„Wir fühlten uns auf Anhieb sehr zuhause!“

Sofia de Salis und Iryna Krasnovska gingen für die Aufnahme ihrer Duo-CD in Wuppertals Immanuelskirche in Klausur

Foto @ Stefan Pieper

Kirchenräume bieten eine gute Zuflucht, wenn es draußen heiß ist. Auch die Wuppertaler Immanuelskirche ist ein idealer Ort für Konzentration und Versenkung – in diesem Fall für die russisch-schweizerische Flötistin Sofia de Salis und die ukrainische Pianistin Iryna Krasnovska, die im August 2018 in nur drei Tagen ihre neue CD „Shades of Love“ aufnahmen. Jetzt liegt das Resulat vor – jedes Werk von Franz Schubert, Robert Schumamm und César Frank erzählt dabei eine Liebesgeschichte für sich.

Die kühlen Temparaturen, die in dieser Kirche, die zum Aufnahmeort für das ARS-Label umfunktioniert wurde, herrschen, fördern in diesen „Hundstagen“ die entspannte Routine. Eine ganze Woche war für die Aufnahmen eingeplant, aber schon nach drei Tagen steht alles weitgehend. „Wir fühlten uns auf Anhieb hier sehr zuhause“ –  bekundet Sofia de Salis im Nachhinein. Sie benennt eine wichtige Grundlage für eine gute Aufnahme: „Ich muss mich frei fühlen. Iryna und ich schätzen am Tonmeister Manfred Schumacher, dass er nie bevormundet. Wir können hier machen, was wir wollen. Das ist sehr wichtig, um produktiv zu sein“. 

Was nicht ausschließt, dass Schumacher Vorschläge macht und im richtigen Moment den Blick auf etwas lenkt. Wichtig sei, dass die letztliche Entscheidung bei den Künstlerinnen selbst liegt: „Es gibt Tonmeister, die haben schon irgendeine Version im Ohr und wollen diese dann auf die neue Aufnahme kopieren. Damit degradieren sie die Musiker zum Werkzeug ihrer eigenen Vorstellungen.“

Von so etwas frei, durchdringt bei den Aufnahmesessions viel ansteckende Spielfreude den Kirchenraum, der durch das ARS-Label zum Studio umfunktioniert wurde. Die braucht es auch in diesem Moment, denn eine physisch fordernde Tour de Force bleiben die Werke für die neue CD allemal – nicht zuletzt wegen der riesigen emotionalen Bandbreite und den entsprechend auszugestaltenden Spannungsbögen: „Vor allem Schuberts Arpeggione-Sonate war eine fast sportliche Herausforderung für mich. Für Iryna war Cesar Francks Sonate mit ihrem gigantischen Klaviersatz besonders anspruchsvoll. Aber wir beide sind ein wunderbares Team und haben schon viele Jahre lang gemeinsam gespielt. Iryna weiß, wie sie mich motivieren kann, wenn bei mir die Kraft zur Neige gehen droht – und umgekehrt!“

„Shades of Love“ definiert das Thema für das gewählte Programm für diese CD-Aufnahme: „Alle Kompositionen dieser CD präsentieren sehr verschiedene Farben der Liebe und des Lebens an sich. Jedes Stück leistet seinen eigenen Beitrag dazu. Franz Schuberts Arpeggione-Sonate bringt ein altes Streichinstrument ins Spiel, auf dem Liebende einst gerne vor dem Fenster der Angebeteten musizierten. Robert Schumanns Romanzen sind eine Liebeserklärung an seine Frau Clara. Sie widerspiegeln darüber hinaus Schumanns beginnende psychische Erkrankung. César Francks Sonate hat auch etwas mit Liebe zu tun, denn sie war als Hochzeitsgeschenk für Eugene Isaye gedacht.“

Das gegenseitige Motivieren zwischen Sofia des Salis und Iryna Krasnovsksa sowie die menschliche und fachliche Unterstützung durch Annette und Manfred Schumacher haben das Endresultatet hörbar geprägt: Schuberts a-Moll-“Arpeggione“-Sonate in dieser Version für Flöte und Klavier, ebenso Cesar Francks berühmte A-Dur-Sonate werden auf dieser CD zu einem runderneuerten Hörerlebnis. Spieltechnisch bietet Sofia des Salis einiges auf, dass es den Hörer in die elementare Gefühls-Fieberkurve dieser Komposition hinein zieht. Schumanns Romanzen markieren gewisse elegische Ruhepole nach hitzigen Gefühlskurven der voran gehenden Sonaten. Sofia de Salis ist stolz, dass diese CD auch eine Weltersteinspielung präsentiert. So ist Franz Schuberts „Atzenbrugger Tanz“ zum ersten Mal für Flöte aufgenommen worden.

Wenn die Flötistin Sofia des Salis großes kammermusikalisches Repertoire zur Sache ihres eigenen Instrumentes macht, hat dies immer etwas mit Aneignung zu  tun. „Da ist auch der Wunsch, zu zeigen, wie es auf der Flöte klingt, was für andere Instrumente geschrieben war. Man muss es nicht vergleichen – es ist halt ein anderes Erlebnis.“

Es gibt auch Limitierungen durch das eigene Instrument, die sich Sofia de Salis bewusst sind: „Wenn beispielsweise Schubert oder Franck für ein Streichinstrument schreiben, kommen zwangsläufig Doppelgriffe ins Spiel. Natürlich kann hier eine Violine, eine Viola oder ein Cello mehr.“ Dafür hat die Flöte aber vieles in Sachen Unmittelbarkeit anderen Instrumenten voraus, und genau dieser Aspekt reizt die in Russland geborene, heute in der Schweiz lebende, vielbeschäftigte Musikerin, deren Mutter Gesangslehrerin ist. Auf dem Instrument spielen und Singen liegt für Sofia de Salis sehr eng beieinander. „Ich kann in verschiedenen Tonlagen sehr flexibel die Klanggfarbe verändern, so, als würde ich singen. Ich habe mir hierfür eine spezielle Technik angeeignet, bei der die Luftmenge im Mund konzentriert wird. Vor allem in der Cesar-Franck-Sonate mit seinen Tonlagenwechseln kommt mir das sehr zugute. Ich laufe niemals Gefahr, dass der Ton flach wird, wenn es mal richtig hoch hinaus geht“.

[Stefan Pieper; April 2019]

Mendelssohn mit Bewusstsein

Chandos, Chan 20122(2); EAN: 0 95115 21222 6

Für Chandos nimmt das Doric String Quartet, bestehend aus Alex Redington, Jonathan Stone, Hélène Clément und John Myerscough, alle Streichquartette Felix Mendelssohns auf. Der vorliegende erste Teil dieser Aufnahme beinhaltet auf zwei CDs die Quartette op. 12 Es-Dur, op. 44/3 Es-Dur und op. 80 f-Moll.

Neben Mozart zählt Felix Mendelssohn wohl als bekanntestes Wunderkind der Musikgeschichte: Seit frühester Kindheit an lauschte er den Kammermusikkonzerten im Wohnzimmer seiner Familie und begann schnell, selbst zu komponieren. Später verbannte er die meisten Kompositionen dieser Zeit in die Schublade: Mittlerweile wurden sie entdeckt und zumindest zu großen Teilen gespielt und aufgenommen. Dazu gehören neben den zwölf heute recht populären Streichersymphonien mehrere Instrumentalkonzerte mit Streicherbegleitung und eine Vielzahl vorzüglicher Kammermusikwerke, unter anderem ein mit 14 Jahren komponiertes Streichquartett und zahlreiche Fugen für diese Besetzung.

