{"id":98,"date":"2015-08-28T18:54:16","date_gmt":"2015-08-28T16:54:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=98"},"modified":"2015-08-28T18:54:16","modified_gmt":"2015-08-28T16:54:16","slug":"authentische-mannigfaltigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2015\/08\/28\/authentische-mannigfaltigkeit\/","title":{"rendered":"Authentische Mannigfaltigkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Hermann Hans Wetzler (1870-1943). Dirigent und Komponist<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Monographie, erschienen bei B\u00e4renreiter (ISBN 978-3-7618-2358-3)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BVK2358c.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-99\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BVK2358c-213x300.jpg\" alt=\"Zwischen USA und dt Reich VA1 VS\" width=\"213\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BVK2358c-213x300.jpg 213w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BVK2358c-726x1024.jpg 726w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/BVK2358c.jpg 827w\" sizes=\"(max-width: 213px) 100vw, 213px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Buch habe ich mit gro\u00dfer Spannung erwartet, nachdem wir in der Studienpartitur-Reihe Repertoire Explorer (www.musikmph.de) vier Orchesterwerke Hermann Hans Wetzlers erstmals nach langer Zeit wieder verf\u00fcgbar gemacht hatten und Heinrich Aerni bei der Abfassung der Vorworte eine selbstlose Hilfe war. Hermann Hans Wetzler war in den 20er Jahren in Deutschland und auch \u2013 wenn auch in geringerem Ma\u00dfe \u2013 in den USA ein gro\u00dfer Name konservativer Couleur. Er ist einer der Meister jener mit maximaler \u00e4u\u00dferen Wirkung geschriebenen Musik f\u00fcrs gro\u00dfe Orchester, die wir als \u201aKapellmeistermusik\u2019 kennen (dies ohne jeden abf\u00e4lligen Beigeschmack!), also Musik, die mit immenser Beherrschung der instrumentalen Mittel im gro\u00dfen Ma\u00dfstab verfasst wurde. Die heute prominentesten Komponisten dieser Sorte, die vor allem im deutschen Sprachraum erbl\u00fchte, waren nat\u00fcrlich \u2013 in der Nachfolge von Wagner, Liszt und B\u00fclow \u2013 Richard Strauss, Gustav Mahler, Hans Pfitzner, Alexander Zemlinsky, der sp\u00e4te Max Reger, Franz Schreker und schlie\u00dflich als einer, der ganz andere Wege einschlug, Anton Webern, aber auch Paul B\u00fcttner, Hermann Suter, Emil Nikolaus von Reznicek, Max von Schillings, Siegmund von Hausegger, Wilhelm Furtw\u00e4ngler, Felix Weingartner, Max Fiedler, Georg Schumann, und gewiss Wetzler m\u00fcssen hier, stellvertretend f\u00fcr viele weitere, genannt werden. Fast war es so, dass ein Dirigent, wollte er beweisen, wie tief sein musikalisches Verst\u00e4ndnis gereichte, dies zu zeigen hatte, indem er eigene Kompositionen in die \u00d6ffentlichkeit brachte, und wer sollte schon mehr vom Orchester verstehen als er? (Auch wenn dem geringere Wirkung beschieden war wie bei Arthur Nikisch, Leopold Damrosch, Frederick Stock, Bruno Walter, Otto Klemperer, Robert Heger oder Leo Blech.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wetzlers Leben spielte sich zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland ab, mit einem sp\u00e4ten, durch seine j\u00fcdische Herkunft erzwungenen Intermezzo in der Schweiz. 