{"id":958,"date":"2016-06-28T19:01:21","date_gmt":"2016-06-28T17:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=958"},"modified":"2016-06-28T19:07:36","modified_gmt":"2016-06-28T17:07:36","slug":"maximale-vitalitaet-in-den-sphaeren-der-transzendenz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/06\/28\/maximale-vitalitaet-in-den-sphaeren-der-transzendenz\/","title":{"rendered":"Maximale Vitalit\u00e4t in den Sph\u00e4ren der Transzendenz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die italienische Meisterpianistin Ottavia Maria Maceratini gab am 26. Juni im von S\u00e4ulen durchzogenen Gew\u00f6lbesaal der Mohr-Villa in M\u00fcnchen-Freimann ein Solo-Recital mit Ludwig van Beethovens \u201aMondschein\u2019-Sonate, den jeweils ersten beiden Balladen von Johannes Brahms und Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, der Sonatine von Maurice Ravel und der gro\u00dfen Phantasie \u201aGuerrero Andino\u2019 von Juan Jos\u00e9 Chuquisengo, die sie in diesem Jahr in der Z\u00fcrcher Tonhalle uraufgef\u00fchrt hatte.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein Ereignis! Ich bin kein Freund von Schw\u00e4rmereien, doch hier f\u00e4llt es mir schwer, einen n\u00fcchternen Tonfall anzuschlagen. Ottavia Maria Maceratini, die aus den Marche stammende, bei Lorenzo di Bella, Elisso Virsaladze und Christoph Schl\u00fcren ausgebildete Pianistin, soeben 30 Jahre alt geworden, hat zum wiederholten Male in M\u00fcnchen gespielt, nachdem sie als Solistin mit dem Deutschen Symphonieorchester in der Berliner Philharmonie und bei ihrem Deb\u00fct in der Z\u00fcrcher Tonhalle bemerkenswerte Erfolge feiern konnte. Ich kannte bislang ihre beiden vorz\u00fcglichen, bei Aldil\u00e0 Records erschienenen Solo-CDs, und so bedurfte es keinen gro\u00dfen Zuredens besser informierter Freunde, um sie mir endlich einmal live anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich m\u00f6chte es angemessen direkt angehen: Hier tritt eine der beeindruckendsten Musiker-Erscheinungen der jungen Generation vor uns, mit einer sp\u00fcrbaren, respektgebietenden Reife und Selbstbewusstheit, und vollkommen jenseits virtuosen und philosophierendes Beeindrucken-Wollens. Dieser jungen K\u00fcnstlerin geht es \u00fcberhaupt nicht um eine Karriere, sie schert sich nicht um das, was fast alle wollen, und sie versucht gar nicht erst, angepasst zu gefallen. Das Adagio von Beethovens Mondschein-Sonate ist in seiner durchl\u00e4ssigen Introspektion ein sehr heikler Einstieg, und sie lie\u00df es so langsam angehen, dass der Kosmos geradezu herausgefordert wurde, mit Mut und Unerschrockenheit, und dabei mit einer sensitiven Gegenw\u00e4rtigkeit, die Ehrfurcht einfl\u00f6\u00dfen kann. Das Finale dann hat das Publikum in ungeheurer Weise aufgeschreckt und ersch\u00fcttert: was f\u00fcr eine Dichte, geballt dunkle Energie, geb\u00fcndelte Wildheit. Sie spielt mit einer unglaublichen Kraft aus dem ganzen K\u00f6rper, aus der H\u00fcfte scheinen alle Kl\u00e4nge direkt \u00fcbertragen, und egal wie wuchtig es klingt, ist es doch nie gef\u00fchllos geschlagen, der Klang wird nicht hart, sondern machtvoll kernig. Danach die beiden Brahms-Balladen, von wunderbarer W\u00e4rme und Empfindsamkeit, dabei herrlich klar strukturiert, so ganz organisch zusammenh\u00e4ngend verstanden, und mit einem \u201asiebten Sinn\u2019 f\u00fcr die hier so wichtigen tiefen Register. Ganz menschlich durchf\u00fchlt, und doch auf Transzendenz gerichtet. Chopin entfaltete eine \u00fcberw\u00e4ltigende Kraft, vor allem in der g-moll-Ballade, die fast wie aus einem Guss entstand. Das Wunder ist, wie es zugleich aufs feinstrukturell Pr\u00e4ziseste erarbeitet ist und doch mitrei\u00dfend spontan wirkt. Und Ottavia Maria Maceratini ist das Gegenteil von einem Oberstimmen-H\u00e4schen! Sie hat stets den ganzen Umfang, die ganze Bandbreite des Tonsatzes im Blick, und selbst die Begleitfiguren spr\u00fchen vor Leben und \u2013 Wesentlichkeit!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht weniger gelang die Zauberwelt Maurice Ravels, wobei man sich besonders hier eine besseren Fl\u00fcgel gew\u00fcnscht h\u00e4tte als das recht bescheidene Hohner-Modell, das kaum ein leises Spektrum zul\u00e4sst, zumal in einer so halligen Akustik. Aber es sind ja auch die besonderen Herausforderungen, in denen sich wahre Qualit\u00e4t erweisen muss, und zweifellos hat sie eigentlich mehr daraus gemacht als \u201edas Beste\u201c \u2013 sie hat uns v\u00f6llig vergessen lassen, wie unzul\u00e4nglich die zur Verf\u00fcgung stehende Materie war. Dies gilt auch f\u00fcr den gut 20min\u00fctigen \u201aGuerrero Andino\u2019, den \u201aAndenkrieger\u2019 von Juan Jos\u00e9 Chuquisengo, der sich anschickt, nicht nur der substanziellste Komponist seiner peruanischen Heimat zu sein, sondern der lateinamerikanischen Musik eine neue kompositorische Klasse erschlie\u00dft, die hoffentlich noch viele Fr\u00fcchte tragen wird. Ohne den geringsten Zweifel d\u00fcrfen wir annehmen, dass dieses St\u00fcck bald ein Klassiker unserer Zeit sein wird. Und die Hypervirtuosit\u00e4t des Klaviersatzes ist in diesem Fall nicht abschreckend, sondern in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit dem inneren Reichtum des Komponisten und dem weiten Spektrum instrumentalen Ausdrucks, der einfach notwendig ist, um diesen Reichtum einzufangen. Als Zugaben folgten danach noch Chopins Nocturne Opus 48. Nr. 2 in fis-Moll und Schumanns Arabeske, ein bisschen sehr geschwind, aber faszinierend organisch erarbeitet. Gl\u00fccklich, wer hier dabei sein konnte. Und wir beobachten mit gro\u00dfer Spannung, wohin sich Ottavia Maria Maceratini noch bewegen und entwickeln wird. Schon jetzt ist sie ein leuchtendes Beispiel f\u00fcr junge Musiker, die Orientierung suchen in einer Klassikwelt, die immer mehr zum Business der Stars und Exoten degeneriert ist. Sie ist auf einem Weg, der Musik als spirituelle Erfahrung m\u00f6glich macht, ohne dass dies irgendwie den Lustfaktor beeintr\u00e4chtigen w\u00fcrde \u2013 tats\u00e4chlich ein Wunder: maximale Vitalit\u00e4t mitzunehmen in die Sph\u00e4ren der Transzendenz.<\/p>\n<p><strong>[Ernst Richter, Juni 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die italienische Meisterpianistin Ottavia Maria Maceratini gab am 26. 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