{"id":889,"date":"2016-06-10T14:12:09","date_gmt":"2016-06-10T12:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=889"},"modified":"2016-06-10T14:21:17","modified_gmt":"2016-06-10T12:21:17","slug":"lustig-war-gestern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/06\/10\/lustig-war-gestern\/","title":{"rendered":"Lustig war gestern"},"content":{"rendered":"<p>GIUDITTA<br \/>\nMusikalische Kom\u00f6die von Franz Leh\u00e1r<br \/>\nChristiane Libor, Sopran<br \/>\nLaura Scherwitzl, Sopran<br \/>\nNikolai Schukoff, Tenor<br \/>\nChor des Bayerischen Rundfunks<br \/>\nM\u00fcnchner Rundfunkorchester<br \/>\nUlf Schirmer<br \/>\ncpo 777 749-2<br \/>\nEAN: 761203774920<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Reik0001.jpg\" rel=\"attachment wp-att-890\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-890\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Reik0001-300x260.jpg\" alt=\"This is a free design for Deviantart Photoshop Files. Created with a Creative Commons Licence (http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nd\/3.0\/) Rules for use: 1. When using this template, post copyright post in your project. Always link to this deviant page for copyright. Include author name and link. 2. Do not sell, redistribute or copy this file. 3. Downloads are only from this URL. 4. When using in your project, leave a comment with link to project please...\" width=\"300\" height=\"260\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Reik0001-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Reik0001-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Reik0001.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand sollte das Unterfangen wagen, ein Musikdrama nur anhand eines Tondokumentes zu besprechen. Viele Stimmen klingen auf Platte pr\u00e4chtig, bewegen sich aber als Person im Theater kaum und entbehren da jeder Ausstrahlung. Die Stimme allein macht keinen K\u00fcnstler auf der B\u00fchne aus \u2013 Pr\u00e4senz, Bewegung, Charisma und Musik \u2013 werden erst zusammen ein: Gesamtkunstwerk.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leh\u00e1r, einer der produktivsten und erfolgreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, verschrieb sich fast g\u00e4nzlich dem Genre der Operette. Zu ihrer fr\u00fchen Zeit &#8211; der Frechdachs der musikalischen B\u00fchne! Hier wurden Konventionen der Gesellschaft auf kom\u00f6diantische Weise unterminiert \u2013 die St\u00e4ndegesellschaft, die heuchlerische Moral. Und das allpr\u00e4sente Pathos der Kaiserzeiten \u2013 Militarismus, nationaler Wahn:\u00a0 Alles versank heiter im Walzer- und Polka-Schwung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leh\u00e1r nennt seine finale Operette GIUDITTA eine \u201emusikalische Kom\u00f6die\u201c. Also nicht mehr Operette. Das ist eine bewusste Irref\u00fchrung. Komische Handlung keineswegs \u2013 oder was ist lustig daran: ein (sorry) ziemliches m\u00e4nnliches Weichei, aber offenbar fesch, verliebt sich in eine Frau, die selbstbestimmt und ihrer Wirkung bewusst nur den Ausl\u00f6ser sucht, der es ihr erlaubt, ihrer erstarrten Beziehung zu entfliehen. Protagonistin GIUDITTA : eine nicht-mehr LULU. Kein Wesen mehr, das, ohne Willen, Begierde und Leid erzeugt. Ganz sicher ihrer Wirkung auf M\u00e4nner und eigener erotischen Bed\u00fcrfnisse bewusst. Ihren langweiligen Ehemann verl\u00e4sst sie schleunigst f\u00fcr einen (vermeintlich) schneidigen Offizier, der in Afrika in der kurzen, wenig gl\u00fccklichen, italienischen Kolonialzeit re\u00fcssieren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ihn ruft der Krieg. Sie will ihn ganz und halten und r\u00e4t zur Desertion. Aber er geht. GIUDITTA\u00a0 muss sich abwenden, zieht weiter und wird von begehrenden