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Fortsetzungsoratorien

MusikMuseum, CD13013; EAN: 9 079700 069502

MusikMuseum, CD13028; EAN: 9 079700 700153

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Chor und Orchester der Akademie St. Blasius spielen auf zwei voneinander unabhängig erschienenen CDs die beiden großen Oratorien des tirolischen Komponisten Franz Baur, „Genesis“ und „Amartema – Der Sündenfall“. Andreas Mattersberger übernimmt die Rolle des Bassbariton-Solos, in barocker Manier Erzähler des Bibeltextes, Susanna Langbein singt Sopran und in ”Amartema” kommt Bernhard Landauer als Altus hinzu. Das Orchester wird von seinem Chefdirigenten Karlheinz Siessl geleitet.

Es sind Oratorien vom Beginn der Welt und Ursprung unseres heutigen Bewusstseins, Oratorien des Aufkeimens und schlussendlich des Falls in den Zustand, der unsere jetzige Realität darstellt. Entstehung und Verstoßung, der in Tirol geborene Komponist und Philosoph rollt die Bibel von ihren Anfängen her auf und erfüllt die ersten Kapitel mit seinen Klängen und Gedanken. Durch das aufeinander aufbauende Geschehen gehören die beiden Musikwerke letztlich zusammen, aber Franz Baur gestaltet sie auf vollkommen unterschiedliche Weise.

Das betrifft schon die Besetzung, denn während Genesis das Orchester stark zurücknimmt und nur Streicher, Schlagwerk sowie zum Höhepunkt hin zwei Hörner verwendet, spannt Amartema das gesamte Orchester ein, macht zudem ausgiebigen Gebrauch von drei Solisten, wo Genesis mit einer Bassbaritonrolle und einer kleineren Sopranpartie auskommt. Die Schöpfung hat eine ganz klare Aufteilung in die sieben Tage, welche durch kurze Sprechpartien unterteilt und doch musikalisch eben dadurch auch zusammengehalten werden, während der Sündenfall zwar in fünf Teile plus Epilog (erste drei Teile: Paradies; vierter und fünfter Teil: Sündenfall) gegliedert ist, diese jedoch bruchlos ineinander übergehen. So stellt sich Baur vor unterschiedliche Herausforderungen: in Genesis verwendet er für jeden Tag eine andere Kompositionstechnik, die er über diese Kontraste hinaus sinnvoll korrelieren muss, in Amartema hat er die gesamte „himmlische Länge“ eines Oratoriums musikalisch zu erfüllen, ohne dass Gleichförmigkeit entsteht. Genesis zieht viel klanglichen Reiz aus additiven Prinzipien, indem zu einem etablierten Ton neue Klänge hinzutreten und sich eine Kon- oder auch eben Dissonanz bildet, die der Hörer beim Entstehen mitverfolgen kann – wenn man so will, eine Weiterführung der Idee, die Ligeti zu Beginn seines Lux aeterna verfolgte. Amartema hat aufgrund der größeren Besetzung mehr Möglichkeiten, auf den Text einzugehen und diesen subtil zu illustrieren. Baur schafft es dabei, niemals plakativ zu werden, wobei die Stimme stets im Vordergrund steht. Oft haben die Instrumentalisten kleine Patterns, über denen sich Soli oder Chor aufbauen, gerne nutzt Baur eine zentrierende Orgelpunkt-Wirkung.

Von zentraler Bedeutung ist hier die sängerische Leistung der Solisten. Stimmlich können sie alle drei voll überzeugen und befriedigen mit voller Textverständlichkeit. Beim Bassbariton Andreas Mattersberger geschieht dies zwar um den Preis einiger Konsonant-Überakzentuierungen – was man allerdings durch die heute herrschende Mode so gewöhnt ist, dass man es kaum mehr wahrnimmt -, doch seine sonore Stimme und musikalische und zugleich parlierende Phrasengestaltung lassen leicht darüber hinwegsehen. Geschickt war die Wahl, Bernhard Landauer als Altus für die Schlange einzusetzen: Die Stimme ist lupenrein in der Höhe und verleugnet doch nicht, dass es sich um eine Männerstimme handelt, was der Schlange gewissermaßen die „gespaltene Zunge“ verleiht und damit einen besonders überzeugenden Effekt einbringt. Das Verhältnis zwischen Vokalen und Konsonanten ist fein abgestimmt bei Susanne Langbein, deren golden schimmernder Stimmklang fast schon prädestiniert ist für die Partie als Gott.

