Alle Beiträge von Oliver Fraenzke

Drei Mal gegen den Strich

Cracked Anegg records, crack0066; EAN: 9 120016 850749

„Trillium“ heißt das neue Jazz-Projekt, das drei einzigartig-individuelle Künstler zusammenführt: den Gitarristen Gerard Guse, die Bassistin Gina Schwarz und den Schlagzeuger Ramon Lopez. Bei Cracked Anegg Records erschien nun ihre erste CD, in der sie ihren Sound in elf Tracks ausleben.

Ein Trio mit Gitarre, Bass und Schlagzeug bietet einerseits zahlreiche klangliche Möglichkeiten, lässt den Wechsel zwischen akustischen und elektronischen Elementen zu und verleiht dem Bass eine besonders wichtige Rolle, da er keine harmonische oder melodische Unterstützung eines Klaviers bekommt. Sowohl Gitarre als auch Bass erreichen hohe Lagen, können aber auch gemeinsam die Tiefe erforschen. Und andererseits ist der Klang solch eines Trios nackt, denn keines der Instrumente kann ohne elektronische Mittel die Töne länger halten, als die Saiten schwingen. Keine Bläser oder Streicher schmücken die Musiker aus, was ihnen schnelle Reaktion und flexible Gestaltung der melodischen und harmonischen Strukturen abverlangt. Ausgefeiltes Wechselspiel und ein Miteinander in jeder Hinsicht sind erforderlich, um auf einem Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trio etwas „Vollständiges“ erwachsen zu lassen.

Als Initiator des Projekts „Trillium“ gilt der deutsche Jazzpianist Joachim Kühn, den der Schlagzeuger Ramon Lopez in Ibiza besuchte. Dies veranlasste Kühn, eine Session in seinem Studio zu organisieren, wozu er den Gitarristen Gerard Guse hinzuholte. Begeistert von diesem Sound kam ihm die Idee, Gina Schwarz hinzuzuholen und zu sehen, wie die drei harmonieren – und wurde von ihr und der Konstellation als Trio überzeugt.

Heraus kam ein Album, das vor Eigenheit und Individualität nur so strotzt: Die drei Musiker wagen, um zu gewinnen. Wendig wechselt das Trio zwischen den Abschnitten, schwenkt von gefundenem Groove und nachvollziehbaren Melodien plötzlich um zu freien und klangbasierten Sphären, lässt es dabei für den Hörer offen, ob sie wieder zurückkehren, oder ob die Reise sie ganz wo anders hin führen wird. Allgemein wird die Musik von Freiheit und Ungebundenheit – wenn nicht sogar von Unbekümmertheit – charakterisiert. Doch gleich, wohin die Musik die drei gerade bringt, sie agieren stets als Einheit zusammen und ergänzen einander vollkommen. Viele Passagen leben mehr von erwirkten Zuständen denn von musikalischem Fortgang und teils fehlt mir ein identifizierbares melodisches Gerüst oder eine hörbare Struktur; das Risiko dazu ist bei so viel Eigensinn nachvollziehbar. Dafür belohnen Guse, Schwarz und Lopez den Hörer über lange Strecken mit unerhörter Musik, die gegen den Strich geht.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Was die Welt jetzt braucht

Muse Alliance, MA 008; EAN: 4 260164 630176

What the world needs now; Ensemble Sarband; Joel Frederiksen (Bass, Laute, Arciliuto), Rebal Alkhodari (Tenor, Ud), Vladimir Ivanoff (Perkussion, Ud), Mohamad Fityan (Nay, Kawala)

Auf ihrer bei Muse Alliance erschienen CD „What the world needs now“ präsentiert das Ensemble Sarband Lieder aus den arabischen Ländern, Amerika, England und den sephardischen Regionen sowie neue Kompositionen. Die Zusammenstellung verfolgt das Ziel einer länderübergreifenden Verständigung und eines Miteinanders der Kulturen. Vladimir Ivanoff leitet das Projekt künstlerisch und wirkt an Perkussion und Ud, Joel Frederiksen singt Bass, spielt dazu Laute und Arciliuto, Rebal Alkhodari hören wir als Tenor und Ud-Spieler und Mohamad Fityan hören wir an Nay und Kawala.

Crossover-Projekte erscheinen in den letzten Jahren gehäuft auf dem Markt, die Mischung von Musik aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen erfreut sich großer Beliebtheit bei den Hörern. Ein Großteil dieser Zusammenstellungen wirkt recht beliebig und uninspiriert zusammengebastelt, ist hauptsächlich auf die Resonanz beim Käufer ausgelegt.

Das Ensemble Sarband gehört nicht zu diesen: Vom ersten Ton an verspürt man eine andere Antriebskraft hinter dem Projekt. Die vier Musiker gehen mit innbrünstiger Leidenschaft und Hingabe an die von ihnen gespielten Stücke heran. Sie hören nicht nur bewusst aufeinander, sondern versuchen, die Vorzüge der anderen in ihr eigenes Spiel zu integrieren. Der Austausch steht im Vordergrund: Die Werke stammen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern und Kulturkreisen, wären ohne dieses Projekt vermutlich nie aneinandergeraten. Die Auswahl wurde nicht willkürlich getroffen, sondern verfolgt eine innere Logik; die Musiker brachten Werke aus ihren jeweiligen Heimatländern oder Interessensgebieten mit und teilten sie mit den anderen – sie arbeiteten gemeinsam an der Musik, so dass jeder seine eigene Note mit hinein brachte.

Die Instrumentation ist mit Du, Arciliuto, Laute und Schlagwerk archaisch, der Klang verpflichtet sich einer historischen Vorstellung, die allerdingt nicht erdacht , sondern erfühlt und damit frisch und unverbraucht – aktualisiert – erscheint. Die menschliche Stimme steht über weite Strecken im Vordergrund: Joel Frederiksen hören wir als hinreißenden Bass mit markantem, voluminösem Timbre; Rebal Alkhodaris Tenorstimme geht über den tonalen Rahmen hinaus in die mikrotonalen Ornamente arabischer Musik. Die Gegenüberstellung dieser beiden Stimmen bezaubert, das Reine und Tiefe der christlichen Musik im Wechsel mit der expressiven und strahlenden Stimmwelt des muslimisch-orientalischen Gesangs.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

Stilpalette

Ars Produktion Schumacher, ARS 38 248; EAN: 4 260052 382486

Christian Erny plays Arthur Lourié piano works

Christian Erny spielt ausgewählte Klavierwerke des aus Russland stammenden Komponisten Arthur Lourié. Auf dem Programm stehen die Cinq Préludes fragiles op. 1, Deux Estampes op. 2, Valse, Intermezzo, Petite Suite en Fa, Gigue, Nocturne und Lullaby.