2006 gelangte sein umfangreicher und h\u00f6chst geschichtsrelevanter Nachlass in die Z\u00fcrcher Zentralbibliothek, wo Heinrich Aerni die Gelegenheit beim Schopf ergriff und sich der Sache intensiv annahm, was letztlich zur vorliegenden Buchver\u00f6ffentlichung f\u00fchrte. Wie sehr w\u00e4re zu w\u00fcnschen, dass eine derart fundiert informierende Publikation auch anderen Komponisten zugute k\u00e4me! Wie sch\u00f6n w\u00e4re es z. B., ein Dresdner Bibliothekar n\u00e4hme sich in vergleichbarer Weise Paul B\u00fcttners an, oder ein Basler Bibliothekar Friedrich Kloses oder Felix Weingartners \u2013 wenn man schon an der Quelle sitzt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 8. September 1870 in Frankfurt am Main geboren, wuchs Wetzler zun\u00e4chst in Chicago, dann in Cincinnati auf, wo er Violine, Klavier, Orgel und alle musiktheoretischen F\u00e4cher studierte und bald zusammen mit seiner Schwester auftrat. 1884 zog die Familie weiter nach New York, im Jahr darauf zur\u00fcck nach Frankfurt. 1892 wurde Wetzlers Symphonie in Es dort am Hoch\u2019schen Konservatorium uraufgef\u00fchrt, und noch im selben Jahr \u00fcbersiedelte er wieder nach New York und heiratete 1896 die Schwester eines Freundes, mit welchem er jahrelang zusammen an der Konstruktion eines \u201aLuftschiffes\u2019 arbeitete. 1898 dirigierte er sein erstes eigenes Konzert in New York, und 1902 gelang es ihm, mit geballtem M\u00e4zenatentum im R\u00fccken das Wetzler Symphony Orchestra zu gr\u00fcnden, welches zwei Spielzeiten lang f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen sorgte und u. a. 1904 die Urauff\u00fchrung von Richard Strauss\u2019 Sinfonia domestica spielte. Doch dann entglitt ihm das Gl\u00fcck. Er zog 1905 zur\u00fcck nach Deutschland und trat nacheinander Kapellmeisterstellen in Hamburg, Elberfeld (ab 1929 Teil der neugegr\u00fcndeten Stadt Wuppertal), Riga und Halle an, bevor er 1915 in L\u00fcbeck Nachfolger Wilhelm Furtw\u00e4nglers wurde und seine erfolgreichste \u00c4ra als Dirigent erleben durfte. In diese Zeit fiel auch 1917 der durchschlagende Erfolg seiner Ouvert\u00fcre (und Schauspielmusik) zu Shakespeares \u201aWie es euch gef\u00e4llt\u2019. 1919 wurde er neben Otto Klemperer erster Kapellmeister an den St\u00e4dtischen B\u00fchnen K\u00f6ln, seine Symphonische Phantasie op. 10 kam zur Urauff\u00fchrung, doch 1923 verlor er nach Zerw\u00fcrfnissen seine Anstellung und fand auch keine andere mehr. Sein aufsehenerregendster Erfolg als Komponist gelang ihm 1923 mit den \u201aVisionen\u2019 (eigentlich \u201aSilhouetten\u2019) f\u00fcr gro\u00dfes Orchester, die ein Intermezzo ironico enthalten, in welchem in massiv grotesker Weise moderne Klischees verspottet werden. H\u00f6hepunkt seines Schaffens ist meines Erachtens freilich die symphonische Legende \u201aAssisi\u2019 op. 13, mit welcher er 1925 den 1. Preis im Kompositionswettbewerb des North Shore Festival in Michigan gewann. 1928 kam in Leipzig seine Oper \u201aDie baskische Venus\u2019 zur Urauff\u00fchrung, die sehr gespaltene Reaktionen hervorrief. 1931 \u00fcbersiedelte Wetzler in die Schweiz, 1932 spielte Gustav Havemann in Berlin erstmals seine Symphonie concertante f\u00fcr Violine und Orchester, 1933 starb Wetzlers Frau Lini in Wiesbaden, und 1935 zog Wetzler nach Ascona zu seiner Freundin Doris Oehmigen. 1937 wurde in Salzburg sein Magnificat aus der Taufe gehoben, und 1940 emigrierte er in die USA, wo er sein Streichquartett op. 18 vollendete, bei Paul Hindemith Unterricht in modernem Tonsatz in erweiterter Tonalit\u00e4t nahm, den ersten Satz einer American Rhapsody f\u00fcr Orchester schrieb und am 29. Mai 1943 in New York starb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Komponist schwamm Wetzler im Fahrwasser seiner Vorg\u00e4nger, mit einer immensen lyrischen und dramatischen Begabung versehen, und mit ungeheurem Ehrgeiz und Flei\u00df. Wagner, Strauss, vieles weitere, sp\u00e4ter auch Einfl\u00fcsse