Zu Lebzeiten publizierte Mendelssohn sechs Streichquartette (opp. 12, 13, 44/1-3, 80), Funde von Skizzen und Stücken für diese Besetzung könnten auf die Arbeit an einem siebten schließen lassen. Orientieren sich die ersten fünf Quartette formal noch an Beethovens Gattungsbeiträge (wenngleich natürlich in unverkennbar eigenem Stil), so geht Mendelssohn mit seinem op. 80 in f-Moll gänzlich andere Wege. Dieses Werk entstand in tiefer Depression nach dem unerwarteten Tod seiner Schwester Fanny Hensel und verarbeitet den Schicksalsschlag innig, aufwühlend und expressiv, gespickt mit Dissonanzen und herben Tremoli, suchend statt findend. Mendelssohn selbst bezeichnete es als Requiem für Fanny, doch es sollte zugleich sein eigenes werden; das Streichquartett war Mendelssohns letztes fertiggestelltes Werk.

Die Aufnahmen des Doric String Quartets fallen auf durch die unnachgiebige Kraft ihrer musikalischen Aussage. Was die Musiker spielen, das meinen sie auch. Sie versuchen nicht, Mendelssohn in eine Kategorie einzuordnen, ihn wie Beethoven darzustellen oder in eine Romantiker-Schiene zu bringen, sondern erkunden den persönlichen Stellenwert dieses Komponisten. Die Quartette opp. 12 und 44/3 erhalten dabei strahlenden Glanz und kernige Linien, op. 80 sticht durch geheimnisvolle Zwischenklänge und extreme Kontraste hervor. Besonderes Augenmerk legt das Doric String Quartet auf die Klarheit der Polyphonie und auf das ‚Concertieren‘, Wetteifern, der Instrumente: Oftmals instrumentiert Mendelssohn die vier Streicher so, dass einer gegen die drei anderen antreten muss, was jedoch immer anderen innermusikalischen Gründen entspringt.

Die Musiker des Doric String Quartets haben ein Gespür dafür entwickelt, wo in der Musik sie sich gerade befinden. In den Finalsätzen ist dies noch nicht so deutlich ausgeprägt, umso mehr dafür in den großformatigen Kopfsätzen, wo sie den Hörer von der ersten bis zur letzten Note geleiten; dabei ist ihnen stets bewusst, was bereits passierte und was noch geschehen wird – eine außerordentlich seltene Fähigkeit für heutige Musiker!

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Orchestermusik vom „spanischen Mozart“

Chandos, CHAN 20077; EAN: 0 95115 20772 7

Juanjo Mena leitet das BBC Philharmonic mit Orchesterwerken von Juan Crisóstomo de Arriaga. Wir hören die Ouvertüre zu „Los esclavos felices“ (Die glücklichen Sklaven), die Ouvertüre D-Dur op. 20 und die Symphonie à grand orchestre d-Moll sowie die zwei von der Sopranistin Berit Norbakken Solset unterstützten Werke: Die Kantate Herminie und die Arie aus der Oper Médée ‚Hyman! Viens dissiper une vaine frayeur‘.

Wir können nur erahnen, welch großartige Musik uns Juan Crisóstomo de Arriaga noch hinterlassen hätte, wäre er nicht wenige Tage vor seinem zwanzigsten Geburtstag an einem Lungenleiden gestorben. Sein früher Tod und die dennoch ausgesprochen reife Musik des Komponisten haben ihm später den Beinamen „spanischer Mozart“ verliehen; nach seiner ersten Wiederentdeckung durch seinen Großneffen Emiliano de Arriaga rankten sich regelrecht Mythen um Leben und Schaffen des Wunderkindes. Belegt ist heute, dass er nach ersten Versuchen als Geiger und Komponist nach Paris zog, um sich gründlich ausbilden zu lassen. Dort studierte er bei Fétis und später bei Baillot, wurde allem Anschein nach aber auch maßgeblich von Luigi Cherubini unterstützt, wodurch er die Musik Beethovens kennenlernte, was ihn zu seinen drei Streichquartetten anregte.

Das früheste Werk dieser CD ist die Ouvertüre in D-Dur, auf deren Titelseite der damals 15-jährige Arriaga sogar vermerkte, dass er sie ohne das Wissen um Harmonielehre komponierte, die anderen Werke schrieb oder revidierte er in Paris. Herminie sollte das letzte fertiggestellte Werk des Komponisten werden.

Juanjo Mena beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Schaffen des ‚spanischen Mozarts‘, so wirkte er beispielsweise an der 2006 von Christophe Rousset veröffentlichten kritischen Edition des Gesamtwerks von Arriaga mit. Hier erleben wir ihn als einfühlsamen und präsenten Dirigenten erster Güte. Aufmerksam tastet er sich in Arriagas Klangwelt hinein und holt genau das aus den Partituren heraus, was sich auch in ihnen befindet. Er verzichtet auf jede Art der Zurschaustellung oder willkürlichen Interpretation zugunsten einer lebendigen und damals wie heute aktuellen Darstellung der Musik. Das BBC Philharmonic hält er als Einheit zusammen und meißelt selbst die subtil-unauffälligen Nebenstimmen zum Gesamtbild passend aus dem Orchester heraus: Sie gehen weder unter, noch stören sie die Hauptstimme; sie fügen sich ein und bereichern das Geschehen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Sopranistin Berit Norbakken Solset, die durch ihre weiche Stimme und den anschmiegsamen Tonfall ideal zu der farbenreichen wie ausdrucksstarken Musik Arriagas passt. In Herminie präsentiert sie unprätentiös und leichtfüßig die Flexibilität ihrer Stimme, von samtig bis durchschlagend kräftig, jedoch immer kontrolliert und auf das Orchester angepasst.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Licht und Schatten bei Widmann

Wergo WER 7369 2; EAN: 4010228736922

WERGO hat mit „Polyphone Schatten“ und dem „Dritten Labyrinth“ zwei im Abstand von zwölf Jahren entstandene Orchesterwerke des Münchners Jörg Widmann in exemplarischen Aufnahmen herausgebracht. Im ersten Stück übernehmen der Komponist an der Klarinette und der Bratscher Christophe Desjardins die Solopartien. Sarah Wegener ist die Sopranistin des „Dritten Labyrinths“. Die Leitung des WDR Sinfonieorchesters liegt in den Händen von Heinz Holliger bzw. Emilio Pomárico.    

Jörg Widmann hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten sowohl als Klarinettist von Weltrang wie als Komponist einen Namen gemacht. Seine Fähigkeiten als Dirigent darf man noch anzweifeln (siehe Kritik des Musica viva Konzerts vom 29.9.2017, in dem u.a. das Dritte Labyrinth erklang). Auf der vorliegenden CD dirigieren zum Glück zwei erfahrene Experten, die in Widmanns Partituren noch das kleinste Detail hörbar machen.

Beide hier eingespielten Stücke gehören jeweils einem Zyklus an: Polyphone Schatten von 2001 ist Teil II der Lichtstudie; und hier werden Klänge in der Tat wie Skulpturen behandelt, die unter verschiedenen Perspektiven und Beleuchtungen letztlich nicht greifbare Charaktere herausbilden. Das Stück wirkt trotz der großen Orchesterbesetzung – allerdings ohne Oboen, Fagotte und Violinen – durchgehend kammermusikalisch und die beiden Solisten glänzen mit faszinierend virtuoser Mikrotonalität, spannend und unheimlich zugleich. Heinz Holliger umwölkt dies mit großer Sensibilität.

Das Dritte Labyrinth (2013/14) gehört mit fast 47 Minuten zu Widmanns umfangreichsten Instrumentalkompositionen – und es weist Längen auf, die von der Substanz her kaum gerechtfertigt erscheinen. Die vom Zuschauerraum aus schließlich aufs Podium „wandelnde“ Sopranistin bringt sich mit Textfragmenten aus Nietzsches Klage der Ariadne sowie Jorge Louis Borges Das Haus der Asterion in das allzu sehr von Geräuschhaftem – wenngleich hochdifferenziert – dominierte Klangbild der Partitur ein. Sarah Wegener setzt die chimärenhaften Facetten stimmlich mutig um, bleibt dennoch emotional äußerst blass. Das Werk insgesamt stellt aber nicht nur eine imaginäre Mann-Frau-Beziehung dar, sondern auf einer weiteren Metaebene das Labyrinth, das Jörg Widmann während jedes Kompositionsprozesses zu durchschreiten hat. Zu Recht verglich er die sich durch marginalste Entscheidungen neu eröffnenden Wege mit dem Film Lola rennt. Diesen Aspekt unterschlägt der ansonsten höchst informative Booklettext von Pia Steigerwald.

