{"id":976,"date":"2016-07-03T11:22:37","date_gmt":"2016-07-03T09:22:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=976"},"modified":"2016-07-03T11:22:37","modified_gmt":"2016-07-03T09:22:37","slug":"vom-unerhoerten-zum-unhoerbaren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/03\/vom-unerhoerten-zum-unhoerbaren\/","title":{"rendered":"Vom Unerh\u00f6rten zum Unh\u00f6rbaren"},"content":{"rendered":"<p>Hyperion CDA 68 108; EAN: 0 34571 28108 7<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ulrich0030.jpg\" rel=\"attachment wp-att-977\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-977\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ulrich0030-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"358\" height=\"310\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ulrich0030-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ulrich0030-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ulrich0030.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 358px) 100vw, 358px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Steven Osborne spielt St\u00fccke von Morton Feldman* und George Crumb**:<\/em><br \/>\n<em>Intermission 5*, \u00a0 Processional**, \u00a0 Piano Piece 1952*, \u00a0 Extensions 3*, \u00a0 A Little Suite for Christmas A.D. 1979** ,\u00a0 Palais de Mari*.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\nAls ich 1991 im Rahmen des M\u00fcnchner Pfingstsymposiums zum ersten Mal ein St\u00fcck f\u00fcr Violine und Klavier von Morton Feldman h\u00f6rte, war der Eindruck \u00e4u\u00dferst stark und nachhaltig. Seinen Band mit Essays musste ich deswegen sofort haben, allerdings lag er dann eben \u2013 wie das manchmal so geschieht \u2013 jahrelang unbeachtet herum. Die CD mit Klaviermusik von Feldman und Crumb holte dies Buch endlich ans Licht und es erwartete mich wiederum eine ganz besondere \u00dcberraschung: Nicht nur die Musik\u00a0 von Morton Feldman fesselte mich wie eh und je, auch er als Schreiber und Denker, als Essayist ist ein \u00fcberaus spannender und beeindruckender Kopf, der nicht nur mit unz\u00e4hligen Malern und Musikern Kontakt hatte oder sogar befreundet war, es macht auch verst\u00e4ndlich, wie er selbst seine Rolle als zeitgen\u00f6ssischer Komponist sah und gesehen haben wollte. Ein besonders lesenswertes Buch zur Musik des 20. Jahrhunderts, nicht nur der amerikanischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Die CD selbst \u201eprunkt\u201c\u00a0 mit einem ausgezeichneten Booklet \u2013 dreisprachig nat\u00fcrlich \u2013, in dem zu allen St\u00fccken Verst\u00e4ndliches gesagt wird. Selbstredend muss ein Pianist, der diese \u201eutopische\u201c Musik realisieren m\u00f6chte, nicht nur sein Handwerkszeug beherrschen, was klar ist, er muss die Utopie der Musik von Feldman und Crumb, die sich jenseits der ausgefallensten Klavierstile des 20. Jahrhunderts bewegt, zum Klingen bringen, besser gesagt, Klang werden lassen, denn das ist eine der Voraussetzungen f\u00fcr diese \u201eMusik\u201c, die ans \u201eUnh\u00f6rbare\u201c grenzt und grenzen will. Sie will den Rahmen des \u201enormalen\u201c Komponierens oder auch \u201eAuff\u00fchrens\u201c sprengen und den H\u00f6rer mit \u201eseinem\u201c H\u00f6ren alleine lassen. Wie uns die moderne Malerei oftmals auch mit der Unendlichkeit einer einzigen Farbe in die Irritationen des Gegenst\u00e4ndlich-Abstrakten st\u00fcrzen m\u00f6chte, wo es keine Erkl\u00e4rung oder keine hilfreichen Definitionen mehr geben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kein Wunder, dass in New York um 1950 \u2013 Morton Feldman und John Cage wohnten eine Weile im selben Hochhaus \u2013 alles in Bewegung war, im Aufruhr, denn man wollte endlich die eingefahrenen \u2013 sehr oft europ\u00e4isch ererbten \u2013 Kriterien von Kunst und K\u00f6nnen, bzw. M\u00fcssen, hinter sich lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alles wird relativiert und in Frage gestellt, Zeit und Ort der Auff\u00fchrung, Dauer und Art \u2013 einige St\u00fccke von Morton Feldman dauern \u00fcber 4 Stunden \u2013 und der einzelne Ton, der einzelne Klang wird in seine urspr\u00fcngliche Unfassbarkeit und \u201eWunderlichkeit\u201c zur\u00fcckgef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Kein Wunder also, dass nach dem Anh\u00f6ren dieser Musik, dieser Kl\u00e4nge bis hin zum Unh\u00f6rbaren eine neue Sensibilit\u00e4t f\u00fcr alle andern Arten sich einstellen kann und m\u00f6chte. Die gro\u00dfe Frage, die sich nach dem Anh\u00f6ren dieser \u201eMusik\u201c stellt, ist die, ob Kl\u00e4nge oder Klangerlebnisse dieser Art \u00fcberhaupt aufgeschrieben bzw. komponiert werden m\u00fcssen, oder ob sich solches Erleben nicht viel besser und ad\u00e4quater im Augenblick, das hei\u00dft, in der Improvisation g\u00fcltig macht \u2013 Musik ist eine \u201eZeitkunst\u201c, der h\u00f6rbare (oder unh\u00f6rbare) Moment ist das Wesen solcher Kunst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ob allerdings dieser Weg ein Echo findet in der heutigen \u2013 alles ist machbar, Herr Nachbar! \u2013 Welt, ist mehr als fraglich, doch umso begr\u00fc\u00dfenswerter ist diese CD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">(Allein die Gelassenheit und Zeit, die solche St\u00fccke fordern, l\u00e4sst das ganze Projekt sehr idealistisch und notwendig erscheinen!)<\/p>\n<p><strong>[Ulrich Hermann, Juli 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hyperion CDA 68 108; EAN: 0 34571 28108 7 Steven Osborne spielt St\u00fccke von Morton Feldman* und George Crumb**: Intermission 5*, \u00a0 Processional**, \u00a0 Piano Piece 1952*, \u00a0 Extensions 3*, \u00a0 A Little Suite for Christmas A.D. 1979** ,\u00a0 Palais de Mari*. 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