Das Leben Arthur Louriés war durchsetzt von Misserfolgen und Neuanfängen, von stetigem Wandel. Von Russland über Deutschland und Frankreich verschlug es Lourié bis in die USA, wo er resigniert starb; begleitet wird diese Reise von einer Palette an Stilbrüchen und -änderungen, als Komponist wagte er sich an immer neuere Ausdrucksmittel.

Seine ersten Werke beziehen sich hauptsächlich auf die Musik Frankreichs um die Jahrhundertwende, nur bedingt schweben Anklänge der russischen Spätromantik mit. Als früher Glücksgriff erweist sich sein Opus 1, fünf fragile Präludien, die auf geringem Raum prächtige Farben und innige Gefühle offenbaren. Die Deux Estampes op. 2 fahren im Kielwasser Debussys, sowohl die Titel als auch die Musik verbeugen sich vor dem stillen Revolutionär. Sie setzen sich aus typischen Elementen und Harmonien von Debussys Musik zusammen, die Lourié lose zusammenkittete. Werke aus Louriés Berliner Zeit zeigen Anklänge an Stawinskys Neoklassizismus, was sich nicht zuletzt auf eine persönliche Verbindung der beiden Komponisten zurückführen lässt. Größeres Format besitzen Nocturne und Intermezzo, beide 1928 komponiert; hier wendet sich Lourié neuen Ausdrucksformen zu, ein aufkeimender Personalstil scheint durch, den Verbitterung und rückwärtsgewandte Nostalgie auszeichnet.

Die Stärke Christian Ernys liegt auf dem Feld des Momentzaubers, durch seinen flüchtig-weichen Anschlag schafft er eine zarte, schwelgende Atmosphäre. Die Vergänglichkeit schwingt mit, was den Hörer anregt, aktiv mitzuerleben. Während ich bei seinen Aufnahmen als Dirigent das Gefühl bekam, der Chorklang halte in der Harmonie und im Übergang der Klanggebilde nicht zusammen, stimmt Erny am Klavier die Intervalle ab, so dass jeder Ton hervorklingt. Weiterforschen könnte Erny noch am Zusammenhalt der Struktur: Er bemüht sich kaum, die längeren Werke als Einheit zu verstehen, belässt sie in ihrer losen Gestalt. Hierdurch verfallen gerade die Estampes in Einzelteile, denen der Bezug zueinander fehlt, aber auch die Nocturne und das Intermezzo

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Die Flöte im Dialog

TYX Art, TXA 18113; EAN: 4 250702 801139 

Robert Gloslot: Chamber Music; Peter Verhoyen (Flöte, Piccolo), Dimitri Mestdag (Oboe, Englisch Horn), Geert Baeckelandt, Marija Pavlovic (Klarinette), Pieter Nuytten (Fagott), Ann-Sofie Vande Ginste, Gudrun Verbanck (Violine), Bieke Jacobus (Bratsche), Lieselot Watté (Cello), Eliz Erkalp (Horn), Roel Avonds (Bassposaune), Eline Gloslot (Harfe) und Stefan De Schepper (Klavier).

Kammermusik des 1951 geborenen Belgiers Robert Groslot hören wir auf der neuen Erscheinung aus dem Hause TYX Art. Auf dieser CD befinden sich die Stücke: Poème secret, Confused Conversations, Hibernaculum, The Green Duck, The Phoenician Sailor und Statement, Reflection and Conclusion. Die ausführenden Musiker sind Peter Verhoyen (Flöte, Piccolo), Dimitri Mestdag (Oboe, Englisch Horn), Geert Baeckelandt, Marija Pavlovic (Klarinette), Pieter Nuytten (Fagott), Ann-Sofie Vande Ginste, Gudrun Verbanck (Violine), Bieke Jacobus (Bratsche), Lieselot Watté (Cello), Eliz Erkalp (Horn), Roel Avonds (Bassposaune), Eline Gloslot (Harfe) und Stefan De Schepper (Klavier).

In meiner letzten Rezension kritisierte ich, Robert Groslots Werke hätten nicht immer einen konkreten Zusammenhang und fielen gerade in großen Formen auseinander. Nachdem ich nun mehr von der Musik des Belgiers gehört habe, muss ich dieses Urteil nur revidieren und den Schöpfer als ernstzunehmenden wie begabten Komponisten bezeichnen. Es hat etwas Zeit gebraucht, die Musik dieses Komponisten zu verstehen und ihre Qualität zu erkennen. Gloslot schreibt in einem eigenständigen, vielseitigen Stil, der sich größtenteils noch in tonalen Sphären aufhält, sie allerdings auch ausweitet und ihre Grenzen erforscht. Dabei versteht er, die Instrumente geschickt und dankbar einzusetzen, ihre Charakteristika herauszuarbeiten. Formell ist Gloslot ein Neuerer, dem man sich unbefangen nähern muss, um hinter sein Prinzip zu kommen: Er verwendet keine traditionellen Formmodelle, wirft aber die Bausteine seiner Musik auch nicht wahllos auf das Papier; Robert Gloslot entwickelt seine Musik aus dem Prinzip der Konversation, beinahe auf sprachlicher Ebene. Die Wechselwirkung der verschiedenen Instrumente oder von eigenständigen Ebenen einer einzelnen Stimme bringt die Musik voran und entwickelt sie auf eine natürliche, da zutiefst menschliche, Weise. Dabei geht der Komponist über die allgemeine Konversation heraus, erschließt immer neue Wege der Kommunikation, wie sie auch in seinen Titeln oft zu finden sind. The Phoenician Sailor ist ein Musterbeispiel dieses Prinzips, hier agieren die Instrumente teils gegen-, teils miteinander, unterbrechen sich, vervollständigen die Phrasen der anderen, kämpfen gegeneinander an, zweifeln aneinander und versöhnen sich.