Das Orchester agiert zwar größtenteils recht ruhig im Hintergrund, doch dabei weiß es um seine Wichtigkeit für die volle Entfaltung dieser Oratorien. Entsprechend ist jedes noch so unscheinbare Motiv und jede noch so hintergründige Stimme integriert und reflektiert. Es muss eine gewaltige Anzahl an Proben hinter diesen Aufnahmen stecken, um solch eine subtile und ausdrucksvolle Untermalung zu bieten, die vermutlich vielen nicht einmal bewusst auffallen dürfte. Karlheinz Siessl dirigiert mit Liebe zum Detail und überhaupt zur Musik, was sich unüberhörbar auf seine Musiker überträgt. Die Akademie St. Blasius setzt nicht auf profitable Programme oder raschen Erfolg, alle dienen der Musik und den Komponisten, die sie für unterstützenswert halten – und so wäre es wünschenswert, dass auch dieses Orchester einmal groß unterstützt und ihm der Platz in der heutigen Orchesterwelt gegeben werden würde, der ihm eigentlich rein qualitativ zusteht.

[Oliver Fraenzke, Oktober 2017]

Eine tanzende Klarinette

Musikmuseum 23, CD13022; EAN: 9 079700 700108

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Schon seit längerer Zeit verfolge ich die Aktivitäten des Innsbrucker Orchesters der Akademie St. Blasius unter Leitung seines Chefdirigenten Karlheinz Siessl. Immer wieder beeindruckt dieser Klangkörper mit reflektierten Darbietungen und interessanten Ausgrabungen nahezu vergessener Komponisten. Gerade der romantische Tiroler Symphoniker Rufinatscha wäre vermutlich ohne dieses Orchester auch weiterhin komplett in der Versenkung verschwunden geblieben. So konnte ich mir selbstverständlich auch die bislang neueste CD dieses Orchesters mit dem Titel „Veitstänze“ nicht entgehen lassen.

Der Tonträger enthält 23 größtenteils recht kurze Nummern in meist romantisierendem Gestus. Den Beginn machen die „Dance Preludes“ von Witołd Lutosławski, scheinbar flüchtig hingeworfene Stückchen von unsagbarem Witz und Spielfreude. Und zweifelsohne ist das große Genie Lutosławskis auch in diesen fast fragmentarischen Stücken auf der Basis polnischer Volkstänze unüberhörbar. Johann Baptist Gänsbacher, ein Schüler von unter anderem Antonio Salieri und Abbé Vogler, erweist sich in seinem Konzert für Klarinette und Orchester Es-Dur als ein sehr wacher Geist und bezaubert durch wendige und vielseitige Melodien und einen stets spannenden Dialog zwischen Solist und Orchester. Hier hat das Orchester der Akademie St. Blasius wieder einmal einen wertvollen Komponisten aus seiner Heimatstadt ausgegraben, für den ebenso wie für Rufinatscha ansonsten gar nichts geschehen würde. Die Suite aus „The Victorian Kitchen Garden“ von Paul Reade führt den Hörer weiter nordwestlich, nach England. Sie ist eine Umarbeitung von Teilen der Musik zur gleichnamigen Fernsehserie, welche große Popularität genoss und dem Komponisten den Ivor Novello-Preis einbrachte. Die fünf Sätze erweisen sich als ansprechende wie harmlose Stimmungsbilder von verzaubernder Schlichtheit. Zurück nach Innsbruck nimmt Michael F. P. Huber mit seinen titelgebenden „Veitstänzen“ mit. Mittlerweile ist Huber geradezu als „Stammkomponist“ des Orchesters der Akademie St. Blasius zu bezeichnen. Hier kommt man nicht darum herum, das Wort „leider“ anzuhängen; natürlich hat er mit dem Klangkörper großartige Vorkämpfer seiner Werke und die Gewährleistung, dass seine Werke auch gespielt werden, doch ist es bedauernswerterweise zugleich fast das einzige Orchester, welches seine großartige Musik aufführt. (Es sollte nicht vergessen werden, dass das Kammerorchester INNSTRUMENTI wie ebenso das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck auch Weltpremieren von Huber gaben, doch sind auch dies Klangkörper aus seiner Heimatregion.) Dieser Komponist hätte es mehr als verdient, über die Grenzen Innsbrucks und Österreichs hinaus bekannt, von einem großen Verlag unterstützt und auf internationalen Bühnen gespielt zu werden. Für die vorliegende CD steuerte er acht Veitstänze bei, Orchestrierungen für Klarinette, Schlagwerk und Streicher von früheren Kammermusikwerken, die bereits in verschiedenen Besetzungen existieren. Die Musik ist genauso vielschichtig wie ihr Name, der zum einen auf einen mittelalterlichen Tanz, andererseits aber auch auf eine Krankheit mit Symptomen wie unkontrolliertem Zucken der Gliedmaßen zurückgeht. Rhythmische Prägnanz, grenzenlose Inspiration und eine gepfefferte Prise Humor prägen diese Tänze, die so locker aus dem Handgelenk geschüttelt scheinen. Die Titel der Tänze sagen einiges über ihren Inhalt aus: Frisch und munter, Etwas störrisch, Nervös, Launisch, Flüchtige Vision, Nonchalant, Frech und Fröhlich, Flüchtiges Finale. Bestechend ist nicht zuletzt die große Gabe der Orchestration, die Huber beherrscht wie wenige andere Komponisten unserer Zeit. Die Besetzung wirkt, als wäre sie niemals anders als genau so geplant gewesen, wobei gleiches auch über die früheren Fassungen gesagt werden kann, die mir vorliegen. Zwei kurze Werke folgen auf Hubers Tänze: Heinrich Joseph Baermanns Adagio für Klarinette und Streicher, ein stimmungsvoll-lyrisches romantisches Gemälde, welches nach Hubers mitreißenden Veitstänzen simpler scheint, als es eigentlich ist, und Eduard Demetz‘ UE1 für Klarinette, Bassklarinette und Elektronik. Fast wirkt letzteres, das modernste Stück der CD wie fehl am Platz nach solch romantisch durchwehter und eingängiger Musik, doch weist es auch einige witzige und kecke Passagen auf, und es ist trotz der (übrigens recht interessant eingesetzten) Elektronik in der Dynamik der Form primär auf Töne und Melodien (nicht auf Geräusche) bezogen und bietet dem Hörer somit noch eine Art Struktur, an die er sich festhalten kann.

