes Mezzoforte wurde, wodurch sie stellenweise etwas plump tanzen. Interessant gestalten sich die Harmonien in den Katakomben, dem Umbruchst\u00fcck des Zyklus&#8216;. Die vollen Akkorde bilden sich gut abgestimmt aus mit der vielseitig unterlegten Dynamik zu einem stimmungsvollen Gem\u00e4lde voll innerer Schrecken, die in die diesmal besonders d\u00fcster flirrenden Stimmen der Toten \u00fcbergehen. In die Promenade, so erscheint es mir, kann sich J\u00fcrgen Plich als Individuum gut hineinversetzen, hier bringt er am deutlichsten sich selbst ein und geht authentisch durch Hartmanns Ausstellung. So wird auch der Zuh\u00f6rer hineingezogen in die Magie der Bilder, denn die Geschichte passiert unmittelbar vor ihnen und nicht irgendwo in weiter Ferne durch einen nicht anwesenden Dritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der &#8222;Kinderstube&#8220; begleitet Plich seine S\u00e4ngerin als gleichwertiger und gut abgestimmter Widerpart, der nie ihre Stimme verdeckt und doch ein vollwertiger Partner mit pr\u00e4senter musikalischer Aussage ist. Dorothee Labusch, extra aus der Schweiz angereist, pr\u00e4sentiert die sieben Lieder in einer hinrei\u00dfenden Darstellung, in welcher sie direkt bildlich die Kinder und ihre Njanja verk\u00f6rpert. Die Rollen kauft man ihr vorbehaltlos ab, so nat\u00fcrlich und ungek\u00fcnstelt stellt sie diese dar. Mit reiner Intonation und zumeist problemloser Textverst\u00e4ndlichkeit fliegt sie f\u00f6rmlich \u00fcber der Klavierbegleitung dahin und bezieht den Zuh\u00f6rer mit ein in die so charmant dargestellten Kinderwelt, die eigentlich niemanden unber\u00fchrt lassen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die Welt von Debussy er\u00f6ffnet sich dem H\u00f6rer in den einf\u00fchlsamen Darbietungen von J\u00fcrgen Plich, denn die der Natur lauschende Musik scheint eine besondere St\u00e4rke des Pianisten zu sein, und so fesselt er die Konzertbesucher direkt vom ersten abgerundeten Ton an und dringt tief in das Wesen dieser Musik ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juni 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzte der &#8222;Stationen der Musikgeschichte&#8220;, des diesj\u00e4hrigen Konzertzyklus der Reihe Klavierspielkunst von und mit J\u00fcrgen Plich, besch\u00e4ftigt sich mit &#8222;Mussorgsky plus&#8220;, wobei das Plus am Nachmittag des 5. 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