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Barbiturat Bruckner

Deutsche Grammophon 2018, 479 7577; EAN: 028947975779

Anton Bruckner: Sinfonie No. 4 Es-Dur, Richard Wagner: Vorspiel zu „Lohengrin“: Gewandhausorchester Leipzig, Andris Nelsons (Leitung)

Die Einspielung wirft gleißendes Licht auf die großen Unterschiede zwischen beiden Herren Bruckner und Wagner als Schreiber von Tönen.

So zwingend Wagners mit dem Klang gedachte Konzepte wie von selbst sich verwirklichen, legte der Oberösterreicher Spuren eines „so-könnte-es-werden“. Die Architektur, bzw. deren skizzenhafte Erahnung, bedarf einiger Empathie für die Ausgestaltung der großen Lücken und eines grundsätzlichen Reflektierens über Chancen ihrer Dramaturgie und ihres möglichen Scheiterns.

Kurz und um:

Wagners Musik zu verhunzen, indem man sie mit einem hervorragenden Orchester nur austaktiert: kaum möglich. Denn diese „Kapellmeister“-Musik – also von Grund auf von den praktischen Möglichkeiten des Ensembles gedacht (und weit darüber hinaus ideell) – erzwingt das Drama.

Bruckner rammt Pfeiler in einen vagen Untergrund – weit auseinander –, verlangt, dazwischen Seile und Sinn zu spannen. Brücken und Bögen zu bauen, wo nackte Noten stehen. Da muss viel geschehen, dass die kleinen Tropfen der Anfangstakte einen sinnhaften Weg zur Mündung des finalen Es-Dur Akkordes erleben.

Hieße Bruckner mit Vornamen „Baldrian“ – hätte er die Fragmente seiner Welt unter dem Einfluss wahrnehmungsverzögernder Substanzen erfunden –, dann wäre diese Aufnahme exemplarisch. Allerdings tauchen an der These Zweifel auf: gelang es in vergangenen Zeiten, Ausführenden von Philadelphia und Berlin bis München, uns Späteren Aufführungszeugnisse zu hinterlassen, die noch heute staunen – ob deren Spannungsgeladenheit – und… sprachlos machen.

Nelsons arbeitet sich Takt für Takt vor: vertrauend auf das ihm folgende, fabelhafte Orchester. Buchstabiert auf’s Kleinste und entlang notierter Zeichen richtig. Und es ereignet sich: nichts….

Kürzer und ümmer:

die Frage – weshalb noch eine Dokumentation so oft eingespielter Musik, wo nichts weiter vor sich geht als spannungsfrei aufgereihte Noten?

Aber wie das Orchester spielt! Sensible Streicher stützen das nie verdeckende oder dicke Blech. Herausgehoben die Holzbläser, deren silbrig-schimmernder Klang in Wagners Werk stimmig mit allen Musizierenden Schwanenritterwunderwelt wahr werden lässt!

[Stefan Reik, Juli 2018]

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Himmelfahrts-Konzert „Wilde Gungl“

Himmelfahrts-Konzert der „Wilden Gungl“ – 25. Mai 2017 im Prinzregententheater unter Leitung von Michele Carulli

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Von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner, welch ein Bogen! Und diesen musikalischen Bogen spannte das Orchester ”Wilde Gungl” unter seinem Dirigenten Michele Carulli am Vatertag im Münchner Prinzregenten-Theater in der Matinée um 11 Uhr.

Melodienzauber! hieß das Motto des Konzerts und dem entsprach das Programm, fast alle Melodien waren sogenannte ”Reißer”. Aber diese im Augenblick des Entstehens zu erleben, ist eben doch jedes Mal etwas ganz Anderes als sie zu Hause auf CD, im Radio oder bei einer Übertragung im Fernsehen zu hören. Lebendige Musik, „live“ ist durch nichts zu ersetzen, das wurde mir wieder einmal mit aller Deutlichkeit und Eindringlichkeit vor Augen und Ohren gebracht.

Solch einen Strauß aus vielen verschiedenen Melodien aus mehreren Jahrhunderten zu einem Programm zu verbinden, bedarf nicht zuletzt einer guten und ansprechenden Moderation. Sie ist und war bei Arnim Rosenbach – wie schon öfter – in allerbesten, charmanten Händen, auch dank seiner ebenso ansprechenden Stimme wie Art der Programmführung.

Von Bachs „Air“ aus der Orchestersuite BWV 1038 über Mozarts Klavierkonzert-Thema des zweiten Satzes  KV 467 , das durch den Film „Elvira Madigan“ weltbekannt wurde, über Verdi, Mascagni, Smetana hin zu Puccini, Mahler, Morricone, Böttcher, Tschaikowsky bis hin zu den beiden Zugaben von Nino Rota und der Ouvertüre zu „Rienzi“ von Wagner zog sich der Melodien-Zauber.

Die Konzerte der „Wilden Gungl“ verfolge ich nun schon seit ein paar Jahren, aber auch diesmal fiel mir besonders auf, dass die Gruppe der Streicher durch Michele Carulli noch homogener geworden ist, noch sensibler spielt, was man bei einigen Stücken, in denen die Streicher die Hauptrolle spielen, besonders hören konnte. Bei Mahlers „Adagietto“ aus seiner 5. Symphonie fiel das natürlich speziell auf. Aber auch die „Nichtstreicher“ – von denen mir besonders die Harfenistin und die Holzbläser gefielen – geben dem Orchesterklang die Farbigkeit, die diese Musik überhaupt so zum Klingen und Blühen bringt. Und das Publikum, jung und vor allem natürlich die älteren Semester, die der „Wilden Gungl“ – ihrer „Wilden Gungl“ –  schon seit Jahren die Treue halten,  war begeistert und brachte das entsprechend zum Ausdruck.

Dass Michele Carulli ein Dirigent mit Leib und Seele unter Einsatz voller Energie ist, der das Orchester befeuert und die Musik sich in melodische Höhenflüge aufschwingen lässt, ist bei jedem Konzert begeisternd zu erleben. Auch der Beifall, den er wie selbstverständlich den entsprechenden Solisten-Kollegen weitergibt, gehört dazu. Und nicht zuletzt seine eigene Moderation, mit der er die beiden Zugaben ansagt und das Publikum nach gewaltigem Beifall entlässt.

Ein Stück möchte ich allerdings gesondert erwähnen, nicht nur, weil es mir unbekannt war, sondern weil es als „Jugendstück“ von Giacomo Puccini schon alles erkennen und hören lässt, was uns später in seinen Opern so mitnimmt und beglückt. Das „Preludio sinfonico“ von 1882 – aus seiner Zeit am Mailänder Konservatorium – ist eine wunderbare Überraschung in diesem ambitionierten und doch so unterhaltenden Programm.

Ich freue mich schon auf das Sommerkonzert im Brunnenhof und auf das Wiederhören der „Wilden Gungl“.

Ceterum censeo: Auch wenn es Perlen vor die Säue gleich zu sein scheint, ich werde nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die Münchner Zeitungskritik, das sogenannte Feuilleton, gut daran täte, aufzuwachen und dieses Orchester – das schließlich schon seit 150 Jahren existiert – und seine wunderbaren Programme endlich zur Kenntnis zu nehmen. Ganz einfach.

[Ulrich Hermann, Mai 2017]