{"id":992,"date":"2016-07-10T18:10:23","date_gmt":"2016-07-10T16:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/?p=992"},"modified":"2016-07-10T18:10:35","modified_gmt":"2016-07-10T16:10:35","slug":"wunderbare-stuecke-in-wunderbarer-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.the-new-listener.de\/index.php\/2016\/07\/10\/wunderbare-stuecke-in-wunderbarer-vielfalt\/","title":{"rendered":"Wunderbare St\u00fccke in wunderbarer Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Polish Violin Concertos<br \/>\nPiotr Plawner (Violine)<br \/>\nKammersymphonie Berlin \u2013 J\u00fcrgen Bruns<br \/>\nLabel: NAXOS<br \/>\nEAN: 747313349678<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Grete0014.jpg\" rel=\"attachment wp-att-993\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-993\" src=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Grete0014-300x260.jpg\" alt=\"\" width=\"356\" height=\"309\" srcset=\"http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Grete0014-300x260.jpg 300w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Grete0014-768x665.jpg 768w, http:\/\/www.the-new-listener.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Grete0014.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie definiert man polnische Musik? Das ist eine Frage, die sich bei der Besch\u00e4ftigung mit diesem neuen Album des NAXOS-Labels unvermittelt stellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Komponist wie Alexandre Tansman, geboren 1897 in \u0141\u00f3d\u017a, 1920 die franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft angenommen, vor den Nazis nach Lissabon geflohen und von dort dann in die USA ausgereist, 1946 nach Paris zur\u00fcckgekehrt und bis zu seinem Tod dort geblieben. Hat er \u201epolnische\u201c Musik komponiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Oder Micha\u0142 Spisak: 1914 geboren in S\u00fcdpolen, ab 1935 wohnhaft in Paris, wo er 1965 auch gestorben ist. Auch Andrzej Panufnik, der einen Gro\u00dfteil seines Lebens in Gro\u00dfbritannien verbrachte und aus Entt\u00e4uschung in den 1950er-Jahren seinem Heimatland Polen den R\u00fccken kehrte oder Gra\u017cyna Bacewicz, die Anfang der 1930er-Jahre nach Paris ging, um (wie auch Spisak) bei Nadia Boulanger zu studieren, kann man schwerlich einen h\u00f6rbar \u201epolnischen Stil\u201c attestieren, auch wenn diese beiden immerhin viel Zeit ihres Lebens in ihrem Heimatland verlebt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist daher durchaus fraglich, ob es gerade bei polnischen Komponisten Sinn macht, ein Album mit vermeintlich \u201epolnischer Musik\u201c zu konzipieren. Gerade in Polen kann man keine \u201eSchule\u201c ausmachen, keinen spezifischen \u201eSound\u201c wie man ihn etwa sofort im Ohr hat, wenn von tschechischer, ungarischer oder russischer Musik die Rede ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ein Manko ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil, wie dieses hoch interessante Album beweist. Es enth\u00e4lt vier ganz hervorragende Kompositionen von \u00fcberwiegend ausgezeichneter Qualit\u00e4t, und es ist zudem von der Kammersymphonie Berlin unter J\u00fcrgen Bruns und vom \u00fcberraschend gro\u00dfartigen Solisten Piotr Plawner (der zumindest mir vor dieser Aufnahme \u00fcberhaupt kein Begriff war) in sehr, sehr guter Qualit\u00e4t eingespielt worden, dank einer Koproduktion mit dem Deutschlandradio zudem in brillantem Aufnahmeklang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das erste Konzert des Albums ist auch das Interessanteste. Es stammt von Gra\u017cyna Bacewicz. Naxos hatte bereits im letzten Jahr mit einer Gesamteinspielung der Bacewicz-Streichquartette einen echten Coup gelandet. Bacewiczs Musik, die manchmal sehr an Weinberg und Schostakowitsch erinnert, m\u00fcsste ein gro\u00dfes Publikum begeistern k\u00f6nnen. Und kaum ein Werk w\u00e4re besser geeignet, um besagtes Publikum f\u00fcr sich zu gewinnen, als dieses tolle Violinkonzert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es ist nicht einfach vordergr\u00fcndig