Emilio Pomàrico und sowie der sensationell guten Tontechnik des WDR gelingt hier eine mustergültige Darbietung, die die unvorstellbare Dichte an verschiedensten, oft ungewöhnlichen Spielanweisungen ernst nimmt und über Strecken auch kontrastreich in einen gewissermaßen musiktheatralischen Kontext zu stellen weiß. Dennoch entsteht hier, und das ist bei Widmann ja geradezu Programm, keinerlei Teleologie. Der Hörer bekommt niemals auch nur eine Ahnung davon, wie es an der nächsten „Ecke“ weitergehen könnte – was leider schnell ermüdend wirkt. Davon einmal abgesehen verdient diese CD eine eindeutige Empfehlung, gerade weil Widmanns Detailfülle im Konzertsaal allein akustisch kaum so präzise zu erfassen sein dürfte.

[Martin Blaumeiser, April 2019]

Philosophisch-meditative Sonaten

NEOS, 11805-07; EAN: 4 260063 118050

„Hommage à Horațiu Rădulescu“ beinhaltet auf drei CDs das gesamte Klavierwerk des rumänisch-französischen Komponisten, gespielt von Ortwin Stürmer. Wir hören das Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, die sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und die frühe Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2. In „The Quest“ wird Stürmer unterstützt vom Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Der in Bukarest geborene und später nach Frankreich gezogene Komponist Horațiu Rădulescu gilt als einer der Erfinder des Spektralismus‘ in der Musik. Bereits zu Studienzeiten interessierte er sich dafür, einzelne Klänge aufzuspalten und die darin enthaltenen Mikrokosmen zu erforschen. Um dies zu bewerkstelligen, wendete Horațiu Rădulescu sich bald von herkömmlichen Temperierungen und Notationssystemen ab, differenzierte dynamische Abstufungen weiter aus und versuchte, neuartige Klangfärbungen zu realisieren. Der Komponist basierte viele Stücke rein auf bestimmte Obertöne eines einzelnen Tons, kombinierte sie und ließ teils sogar die Instrumente nach ihnen stimmen.

Die Musik Horațiu Rădulescus ist nicht zuletzt philosophischer Natur mit gewissen theosophischen Grundlagen. Entsprechungen seiner Vorstellung fand der Komponist in den Aphorismen des Tao Te Ching, das Lao tzu zugeschrieben wird. Diese Lehre, aus der unter anderem die Grundlagen von Yin und Yang sowie die des Qigong hervorgehen, setzt das Weiche über das Harte und Starre, das Leichte vor das Schwere. Viele seiner Werke überschrieb Horațiu Rădulescu mit einem Zitat aus dem Tao Te Ching und versuchte, ihren philosophischen Gedanken in die Musik zu übertragen.

Zur Bekanntheit von Horațiu Rădulescu trugen wesentlich die lobenden Worte von Olivier Messiaen bei, die ihn als einen der kreativsten Komponisten der jüngeren Generation preisten. Als Musiker setzte sich der Pianist Ortwin Stürmer für die Verbreitung seiner Musik ein. Die beiden lernten sich 1990 kennen und Stürmer regte Rădulescu dazu an, seine zweite bis vierte Klaviersonate sowie das Klavierkonzert „The Quest“ zu komponieren.

Auf drei CDs spielte Ortwin Stürmer nun das gesamte Oeuvre für Klavier von Horațiu Rădulescu ein, welches aus dem Klavierkonzert „The Quest“ op. 90, sechs Klaviersonaten opp. 5, 82, 86, 92, 106, 110 und der frühen Omaggio a Domenico Scarlatti op. 2 besteht. Im Klavierkonzert bekommt Stürmer Unterstützung durch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek.

Wir hören eine Musik von größter Ruhe und Meditation, die schlichte Motive und in den späten Werken auch rumänische Volksweisen durchexerziert. Sie werden in ihre elementaren Bausteine zersetzt und jeder davon nach Möglichkeit noch weiter aufgespaltet, minutiös erforscht und wieder zusammengebaut. Von den mathematischen Überlegungen in Horațiu Rădulescus Systemen bekommt der Hörer nichts mit, dafür umso mehr von den philosophischen Anhaltspunkten, die sich durch die langwierige Entwicklung nicht offenkundig aufdrängen, sondern allmählich ins Bewusstsein rücken. Klanglich setzt sich die Musik deutlich von den Avantgardisten der Zeit ab, evoziert eher Parallelen zu den Klangwelten derjenigen, die heute als frühe Postserialisten eingeordnet werden; so wie beispielsweise Einojuhani Rautavaara, wenngleich in dessen Musik die Entwicklung deutlich voranschreitet, während sich bei Rădulescu vor allem meditative Zustände einstellen. Ortwin Stürmer nimmt die Klaviermusik des Rumänen mit größter Sorgfalt und Ruhe, lässt den Keimzellen Zeit, sich zu entwickeln. Die enge Verbindung zwischen Pianisten und Komponisten wird bis hin zum philosophischen Aspekt spürbar. In allen Dynamikbereichen schattiert Stürmer minutiös sorgfältig ab und gibt gleichzeitig Einblick in die verschiedenen Ebenen, die parallel in der Musik ablaufen. Mit seiner Einstellung steckt Stürmer auch das Frankfurt Radio Symphony Orchestra unter Lothar Zagrosek an, das zwar nicht das tiefe Verständnis und die Intensivität des Pianisten vorweisen kann, sich aber doch mit allen Mitteln bemüht, der Musik ihren Reiz zu entlocken und sich in der gegebenen Probenzeit den Anforderungen dieses eigenwilligen Konzerts zu stellen.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

„Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei“

Aribert Reimanns „Medea“ wird im Aalto-Theater zum modernen Psychodrama

Musikalische Leitung: Robert Jindra, Inszenierung: Kay Link. Bühne, Kostüme, Video:
Frank Albert. Choreographische Mitarbeit:  Julia Schalitz. Dramaturgie: Christian Schröder

Solisten:
Medea: Claudia Barainsky. Gora, ihre Amme: Marie-Helen Joël. Jason:
Sebastian Noack. Kreon, König von Korinth: Rainer Maria Röhr. Kreusa, seine Tochter: Liliana de Sousa. Ein Herold: Hagen Matzeit

Aufführung am Samstag, 6.April 2019, Aalto-Theater Essen

Foto © Karl Forster

Die antike Welt ist in Kay Links Inszenierung von Aribert Reimanns Oper „Medea“ zu einem neumodischen Luxusbau erstarrt, der irgendwo in einer „gentrifizierten“ Metropole von heute stehen könnte. Die Figur der Medea, jene umstrittene Kindermörderin wird hier zur Getriebenen, die an den kalten Egoismen ihrer Mitwelt verzweifelt. Bestimmt das Sein das Bewusstsein? Im Essener Aalto-Theater wird Reimanns im Jahr 2010 an der Wiener Staatsoper uraufgeführte moderne Oper zur beklemmenden Parabel über das Ende von Beziehungen – das Publikum feierte die überragende musikalische und darstellerische Leistung mit viel Enthusiasmus.

