Eine kluge Wahl

CPO 777 740-2
EAN: 761203774029

5

August Klughardt (1847-1902)

Symphonie Nr. 4 c-Moll op. 57
Drei Stücke für Orchester op. 87

Anhaltische Philharmonie Dessau
Antony Hermus

Dass durch die CD der musikalische Kosmos sich enorm erweitert und vergrößert hat, gehört zu den Segnungen diese Mediums (auch wenn die Vinyl-LP bei einigen Enthusiasten wieder auf dem Vormarsch ist).
Zu diesen unzähligen Neuentdeckungen zählt auch die Produktion von CPO mit zwei Werken des Dessauer Komponisten August Klughardt (1847-1902). Das wieder einmal lobenswert umfassende, von Ronald Müller kenntnisreich verfasste Booklet verdeutlicht den Werdegang und das musikalische Umfeld des heute bis auf sein spätes Bläserquintett nahezu unbekannten Komponisten, der immerhin Anhaltischer Hofkapellmeister war und als glühender Wagner-Verehrer 1893 eine erste zyklische Aufführung des „Ring der Nibelungen“ in Dessau auf die Bühne brachte.
Sogar in New York erklang seine Vierte Symphonie 1893 drei Monate vor der Neunten von Antonín Dvorák!

Die Kritik bescheinigte Klughardt erstaunliches kontrapunktisches Geschick, was man beim Mitlesen der Partitur – sie ist bei IMSLP einzusehen – auch sehr gut nachvollziehen kann. Überhaupt hinterlässt Klughardts Werk einen durchaus überzeugenden Eindruck. Die Melodik des zweiten Satzes (Andante cantabile) ist von reicher Erfindung, wie auch die Kritik nach der Uraufführung bescheinigte. Seine Instrumentation ist natürlich von seinen Vorbildern nicht unbeeinflusst, die intensive Verwendung der Blechbläser und der poetisch bewegliche Einsatz der Holzbläser erinnern an Dvorák, stellen aber mitnichten eine Kopie dar. Klughardt ist ein konservativer Meister der Generation zwischen Brahms und Bruch einerseits, Strauss und Mahler andererseits, mit offenem Geist zwischen den Zeiten tätig.

Was immer wieder erstaunt, ist und bleibt die Verwirklichung der Partitur – zu einer Zeit, als es weder Notendruckprogramme noch Computer gab, alles musste also händisch zu  (Noten)Papier gebracht werden – in klingende Strukturen, in mitnehmende und ansprechende Musik. All das wieder aufleben zu lassen, ist bei dieser Aufnahme mit dem holländischen Dirigenten Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie dem Label CPO wieder einmal sehr gut gelungen, das Klangbild ist wunderbar eingefangen, der Reichtum des Orchesterklangs und die transparente Vielschichtigkeit des Satzbildes machen die bislang ziemlich vergessene Musik von August Klughardt zu einer bemerkenswerten Neu- und Wiederentdeckung.

Die drei Orchesterstücke op. 87 – einer Gönnerin des Orchesters gewidmet – sind leichtere Kost, die jedoch Klughardts Kunst auch ansprechend widerspiegelt. Besonders die Harfe im ersten Stück bringt eine aparte, bei diesem Komponisten selten anzutreffende Farbe ein, der er viel Raum gibt. Das zweite Stück, eine Gavotte, haucht der vorklassischen Tanzform neues Leben ein, ohne allzu sehr in die Tiefe zu gehen, doch auch da verdient die brillante Instrumentation Erwähnung. Ausnehmend gut gelaunt kommt die abschließende Tarantella daher, leichtfüßig und schwungvoll beschließt sie diese Orchester-Suite.

[Ulrich Hermann; Oktober 2015]

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