virtuos, sondern es wimmelt vor allem von sch\u00f6nen Melodien und einem von lyrischer Heiterkeit durchwehten Geist. Erstaunlich ist dies schon allein deshalb, weil das St\u00fcck im Jahr 1937 entstand, als die bevorstehende politische Krise nicht wenige (darunter auch Bacewicz selbst) zu d\u00fcster-vorahnungsvollen Kompositionen inspirierte. H\u00f6rt man etwa Bacewiczs d\u00fcster bis teils sogar depressiv gef\u00e4rbte Streichquartette, kann man kaum glauben, dass dieses heitere, ganz unproblematisch zug\u00e4ngliche St\u00fcck von derselben Komponistin stammen soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Alexandre Tansmans \u201eCinq Pi\u00e8ces pour violon et petit orchestre\u201c atmen (wie so vieles von diesem schwierig zu interpretierenden Komponisten) den Neoklassizismus der Art Strawinsky, freilich durchwebt mit dem Hauch zur\u00fcckhaltender Noblesse und Eleganz, die man bei Tansman h\u00e4ufig findet. Auch diese St\u00fccke sind einfach nur hinrei\u00dfende Musik, ja, mit das Sch\u00f6nste f\u00fcr diese Besetzung, was ich aus den sp\u00e4ten 20er-\/fr\u00fchen 30er-Jahren bislang geh\u00f6rt habe.<br \/>\n\u201eAndante und Allegro f\u00fcr Violine und Streichorchester\u201c sind die beiden folgenden St\u00fccke aus dem Jahr 1954 betitelt. Sie stammen von Micha\u0142 Spisak, und st\u00fcnde dieser Name nicht dar\u00fcber, ich h\u00e4tte das Andante glatt f\u00fcr eine verschollene Schostakowitsch-Komposition gehalten, und ich meinte damit jenen sinistren, der Last des Lebens m\u00fcden Schostakowitsch, der sich etwa im ersten Satz der sechsten Sinfonie oder in der Viola-Sonate findet. Das Allegro hingegen k\u00f6nnte man fast f\u00fcr ein Werk Brittens halten, wobei auch Strawinskys \u201eOrpheus\u201c hier h\u00e4tte Pate stehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich muss gestehen, dass Spisaks St\u00fccke mich zwar mit ihrer Zug\u00e4nglichkeit begeistern \u2013 man muss sie ja einfach gern haben, weil sie so sch\u00f6n klingen \u2013 aber unter kompositorischen Aspekten sind sie die wom\u00f6glich am wenigsten \u201egehaltvollen\u201c Werke dieser CD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das Violinkonzert Andrzej Panufniks aus dem Jahr 1971 beschlie\u00dft das Album mit dem typischen, ganz unverkennbaren Panufnik-Sound, den man entweder liebt oder hasst. Panufnik war ein Individualist vor dem Herrn, einer, der seinen eigenen Kopf durchsetzen musste. Sein Violinkonzert \u00fcberrascht mit zur\u00fcckgenommenen kammermusikalischen Passagen und mit einer f\u00fcr Panufniks Verh\u00e4ltnisse vergleichsweise stark ausgepr\u00e4gten Expressivit\u00e4t. Es ist eine im Prinzip ganz untypische Musikmoderne f\u00fcr einen mitteleurop\u00e4ischen Komponisten. Es ist Musik, die man auch von einem US-Amerikaner wie William Schuman oder Roy Harris akzeptiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Panufniks Konzert gleicht einem Spiel der Violine mit dem Orchester oder besser gesagt, einer Art Wettkampf oder einem Katz-und-Maus-Spiel. Nur wenige Passagen lassen beide \u201eParteien\u201c zusammen erklingen, die Violine steht oft allein oder tritt in teils aufgeregte Dialogpassagen mit dem klein besetzten Orchester ein. Ein enorm interessant gemachtes Werk, in dem man immer wieder Neues entdeckt, je \u00f6fter man es h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Fazit: Der Titel des Albums mag verfehlt sein (wie wir gezeigt haben, gibt es weder ausschlie\u00dflich Violinkonzerte auf dieser CD noch k\u00f6nnte man hier irgendwo eine dezidiert \u201epolnische\u201c Musik ausmachen), doch die enthaltenen Kompositionen und ihre Interpreten begeistern!<\/p>\n<p><strong>[Grete Catus, Juli 2016]<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Polish Violin Concertos Piotr Plawner (Violine) Kammersymphonie Berlin \u2013 J\u00fcrgen Bruns Label: NAXOS EAN: 747313349678 Wie definiert man polnische Musik? Das ist eine Frage, die sich bei der Besch\u00e4ftigung mit diesem neuen Album des NAXOS-Labels unvermittelt stellt. 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