Vor allem die Anforderungen an Claudia Barainsky als „Medea“ sind extrem. Ein großer Teil der zweieinhalb Stunden mutet wie ein Monolog an, was für die herausragende Sopranistin schon Tour de Force genug ist. Reimann komponiert streng von der Gesangslinie aus: Jede Seelenregung hat bis in die letzte Nuance seine Entsprechung in den melismatischen Gesanglinien, die aber zugleich eine riesige Menge Text transportieren. Ebenso gefordert ist das Orchester, sich ständig weit von den Pfaden gewohnter Aufführungsroutine zu entfernen, um diesen dramatischen Prozess mit einem Geflecht aus Spaltklängen, Mikrointervallen, geräuschhaften Passagen und dramatischen Ausbrüchen zu überhöhen – eine spektakuläre Großtat also auch vom Orchester unter Leitung des  neuen Ersten Kapellmeisters Robert Jindra!

Die Story spielt in der Antike. Ihr Konflikt passt aber in heute gesellschaftliche Wirklichkeit, in der egoistische Kälte eher zu – als abnimmt. Die Königstochter Medea hat sich in verhängnisvolle Dinge hineinreißen lassen. Sie wird zur Komplizin des griechischen Prinzen Jason (schneidend expressiv verkörpert durch Sebastian Noack), der das sagenumwobene goldene Vlies aus Kolchis raubt. Medea isoliert sich sozial durch diese Handlung. Sie, Jason und die beiden gemeinsamen Kinder flüchten und versuchen, in Korinth als Asylsuchende unterzukommen. Der soziale Zusammenhalt, den eine solche Krisensituation braucht, erweist sich als brüchig: Jason serviert Medea wegen einer anderen, nämlich der korinthischen Prinzessin Kreusa (glamourrös und exaltiert: Liliana de Sousa) eiskalt ab. Die Gefühlskälte geht noch weiter: Er will ihr fortan auch die gemeinsamen Kinder vorenthalten. Sie bleibt als Enttäuschte, Verletzte übrig, dem Kontrollverlust nah.

Claudia Barainsky zeigt sich in all diesen aus den Fugen geratenen Seelenzuständen als über alle Grenzen erhabenes Energiebündel, was es auch braucht, um dem ganzen Psycho-Höllentrip der Hauptfigur gerecht zu werden. Die Kostümwahl ist nüchtern, aber symbolträchtig: Medea immer in knallrot – als Schuldige, Getriebene, Verurteilte! Rot als Vorweggnahme der finalen Bluttat?

Es kommt zur finalen Katastrophe, wenn schließlich Flammen über eine Projektionswand züngeln, der Orchesterapparat immer schneindendere Geräuschwelten, immer aberwitzigere Spaltklänge erzeugt und schließlich Medea als Getriebene zum Racheengel wird, welche die Nebenbuhlerin und schließlich ihre Kinder mordet. Die  Tat bleibt ungesühnt und es gibt kein Moralisieren am Schluss. Fast existenzphilosophisch muten die letzten Worte an, welche Medea singt:  „Der Traum ist aus, aber die Nacht dauert noch an“ .

[Stefan Pieper, April 2019]

Weitere Aufführungen: 16.4 / 17.4 / 10.5

Vom Unbekannten bis zur „Symphonie Classique“

„Symphonie Classique“ betitelt das Orchester der Akademie St. Blasius ihr erstes Abokonzert des Jahres am 7. April 2019 im Haus der Musik Innsbruck. Auf dem Programm steht „Orakel“ für Streichorchester von Günter Zobl, das Konzert für Klavier und Streicherorchester op. 136 von Alfred Schnittke mit dem Solisten Michael Schöch, Alexander von Zemlinskys „Waldgespräch“ mit der Sopranistin Susanne Langbein sowie Joseph Haydns Symphonie D-Dur Hob. I:104, die „7. Londoner“. Geleitet wird das Orchester von Karlheinz Siessl.

Werke aus vier Jahrhunderten umfasst das Programm des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl. Die Musiker haben es sich zur Aufgabe gemacht, aufgeschlossenen Hörern auch unbekannte Musik näherzubringen und lebende Komponisten aus Tirol zu fördern.

Eröffnet wird das Programm vom fünfsätzigen Streichorchesterstück Orakel von Günter Zobl. Der Komponist erforscht das Suchen und das Ambivalent-Rätselhafte, wozu er herbe Kontraste und unterschiedliche Techniken verwendet. Rhythmisch aufreibende Passagen wechseln sich mit weittragenden Melodien ab. Im Präludium tauchen moderne Streichertechniken auf, die eine surreale Atmosphäre schaffen, in welche die folgenden zwei Sätze wie Träume hineintreten; große Linien und ein sonor reibender Streicherklang – der recht nordisch wirkt – öffnen den Raum. Es folgt ein rascher Basso ostinato, mit dem die hohen Streicher spielen und hinreißende Ideen präsentieren. Und schließlich führt ein ruhiger Satz die Musik zu einem Ende, wenngleich sie nicht wirklich abschließt, sondern auch in der Stille noch sucht, anstatt gefunden zu haben.

Alfred Schnittkes zweites Klavierkonzert op. 136 ist ein Meisterstück der Polystilistik, das trotz unterschiedlichster Einflüsse und streng durchdachten Aufbaus doch rein musikalischer Erfindungsgabe entspringt. Ungekünstelt und intuitiv passen sich die Fragmente und Melodiesplitter zusammen und das Werk gibt als Gesamtheit Sinn. Die Streicher bestechen durch hoch expressiven Klang, Sensibilität für die Vielseitigkeit und durch ihre ausgesprochen schnellen Wechsel zwischen den unterschiedlichen musikalischen Welten. Michael Schöch dagegen steht da wie ein Felsen in der Brandung: Alles um ihn herum explodiert vor Ausdruck und Innigkeit, während er davon unbeeindruckt nüchtern, fokussiert und gebändigt bleibt. Als Zugabe des Solisten gibt es noch Haydn, der durch überhaspeltes Tempo seine Konturen und sogar die Gestalt seines Hauptthemas verliert – hier war wohl die Freude nach dem siegreich bestrittenen Klavierkonzert übergroß.

Die Musik Zemlinskys steht nach wie vor im Schatten von Mahler, von Strauss und später auch von Schönberg, dabei birgt sie so viel Eigenes! Die Orchestration Zemlinskys ähnelt zwar durchaus derjenigen seiner genannten Kollegen, unterscheidet sich aber doch durch eine gewisse träumerische Note (nicht bloß im Traumgörge) und einen zarten Schleier, der gezielt manche Konturen verwischt. Im „Waldgespräch“ fügt er dem Streichorchester noch zwei Hörner und Harfe hinzu, Eichendorffs Text vertraut er einem opernhaften Sopran an. Die Harfe sorgt für den Schleier, während die Hörner den Text in zwei Sinngruppen gliedert: Das Schöne, Heroische inklusive dem Jagdaspekt gegen das Düstere, Gespenstische und Suchende der Hexensphäre. Wir erleben nun ganz andere Klangwelten des Orchesters der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl, sensibel auf die Empfindsamkeit des Stücks eingehend, ertasten die Musiker die beiden Sinngruppen und erfüllen sie jeweils mit Leben. Susanne Langbein präsentiert eine facettenreiche und ausdrucksstarke Stimme, die sich von beinahe rezitierten mühelos bis in durchdringend kräftige Passagen aufschwingen kann und genau so leichtfüßig wieder hinabsteigt. Der Text bleibt zwar nicht durchgehend verständlich (was bei Zemlinsky eh eine Kunst für sich ist), dafür findet die Solistin unzählige Farben und Schattierungen der Stimme, die sie in einen schlüssigen Kontext bringt.