Peter Golser wird den Hörern von MusikMuseum sicherlich bekannt sein, wenngleich nicht als Musiker, ist er doch bei dieser Reihe schließlich Tontechniker, und auch hier ist er für Technik, Schnitt und Mastering zuständig. Auf dieser Einspielung ist er jedoch auch einmal vor dem Mikrofon, es ist sein CD-Debüt als Klarinettist. Seine langjährige Arbeit hinter der Bühne mit dem Orchester und seinem Dirigenten zahlt sich nun auch in dieser Einspielung aus. Seine Solostimme ist mit dem Orchester stets in exakt Übereinstimmung und verschmilzt mit ihm zu einer Einheit. Er tritt in ständigen Dialog mit seinen Mitstreitern, kann teils sogar mit sich selbst dialogisieren. Sein Spiel ist ausgesprochen klar und wendig, verliert dabei nie an Lockerheit und Gelassenheit. Wie ein Chamäleon passt sich Golser den Anforderungen der Werke an, kann sowohl die klassisch-romantischen Töne als auch die Stimmungsbilder und die vielseitig-epochenübergreifenden Veitstänze gut erfassen und dem Hörer glaubhaft vermitteln. Alles ist bei ihm im Fluss auf einer ständigen Reise durch unzählige Tongebungs-Schattierungen vom klaren quasi-Flötenton über tiefe celloartige Klänge bis hin zu hexenhaftem Aufbäumen. Katja Lechner steht ihm in Raedes Suite als Harfenistin zur Seite mit voll klingendem, leicht hallig aufgenommenem Spiel von perlender Schönheit und Zartheit. In UE1 von Eduard Demetz ist es Jürgen Federer an der Bassklarinette, der einen exzellenten Duettpartner abgibt, sie stimmen ihr Spiel äußerst fein aufeinander ab und klingen förmlich wie aus einem Mund. Das Orchester der Akademie St. Blasius, hier nicht bloßer Hintergrund, sondern bedeutungsvoller Widerpart zu Peter Golser, musiziert wie immer äußerst reflektiert und mit fesselnder Plastizität. Das Zusammenspiel dieses Orchesters ist stets außergewöhnlich präzise und auch tatsächlich „gehört“, Karlheinz Siessl achtet minutiös auch auf das Vortreten der wichtigen Nebenstimmen und lässt weit mehr als farbenprächtige Vielfalt entstehen. Auch der diffizil zu erarbeitende Humor in Hubers Veitstänzen kommt tadellos über die Rampe.

Hier prallen verschiedenste Welten aufeinander, in der Mitte entsteht dabei etwas Tänzerisches und Munteres. Alles ist dargeboten in höchster technischer und musikalischer Qualität voll Witz, Keckheit und unverkennbarer Freude an der Musik.