Bewunderern umringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMeine Lippen die k\u00fcssen so hei\u00df\u201c, die bekannteste Nummer des St\u00fccks. Die Melodie stellt ihre Opfer-T\u00e4terrolle klar: Begehrte und Begehrende. Zu Leh\u00e1rs Zeiten ein Wagnis auf der B\u00fchne. Eine moderne Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hat mit Romantik nichts mehr zu tun. GIUDITTA dokumentiert eine Zeitenwende: \u201evom wissend-w\u00fcrde-ein-Weib\u201c hin zur Frau, die von vornherein ganz wei\u00df, was sie will. Die Tragik dabei, die aber keine ist: ihr Geliebter verf\u00e4llt ihr, aber seine Liebe ertrinkt in Selbstzweifel und Unf\u00e4higkeit. Ihren Lebenshunger vermag er, gefangen in Konvention, nicht zu erf\u00fcllen. Er versagt angesichts ihres Anspruchs auf umfassende und k\u00f6rperliche Liebe und sein vermeintlich zwingendes Pflichtgef\u00fchl gibt ihm die Gelegenheit, ihr zu entfliehen. Um im Selbstmitleid sein eigenes Scheitern sich als eine fatale Verstrickung widriger Umst\u00e4nde zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende des Werkes klimpert er ihr auf einem Hotelpiano noch wenige sentimentale Akkorde hinterher, w\u00e4hrend sie mit ihrem neuen Liebhaber soupieren will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">GIUDITTA dekonstruiert bereits in den 1930er Jahren, was heute l\u00e4ngst entsorgt ist: die \u201eromantische\u201c Vorstellung von Liebe, die alle Widerst\u00e4nde \u00fcberwindet und in vollendeter Zweisamkeit Gl\u00fcck und Erf\u00fcllung findet. Und das m\u00f6glichst auf ewig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Franz Leh\u00e1rs Musik: Die Operette ist welk geworden. Lustig war gestern. Er vermag jedoch durch seine \u00fcberstr\u00f6mende sinnliche Erfindung, mit der (f\u00fcr \u201eOperette\u201c etwas dicklich) schimmernden Instrumentation, schmelzenden, sangbaren Linien von Beginn an zu fesseln. Und zu verzaubern. Puccini klingt nach, Huppertz, der Komponist des Films \u201eMetropolis\u201c ist ein \u00fcberraschender Genosse im Duktus. Bernsteins \u201eWest Side Story\u201c \u2013 nicht weit hinterm noch dunklen Horizont.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das M\u00fcnchener Rundfunkorchester, der Chor des Bayerischen Rundfunks unter Ulf Schirmer \u2013 und die vielen Vokal-Solisten: Frau Libor ZUERST und Frau Scherwitzl f\u00fcr ALLE genannt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Textverst\u00e4ndlichkeit ist vorbildlich. Alle Mitwirkenden sind mit h\u00f6rbarer Freude dabei. Durchsichtiger Klang. Gro\u00dfartige Leistung. Ein rundum-sorglos Gl\u00fcck!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">GIUDITTA geh\u00f6rt auf die B\u00fchne. Nicht auf eine CD \u2013 aber wenn es so sch\u00f6n und spannend ger\u00e4t, wie in dieser Einspielung: diese muss in die CD-Regale all jener, die Musik lieben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur einen Beckmesser-Tafelstrich: kein Textbuch im Booklet! Zumindest einen Link auf eine Webseite, wo das Fehlende verf\u00fcgbar ist, sollte sein. Gibt es nicht auch Menschen, die mitlesen wollen? Jene zuerst, die deutscher Sprache nicht m\u00e4chtig sind, aber es anhand von etwas Sch\u00f6nem rascher zu lernen w\u00fcnschten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Stefan Reik, Juni 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GIUDITTA Musikalische Kom\u00f6die von Franz Leh\u00e1r Christiane Libor, Sopran Laura Scherwitzl, Sopran Nikolai Schukoff, Tenor Chor des Bayerischen Rundfunks M\u00fcnchner Rundfunkorchester Ulf Schirmer cpo 777 749-2 EAN: 761203774920 Niemand sollte das Unterfangen wagen, ein Musikdrama nur anhand eines Tondokumentes zu besprechen. 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