Zum Abschluss des Programms hören wir noch die versprochene „Symphony Classique“, wenngleich nicht wie vielleicht erwartet die so betitelte Erste von Prokofieff, sondern eine wirklich der ‚klassischen‘ Epochen entstammende: Haydns letzte Symphonie, die Nr. 104 mit dem später hinzugefügten Beinamen „Londoner“. Selten erlebt man dieses vielgespielte Werk derart lebendig und frisch wie heute. Auch hier zeigen die Musiker ihr charakteristisches echtes Gefühl, das unabhängig von Epoche oder Komponist stets für die Musik spricht. Die Musiker haben sich intensiv und auch emotional mit den Werken auseinandergesetzt und stellen die Musik dar, weil es ihnen ein Anliegen ist – und das wird hörbar.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Die Marimba erkunden

Oehms Classics, OC 1891; EAN: 4 260330 918918

Fumito Nunoya spielt Konzerte für Marimba: Das Programm beginnt mit Antonio Vivaldis C-Dur-Konzert RV 433, welches ursprünglich für Flautino komponiert wurde. Hiernach hören wir das Konzert für Marimba und Streicher des 1961 geborenen Franzosen Emmanuel Séjourné und schließlich das Marimbakonzert „The Crossed Sonar Of Dolphins“ von Takatomi Nobunaga, der 1971 in Tokyo auf die Welt kam. Nunoya wird begleitet vom Kurpfälzischen Kammerorchester unter Johannes Schlaefli, in Nobunagas Konzert unterstützt von Benyamin Nuss am Klavier.

In die Kunstmusik fand die Marimba erst spät Einzug, wenngleich es bereits Belege für das Instrument aus dem Jahr 1680 gibt. Vom heutigen Guatemala aus verbreitete sich die Marimba schnell in mehreren Ländern, wobei immer wieder neue Bauformen auftraten – auch nach Japan gelangte das Instrument recht früh. Popularität erreichte die Marimba im 20. Jahrhundert, als unter anderem Steve Reich und Harald Genzmer Werke für sie komponierten und The Rolling Stones sie in „Under my thumb“ verwendeten.

Auf der vorliegenden CD hören wir zwei Originalkompositionen für die Marimba sowie das Flautinokonzert C-Dur RV 433 von Antonio Vivaldi, wozu die Schlagwerkstimme allerdings ebenso vortrefflich passt. In diesem Konzert minimiert Nunoya den Hall seines Instruments weitgehend und achtet auf präzise Linien, denen er ein gutes Maß an Kernigkeit verleiht, und dennoch weich bleibt. Lange Noten verziert er mit Trillern und kleine Verzierungen, passt den Klang der Marimba allgemein dem Ideal der Barockzeit an.

Emmanuel Séjournés Konzert für Marimba und Streicher zählt mittlerweile zu den Klassikern für das Instrument. Ein romantischer Schleier durchzieht das gesamte Werk, besonders Rachmaninoff gibt sich als Einfluss zu erkennen. Das Konzert ist idiomatisch für die Marimba konzipiert, erkundet das Instrument in allen Registern und schöpft dessen Möglichkeiten aus. Nunoya entlockt der Marimba einen singenden und zarten Ton, lässt teils gar die perkussive Funktion des Instruments zugunsten der Melodieelemente vergessen.

Zuletzt geht die Reise nach Japan zu Takatomi Nobunagas Marimbakonzert, welches den Titel „The Crossed Sonar Of Dolphins“ trägt. Die Bildlichkeit dieses Werks übersteigt bloße Programmatik, taucht eher ein in die Naturalistik: Man glaubt förmlich, Delphine zu hören, Wellen zu sehen und das Meer zu riechen. Nobunagas Musik lässt sich schwer einer Schule oder einem Stil zuordnen, er schafft vollkommen eigene Sphären und Regeln, die dem Instinkt wie auch der Sinnlichkeit unterliegen. Nunoya gibt die Rolle des Solisten auf, fügt sich als gleichberechtigter Mitstreiter ins Kurpfälzische Kammerorchester ein, wirkt als Einheit mit den Streichern und dem Klavier, das Benyamin Nuss beisteuert. So entsteht eine Symbiose aus drei gänzlich unterschiedlichen Klangcharakteren, die sich vermischen und vermengen, dabei immer wieder neue Facetten und Kombinationen zutage fördern.

[Oliver Fraenzke, April 2019]

Liveaufnahmen für Debussy

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 558; EAN: 4 260052 385586

„Pour le tombeau de Claude Debussy“ der Pianistin Judith Jáuregui beschäftigt sich mit Werken des französischen Meisters und seines Umfelds. Beginn und Ende des Albums stehen im Zeichen spanischer Komponisten, auf die Debussy großen Einfluss ausübte: Manuel de Falla, dessen Homenaje mit gleichem Titel ‚Pour le tombeau de Claude Debussy‘ wir hören, und Federico Mompou, von dem Jáuregui ‚Jeunes filles au jardin‘ aus Debussys Todesjahr 1918 spielt. In der Mitte des Programms finden wir Debussys Estampes L100 und L’Isle joyeuse, welche umgeben sind von zwei Komponisten, auf die sich Debussy seinerseits bezog: Franz Liszt, dessen Ballade Nr. 2 S.171 gespielt wird, und Frédéric Chopin, von dem Andante Spianato und Grande Polonaise Brillante op. 22 erklingen.

Im vergangenen Jahr hörten wir anlässlich des 100. Todestags von Claude Debussy zahlreiche Aufnahmen seines Werks; zum Ausklang dessen erschien nun Judith Jáureguis CD „Pour le Tombeau de Claude Debussy“, ein Mitschnitt ihres Livekonzerts vom 4. Oktober 2018 im Rahmen der Imperial in Concert Series in Wien. Jáuregui widmet sich Werken, die Debussy prägten, die Debussy komponierte und auf die Debussy Einfluss übte.

Zur ersten Kategorie, die für Debussy maßgeblichen Komponisten, zählen Franz Liszt und Frédéric Chopin. Besonders bei Liszt gibt sich schnell Jáureguis eigener Ton zu erkennen: Bereits in den ersten Takten verblüfft die Pianistin durch ein extrovertiertes und markiges Spiel. Sie hält die umherirrend chromatischen Läufe der linken Hand nicht in geheimnisvoller Dunkelheit, wie man sie meist hört, sondern stellt sie als aussagekräftige Figur in den Raum, zu der die rechte Hand später gleichwertig hinzutritt. Virtuos, aber ohne übermäßige Selbstzurschaustellung durchbrechen die rasanteren Passagen die Stimmung des Beginns, die Ruhepole nimmt Jáuregui nicht zu schleppend in sanglichem Zeitmaß. Chopins Andante Spianato gestaltet die Pianistin zu einem großen Einatmen vor der rasenden Grande Polonaise Brillante: Hier gelingen ihr die größten Kontraste zwischen absoluter Introversion und übermächtig rhythmischen Drang.

Jáureguis Debussy-Aufnahmen sollte man sich mehrfach anhören, um sich in ihre Darstellungsweise einzuhören. Denn sie überrascht durch offenes und vergleichsweise extrovertiertes Spiel, das so gar nicht zu dem üblichen Bild passt, was wir von Debussy haben. Doch es funktioniert! Vor allem Pagodes erscheint anfangs ungewohnt, besticht jedoch durch enormen Farbenreichtum und präzise abgestuften Klang. La soirée dans Grenade ruft sogleich Erinnerungen an das zuvor gehörte Stück de Fallas wach; in Jardins sous la pluie werden die Regentropfen regelrecht spürbar beim Spiel von Judith Jáureguis und man nimmt dieses Stück mit allen Sinnen wahr. L’Isle joyeuse ist der Pianistin förmlich auf den Leib geschrieben, die sprudelnde Energie und die fröhliche Stimmung schmeicheln ihrem Stil das Werk wird zur erquickenden Quelle, die Fernweh evoziert.