[Oliver Fraenzke, Mai 2016]

Die Tiroler Moderne

musikmuseum 20; CD13019; ISBN: 9 079700 700061

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Die Opera 50 bis 52 des Tiroler Komponisten Michael F. P. Huber erschienen erstmals auf CD mit dem Orchester der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl. Dabei handelt es sich um die dritte Symphonie des Innsbruckers sowie sein Konzert für Harfe und das für Viola d’amore, Solisten hierbei sind Martina Rifesser und Andreas Ticozzi.

Das Orchester der Akademie St. Blasius erwirbt sich schon lange Zeit große Verdienste durch ihr beachtliches Engagement für unbekannte und zeitgenössische Künstler, vor allem die aus Tirol stammenden sowie auch einige aus den nordeuropäischen Ländern. Die mittlerweile 20. CD der Tiroler Reihe musikmuseum ist vollständig Michael F. P. Huber aus der Heimatstadt des Orchesters gewidmet, der bereits auf der siebten Veröffentlichung mit seiner zweiten Symphonie und Streichorchesterwerken vertreten ist. Mit Huber hat das Orchester einen wahrlich interessanten Komponisten entdeckt, der sich wenig aus den aktuellen Vorstellungen von „zeitgenössischer Musik“ macht – sprich, er gehört nicht zu der dominierenden Masse an Tonsetzern, die sich ausschließlich für noch ausgefallenere Klangspiele und strukturlose, für den Hörer unverständliche Musik ohne jeglichen Zusammenhang aufopfern. Viel eher konzentriert er sich auf prägnante Rhythmik und die logische Verarbeitung seiner Themen, die einen erkennbaren Kontext schaffen und eine klar ersichtliche Struktur bilden – oft in vertrauten Großformen wie hier in Konzert und Symphonie. Dennoch lässt sich keinesfalls behaupten, seine Musik sei in irgendeiner Weise regressiv, auch wenn ihr das vermutlich die meisten fest etablierten Anhänger der avantgardistischen Musiklobby vorwerfen würden.

Der erste Teil der CD besteht aus zwei grundverschiedenen Solokonzerten mit jeweils einer kleinen Orchesterbesetzung. Das dreisätzige Harfenkonzert Op. 50 verzichtet vollkommen auf Bläser, benötigt dafür neben den Streichern ein sehr solistisch gesetztes Klavier, das immer wieder in ein Wechselspiel mit der Harfe tritt (wobei der so prominent mitwirkende Pianist bedauerlicherweise namentlich selbst im Booklet nur in allerletzter Reihe der Mitwirkenden aufscheint: Mathias Schinagl), sowie zwei Schlagwerkspieler. Von Anfang an zeigt sich, dass Michael F. P. Hubert trotz unkonventionellem Umgang mit dem Material tief in der Tradition verankert ist: Tonleitern und Terzintervalle dominieren das Bild. Das Konzert besticht durch seine rhythmische Präsenz und sein komplexes Zusammenspiel. Der Dirigent Karlheinz Siessl schafft es, den Klang klar und durchsichtig zu halten, so dass auch in den verzwicktesten Passagen keine Stimme zu sehr untergeht, und vermag es, insgesamt eine helle und strahlende Wirkung zu erzielen. Der höchst anspruchsvolle Solopart wird dabei mühelos von der ebenfalls aus Tirol stammenden Martina Rifesser gemeistert, die ihrem Instrument alle nur vorstellbaren Klangfarben entlocken kann, vom tiefem Scheppern und hohem Knallen bis hin zu einem äußerst sanglichen Ton, was bei der gezupften Harfe vielen nicht gelingen mag. Durch seine gute Anpassungsfähigkeit imponiert auch der Pianist Mathias Schinagl, dessen Stimme untrennbar mit dem Soloinstrument verbunden erscheint. Das gesamte Zusammenspiel aller oft in extremen Konfliktrhythmen stehenden Partien ist durchgehend höchst beziehungsreich und so verzeiht man gerne gelegentliche Asynchronitäten zwischen Schlagwerk und Harfe.