Dreizehn Musiker sind auf dieser Einspielung zu hören und sie alle überzeugen durch feines und reflektiertes Spiel. Es gelingt ihnen, auf musikalische Weise miteinander zu kommunizieren und lebhaft herüberzubringen, was Gloslot intendiert. Herauszuheben ist Peter Verhoyen an der Flöte, welche das Hauptinstrument aller hier zu hörenden Stücke ist: Mühelos bewegt er sich durch die virtuosen Passagen und brilliert durch klaren Rhythmus. Als Solist wie auch in den Kammermusikkonstellationen überragt er, gliedert sich in jede Besetzung ein und schafft ein reibungsloses Miteinander aller Beteiligten.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Die verwehrten Orchestersuiten

Supraphon: SU4194-2; EAN: 0 99925 41942 4

Leoš Janáček: Orchestral Suites; Jenůfa, Kát’a Kabanová, Fate; Prague Radio Symphony Orchestra, Tomáš Netopil (Leitung)

Leoš Janáček schrieb keine Orchestersuiten zu seinen Opern, zahlreiche Komponisten lieferten sie nach. Drei dieser Neuzusammensetzungen hören wir auf vorliegender CD mit dem Prague Radio Symphony Orchestra unter Tomáš Netopil: Jenůfa, Kát’a Kabanová und Fate.

Oft gelangen die Orchestersuiten, die Komponisten aus ihren Opern oder Bühnenmusiken ziehen, zu wesentlich größerer Bekannt- und Beliebtheit, als diejenigen Werke, aus denen sie entstammen. Griegs Suiten aus Peer Gynt geben ein deutliches Beispiel: die Bühnenmusik wird fast nie als Ganzes aufgeführt. Auch Komponisten wie Richard Strauss machten sich die Form der Orchestersuite zunutze, um den Einfluss ihrer Opern auch in die Konzertsäle zu bringen.

Leoš Janáček gilt als grandioser Opernkomponist und dennoch werden seine Bühnenwerke außerhalb Tschechiens vergleichsweise selten programmiert: Eine Opernproduktion ist aufwändig und teuer, das Singen in tschechischer Sprache eine zusätzliche Aufgabe für die Sänger. Als logische Konsequenz reichen zahlreiche Komponisten Zusammenstellungen aus den Opern nach, die uns Leoš Janáček verwehrte, wobei sie auf Sängerpartien oder Bühnengeschehen verzichten. Dies ermöglicht uns, eine Auswahl an „Highlights“ aus den Bühnenwerken auch auf dem Konzertpodium zu erleben, was sich leichter realisieren lässt, als eine Opernaufführung.

Tomáš Netopil leitet uns durch die musikalische Welt seines Landsmannes, bringt dabei zahllose Stimmen aus dem Geflecht hervor und lässt sie miteinander und gegeneinander wirken. Die einzelnen Titel aus den Opern besitzen innere Geschlossenheit, manche aufgeladen mit wirkungsvoll magischem Klang. Die Übergänge verbinden die Nummern größtenteils geschickt, ohne übermäßig mit dem Fluss zu brechen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

Exotismus und Klischee

NEOS 11606; EAN: 4 260063 116063

Rupert Huber: rūḥ-i-gulāb · Mein Venedig; Chor des Bayerischen Rundfunks, Madīḥ Ensemble, Rupert Hubert (Leitung), Doris Huber (Schalenglocken)

Werke für Chor mit Instrumentalisten von Rupert Huber hören wir auf vorliegender CD aus dem Hause NEOS. Als Hauptwerk erklingt rūḥ-i-gulāb („Die Seele der Rose“), ein Modem für fünfstimmigen Chor, ägyptisches Madīḥ Ensemble und zehn Schalenglocken nach einem Gedicht von Sharaf al-Din al-Būsīrī, welches von Friedrich Rückert ins Deutsche übersetzt wurde. Es singt der Chor des Bayerischen Rundfunks zu den Instrumentalklängen vom Madīḥ Enselmble mit Doris Huber an den Schalenglocken. Das zweite zu hörende Werk heißt „Mein Venedig“ für gemischten Chor mit Schalenglocken, Okarinas und Röhren nach einem Gedicht von Rose Ausländer; der Komponist dirigiert beide Werke.

Rupert Hubers Musik dient der Wirkung, der vom Musiker aus den Hörer überspringenden Energie. Eine Aufführung soll die Partitur so getreu wie möglich wiedergeben, die intendierte und nach Möglichkeit verschriftlichte Vorstellung des Komponisten so genau wie möglich wiedergeben. Diesen Übergang von Vorstellung zu Kodifizierung zu Wahrnehmung und Wirkung beschreibt Huber mit dem technischen Begriff Modulation, nennt seine Werke entsprechend „Modems“.

Die beiden auf dieser CD vorliegenden Modems könnten genauso gut „Stimmungsbilder“ betitelt werden, denn das charakterisiert ihren Gehalt mit einem verständlichen Begriff. Es handelt sich um überwiegend statische Werke ohne besondere Kontraste, deren Gleichförmigkeit tranceartige Wirkung erzielt. Die Musik will den Hörer in einen gewissen Zustand bringen, dient mehr dem Erleben als dem tatsächlichen Hören. Dazu bedient sie sich Stilmitteln, die leicht einzuordnen sind. In rūḥ-i-gulāb sind dies Exotismen: ein Ensemble voll von arabischen Instrumenten und ein dazu passender Gesang, Schwingungen durch die Schalenglocken und nur leicht variierte rhythmische Gestalten. Die primäre Wirkung verfehlt rūḥ-i-gulāb nicht, der Hörer fühlt sich sogleich ein in eine südöstliche Welt; doch er muss in ihr verharren für über 45 Minuten. Denn es passiert nicht viel, was die Aufmerksamkeit bannen könnte oder den Wunsch, dieser Klangsphäre weiterhin beizuwohnen. Es fehlen Kontraste, neue und bereichernde Elemente, welche die Musik würzen; stattdessen erhalten wir unaufhörlich das Gleiche: regelrecht anbiedernde Exotismen, die den Musikethnologen mehr reizen würden als den Hörer, der irgendwann gesättigt ist.

„Mein Venedig“ bedient sich eines anderen Klischees, nämlich dessen der Konturlosigkeit und der Undurchdringbarkeit. Das Werk verweigert traditionelle Notationsformen, so dass die Partitur aus Textanweisungen besteht, an die sich der in drei Reihen aufgestellte und mit jeweils einem Instrument (Schalenglocken, Okarinas oder Röhren) versehene Chor zu halten hat. Eröffnet wird „Mein Venedig“ durch allmählich aufkommendes Rauschen und Flüstern: ein gerne verwendeter Effekt für zeitgenössische Komponisten, um ihre Musik einzuleiten. Doch danach? Danach passiert erneut nichts mehr, was von Belang wäre: die Musik verharrt in dieser Flüster- und Rauschwelt, ohne dass es einen großen Ausbruch oder spürbare Kontraste gäbe.

