{"id":980,"date":"2016-07-05T16:20:27","date_gmt":"2016-07-05T14:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=980"},"modified":"2016-07-05T16:20:27","modified_gmt":"2016-07-05T14:20:27","slug":"unerhoerter-tango","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/05\/unerhoerter-tango\/","title":{"rendered":"Unerh\u00f6rter Tango"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das letzte Konzert der Saison der Bayerischen Kammerphilharmonie Augsburg unter Leitung ihres Konzertmeisters Gabriel Adorj\u00e1n steht unter dem Motto: &#8222;Un-er-h\u00f6rt: Tango!&#8220;. Am 3. Juli 2016 sind im ausverkauften Parktheater im historischen Kurhaus G\u00f6ggingen nach zwei Tangos von Astor Piazzolla das Concerto per Corde op. 33 von Alberto Ginastera und die Urauff\u00fchrung &#8222;El Tango&#8220; von Juan Jos\u00e9 Chuquisengo zu h\u00f6ren. Nach der Pause spielt Chuquisengo zun\u00e4chst allein die &#8222;Danzas argentinas&#8220; op. 2 von Ginastera. Beschlossen wird der Konzertabend mit Piazzollas &#8222;Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as&#8220; in einer Fassung f\u00fcr Streicherensemble und Klavier (im Programm nicht ausgewiesen, gehe ich davon aus, dass es sich hier um das Arrangement von Jos\u00e9 Bragato handelt, dem Cellisten in Piazzollas Band).<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem ich bereits die Urauff\u00fchrungen der solistischen Streichquintettfassung von Juan Jos\u00e9 Chuquisengos &#8222;Tango Metamorphosen&#8220; in M\u00fcnchen und seiner gro\u00dfen Klavierphantasie &#8222;Guerrero Andino&#8220; in Z\u00fcrich miterleben durfte, kann ich es mir nicht entgehen lassen, nun auch nach Augsburg zu fahren, um die Urauff\u00fchrung der originalen Streichorchesterfassung der &#8222;Tango Metamorphosen&#8220;, unter dem Titel &#8222;El Tango&#8220;, zu h\u00f6ren. Auch das restliche Programm der beiden prominentesten argentinischen Komponisten ist ansprechend: Alberto Ginasteras Concerto per Corde besticht mit einem d\u00fcsteren, teils beinahe gespenstischen und vor allem radikal fortschrittlich-modernen Ton sowie einem unwiderstehlichen Groove und heiklen Aufgaben f\u00fcr die Stimmf\u00fchrer, welche im ersten Satz alle zu Solisten ernannt werden. Seine &#8222;Danzas argentinas&#8220; sind noch weit weniger modern, aber nicht minder von treibender Rhythmik durchzogen und von einer fesselnden Virtuosit\u00e4t gepr\u00e4gt. Ein stetiger Publikumsliebling sind Piazzollas &#8222;Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as&#8220;, die t\u00e4nzerischen Pendants des 20. Jahrhunderts in Buenos Aires zu Vivaldis Vier Jahreszeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine sp\u00fcrbare Einigkeit und eine gemeinsame Leidenschaft zeichnen die Bayerische Kammerphilharmonie unter Gabriel Adorj\u00e1n aus. Die nunmehr f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Zusammenarbeit hinterl\u00e4sst Spuren, alles entsteht aus einem routinierten, dadurch vereinten Atem heraus. Sogar in den komplexen Strukturen des Concerto per Corde bleibt dies gewahrt, ohne rhythmisch auseinanderzudriften. Vor allem in diesem viers\u00e4tzigen Werk zeigt sich auch die instrumental-virtuose Qualit\u00e4t sowohl in den Soli der Stimmf\u00fchrer als auch in den vertrackten Tutti-Passagen. Bemerkenswert hier wie auch in den anderen St\u00fccken ist besonders der einzige Kontrabassist, Benedict