Fernweh nach Spanien vielleicht. Das Programm beginnt mit Manuel de Fallas Homanaje ‚Pour le tombeau de Claude Debussy“, welches ursprünglich für Gitarre komponiert wurde und einen Trauermarsch in Form einer langsamen Habanera darstellt – ein von Debussy sehr geschätzter und selbst mehrfach in Noten gesetzter Tanz. Beschlossen wird die CD durch Mompous ‚Jeunes filles au jardin‘. Judith Jáuregui nimmt die Musik temperamentvoll, in jedem Ton klingt Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mit, dass sie das, was sie spielt, genauso meint. Dabei bleibt die wechselseitige Verbindung zwischen der französischen und der spanischen Musik unverkennbar.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Ein Requiem in bester Tradition

Naxos 8.559841; EAN: 6 3694398412 3

Naxos hat in der vielbeachteten Serie ‚American Classics‘ nun das Requiem von John Harbison (geb. 1938) herausgebracht. 2001-02 nicht zuletzt unter dem Eindruck des Terrors von 9/11 entstanden, folgt das Stück in seiner Textvertonung klar der Gattungstradition, aber im Detail ganz persönlichen musikalischen Ideen. Die Erstaufnahme aus Nashville unter der Leitung von Giancarlo Guerrero entstand 2017 und ist durchaus gelungen.

Der amerikanische Komponist John Harbison war Schüler von Walter Piston, Roger Sessions und – in Berlin – Boris Blacher. Er stand immer für eine erweiterte, postserielle Tonalität, die zeigt, dass er neben seinen Lehrern auch viel von Strawinsky gelernt hat. Außer mittlerweile sieben Symphonien hat er u.a. zahlreiche Vokalwerke mit Orchester komponiert.

Sein 2002 vollendetes Requiem geht in Teilen bis 1985 zurück; das Recordare baut auf dem Material des Juste judex auf, das 1995 Harbisons Beitrag zum von Helmuth Rilling uraufgeführten Gemeinschaftsprojekt Requiem der Versöhnung war. Aber erst durch einen Auftrag des Boston Symphony Orchestra 2001 entstand schließlich ein vollständiges Requiem, das ganz traditionell dem üblichen Textkanon folgt. Auch die formale Gestaltung einzelner Teile ist stark der Gattungsgeschichte verpflichtet – etwa, wo der Chor bzw. die Solisten singen. Und so findet sich dann bei Quam olim Abrahae dichter Kontrapunkt, im Agnus Dei das anscheinend unverzichtbare Violinsolo etc. Dass der Hörer hier aber bei soviel Erwartbarem trotzdem keine Sekunde gelangweilt wird, liegt an Harbisons Kunst, den Text doch sehr dramatisch, ausdrucksvoll in Musik zu gießen – vielleicht auch unter dem Eindruck von 9/11. Gerade im bewussten Verfolgen der Tradition zeigt sich nicht nur seine handwerkliche Meisterschaft, sondern der ganz persönliche Ausdruckswille, bei dem alle Teile wiederum durchaus individuelle Züge erhalten. Hier wird also nie mit direkten Zitaten oder auch nur Anspielungen gearbeitet – jedes Motiv, jede melodische Figur ist ein persönliches Statement, wobei es einheitsstiftende Elemente gibt. Auch gehen die Sätze, anders als gemeinhin üblich, ineinander über; lediglich nach dem Lacrymosa am Schluss der Sequentia gibt es eine kleine Verschnaufpause. Das relativ klein besetzte Orchester übertüncht zudem nie den Vokalsatz durch äußerliche Effekte.

Chor und Orchester aus Nashville leisten Außerordentliches: Klanglich und dynamisch wird alles fein abgestuft, die Wirkung des Chores erinnert oft an Brittens War Requiem, im Piano geradezu mystisch. Der Dirigent Giancarlo Guerrero schafft es, über die einzelnen Abschnitte hinaus einen großen Spannungsbogen aufzubauen und zu halten. Die Solisten sind leider etwas durchwachsen: Bewältigen Michaela Martens (Mezzosopran) und Kelly Markgraf (Bariton) ihre Aufgaben recht überzeugend, geraten Jessica Rivera (Sopran) und Nicholas Phan (Tenor) in der Höhe an ihre Grenzen. Phan muss da pressen und Rivera produziert in einigen Passagen ein unerträglich breites Vibrato, was den positiven Eindruck in Normallage erheblich schmälert.

Insgesamt ist Harbison hier erneut ein tief beeindruckendes Werk gelungen, das emotional authentisch wirkt, aber auch nichts wirklich Neues hervorbringt, was einen völlig vom Hocker reißen könnte. Mangels Konkurrenz ist die Naxos-Einspielung vorerst alternativlos, musikalisch und aufnahmetechnisch aber eine ohnehin empfehlenswerte Realisation der interessanten Partitur.

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Das Pathos winkt

Chandos, CHSA 5214; EAN: 0 95115 52142 7

Vorliegende CD beinhaltet Orchestermusik von Gerald Finzi, die in den 50er-Jahren komponiert oder revidiert wurde. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert op. 40 a-Moll, führt über die Eclogue op. 10 F-Dur für Klavier und Streichorchester und die Nocturne op. 7 cis-Moll (New Year Music) zur Grand Fantasia and Toccata op. 38 d-Moll für Klavier und Orchester. Sir Andrew Davis leitet das BBC Symphony Orchestra, das Cellosolo spielt Paul Watkins und Louis Lortie übernimmt die Rolle des Klaviersolisten.

Die Uraufführung des Cellokonzerts war das Letzte, was Gerald Finzi hörte; tags darauf verstarb er im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Hodgkinschen Krankheit, einem Tumor der Lymphknoten. Finzis Musik wirkt nicht zeitgemäß, viel eher zieht er seine Einflüsse aus der Musik des 19. Jahrhunderts, Elgar und Parry sind unüberhörbare Anknüpfungspunkte. Ausgedehnte Flächigkeit prägt die musikalische Landschaft Finzis, lange Zeit ruht er sich auf einmal gefundenen Ideen aus, genießt jede Pastorale und hält auch gespannte Momente bis zum Anschlag aus. Seine sentimentalen Melodien berühren durchaus, die melancholischen Elemente verfehlen ihre Wirkung keinesfalls und auch manch kuriose Effekte verzücken – und doch schafft es die Musik nur selten, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Hörer bis zum Schlusston hin zu tragen, ohne dass er auf dem Weg dorthin abhanden kommt. Das Pathos winkt, doch wirklich passieren tut wenig. Es fehlt an Abwechslung, an Kontrasten oder zumindest an unerwarteten Details, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; die Aussage verschwimmt durch Überlänge, nur Bruchstücke bleiben in der Erinnerung zurück.

Vom Cellokonzert kann der Mittelsatz durch sein inspiriertes Thema und die innige Melancholie bezaubern, die sich später kraftvoll entlädt. Auch die Thematik des Kopfsatzes ist stark, doch verliert sie sich schnell in Formlosigkeit; ähnlich das Finale, in welchem der Solist seinem Instrument abenteuerliche Effekte entlockt, was aber auch das einzige ist, das von diesem Satz hängenbleibt. Durchgehende Zartheit erleben wir in Eclogue für Klavier und Orchester, welches durch die Darbietung zu dem am meisten nachwirkenden Stück dieser CD avanciert. Die Nocturne (New Year Music) ertönt überraschend düster und weltfern für den zumeist freudigen Anlass. Grand Fantasia and Toccata begehrt deutlicher auf als die anderen Stücke, hier wagt Finzi auch einmal Unvorhergesehenes. Besonderen Wert legt der Komponist hier auf das Zusammenspiel der Partner, welches sich gerade auch auf die Dynamik auswirkt und wodurch manch ein hexensabbatartiger Effekt zutage tritt.