Vielleicht wirkt diese Musik ja auf denjenigen, der sie live hört, doch gebannt auf CD verblasst ihr Effekt zu nicht enden wollender Kontinuität.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Der Virtuose und der Jazzer

Grand Piano, GP781; EAN: 7 47313 97812 0

Roberto Esposito: Piano Concerto ‘Fantastico’; Budapest Scoring Symphonic Orchestra, Eliseo Castrignanò (Leitung), Roberto Esposito (Klavier)

 Für Grand Piano Overtone spielt Roberto Esposito seine eigene Musik: Gemeinsam mit dem Budapest Scoring Symphonic Orchestra unter Eliseo Castrignanò führt er sein Klavierkonzert Nr. 1 fis-Moll ‚Fantastico‘ auf, zudem hören wir seine Klaviersonate Nr. 1 B-Moll und Indigo Mirage.

Die Musik von Roberto Esposito beruht auf der romantischen und post-romantischen Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts. Die klassischen Formmodelle spielen ebenso eine zentrale Rolle wie das Virtuosentum, das den Solisten ins Zentrum rückt. Esposito vermengt diese Musik mit Einflüssen aus dem Swing und Jazz, Duke Ellingtons Nachhall wirkt in jedem Satz des 1984 geborenen Italieners. Das Klangresultat schwankt zwischen Rachmaninoff und Ellington – uneinig, wohin die Reise nun gehen soll. Esposito arbeitete vor allem den Klavierpart aus, in welchen pianistische Anforderungen aus mehreren Jahrhunderten der Musikgeschichte einfließen. Somit gibt diese Stimme große Kenntnis über die bekannten Klavierkonzerte der Romantik preis. Das Orchester hingegen wirkt abgesehen einiger klangschöner Momente beiläufig behandelt, es dient dem Effekt und der Begleitung. Anders als im Klavierkonzert hören wir in der Klaviersonate auch modernistische Eindrücke, insgesamt ist der Jazz hier präsenter. Improvisatorische Elemente finden sich hingegen in beiden Stücken. Esposito besetzt Indigo Mirage mit Orchester und schreibt auch Live Electronics vor, der Eindruck erinnert an ein Stück Filmmusik: Nett anzuhören, wenngleich ohne wirkliche Substanz.

Die Musikgeschichte bietet Einblick in zahlreiche Versuche, Klassik und Jazz zu verbinden, man denke allein an Milhauds Creation du monde, an Debussy und Ravel, an Strawinski und Antheil oder von der anderen Seite aus an Duke Ellington oder George Gershwin. Gemeinsam haben die Werke dieser Komponisten, dass die beiden Welten in ihnen nahtlos ineinander überfließen und eine Symbiose bilden, sowie, dass die einzelnen Teile kaum mehr voneinander zu trennen sind. Dies vermisst man noch bei Roberto Esposito: Der Virtuose und der Jazzer in ihm mögen sich nicht so recht vereinen, abrupt nimmt der eine dem anderen das Wort. Doch wenn es Esposito gelingt, den Jazz subtil in die Welt des 19. Jahrhunderts einzubeziehen und die Musik damit zu würzen, wird sich das spürbare Potential in dieser Musik entfalten können.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Klavierballette

Wergo, Wer 7371 2; EAN: 4 010228 737127

Igor Stravinsky | Petrushka: Bugallo-Williams Piano Duo

Das Bugallo-Williams Piano Duo bringt ihre zweite CD mit Arrangements von Igor Strawinsky heraus. Zu hören sind die Bearbeitungen der beiden Ballette Petruschka und Agon, zudem das Concertino für Streichquartett und Scherzo à la Russe.

Mehr als vierzig Jahre liegen zwischen den beiden Balletten Petruschka (1910-11) und Agon (1953-57). Petruschka zählt zu den drei bis heute regelmäßig programmierten Balletten für das Ensemble der Ballets Russes, gemeinsam mit dem Feuervogel und dem Frühlingsopfer. Der junge Strawinsky befand sich auf einem Hoch expressionistischer Schaffenskraft und verband Modernismen mit typisch russischen Elementen, erzählte in der Musik Geschichten aus seinem Heimatland. Beinahe filmisch gibt sich die Szenerie in Petruschka, die einzelnen Gesten und Figuren arbeitet er minutiös aus und setzte sie in Musik um. Agon ist das genaue Gegenteil, das Ballett beschreibt keinen konkreten Handlungsverlauf, sondern behält abstrakte Gestalt, wobei sich die einzelnen Nummern auf minimalistische Kürze konzentrieren, dabei fast nie die zwei-Minuten-Marke knacken.

Besondere Begeisterung entwickelte Strawinsky für Automaten und mechanisiertes Spiel: Menschliche Gefühle und die Imperfektion des ungleichmäßigen Musizierens hatten hingegen nichts in seiner Musik zu suchen. Dies beherzigt das Bugallo-Williams Piano Duo und bringt Kontinuierlichkeit und ebene Dynamik in die Darbietungen, verzichten dabei jedoch nicht darauf, manche Details besonders herauszuholen. Gewollt metallisch klingen die oberen Register: wie kleine Stahlglocken; die Tiefe wirkt harsch und robust, jedoch nicht ohne Klangfülle. Helena Bugallo und Amy Williams gelingt eine Synthese zwischen orchestraler Vielfalt und den Vorzügen des Klavieranschlags mit dessen Härte und Prägnanz.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Was Tschaikowski wünschte

Nimbus Records, NI 7104; EAN: 0 710357 710421

Tschaikowski Symphonien 5 & 6, Voyedova; London Symphony Orchestra, Yondani Butt (Leitung)

Auf zwei CDs spielt das London Symphony Orchestra unter Yondani Butt späte Orchesterwerke von Pjotr Tschaikowski: Die letzten beiden Symphonien e-Moll op. 64 und h-Moll op. 74, die „Pathétique“, sowie die symphonische Ballade Voyedova op. 78.

Nach neun Jahren Abwesenheit vom Dirigentenpodium kehrte Yondani Butt 2009 wieder zum London Symphony Orchestra zurück und hinterließ uns in den letzten fünf Jahren seines Lebens eine Reihe hochqualitativer Aufnahmen von Beethoven, Brahms, Schumann, Wagner, Tschaikowski und von französischer Musik. 2012 entstand vorliegende Einspielung von Tschaikowskis späten Orchesterwerken.

