{"id":91,"date":"2015-08-25T17:09:35","date_gmt":"2015-08-25T15:09:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=91"},"modified":"2015-08-25T17:09:35","modified_gmt":"2015-08-25T15:09:35","slug":"potpourri-voller-ueberraschungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/25\/potpourri-voller-ueberraschungen\/","title":{"rendered":"Potpourri voller \u00dcberraschungen"},"content":{"rendered":"<p>Musiques Suisses MGB CD 6284<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Juon_Silhouettes_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-93\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Juon_Silhouettes_Cover-300x300.jpg\" alt=\"Juon_Silhouettes_Cover\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Juon_Silhouettes_Cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Juon_Silhouettes_Cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/Juon_Silhouettes_Cover.jpg 600w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Die jungen Geigentalente Malwina Sosnowski und Rebekka Hartmann bringen, zusammen mit ihrem Klavierpartner Benyamin Nuss, l<\/em><em>ang in Vergessenheit geratene Kammermusik-Kostbarkeiten von Paul Juon zum Erklingen <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<p style=\"text-align: justify\">Rechtzeitig zum 75. Todesjahr des <em>Russischen Brahms<\/em> mit Schweizer Wurzeln, Paul Juon, hat <em>Musiques Suisses<\/em> eine CD herausgebracht, die das breite Spektrum des Geigers und Professors f\u00fcr Komposition und Kammermusik unter Beweis stellen. Die talentierten Geigerinnen Malwina Sosnowski und Rebekka Hartmann, letztere bereits weithin bekannt als Konzertsolistin, erarbeiteten mit Benyamin Nuss als vorz\u00fcglichem Klavierpartner zwei Werkgruppen \u2013 den <em>Silhouettes-<\/em>Zyklen, genannt B\u00fccher, und die sieben kleinen Tondichtungen \u2013, in denen Juon ausschlie\u00dflich mit der seltenen Besetzung f\u00fcr zwei Violinen und Klavier agiert und beweist, dass diese dem klassischen Klaviertrio in nichts nachsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das erste Buch der <em>Silhouettes <\/em>erklingt unter den H\u00e4nden der jungen Musiker mit gekonnter Balance zwischen Klangsinnlichkeit (manchmal an der Grenze zum Schmalz) und formalem Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen. Halten sich die <em>Idylle <\/em>und der <em>Douleur<\/em> noch eher im Rahmen anspruchsvoller Salonst\u00fccke, so bietet die <em>Bizarrerie<\/em> \u2013 so lang wie beide S\u00e4tze davor zusammen \u2013 schon deutlich symphonischere Z\u00fcge. Allein das innere Wesen dieses Schlussst\u00fcckes strotzt nur so von einer f\u00fcr Juon charakteristischen Polarit\u00e4t, sprich zwischen ausgelassener Vitalit\u00e4t als Beginn und Ende und versonnener Melancholie in der Mitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Deutlich andere, ja nahezu mulmige T\u00f6ne schl\u00e4gt der Anfang des zweiten Buches an. Tats\u00e4chlich f\u00fchlt man sich wie am Ende von Schuberts Winterreise, sobald der <em>Conte mysterieux<\/em>, sprich der unheimliche Graf erklingt, zumal die ged\u00e4mpften Geigen und das in der Begleitung reduzierte Klavier deutlich an den Leiermann erinnern. Doch Juon w\u00e4re nicht er, wenn auch nicht dieser Satz eine f\u00fcr seinen Stil charakteristische Abwechslung beinhaltete. Lichter wird der Satz, lebendiger die Klavierbegleitung \u2013 um dann wieder in die ged\u00e4mpfte Stimmung des Beginns zur\u00fcckzufallen. Dabei ging es Juon offensichtlich nicht um blo\u00dfe Schauerromantik, vielmehr huldigte er wie so viele seiner Kollegen seinerzeit alten Formen und T\u00e4nzen, wie die <em>Musette miniature, Danse ancienne <\/em>beweist. Sp\u00e4testens hier kommt die St\u00e4rke des Trios Sosnowski-Hartmann-Nuss zum Tragen: eine ernste, aber unbeschwerte und neugierige Herangehensweise an jeden einzelnen Satz. Klingt der <em>Conte<\/em> zwar deutlich d\u00fcster, aber nicht zu schwer, so \u00fcberzeugt aufgrund dieser F\u00e4higkeiten zur