Das Orchester agiert äußerst vertraut mit der Musik, hält die Atmosphäre und schafft einen dichten Klang, der den jeweiligen Stimmungen entspricht. Sir Andrew Davis bringt die Solisten und das Orchester zum Einklang, überbrückt die klangliche Distanz der ungleichen Partner. Es gibt nur wenige Passagen, in denen Dirigent und Orchester sich wirklich beweisen müssen, also wo die Musik nicht für sich alleine wirkt, sondern geschickte Darbietungskunst erfordert: doch diese meistern die Musiker elegant. Paul Watkins erweist sich als aufmerksamer und gewandter Solocellist, der sowohl in den pastoralen Stellen als auch in den aufbrausend vorwärtstreibenden die Kontrolle behält und den Klang kultiviert. Der Pianist Louis Lortie überzeugt in Eclogue durch überaus feinen Klang und inniges Gefühl; unterminiert den Eindruck jedoch durch trockenes und uninspiriertes Spiel in der Grand Fantasia and Toccata. Das Staccato wird zur Manier, die Läufe und Akkorde prasseln zusammenhangslos auf den Hörer nieder – schade, denn wir hören auch, dass er könnte, wenn er wollte.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Der sanfte Rebell

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 275; EAN: 4 260052 382752

Auf dem Album „Stories …“ spielt das Thomas Leleu Trio Musik zwischen Klassik, Jazz, Chanson, Latin und ganz anderen Einflüssen, ohne dass es in eine Schublade eingeordnet werden könnte. Auf dem Programm stehen Kompositionen von Thomas Leleu, Tom Jobim, Kurt Weill, Carlos Gardel, Erik Satie, Reynaldo Hahn, Johannes Brahms, Joseph Kosma, Michael Legrand und Georges Moustaki, viele davon arrangiert durch Laurent Elbaz. Das Trio besteht aus Thomas Leleu an der Tuba sowie in zwei Titeln als Sänger, aus Kim Barbier am Klavier und Kai Strobel am Vibraphon.

Von der Aufmachung her könnte das Album „Stories …“ vom Thomas Leleu Trio beinahe auf eine Rockband schließen lassen: Aufgenommen in einem heruntergekommenen Haus sitzt Leleu mit hochgegelten Haaren in Lederjacke und Chucks lässig auf einem Sofa, um ihn herum die keck wirkende Pianistin Kim Barbier und der leger in Shirt und Jeans gekleidete Perkussionist Kai Strobel. Nur die Tuba bringt uns auf die richtige Fährte. Leleu gilt als Rebell, als einer, der sämtliche Stile und Genres frei vermengt, als „nicht klassisch genug für die Klassik-Liebhaber und zu klassisch für die anderen“. Und diesen Ruf lebt er auf vorliegender CD voll aus!

Das Trio besteht aus Tuba, Klavier und Vibraphon; die zunächst eigenartig wirkende Besetzung funktioniert jedoch einwandfrei. Leleu entlockt seiner Tuba einen ausgesprochen sanften und obertonreichen Klang, der das Blech golden glänzen lässt. Dies mischt sich wunderbar mit den sphärischen Tönen des virtuos und brillant-präzise gespielten Vibraphons. Das Klavier kontrastiert die anderen Instrumente durch gewollte Prägnanz im Anschlag und Markigkeit. Schade, dass der Vierte im Bunde nur auf der Innenseite Erwähnung findet: Der Arrangeur Laurent Elbaz, der in „Halton Road“ auch als Pianist in Erscheinung tritt.

Das Programm von „Stories …“ umfasst Eigenkompositionen und eingängige Melodien verschiedener Komponisten, von denen man oft zwar die Stücke, nicht aber die Namen kennt. Laut Thomas Leleu ist für diese CD Kurt Weill der zentrale Angelpunkt, da er eine Verbindung schafft zwischen seiner Heimat und seine Wahlheimat und stilistisch ebenso frei agiert wie er selbst. Die Stilvielfalt der Aufnahme reicht von Brahms‘ Wiegenlied über Leleus „Latin Suite“ bis zu Saties „Je te veux“ und „La dame brune“ von Barbara – Georges Moustaki.

In ihren Darbietungen glänzt das Thomas Leleu Trio durch feinfühlige und differenzierte Herangehensweise. Die Musiker erarbeiten jedes Stück anders, gehen auf die unterschiedlichen Stile eigen ein und haben sich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt. Das Spiel des Trios zeichnet sich durch Farben- und Facettenreichtum aus, durch große Sanftheit und innig empfundenes Gefühl. Die Stücke liegen den Musikern am Herzen und sie wollen etwas Eigenes aus ihnen hervorbringen, das zwar der niedergeschriebenen Musik treu ist, zeitgleich aber in diesem Rahmen das Neuartigste und Rebellischste erkundet und ans Licht des Hörerlebnisses bringt.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Rückkehr zur Gunst des Publikums

Chan 10982; EAN: 0 95115 19822 3

John Storgårds dirigiert das BBC Philharmonic Orchestra mit Orchesterwerken von George Antheil. Zu hören sind die Symphonien Nr. 3 „American“ und Nr. 6 „After Delacroix“ sowie Archipelago, der Hot-Time Dance und die Filmmusik Spectre of the Rose.

Während sich andere Komponisten seiner Generation immer neueren Experimenten und stilistischen Extremitäten hingaben, kehrte George Antheil zurück zur weitgehend tonalen Musik und somit auch zur Gunst des Publikums. Als Enfant Terrible machte er in jungen Jahren von sich sprechen und legte bisweilen sogar einen Revolver auf den Flügel, um während seiner futuristischen Klaviersonaten nicht gestört zu werden. Doch als er Europa verließ und wieder in der Heimat, den USA, lebte, trieb es ihn dazu, sich der Entwicklung eines eigenen, amerikanischen Stils zu verschreiben, der nicht zuletzt auch die Massen ansprechen solle. Die Symphonik erschien ihm als prädestinierte Ausdrucksform für solch ein Vorhaben und Antheil widmete sich Jahrelang intensiv dezidiert der Symphonik, schrieb und verwarf zahlreiche Skizzen.

Wie für die meisten amerikanischen Komponisten etablierte sich in Antheils Musik der Jazz als unentbehrliches Element. Bernstein erklärte in einem seiner „Young People‘s Concerts“ die Entwicklung der amerikanischen Musik und stellt anschaulich dar, wie die Elemente des Jazz immer weiter Fuß fassten in den „klassisch“-amerikanischen Stil. Die American Symphony von  Antheil lässt eben dies spüren: Synkopische Rhythmen und jazzige Harmonien verleihen ihr erst den „amerikanischen“ Flair, den Antheil zum Ausdruck bringen will. Archipelago lebt ebenfalls von Jazzrhythmen, zieht jedoch eine ganz andere Art der Instrumentation mit ein, die sich auf Antheils Zeit in Frankreich zurückführen lässt. Der Hot-Time Dance entfernt sich erstaunlich weit vom Jazz, obgleich gerade dieses Stück den Stil bereits im Titel trägt – viel mehr tönt freudige und unbekümmerte Zirkusmusik durch. Auf Frankreich bezieht sich auch Spectre of the Rose zurück, genauer gesagt auf die Harmonik und Instrumentation von Maurice Ravel. Die Musik gibt sich schlicht und beinahe naiv, versprüht dennoch einen Funken außergewöhnlicher Ideen. Das einzige Werk auf dieser CD, das überhaupt keine hörbaren Jazzelemente beinhaltet, ist die an Schostakowitsch gemahnende sechste Symphonie „after Delacroix“, das üppigste und weitschweifendste dieser Werke. Antheil geriet oft in die Kritik für seinen wieder-tonalen, gefälligen Stil und für die effekthascherische Orchestration. Das beiliegende, ausführlich informierende Booklet von Mervyn Cooke zitiert Rezensionen über die sechste Symphonie, welche sie „hohl und Hollywoodartig“ nannten und ihr vorwarfen, sie habe „die leere Vehemenz einer Wahlkampfrede“. Wenngleich das Pathos in Antheils Orchestermusik durchaus dazu einläd, sie nicht ganz ernst zu nehmen, darf doch nicht der Ideen- und Farbenreichtum in dieser Musik vernachlässigt werden, der packende Drive und die eingängige Melodie, welche mit kecken Rhythmen unterlegt wird.