Yondani Butt dirigiert das London Symphony Orchestra gewissenhaft und nüchtern, er treibt nicht in Pathos davon, entzieht sich aber auch nicht der Gefühlswelt von Tschaikowski. Die Musik des Russen beschäftigt sich viel mit einfachen Emotionen, zutiefst menschlichen Gedanken und Empfindungen. Eben dies versucht Butt in seinem Spiel umzusetzen, verkünstelt die Linien entsprechend nicht durch willkürliche Rubati. Butt ist kein Romantiker, der in der Musik schwelgt, sondern ein Sachwalter, der die Klangwelt erfasst und umsetzt. Dies birgt den Nachteil, dass wir von den Aufnahmen keine übermäßig-genuinen Inspirationen erwarten können und nicht unentrinnbar gefesselt werden vom Strom der Musik – dafür aber sind die Aufnahmen auf durchweg hoher Qualität ohne Schwankungen. Darüber hinaus sind sie fein reflektiert, so dass sich alles auf dem richtigen Platz befindet. Präzise weiß Butt um die Gesetze von Spannung und Entspannung, kontrastiert und fügt zusammen, hält die langen Sätze formal zusammen. Es gibt absolut nichts, was im Fluss der Musik stört – die Musiker stellen sich in den Dienst des Komponisten und bilden sein Werk ab, wie er es in den Noten wünschte.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Neues Repertoire aus Russland

Northern Flowers, NF/PMA 99123; EAN: 5 055354 481239

Sergey Mikhaylovich Slonimsky: Symphony Nr. 2, A voice from the chorus; Leningrader Philharmoniker, Gennady Rozhdestvensky

Sergey Mikhaylovich Slonimsky zählt zu den namhaftesten russischen Komponisten und Pianisten der Gegenwart. Northern Flowers veröffentlichte Aufnahmen aus dem Musikarchiv Sankt Petersburg, auf denen seine Zweite Symphonie zu hören ist, ebenso die Kantate „Eine Stimme aus dem Chor“. Es spielen die Leningrader Philharmoniker und das Kammerorchester der Leningrader Philharmoniker unter Gennady Rozhdestvensky. In der Kantate wirkt zudem der Chor der Staatskapelle mit, hinzu kommt der Organist Yuri Semyonov und die Vokalsolisten Eugenia Gorokhovskaya und Sergey Leyferkus.

Erst vor kurzem fiel mir die Partitur der 33. Symphonie von Sergey Slonimsky in die Hände, was mir einmal mehr bewusst machte, welch große Schaffenskraft in dem 1932 geborenen Russen steckt. Sein symphonisches Oeuvre übersteigt allein durch die Anzahl der Werke das der meisten Komponisten abgesehen einiger Ausnahmen wie Joseph Haydn oder Leif Segerstam (wenngleich fraglich ist, ob die Werke Segerstams wirklich als „Symphonien“ zu bezeichnen sind). Im Falle Slonimskys lässt sich wie auch bei Haydn sagen, dass seine symphonischen Werke allesamt Eigenständigkeit und Substanz besitzen. Slonimsky besitzt ein Gespür für Orchestration und langanhaltende Spannung. Einmal gefundene Themenabschnitte kann der Russe über mehrere Minuten ausdehnen, ohne dabei langweilig zu werden; genau im richtigen Moment bringt er neues Material hinein. Mit großen Besetzungen weiß Slonimsky ebenso umzugehen wie seine älteren Kollegen Schostakowitsch und Prokofieff: volles Blech, Schlagwerk und gewaltige Choreinsätze überwältigen den Hörer jedes Mal aufs Neue.

In Anbetracht seiner langen Schaffenszeit möchte man die beiden hier zu hörenden Werke beinahe als Frühwerke titulieren, wenngleich Slonimsky bei Komposition der 2. Symphonie schon auf die 50 zuging und er die Kantate mit über 30 schrieb. Sie besitzen großen Programmwert und ich rechne Northern Flowers hoch an, solche Schätze aus den Archiven zu holen. Bedauernswerterweise überzeugt die CD weder in ihrer Aufmachung, noch ihrer Klangqualität, ihres Booklettextes oder der künstlerischen Leistung – weshalb die Qualität der Musik für sich alleine steht, um diese CD doch den Fans russischer Musik ans Herz zu legen.

Der erst kürzlich verstorbene Gennady Rozhdestvensky dirigiert in dieser Aufnahme keineswegs schlecht, ganz im Gegenteil: In technischer Perfektion leitet er die Musiker präzise und holt alle noch so verborgenen Stimmen in den Vordergrund – und dies ist nicht einfach bei einer so dichten und vielstimmigen Musik wie der von Slonimsky. Mir fehlt jedoch die Lebendigkeit und Frische der Aufführung, die hier einer Oberflächlichkeit und Routine weicht. Rozhdestvensky ist ein Uhrwerk: Vollkommen exakt, aber gleichförmig. Überzeugen können allerdings die Solisten, Yuri Semyonov bringt inniges Gefühl in seine Orgelpartie und sticht regelrecht hervor, indem er seine Klänge sich entfalten lässt, und die beiden Vokalsolisten holen echt russische Kernigkeit in die Kantate, präsent geben sich ihre Stimmen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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Vier Legenden in einer Box

Major 744106; EAN: 8 14337 01441 4 (Kleiber: Major 705608; EAN: 8 14337 010656 – Solti: Major 711708; EAN: 8 14337 01117 8 – Bernstein: Major 735908; EAN: 8 14337 01359 – Karajan: Major 737608; EAN: 8 14337 01376 9)


Great Conductors: Carlos Kleiber, I’m lost to the world; Sir Georg Solti, Journey of a lifetime; Leonard Bernstein, larger than life; Herbert von Karajan, Maestro for the screen – Filme von Georg Wübbolt

Vier legendäre Dirigenten erleben wir aus der Perspektive von Georg Wübbolt, der prominente Stimmen und Angehörige der Künstler vor die Linse holt, um ein umfassendes Bild zu schaffen. Die Filme erschienen alle bereits einzeln, nun gibt es sie in einer Box: Carlos Kleiber: I’m lost to the world, Sir Georg Solti: Journey of a lifetime, Leonard Bernstein: larger than life, Herbert von Karajan: Maestro for the screen.

Unterschiedlicher könnten die vier Dirigenten kaum sein, denen diese Box gewidmet ist: Der weltferne, im Schatten seines Vaters stehende Carlos Kleiber, der Kriegsemigrant und spätere Sir Georg Solti, der feierwütige Leonard Bernstein und der egozentrische Bühnenmensch Herbert von Karajan. Doch was verbindet diese Größen, die wohl den meisten Klassikhörern ein Begriff sein dürften? Es ist ihr Perfektionismus, ihre Liebe zum Detail und ihre Einmaligkeit der Ausstrahlung. Sie rufen Kontroversen hervor, machten sich nicht selten unbeliebt bei den Musikern, nur um ihre Ideologie durchzusetzen und alles für die Musik zu geben.

