{"id":964,"date":"2016-06-30T00:28:14","date_gmt":"2016-06-29T22:28:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=964"},"modified":"2016-06-30T23:04:01","modified_gmt":"2016-06-30T21:04:01","slug":"wie-es-alle-machen-oh-nein-mozarts-da-ponte-oper-als-makellose-interpretation-von-subtiler-schoenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/06\/30\/wie-es-alle-machen-oh-nein-mozarts-da-ponte-oper-als-makellose-interpretation-von-subtiler-schoenheit\/","title":{"rendered":"&#8222;Wie es alle machen&#8220;? Oh nein! &#8211; Mozarts Da-Ponte-Oper als makellose Interpretation von subtiler Sch\u00f6nheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Erato, LC 04281; EAN: 8 25646 82306 2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Georg0003.jpg\" rel=\"attachment wp-att-966\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-966\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Georg0003-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"423\" height=\"367\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Georg0003-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Georg0003-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/06\/Georg0003.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 423px) 100vw, 423px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekannterma\u00dfen ist die Zahl der Mozart-Operneinspielungen gerade im Bereich der Da-Ponte-Opern \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig, ja man m\u00f6chte sagen: un\u00fcberschaubar. Man denke nur an die diversen Aufnahmen des eingefleischten Mozart-Dirigenten Karl B\u00f6hm, sowohl unter dem EMI- und Decca- als auch dem Deutsche Grammophon-Label. Darunter finden sich mindestens jeweils drei Einspielungen und Mitschnitte einer jeden dieser Opern. Selbiges gilt beispielsweise auch in \u00e4hnlichem Ausma\u00df f\u00fcr die Aufnahmen von Sir Georg Solti oder Herbert von Karajan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vorliegende Aufnahme nun, beheimatet unter dem Label Erato (heute ein Unterlabel von Warner Classics) verspr\u00fcht einen ganz besonderen und einzigartigen Zauber. Es ist der nostalgische Flair einer vermutlich untergegangenen Welt, einer &#8222;aurea aetas&#8220;, der goldenen Zeit des karajanesken Musiktheaters. Beheimatet ist diese in einer der schaffensfreudigsten Perioden des Stereozeitalters. Es war eine Zeit unsterblicher Dirigenten und verg\u00f6ttert-umjubelter S\u00e4nger, primadonnenhafter Diven und hinrei\u00dfender, italienischer Ten\u00f6re. Au\u00dferhalb dieses elit\u00e4ren soziokulturellen Rahmens ist es auch eine Zeit politischer Ver\u00e4nderungen, die Zeit des Brusthaar-Toupets, die Zeit von LSD sowie noch von Led Zeppelin und Pink Floyd.<br \/>\nWir schreiben das Jahr 1977. Der Fr\u00fchling ist eingezogen, es ist Mai. Auch um den Palais de la Musique zu Strasbourg beginnt es zu diesem Zeitpunkt rundherum zu bl\u00fchen, in welchem sich gerade eine herausragende S\u00e4ngertruppe um den franz\u00f6sischen Dirigenten Alain Lombard versammelt hat. Ihr gemeinsames Projekt: Mozarts schillernde Ensemble-Oper &#8222;Cos\u00ec fan tutte&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Maori-st\u00e4mmige Sopranistin Kiri Te Kanawa hatte ihr Platten-Deb\u00fct bereits 6 Jahre zuvor mit der kleinen Nebenrolle der Contessa Ceprano in Verdis &#8222;Rigoletto&#8220; (EAN: 028941426925) neben Luciano Pavarotti und Joan Sutherland gegeben. Ihre warme, leicht dunkel timbrierte und wandlungsf\u00e4hige Stimme war es vor allem, die sie zu einer der Lieblingssopranistinnen Sir Georg Soltis machte und f\u00fcr die Rolle der Fiordiligi geradezu