Das einsätzige Konzert für Viola d’amore und Kammerorchester Op. 51 kann nicht ganz an das so präsente und einheitlich wirkende Harfenkonzert heranreichen. Zwar hat auch dieses einen ganz eigenen Reiz durch den Verzicht auf sämtliche hohen Streicher und die stattdessen zusammen oft vierstimmig gesetzten Celli und Kontrabässe und durch wirkungsstarke Konstellationen wie beispielsweise den einleitenden Kanon, der sich nie komplett in die Höhe zu schrauben vermag, doch fehlt hier ein wenig der große Zusammenhang, der die drei Abschnitte als ein bezwingendes Gemeinsames erfahren ließe. Auch ist die Musik nicht mehr ganz so unmittelbar verständlich wie im Opus 50, einige Passagen wirken eher konstruiert. Die Umstellung von seiner normalen Violine und Viola zu der siebensaitigen und mit Resonanzsaiten vollkommen von heute gebräuchlichen Instrumenten abweichenden Viola d’amore gelingt Andreas Ticozzi ohne Probleme. Er entlockt dem historischen Instrument einen recht rauhen – statt, vielleicht erwartet, lieblichen – Ton, wodurch die Saiten ein leicht kratziges, zum Gesamtklang allerdings stimmiges Timbre erhalten. Der Solist nimmt den meist mehrstimmigen und herausfordernden Violasatz allgemein recht herb und mit einem gewissen Trotz, mit dem die Stimme auch oft genug gegen das Kammerorchester aufbegehrt, wodurch sich die Kompositionsweise auch im Spiel sehr deutlich abzeichnet.

Das letzte Werk der CD ist die 2013 komponierte Symphonie Nr. 3 Op. 52, die dem hier am Pult antretenden Karlheinz Siessl gewidmet ist. In den beiden Sätzen des knapp 30-minütigen Werkes kann nun auch einmal das voll besetzte Orchester der Akademie St. Blasius in Erscheinung treten. Auf den pompös schmetternden ersten Satz folgen zurückgenommenere Metamorphosen, die auch zu größeren Ausbrüchen im Stand sind und am Ende den Zuhörer vollkommen erschüttert zurücklassen. Das zweifelsohne einen Höhepunkt im bisherigen Symphonieschaffen des frühen 21. Jahrhunderts darstellende Orchesterwerk verfolgt einen klaren Aufbau aus einem einzigen Grundmaterial, das immer weiter und freier fortgesponnen wird, dabei teils humorvoll und losgelöst, teils aber auch äußerst dunkel und tiefgründig sein kann und sich in größter Obsessivität ins Unermessliche steigert, womit es sich in der Doppelbödigkeit ein wenig an russisches Symphonieschaffen des mittleren 20. Jahrhunderts anzuschließen scheint. Hier kann sich das Orchester der Akademie St. Blasius unter Karlheinz Siessl voll ausleben, die Musiker haben genauestes Verständnis für diese Musik, quasi ein Heimspiel. Der Dirigent ist in der Lage, den großen Orchesterapparat vollständig durchsichtig zu halten, sogar bei den akzentuiert gewaltigen Höhepunkten gleitet er niemals in blindlings lärmende Banalitäten oder mechanische Manieren ab. Immer hat er den musikalischen Bogen im Kopf und entsprechend den derzeitigen „Standpunkt“, an welcher Stelle im Stück man sich gerade befindet. Nicht zuletzt zentral ist für Karlheinz Siessl auch jede einzelne Stimme, die er ausgestalten lässt und dann in ein einheitliches Ganzes einfügt, wodurch gerade die polyphonen Passagen eine überragende Wirkung erhalten.

Zu allen Beteiligten gibt das Booklet genauere Auskünfte, außerdem stehen dort wissenswerte Details über die drei Werke – wenngleich ohne Nennung der ehrenvollen Widmung der dritten Symphonie. Aufgenommen wurde die Musik jeweils im Rahmen von Konzertprojekten an verschiedenen Orten, wobei die Klangqualität durchgehend auf ausgezeichnetem Niveau ist, alles ist sehr zufriedenstellend abgemischt und ausgewogen.

Zusammenfassend liegen auf dieser CD drei wahrlich technisch ausgereifte, einfallsreiche, prägnante sowie auch ins Ohr gehende und bei aller Mannigfaltigkeit der Textur verständliche Orchesterwerke von Michael F. P. Huber vor, die von dem glänzenden Orchester der Akademie St. Blasius und dem auf diesem Gebiet der Musik sichtlich erfahrenen Dirigenten Karlheinz Siessl in exemplarischer Qualität dargeboten werden. Es ist ein sehr wertvoller Beitrag für die leider bisher sehr unbekannte Musikkultur Tirols, die dringend auch von anderen Seiten der Aufmerksamkeit bedarf, um sie auch hier in Deutschland endlich auf die Konzertbühnen zu bringen.

[Oliver Fraenzke, September 2015]