Georg Wübbolt belichtet die Persönlichkeiten der Dirigenten auf seine eigene und wiedererkennbare Weise, sein Stil zieht sich durch alle Dokumentationen durch und verbindet sie gleich einem roten Faden. Zentral für ihn ist, Angehörige, Freunde und Mitstreiter zu Wort kommen zu lassen, die auch die dunklen Seiten nicht verbergen. Darüber hinaus unterstreicht er das Gesagte durch wohl gewählte Aufnahmen von Konzerten und Proben, was bestimmte Aspekte hervorhebt.

Carlos Kleiber: I am lost to the world

„Carlos Kleiber dirigiert nur, wenn sein Kühlschrank leer ist“, gehört zu den bekanntesten Klischees um seine Persönlichkeit. Tatsächlich trat Kleiber mit zunehmendem Alter seltener auf und beschränkte sein Repertoire auf ein immer schmaleres Repertoire, verlangte im Gegenzug allerdings immer höhere Gagen. Er wusste um seinen Rang. Und zeitgleich zweifelte er, verglich sich stets mit seinem übermächtig erscheinenden Vater, dessen Dirigierstil diametral entgegengesetzt war zu seinem eigenen. Der Vater riet Carlos auch von einem Studium der Musik ab, ließ ihn sich für Chemie einschreiben, da ihm die Schwierigkeiten der Musikerlaufbahn selbst nur zu sehr bewusst waren – doch Carlos schwor den Naturwissenschaften schnell ab, zu stark zog ihn das Kapellmeisterpult an. Wo Erich Kleiber minimalistisch und exakt dirigierte, die Kraft aus seiner geistigen Präsenz und seinem eisernen Willen zog, fokussierte sich Carlos auf die Intention des Komponisten, die ihm mehr bedeutete als die genaue Ausführung des Notentextes – dafür bediente er sich einer impulsiven, emotionalen Schlagtechnik, die den Hörer gefangen hielt. Kleibers Bewegungen zeichneten sich durch horizontale Linien aus, welche den Fluss der Musik beschrieben.

Sir Georg Solti: Journey of a Lifetime

Als die Nationalsozialisten in Österreich einmarschierten und die Ungarn eine Übernahme ihres Landes fürchteten, verzeichnete Georg Solti gerade erste Erfolge als Assistent von Bruno Walter und Arturo Toscanini in Salzburg, nachdem er sich unter anderem bei Béla Bartók, Ernst von Dohnányi, Zoltán Kodály und Leó Weiner ausbilden ließ. Die Rechte der Juden wurden beschränkt, das Auftreten verboten, weshalb Solti nach London emigrierte und dort schon bald die Leitung des London Philharmonic Orchestras übernahm, zudem seinen Namen von György zu Georg änderte. Von England kam er über die Schweiz nach Deutschland, wirkte als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. 1947 begann Solti, für Decca aufzunehmen und schuf von da an bis zu seinem Tod hunderte Referenzaufnahmen, widmete sich längere Zeit hauptsächlich den Schallplattenaufnahmen. 1961 kehrte er nach London zurück, leitete das Royal Opera House und wurde 1972 britischer Staatsbürger, nahm allerdings zuvor schon 1969 eine Stelle als Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestras an, womit er sich nach jahrelanger Operntätigkeit nun der Symphonik verschrieb. Bis zu seinem Lebensende 1997 wirkte Solti zeitgleich in verschiedenen Ländern und selbst ein Herzinfarkt konnte ihn nicht von seinen Tätigkeiten abhalten; die Folgen dessen sollten schließlich sein Leben kurz vor seinem 85. Geburtstag beenden.

 Herbert von Karajan: Maestro for the screen

Georg Solti und Herbert von Karajan waren Konkurrenten, ohne sich begegnen zu müssen: Ihre Schallplatten galten als Referenz, wodurch der Vergleich naheliegt. Angeblich kaufte Karajan jede neue Aufnahme von Solti und umgekehrt, um jeweils die Darbietung des anderen zu studieren.

Karajan lebte für die Technik und die Reproduktion seines künstlerischen Werks, Aufnahmen sollten ihn unsterblich machen. Sein Leben lang forschte er nach immer besseren Aufnahmemöglichkeiten, Kameraperspektiven und Wegen der Selbstdarstellung. Mit unterschiedlichen Produzenten probierte Karajan sich aus, Reichenbach, Clouzot und Niebeling loteten das Gleichgewicht zwischen Bild und Ton neu aus. Später war es der Maestro selbst, der die Filme schnitt und sich so selbst in Szene setzen konnte: Wer erkennt nicht die berühmte Locke und die geschlossenen Augen, die zarten wie präzisen Handbewegungen? Karajan gründete seine eigene Filmproduktion, Telemondial, wodurch die Berliner Philharmoniker zu einem der reichsten Orchester weltweit wurde. Die letzten Jahre seines Lebens arbeitete Karajan an seinem Vermächtnis: der Aufnahme und Wiederaufnahme eines riesigen Repertoires, wodurch noch lang nach seinem Tod sein Ruhm weiterleben sollte – und dies noch immer tut.

Leonard Bernstein: Larger Than Life

Zu den großen Jubilaren dieses Jahr gehört neben Claude Debussy und Gottfried von Einem auch der 1918 geborene Leonard Bernstein, eine zerrissene und kontroverse Figur, die als Dirigent, Pianist, Komponist, Lehrer und Moderator in Erinnerung bleibt. Über Nacht wurde Bernstein berühmt, als er für Bruno Walter einspringen musste und in dieser spontanen Rolle das Publikum in den Bann riss. Auf Einladung Georg Soltis leitete er als erster Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg das Orchester der Bayerischen Staatsoper. Die deutschsprachigen Länder etablierten sich als eine Art zweite künstlerische Heimat für Bernstein, er war regelmäßiger Gastdirigent beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Wiener Symphonikern. Unsterblich machten ihn zwei seiner Kompositionen, West Side Story und Candide, sowie allgemein seine Bühnenwerke; seine reine Instrumentalmusik hingegen erreichte nie an diesen überwältigenden Erfolg. Bernstein erwies sich als phänomenaler Pädagoge, galt nicht nur als erstklassiger Lehrer, sondern brachte viele Kinder und Jugendlichen durch die „Young People’s Concerts“ und „Omnibus“ an die klassische Musik heran. Die letzten Jahre über verschrieb er sich vermehrt der Lehrtätigkeit – Bernstein wollte sein Wissen weitergeben, bevor er stirbt. Einmalig war Bernsteins Vertrauen in seine Musiker, wenn er plötzlich mitten im Konzert das Dirigieren aufhörte und nur der Musik lauschte: Hier entstand eine Verbindung, welche bis heute ihresgleichen sucht.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Oase der Unbeschwertheit

Incipit Novum, Inno-04; EAN: 4 260442 211075

Christine Maria Rembeck: Dahinter die Stille. Neue Lieder

Christine Maria Rembeck singt „Neue Lieder“ und begleitet sich selbst auf dem Klavier. Die Vorlagen entstammen verschiedenen Epochen und Ländern, sie alle wurden von der Musikerin arrangiert und teilweise improvisiert. Im Titel „Gebet“ fügt Daniel Gatz eine Klarinettenstimme hinzu, drei Lieder werden durch Nora Thiele am Schlagzeug ergänzt.