pr\u00e4destinierte. In den jungen Jahren ihrer Karriere verf\u00fcgte Te Kanawa \u00fcber ungeahnte lyrische Qualit\u00e4ten sowie \u00fcber gen\u00fcgend Flexibilit\u00e4t in den koloristischen Passagen, was f\u00fcr die gro\u00dfen Mozart-Partien nahezu unabdingbar ist \u2013 anders als in den mittleren und sp\u00e4ten Jahren ihres Schaffens, welche sich durch eine dunklere Nachf\u00e4rbung ihres Timbres und infolge der verbreiterten und schwereren Stimme auch durch weniger Agilit\u00e4t kennzeichnen. An ihrer Seite steht der glanzvolle und sinnliche Mezzosopran von Frederica von Stade, welche ihr Platten-Deb\u00fct gerade einmal zwei Jahre vor dieser Einspielung gab. Bekannt wurde die in New Jersey geborene Mezzosopranistin zumal durch die Interpretation von Mozart- und Rossini-Rollen sowie durch diverse Aufnahmen unter Herbert von Karajan (wie vor allem &#8222;Pell\u00e9as &amp; M\u00e9lisande&#8220; von Claude Debussy; EAN: 5099996672327). In der vorliegenden Aufnahme gestaltet sie die Rolle von Fiordiligis Schwester Dorabella. Interessant ist dabei auch, dass sowohl Kiri Te Kanawa als auch Frederica von Stade ihr gemeinsames US-B\u00fchnendeb\u00fct am 30. Juli 1971 in Mozarts &#8222;Le Nozze di Figaro&#8220; im Opernhaus Santa Fe in New Mexico begingen, Te Kanawa als Contessa und von Stade in der Rolle des Cherubino. Insofern verwundert es wenig, dass es sich in dieser Aufnahme bei beiden bereits um ein eingespieltes Team handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beider Stimmen verschmelzen in den Ensemble-Nummern, insbesondere aber in den intimen Duetten, zu einer derart harmonischen Einheit, dass man meinen k\u00f6nnte, es m\u00fcsse sich dabei um eine einzige Stimme handeln. Phrasierungen und Atempausen sind bis ins letzte wohllautende Sechzehntel exakt aufeinander abgestimmt, Legati, Portamenti und Koloraturen bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Gerade wenn man denken mag, eine so klangsch\u00f6ne Einheit rechtfertige den Verdacht des Langweiligen, ja Emotionslosen, wird man eines Besseren belehrt. Beide Diven gestalten ihre Rollen mit der idealistischen Frische ihrer bl\u00fchenden Jugendlichkeit und gr\u00f6\u00dfter Expressivit\u00e4t, denn auch in ihrer vollkommenen Einheit, ihrer\u00a0geschlossenen Paarung spiegeln sich Kontrast und gegens\u00e4tzliche Leidenschaften wider. Ein scheinbares Paradox, eine sprichw\u00f6rtliche Quadratur des Kreises, m\u00f6chte man meinen. Selten versp\u00fcrt man eine derma\u00dfen ausdrucksstarke mentale Einheit wie bei Te Kanawa und von Stade. Man h\u00f6re sich nur die g\u00e4nsehautverd\u00e4chtigen Nummern &#8222;Ah guarda, sorella&#8220; zu Beginn des ersten Aktes sowie mehr noch das &#8222;Ah che tutta in un momento&#8220; am Schluss desselbigen an! Erst da wird einem bewusst, wie Mozart klingen kann. Allein wegen diesen beiden Ausnahme-S\u00e4ngerinnen w\u00fcrde sich die Anschaffung dieser Aufnahme allemal lohnen, doch des Lobes ist an dieser Stelle bei Weitem noch nicht genug getan.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als weitere Stars dieser Aufnahme m\u00fcssen auch der Dirigent und sein Orchester genannt werden. Noch fern den Bewegungen der historischen Auff\u00fchrungspraxis dirigiert Lombard einen \u00e4u\u00dferst feinsinnigen und gef\u00fchlvollen Mozart. Er l\u00e4sst die Partitur atmen, gestattet jeder Phrase die Zeit, welche sie braucht, um sich zu entwickeln. Lombard ist der eigentliche Klangmagier dieser Aufnahme, denn mittels seiner kundigen H\u00e4nde lotet er die filigrane Balance zwischen S\u00e4ngerkorpus und Instrumentarium aus, w\u00e4hlt jeweils instinktiv immer das