Differenzierung nicht weniger die <em>Musette<\/em>, die sich leicht und semibarock, aber nicht oberfl\u00e4chlich anh\u00f6rt. Die Parallele zu Grieg und dessen Huldigung an Holberg ist un\u00fcberh\u00f6rbar. Daraufhin ist es der Schlusssatz, der die Musiker vor besondere inhaltliche Herausforderungen stellt: Nach einem wuchtigen und fast etwas zu groben Klavierbasssolo zu Beginn der <em>Obstination <\/em>entspinnt sich eine blo\u00dfe Kontrapunktik, die bezeichnenderweise auf einem <em>Basso ostinato<\/em>, dem Motto dieses Finales, basiert. Die Bewertung dieses Kontrastes f\u00e4llt nicht leicht angesichts der vorhergehenden Charakterst\u00fccke: Paul Juon beweist sp\u00e4testens hier, viel mehr als ein blo\u00dfer Unterhaltungsmusiker zu sein, da er all seinen spieltechnischen und innermusikalischen Anspruch gerade auf diesen Schluss der ersten <em>Silhouettes-<\/em>Serie konzentriert. Gleichzeitig hat es den Anschein, als gerate er damit an seine Grenzen, da die <em>Obstination<\/em> in ihrem heterogenen Aufbau etwas \u00fcberladen wirkt, was auch die klangfreudige und souver\u00e4ne Auff\u00fchrung nicht ganz vergessen machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Dessen ungeachtet kann man dieser wie der darauffolgenden zweiten Serie (drittes Buch) entnehmen, dass Juon seine Ziele beharrlich verfolgte und sich weiterentwickelte. Erfreulich ist beim er\u00f6ffnenden <em>Pr\u00e9lude<\/em>, wie der Anspruch nach mehr Komplexit\u00e4t sich mit gekonnter Knappheit verbindet. Der Komponist, der hier seiner Verehrung sowohl f\u00fcr Tschaikowsky als auch f\u00fcr Brahms Ausdruck verleiht, zeigt au\u00dferdem gerade in dieser Er\u00f6ffnung \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein! \u2013 eine N\u00e4he zu J. S. Bach, ohne dabei je epigonal zu klingen. Ruppige Geigenkaskaden und eine herbere Harmonik sprechen ihre eigene Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Aber wie so oft ist Juon mit seinen unterschiedlichen Nationalit\u00e4ten in Personalunion f\u00fcr \u00dcberraschungen gut. Auf das<em> Pr\u00e9lude<\/em>, dem man eine gewisse Neigung zum Handwerk anh\u00f6rt, folgt als deutlicher Kontrast ein <em>Chant d\u00b4amour<\/em>. Mittlerweile haben die <em>Silhouettes<\/em> sich jedoch von ihrem schlicht-sch\u00f6nen Anstrich als romantische Charakterst\u00fccke entfernt \u2013 der Chant d\u00b4Amour erinnert mit seiner weithin verschachtelten Harmonik gleicherma\u00dfen an Szymanowskis Kammermusik und Alban Bergs fr\u00fche Lieder. Demgem\u00e4\u00df erklingt hier kein zartes St\u00e4ndchen, vielmehr gestalten Leidenschaft, der die Musiker freien Lauf lassen, und Dramatik im Wesentlichen die Liebesszene, die dennoch vers\u00f6hnlich verklingt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Anstatt darauf einen wohlfeilen Kehraus folgen zu lassen, bricht Juon mit seinen eigenen Konventionen und erweitert die zweite Serie nun um ein vielfaches, da er aus dem n\u00e4chsten Satz gleich drei macht: Ein kurzes erstes Intermezzo klimpert in den Geigen und dem Klavier vorbei. Als wolle er mit den H\u00f6rern seinen Spa\u00df treiben, schiebt Juon eine kurze Walzerepisode ein, die so rasch verklingt, wie sie daherkam. Sosnowski, Hartmann und Nuss finden selbst in diesem Epigramm den Ausgleich, indem sie weder sich noch das St\u00fcck zu wichtig nehmen, aber auch nicht in lieblose Routine verfallen. Im zweiten, gesanglichen Intermezzo <em>Tranquillo <\/em>erklingt zun\u00e4chst ein Lied ganz im Stile des Wiegenliedes Opus 49\/4 von Brahms, nur um langsam umzuschlagen und sich zu einem Tanz mit Bordun aufzuschwingen. Dieser Vorgang wiederholt sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit und offenbart, wie viel der Komponist auf kleinsten Raum zum Ausdruck bringen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00c4hnlich gestaltet, aber deutlich russischer erklingt das dritte Intermezzo. Reizvoll ist hier vor allem die Stimmgleichberechtigung der zwei Violinen neben dem Klavier, mit