Storgårds holt eine beachtenswerte Vielfalt an orchestralen Farben aus dieser Musik heraus. Er gibt sich nicht der Versuchung hin, in den opulenten Passagen die Kontrolle über den Klang abzugeben, sondern behält die Zügel durchgehend in den Händen. Zeitgleich gelingt es ihm und dem Orchester, die Musik vollkommen mühelos und zwanglos darzustellen, die Spielfreude hörbar zu machen. Die BBC Philharmonic sind souverän aufeinander eingestimmt und präsentieren einen ausgewogenen, durchhörbaren Sound, welcher der jazzbeeinflussten Musik ebenso gerecht wird wie der etwas abstrakteren in der sechsten Symphonie.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

Shooting Star in der Konsolidierung

Dacapo 8.226144; EAN: 6 3694361442 6

Das Danish National Symphony Orchestra hat nun zwei weitere großbesetzte Stücke von Søren Nils Eichberg (*1973) auf Dacapo eingespielt: seine Dritte Symphonie von 2015 unter Leitung von Robert Spano sowie das Konzert für Orchester „Morpheus“ (2013), dirigiert von Joshua Weilerstein. Vielleicht nicht mehr so vordergründig spektakulär, aber stilistisch gefestigt, weiß diese Musik erneut durchaus zu packen.

Nachdem der deutsch-dänische Komponist Søren Nils Eichberg (Jahrgang 1973) mit seinen ersten beiden Gattungsbeiträgen vor ein paar Jahren als Shooting Star unter den postmodernen, europäischen Symphonikern gefeiert wurde, scheint er mit der sehr persönlichen Symphonie Nr. 3 in eine Konsolidierungsphase getreten zu sein.

Unter dem Eindruck des unvermeidlich nahenden Todes seines Vaters entstanden, tritt in Eichbergs „Dritter“ zu einem großen Orchester noch Chor und – recht dezent, fast unauffällig – Elektronik hinzu. Neben dem rein instrumentalen Zitat eines Wiegenlieds von Carl Nielsen wird der Chor mit Texten des altchinesischen Dichters Qu Yuan (auf Deutsch) und hebräischen Versen von David Vogel beschäftigt, die natürlich die Vergänglichkeit des Daseins anhand existenzieller Fragen reflektieren. Spürbares Unheil macht sich in den acht stark kontrastierenden Abschnitten u.a. durch Klänge aus dichten Quintschichtungen breit. Eichberg arbeitet auch mit dem „Shepard tone“ und algorithmisch entwickelten, selbstähnlichen Klangpattern. Wie schon in den beiden ersten Symphonien lässt der Komponist es aber auch hier mal im Bassregister loskrachen, wechselt von vollster Besetzung zu kammermusikalischen Kleinoden, die wie Inseln die Aufmerksamkeit des Zuhörers fokussieren. Insgesamt ist das Stück rhapsodischer als die klar gegliederten Vorgänger. Der kontemplative, sehr tonale und hoffnungsvolle Schluss klingt dann leider etwas nach Edelkitsch. Trotzdem ist das aber immer noch um Klassen interessanter als etwa die – mich völlig kalt lassenden – subjektiven, symphonischen Entgleisungen der fast gleichaltrigen Johanna Doderer.

Morpheus knüpft noch wesentlich direkter an die Symphonien Nr. 1 & 2 an; manche Idee scheint sich fast schon gefährlich zu wiederholen. Nicht nur an Stellen orchestraler Wucht zeigt sich einmal mehr Eichbergs eminente Orchestrierungskunst – beinahe dekadent, wie Andrew Mellor im Booklet korrekt feststellt. Das siebensätzige Konzert ist ein ironisch grinsender Totentanz in einer Traumwelt, der naturgemäß der verlässliche Boden unter den Füßen fehlt – mit etwas vordergründiger Wirkung, der man sich aber kaum entziehen kann.

Der erfahrene Robert Spano (Symphonie) und der zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade mal 26-jährige Joshua Weilerstein (Morpheus) leiten das Dänische Nationalorchester beide mit Verve und kosten mit großer Lust die harten Kontraste in Eichbergs Musik aus, ohne diese ihrer fraglos ebenso vorhandenen Momente tiefer Ernsthaftigkeit zu berauben. So macht das Zuhören erst einmal jedem Spaß, der virtuose Orchesterkunst mag. Eichberg sollte allerdings aufpassen, dass sich seine zugegebenermaßen gekonnten Effekte nicht allzu schnell abnutzen.

[Martin Blaumeiser, März 2019]

Eine Symphonie für den Frieden

Chandos, CHSA 5233; EAN: 0 95115 52332 2

Kirill Karabits dirigiert das Bournemouth Symphony Orchestra mit Musik des ukrainischen Komponisten Boris Liatoschinski. Auf dem Programm steht die Symphonie Nr. 3, „Frieden wird den Krieg besiegen“, op. 50 und die symphonische Ballade Graschyna op. 58 nach Adam Mickiewicz.

Ähnlich, wie die Symphonien von Sibelius als orchestrales Manifest Finnlands gelten, so gelten die fünf Symphonien von Boris Liatoschinski für die Ukraine. Über allen erhebt sich die Dritte Symphonie als ihr Höhepunkt, als imposante Darstellung von Krieg und Frieden. In den ersten drei Sätzen beschwört der Komponist düstere und bedrohliche Atmosphären, Aufständigkeit und Kampf; erst im Finale kippt die Stimmung und schafft einen versöhnlichen Abschluss. Wegen eben dieses Schlusssatzes kam Liatoschinski jedoch in Konflikt mit dem Sowjetregime, es galt als unpatriotisch; und so musste er den Satz deutlich revidieren, damit das Werk überhaupt zur Aufführung kommen konnte. Im Erstdruck erschien die neuere Version des Finals, wenngleich auf den meisten Aufnahmen der ursprüngliche Schlussatz zu hören ist; neuere Partituren zeigen die revidierte Finalversion lediglich als Anhang.

Das zweite Werk der CD ist die umfangreiche symphonische Ballade Graschyna op. 58, die Liatoschinski 1955 anlässlich des 100. Todestags von Adam Mickiewicz komponierte, der zu den wichtigsten Poeten Polens gehört. Für Liatoschinskis Verhältnisse klingt die Ballade erstaunlich friedlich und sanftmütig, nur kurzzeitig trüben bedrohliche Wolken die ruhige Stimmung.

Die Musik Liatoschinskis besticht durch ihre phänomenale Orchestration und den effektvollen Aufbau, durch das Dichterwerden und Näherkommen einer dunklen Vorahnung, die gerne durch Militärklänge zur Kulmination gebracht werden. Fürs Orchester ist diese Musik – ähnlich wie die von Schostakowitsch – ausgesprochen dankbar, da sie aus sich heraus dem Ohr viel bietet, selbst wenn sie unzureichend erarbeitet wurde. Kirill Karabits zeigt sich als routinierter, wenngleich nicht sonderlich inspirierter Dirigent: Er leitet das Bouremouth Symphony Orchestra mit sicherer Hand und setzt alle Anweisungen der Partitur pflichtgemäß um; damit endet jedoch auch seine Arbeit an dieser Musik. Die feine Abstimmung der einzelnen Instrumente für einen voluminösen Klang lässt er ebenso außer Acht wie Details der Form, also dass die einzelnen Tempopassagen aufeinander abgestimmt wären und die Sätze allgemein eine zwingende Stringenz aufweisen würden. Ihre Wirkung verfehlt die Musik dennoch nicht und gerade die Symphonie fesselt den Hörer unnachgiebig und zieht in in düsterem Sog hinfort, bis das Finale ihn erlöst.

[Oliver Fraenzke, März 2019]