angemessene Tempo und gibt den S\u00e4ngern stets den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Entfaltungsraum und die Sicherheit, um der subtilen Sch\u00f6nheit der Partitur zu gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichem Glanz und Wohllaut zu verhelfen. Gro\u00dfe dynamische B\u00f6gen werden auf \u00fcberzeugende Art und Weise gestaltet, von zarten, melancholischen T\u00f6nen bis hin zu feurig-leidenschaftlichen Sequenzen, welche mitunter, wenn passend, auch ein kom\u00f6diantisches Kolorit nicht vermissen lassen. In dem els\u00e4ssischen Orchestre Philharmonique de Strasbourg hat der Dirigent einen h\u00f6chst emphatischen und einheitlichen Klangk\u00f6rper gefunden, der es aufs Beste versteht, besagte Balance mit der n\u00f6tigen Transparenz und Differenziertheit auszustatten. Auch der engagierte Choeur de l&#8217;Op\u00e9ra du Rhin verdient an dieser Stelle gro\u00dfes Lob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den \u00fcbrigen S\u00e4ngern sind noch David Rendalls Ferrando und Teresa Stratas Despina hervor zu heben. David Rendalls Tenor ist von lyrischer Kraft und kerniger Agilit\u00e4t. Technisch wei\u00df er durch ein samtenes Messa di voce, ausdrucksstarke Pianissimi und geschickte Verzierungen zu \u00fcberzeugen. Aufgrund dieser versierten Eigenschaften ist es nicht allzu verwunderlich, dass Ferrando das Herz Fiordiligis, der Dame seines Wettkonkurrenten, in Null-Komma-Nichts zum Schmelzen bringt. Ein eindr\u00fcckliches Zeugnis ist in dieser Hinsicht das Duett &#8222;Fra gli amplessi&#8220; im zweiten Akt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die griechische S\u00e4ngerin Teresa Stratas vermag mit ihren schauspielerischen F\u00e4higkeiten eine \u00e4u\u00dferst kokette und kom\u00f6diantische Despina zu zeichnen. In der Rolle des anstiftenden Naivchens und der Verb\u00fcndeten Don Alfonsos bringt sie ihren neckischen Soubretten-Sopran zu voller Geltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als nicht unwesentlicher Rest der S\u00e4ngertruppe um Lombard seien dar\u00fcberhinaus noch der stattliche Bariton Philippe Huttenlochers in der Rolle des Guglielmo und der volumin\u00f6se belgische Bass von Jules Bastin in der Rolle des Don Alfonso gew\u00fcrdigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zusammenspiel all dieser Partien erweckt den Eindruck eines eingespielten und perfekt aufeinander abgestimmten Ensembles, wie man es vielleicht noch am ehesten von Wiener Mozart-Ensembles der Nachkriegszeit um Dirigenten wie Josef Krips in Erinnerung behalten hat. Die gro\u00dfartige Aufnahme-Akustik und R\u00e4umlichkeit des Klanges setzt der vorangegangenen Liste des Lobes ein weiteres i-T\u00fcpfelchen auf. Eine Aufnahme, die den Glanz dieses goldenen Zeitalters wieder heraufbeschw\u00f6rt und durch ihren nostalgischen Zauber sowie ihre absolute Einzigartigkeit besticht. Cos\u00ec fan tutte? Mitnichten!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So liegt hier meines Erachtens eine der besten \u201eCos\u00ec fan tutte\u201c-Darbietungen der Plattengeschichte vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Georg Glas, Juni 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erato, LC 04281; EAN: 8 25646 82306 2 Bekannterma\u00dfen ist die Zahl der Mozart-Operneinspielungen gerade im Bereich der Da-Ponte-Opern \u00e4u\u00dferst vielf\u00e4ltig, ja man m\u00f6chte sagen: un\u00fcberschaubar. Man denke nur an die diversen Aufnahmen des eingefleischten Mozart-Dirigenten Karl B\u00f6hm, sowohl unter dem EMI- und Decca- als auch dem Deutsche Grammophon-Label. 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