Der Titel dieser Einspielung, „Dahinter die Stille. Neue Lieder“, weckt bei mir die Vorstellung von avantgardistischen, geräuschhaften Vokalkompositionen, die sich nach Möglichkeit allem Dagewesenen entziehen. Umso überraschter war ich, als mich genau das Gegenteil erwartete: Christine Maria Rembeck singt fünfzehn leichte, bekömmliche Lieder voll Harmonie und Frieden. Wer die Sängerin nicht kennt, wird also schnell auf die falsche Fährte gelockt.

Als „Generalpause“ vom Alltag bezeichnet Christine Maria Rembeck ihre CD, die zum Abschalten einladen soll. Eine kleine Oase der Unbeschwertheit und Leichtigkeit, fernab aller Probleme des wirklichen Lebens. Sanftmütig schwebt ihre Stimme durch die Lieder, erfüllt von zartem Ausdruck. Wollte man die Einspielung in eine Schublade einordnen, so fielen schnell Begriffe wie Neotonal oder Klassik-Pop, da sich die Mittel auf ein Minimum beschränken. Doch diese Bezeichnungen fallen voreilig, denn unvermittelt reichern Exotismen wie ein Mantra oder Kirtan die Ausdruckswelt an. Am Schluss erhält der Hörer eine Collage verschiedenartiger Stile, Sprachen und Emotionen, die durch die Ruhe des Vortrags zusammengehalten werden.

Die Sängerin begleitet sich selbst, wodurch die Stimme zwangsläufig im Fokus steht und das Klavier mehr in den Hintergrund rutscht. Dafür gestaltet Christine Maria Rembeck ihre Stimme umso facettenreicher und feingliedriger. Eine zweite Ebene fügen stellenweise der Klarinettist Daniel Gatz und die Schlagzeugerin Nora Thiele hinzu.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Hard and Heavy

Cracked Anegg records, crack0056; EAN: 9 120016 850602

Gina Schwarz Unit feat. Jim Black: Woodclock

Für die Gina Schwarz Unit holte sich die Namensgeberin drei ihrer Lieblingsmusiker mit an Bord: Fabian Rucker am Saxophon und der Bassklarinette, Benjamin Schatz an den Tasten und Heimo Trixner an der Gitarre. Die Bassistin Gina Schwarz komplettierte die Unit mit dem gefragten Schlagzeuger Jim Black. Im Titeltrack Woodclock hören wir zudem Marco Blascetta als Redner.

Die CD mag unter der Genrebezeichnung Jazz laufen und doch reichen die hier zu hörenden Tracks über das hinaus, was wir damit verbinden, gehen eher in etwas über, das als Art-Rock zu bezeichnen wäre. Härte strahlt die Musik aus, was einerseits an der treibenden und vielschichtigen Schlagzeugrhythmik und dem prägnanten  Ansatz der übrigen Spieler liegen mag, andererseits aber auch von den künstlerisch hoch anspruchsvollen Strukturen und Polyphoniegebilden herrührt. Die von Gina Schwarz komponierten Stücke wollen nicht gefällig sein und sich erst recht nicht anbiedern, selbstbewusst und eigenwillig geht sie ihren Weg. Die Titel verlangen von Musikern wie Hörern höchste Aufmerksamkeit, entlohnen dafür mit Präsenz und packender Wucht. Elektronische Effekte verleihen Nachdruck und verzerren zusätzlich.

Jeder der fünf Musiker steuert etwas von sich bei, gibt der Musik eine persönliche Note. Und das zahlt sich aus, denn das Resultat erstrahlt als eigenständiges Meisterwerk, das die Kraft und das Können jedes Einzelnen vereint und bündelt. Dichte Stimmvielfalten entstehen, wobei jede Stimme für sich selbst steht und besticht, parallel im Gesamtkontext wirkt und dort bezaubert – bezaubern nicht im romantischen Sinne, sondern eher mit Bikerhelm, Lederjacke und elektronisch verzerrter Gitarre.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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Schumanns späte Liebe zum Cello

Naxos, 8.573786; EAN: 7 47313 37867 8

Schumann: Cello Concerto, Works for Cello and Piano; Gabriel Schwabe (Cello), Nicholas Rimmer (Piano), Royal Northern Sinfonia, Lars Vogt

Gabriel Schwabe spielt Cellowerke von Robert Schumann. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert a-Moll op. 129, welches er gemeinsam mit der Royal Northern Sinfonia unter Lars Vogt aufgenommen hat. Daraufhin folgen Adagio und Allegro op. 70, die Fantasiestücke op. 73 und Fünf Stücke im Volkston op. 102 sowie Arrangements der Drei Romanzen op. 94 und des Intermezzos der F-A-E-Sonate aus der Feder des Cellisten. Am Klavier hören wir Schwabes langjährigen Duopartner Nicholas Rimmer.

Als junger Mann bereits erlernte Robert Schumann das Violoncello und behielt sein ganzes Leben lang eine innige Verbindung zu diesem Instrument. Dennoch sollte es bis 1849 dauern, bis er Werke für das Cello als Hauptinstrument herausgab: In diesem Jahr schrieb er sowohl Adagio und Allegro op. 70 als auch die Fantasiestücke op. 73 und die Fünf Stücke im Volkston op. 102. Aber das Warten hat sich gelohnt für die Cellisten: Schumann hinterließ uns drei reife Werke mit individuellem Charme und Feingeist in konzentriertem Stil, die alles jenseits des Wesentlichen entschlacken und das Instrument in seinem vollen Glanz erstrahlen lassen. Ein Jahr später folgte das Cellokonzert a-Moll op. 129, in welchem Schumann seine Erfahrungen der Duos bündelte und ein Glanzstück für den Solisten präsentierte.