Ziervogel, der aus der Tiefe heraus eine klangvolle und pr\u00e4zise Basis schafft, die unabdingbar f\u00fcr das harmonische Zusammenwirken der Kammerphilharmonie ist. Vor allem durch den zwar optisch \u00e4u\u00dferst sch\u00f6nen, aber akustisch trockenen und sehr hohen Glaspalast-Saal ist insgesamt die dynamische Bandbreite recht eingeschr\u00e4nkt und viele Kontraste kommen eher rudiment\u00e4r zum Tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Juan Jos\u00e9 Chuquisengo tritt bei der Urauff\u00fchrung seines &#8222;El Tango&#8220; als Dirigent auf die B\u00fchne: Das Werk ist derart komplex und rhythmisch anspruchsvoll, dass es zwingend eines musikalischen Leiters bedarf. Hier erlebt der H\u00f6rer Gro\u00dfes, eine riesig dimensionierte Phantasie auf den Tango erblickt das Licht der Welt, voll mit rhythmischem Glanz, stilvollen Effekten und einer stetigen Metamorphose der Themen, die immer in anderer Gestalt hervorbrechen und dabei durchweg nachvollziehbar bleiben. Eing\u00e4ngiges Schwelgen in Tango-Leidenschaft wechselt mit dicht-polyphoner Stimmvielfalt, f\u00fcr Langeweile oder Unaufmerksamkeit ist in diesem \u00fcber 25 Minuten langen Werk kein Gramm Platz. Und es ist eine durchaus gelungene Urauff\u00fchrung, die vieles der Noten preisgibt und dem H\u00f6rer verst\u00e4ndlich vermittelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Ph\u00e4nomen erklingt nach der Pause, nun sitzt Juan Jos\u00e9 Chuquisengo am Klavier. Mit Superlativen gilt es stets sparsam umzugehen, aber hier l\u00e4sst sich zweifelsohne von einem sprechen: Absolute Perfektion. Gar mehr ist es, es ist ein vollkommen neues Erlebnis von Klaviertechnik durch Minimierung und Fokussierung der Bewegung. Jede Bewegung des Peruaners kommt sichtlich aus seiner K\u00f6rpermitte und wird unmittelbar von dort in die Arme geleitet, welche sie agil und pr\u00e4zise wie Kobras in die Tasten projizieren. Alles ist locker ohne jede unn\u00f6tige oder gar hemmende Verspannung, ein absoluter Fluss. Dies kommt dem Klang maximal zugute, dieser ist warm, voll und in stetem Bewusstsein von innen heraus gesp\u00fcrt. Federleicht wirkt sogar das ausgesprochen kr\u00e4ftige Forte, und auch die virtuosesten L\u00e4ufe und Spr\u00fcnge perlen in spielerischer Gelassenheit. Dies ist Klavierspiel auf einer neuen Stufe!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam beenden die Musiker den Abend mit Piazzollas &#8222;Las Cuatro Estaciones Porte\u00f1as&#8220; und rufen damit nach jedem Satz frenetischen Applaus hervor. Mit glutvoll entfesseltem Elan und martialisch-heiterem Schwung bieten die Musiker den Tango-Klassiker mit vollem Elan dar. Mittelpunkt auch hier wieder das feinst schattierende und unmittelbar ansprechende Spiel von Chuquisengo, welcher hier eine hinrei\u00dfende Symbiose mit den Streichern eingeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wahrlich erfreulicher Abend in Augsburg mit groovender Musik, einer revulotion\u00e4r-neuen Tango-Evolution und einem unvergleichlichen Solisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>[Oliver Fraenzke, Juli 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das letzte Konzert der Saison der Bayerischen Kammerphilharmonie Augsburg unter Leitung ihres Konzertmeisters Gabriel Adorj\u00e1n steht unter dem Motto: &#8222;Un-er-h\u00f6rt: Tango!&#8220;. Am 3. 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