j\u00fcngerer Provenienz sind omnipr\u00e4sent, doch in seinen st\u00e4rksten Werken, in den gelungensten Passagen gerade in \u201aAssisi\u2019, findet Wetzler zu einem magisch fesselnden Ton, der nicht nur mit grandioser K\u00f6nnerschaft imponiert, sondern auch in einer Neigung zu versponnener Naturmystik fasziniert. Gro\u00dfartiger kann ein Orchester nicht klingen! Bei cpo ist vor sechs Jahren eine CD mit der Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz unter Frank Beermann erschienen, mit den \u201aVisionen\u2019 und \u201aAssisi\u2019, die an dieser Stelle ausdr\u00fccklich empfohlen sei (nat\u00fcrlich stammt der fundierte Begleittext aus der Feder von Aerni).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heinrich Aerni gibt in seinem Buch nicht nur einen h\u00f6chst schattierungsreichen und spannenden \u00dcberblick \u00fcber Leben und Schaffen Wetzlers, der vor allem mit seiner scharf beobachtenden, zitatenreichen Zeitzeugenschaft fesselt; er liefert zudem im zweiten Teil eine F\u00fclle statistisch aufgef\u00fchrter Fakten, die als solide Grundlage jeder weiteren Besch\u00e4ftigung mit diesem vergessenen Komponisten und Dirigenten dienen werden: auf eine knappe Zeittafel folgt ein Werkverzeichnis mit allen relevanten Angaben (auch zu Wetzlers zeittypischen Bach-Bearbeitungen); ein Schriftenverzeichnis (darunter einiges Unver\u00f6ffentlichte; hier d\u00fcrfte noch manche wertvolle Entdeckung f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit gemacht werden, worauf auch zwei diesbez\u00fcgliche Briefe Thomas Manns hinweisen); ein umfassendes Repertoireverzeichnis des Dirigenten, Pianisten und Organisten mit exakten Datierungen; eine Auflistung der Auff\u00fchrungen von Wetzlers Werken zu seinen Lebzeiten (60 Auff\u00fchrungen allein der Ouvert\u00fcre zu \u201aWie es euch gef\u00e4llt zwischen 1917 und 1923, und 42 Auff\u00fchrungen von \u201aAssisi\u2019 bis 1942); ein umfangreicher Anhang mit Notenbeispielen; drei ausgew\u00e4hlte Texte von Lini Wetzler und, wie erw\u00e4hnt, Thomas Mann; und ein ziemlich ergiebiges Quellen- und Literaturverzeichnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aerni versteht es, so zu schreiben, dass man alles mit Genuss und Gewinn liest. Gerne unterstreicht er Einzelfakten mit tabellarischen Mitteln, was sehr anschaulich ist. Auch das Bildmaterial ist bemerkenswert vielf\u00e4ltig. Wenn Wetzler damals als Dirigent umstritten war, so m\u00f6chte ich dem einzig einen Gesichtspunkt anf\u00fcgen, der bei Aerni nicht angesprochen wird. Damals war das technische Niveau der Orchester nat\u00fcrlich viel d\u00fcrftiger als heute (jedes heutige deutsche B-Orchester w\u00e4re in dieser Hinsicht damals ein Spitzenensemble gewesen); bei den Dirigenten jedoch verhielt es sich umgekehrt: sie waren viel substanziellere Musikerpers\u00f6nlichkeiten, und wir d\u00fcrfen sicher sein, dass ein Mann von der Kompetenz, den F\u00e4higkeiten und der unb\u00e4ndigen Energie Wetzlers heute in der allerersten Riege der Dirigenten zuhause w\u00e4re. Dies, um die Relationen \u00fcber die Zeiten hinweg zurechtzur\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fazit: ein exzellentes Buch, das uns nicht nur Hermann Hans Wetzler, sondern seine ganze Zeit und Zunft in einem Ma\u00dfe und einer authentischen Mannigfaltigkeit n\u00e4herbringt, wie dies sehr selten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Christoph Schl\u00fcren, August 2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heinrich Aerni: Zwischen USA und Deutschem Reich. Hermann Hans Wetzler (1870-1943). 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