der diese kurzen Stimmungsbilder abschlie\u00dfen. Deutlich erklingt nun die <em>Melancolie<\/em>, deren Intimit\u00e4t auf motivischen Kombinationen und konzentriertem Ausdruck beruht. Ein gel\u00f6sterer Mittelteil in H-Dur verl\u00e4uft sich in Seufzern der ersten Violine und f\u00e4llt wieder zur\u00fcck in die unbeantwortete Frage des Anfangs. Wie um den nun f\u00e4lligen Bogen zum Anfang zu spannen, beschlie\u00dft diese zweite Serie ein <em>Danse grotesque<\/em>. Wieder ist es die Neigung zum Makabren und Ausgelassenen am Ende eines Zyklus, die Juon hier sehr beherrscht hervorkehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So bilden allein die Silhouetten einen Kosmos, der Paul Juon als sehr begabten Komponisten, als Russen und Weltb\u00fcrger zugleich vorstellt. Mit den anschlie\u00dfend dargebotenen <em>Sieben kleinen Tondichtungen<\/em> op. 81 gelangt seine sehr ausgewogene Tonsprache zu gr\u00f6\u00dferen Dimensionen, wie sich dies schon im ersten Gedicht, der <em>Pastorale<\/em>, offenbart. Erscheinen die Silhoutten noch wie spielerische Experimentierfelder, so findet Juon hier zu einer abgekl\u00e4rten und formal ausgereiften Sprache, welche die Er\u00f6ffnung schon als Einzelwerk gelten lassen k\u00f6nnte. Auch das darauffolgende Intermezzo hat im Vergleich zu seinen <em>Silhouetten<\/em>-Geschwistern deutlich an Eigenst\u00e4ndigkeit gewonnen. Wie man den f\u00fcnf restlichen Nummern entnehmen kann, ist der Komponist seinem Prinzip, eing\u00e4ngige Charakterst\u00fccke mit gemischten kompositorischen Stilen zu schm\u00fccken, ohne dabei nachahmend zu wirken, insgesamt treu geblieben. Dies beweisen das ausgelassene <em>Impromptu<\/em>, das abermals an Grieg, diesmal dessen norwegische Springt\u00e4nze, erinnert, die <em>Barcarole<\/em>, in welcher die <em>Jahreszeiten <\/em>von Tschaikowsky anklingen, sowie das spritzige <em>Capriccietto<\/em>, das zwischendrin mit ruhigen T\u00f6nen besticht. Originell, ja von archaischer Erhabenheit ist das vorletzte Tongedicht, die <em>Ciaconna<\/em>. \u00c4therisch schl\u00e4ngelt sich deren Soggetto durch die Geigen, dann durch das harfenartige Klavier, nur um sich zu temperamentvoller Entfaltung aufzuschwingen. Wie schon im <em>Pr\u00e9lude<\/em> der Silhouetten bel\u00e4sst es Juon auch hier nicht bei blo\u00dfer Handwerks\u00fcbung, sondern entwickelt die Chaconne im kurzen, aber nicht allzu knappen Rahmen eigenst\u00e4ndig weiter und schafft Kontraste, indem er sie im brachen d-Moll verklingen l\u00e4sst. Daf\u00fcr beschert er uns dann einen heiteren Schluss der Tondichtungsgruppe in Form der <em>Burletta<\/em>, welche ein letztes Mal seine Vorliebe f\u00fcr brillante Kehraus-St\u00fccke unter Beweis stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Als Fazit f\u00fcr dieses Potpourri voller \u00dcberraschungen gilt durchaus, was der Pr\u00e4sident der Internationalen Juon-Gesellschaft, Ueli Falett, im Booklet der vorliegenden Erscheinung schreibt: Es kommt dem Komponisten vor allem auf Ausdrucks- und weniger auf Formalmusik an. Obgleich Juon, wie man bei genauem Hinh\u00f6ren erf\u00e4hrt, auch der Form die Chance zur Entfaltung gibt, reduziert er sie im Gro\u00dfen und Ganzen auf einen soliden, meist dreiteiligen Rahmen und widmet sich ganz seiner vielf\u00e4ltigen Klangsinnlichkeit. Herausgekommen ist eine CD, die zur Entdeckung eines v\u00f6llig zu Unrecht vergessenen, konservativen Meisters der Zeit des Umbruchs zur Moderne einl\u00e4dt und jeden H\u00f6rer ohne musikideologische Vorurteile ansprechen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00a0<strong>[Peter Fr\u00f6hlich, August 2015] <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musiques Suisses MGB CD 6284 Die jungen Geigentalente Malwina Sosnowski und Rebekka Hartmann bringen, zusammen mit ihrem Klavierpartner Benyamin Nuss, lang in Vergessenheit geratene Kammermusik-Kostbarkeiten von Paul Juon zum Erklingen Rechtzeitig zum 75. 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