Gabriel Schwabe zählt nicht zu Unrecht als einer der führenden Cellisten seiner Generation: Seine Linienführung und sein Gespür für Balance der Dynamik zeichnen ihn aus. Bemerkenswert ist, wie Schwabe mit schlichten Mitteln große Wirkung erzielt, ganz ohne künstlerische Überspitzung oder Zurschaustellung. Die Stücke entstehen von sich heraus und gerade die Fünf Stücke im Volkston verleugnen nicht ihren Ursprung bei der Bauernschicht. Schwabe hört aktiv dem Geschehen zu und agiert entsprechend in Gemeinschaft mit seinen Partnern, verzichtet auf virtuose Alleingänge. Das kommt natürlich dem Cellokonzert zugute, bei welchem stets die Gefahr besteht, dass der Solist das Orchester im Stich lässt, da dieses größtenteils reine Begleitfunktion hat. Die Arrangements aus Schwabes Feder erscheinen so natürlich, als wären sie niemals für ein anderes Instrument gedacht gewesen.

Die Royal Northern Sinfonia hält sich von der Lautstärke etwas zurück, was allerdings überhaut nicht nötig ist, denn Lars Vogt holt bezaubernde Details ans Licht, welche die Cellostimme bereichern. Die Musiker langweilen sich nicht in den monotonen Begleitfiguren, sondern versuchen, rhythmisch und harmonisch neue Facetten hervorzubringen.

Die langjährige Duoerfahrung von Gabriel Schwabe und Nicholas Rimmer trägt auch bei Schumann Früchte. Das Zusammenspiel ist fein abgestimmt und organisch, die Musiker entfaltet sich wie aus einem Atem heraus. Rimmer holt seine Melodien an die Oberfläche, harmoniert mit oder kontrapunktiert gegen die Cellostimme und sorgt für eine Vielfalt an Unterstimmen. Dabei übertönt er den Solisten nicht, fällt aber auch nicht in reine Begleitfunktion, sondern kennt exakt seinen Platz für ein gleichwertiges Zusammenspiel.

[Oliver Fraenzke, Juni 2018]

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Auf sich alleine gestellt

NEOS 11709; EAN: 4 260063 117091

Marcus Antonius Wesselmann, solo works I: Bledsoe (Flöte), Rothbrust (Schlagzeug), Bergström (Gitarre), Knox (Viola), Otto (Saxophon), Schwarz (Fagott), Wesselmann (Tonband)

Sechs der bislang neunzehn Werke für Soloinstrumente von Marcus Antonius Wesselmann sind auf die CD „solo works I“ aus dem Hause NEOS gebrannt: Helen Bledsoe spielt SOLO 1 für Flöte, Dirk Rothbrust SOLO 2 für Schlagzeug, SOLO 3 für elektrische Gitarre hören wir mit Mats Bergström und SOLO 4 für Bratsche mit Garth Knox, SOLO 8 für Bariton Saxophon bietet Simone Otto dar und SOLO 10 für Fagott Johannes Schwarz. Als Bonustrack bedient der Komponist selbst das Tonband in seinem Stück „In the mix“.

Der 1965 geborene Marcus Antonius Wesselmann steht musikalisch zwischen den Stühlen, lässt sich in keine Schiene direkt einordnen. Das beginnt alleine schon bei der Namensgebung seiner Stücke, die auf die poetischen Bezeichnungen verzichtet, wie wir sie von moderner Musik gewohnt sind, und statt dessen nach den Besetzungen gehend durchnummeriert. Musikalisch setzt sich dies fort, denn die Musik klingt so unbeschwert, ist aber doch mathematisch exakt durchstrukturiert und basiert auf Logik. Von den Berechnungen ist wenig bis nichts hörbar; eher könnte der Eindruck entstehen, die Musik entwickle sich aus einer Art der Minimal Music heraus, wenngleich sie wesentlich organischer und fließender gehandhabt wird. Rhythmische Patterns bilden den Grundstein und aus ihnen entsteht nach und nach eine Form, die sich stetig weiterentwickelt. Dabei bleiben Fragmente der ursprünglichen Thematik omnipräsent und erscheinen immer wieder entweder offen oder hintergründig. Der Eindruck ist ansprechend, aber nicht anbiedernd; schroff und hart, aber doch in beinahe meditativer Gleichmäßigkeit.

Von Wesselmanns 19 Solostücken sind sechs für Klavier, jedes andere Instrument erhielt bislang nur ein einziges Stück. Die Klavierwerke wurden auf dieser CD ausgespart, deshalb gibt es Lücken zwischen den ansonsten chronologisch angeordneten Soli.  Das Flötensolo ist das schlichteste und meditativste: Hier können wir die ursprüngliche Idee herleiten, welche in größerer Komplexität auf die weiteren Stücke übertragbar ist. SOLO 2 ist vielschichtiger, die einzelnen Klangkörper bilden Ebenen, die miteinander agieren können oder gegeneinander kontrastieren. In kleine Abschnitte sind SOLO 3 und 4 unterteilt, beim Gitarren-Solo sind es Tempoeinheiten, beim Bratschensolo Widmungsträger. SOLO 3 lebt dabei von elektronischen Effekten, Delay und Verzerrung, sowie von rhythmischen Impulsen, SOLO 4 ist ein innig-trübes Stück, das als einziges der zu hörenden Werke außermusikalische Inspiration hat: Es ist Musik zu einem Dokumentarfilm von Volker Schröder „Wenn ich in die Tiefe schaue“, der die Schicksale von sechs Häftlingen aus den Arbeitslagern Emsland thematisiert. SOLO 8 und 10 sind wieder durchgehende Werke, wobei 8 meist in höchstmöglicher Lautstärke wiederzugeben ist und somit zu einem Kraft-Marathon ausartet und 10 auf einem kontinuierlichen Rhythmus beruht. Der Bonustrack „In the mix“ ist für Zweikanal-Tonband mit ausführendem Interpreten: Wesselmann selbst bedient das Band und mixt die Schnipsel an Musik und Sprache.

Die Instrumentalisten sind allesamt präzise und genau, lassen sich nicht von übermäßigen Emotionen hinreißen, sondern dienen als Sachwalter, wie es von den Stücken auch vorgesehen ist. Sie behalten die Ruhe und Gleichmäßigkeit, schaffen Kontraste und kreieren einen großen Bogen, mit dem sie die SOLI zusammenhalten.

[Oliver Fraenzke, Mai 2018]

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