Archiv für den Monat: Februar 2019

Schönklang und dessen Opfer

RCA Red Seal; 1 90758 71142 3

Gemeinsam mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Andrew Litton nimmt Sebastian Bohren die Violinkonzerte von Felix Mendelssohn e-Moll op. 64 und Benjamin Britten op. 15 auf; zudem hören wir Tschaikowskis Sérénade mélancolique op. 26 für Geige und Orchester.

Regelrechten Hype genießt der aus der Schweiz stammende Geiger Sebastian Bohren in letzter Zeit: Presse wie Publikum loben seinen warmen, vollen Ton und die Eigenständigkeit seines Ausdrucks; seine Aufnahme aller Bach-Sonaten und -Partiten für Violine solo sorgen für Aufsehen. Mit der vorliegenden Aufnahme widmet sich Bohren nun Werken für sein Instrument mit Orchesterbegleitung, wozu er sich das flexible und vielseitige Royal Liverpool Philharmonic Orchestra als Partner wählte, unter der Leitung von Andrew Litton.

Doch der Funke mag nicht so recht überspringen in dieser Aufnahme, immer wieder gerät der Fluss der Musik ins Stocken. Dies liegt in erster Linie an Bohrens enormen Streben nach Schönklang und Klarheit, wofür er andere, teils wichtigere, Aspekte der Musik bereitwillig opfert. Bohren scheut gerade bei Mendelssohn und Tschaikowski das Piano und Pianissimo, was einige der hinreißendsten Effekte dieser Werke unterminiert. Bei Tschaikowski geht somit auch die Zartheit und Melancholie seiner ausdrücklich „mélancolique“ getauften Sérénade verloren, die Musik wirkt zu real und nicht emotional ergriffen. Bei Mendelssohn ist dies zudem eine der Ursachen dafür, dass das Orchester nicht gleichwertig zur Violine erscheint, sondern weit hinter ihr verschwindet – wodurch sogar manch ein wichtiger thematischer Einsatz kaum oder gar nicht zu hören ist. Hinzu kommt, dass Bohrens Spiel gespickt ist von Manierismen, was die These bestätigt, er schaue zu sehr auf die momentane Tonerzeugung und nicht auf den Kontext der Musik: Beinahe jeder Schwerpunkt liegt auf der schweren Zeit (also dem ersten und im 4/4-Takt dem dritten Schlag), die in raschen Passagen gerne durch leichtes Rubato ausgekostet und somit verlängert wird. Daraus resultiert eine vermeidbare Plumpheit, welche das Filigrane dieser Musik negiert. Fließender und plastischer hätte Bohren die Musik gestalten können, würde er auch einmal die schwachen Zeiten betonen und seine Rubati nicht auf die Schläge setzen, sondern auf die nächste Untereinheit (z.B. die zweite Sechzehntel oder zweite Note einer Triole).

Am ehesten funktioniert das Violinkonzert von Benjamin Britten, wobei auch hier das Finale ins Stocken gerät. Die ersten beiden Sätze jedoch stechen hervor im Vergleich zum Rest dieser Aufnahme: Im blues-artigen Kopfsatz findet Bohren viel Witz und kostet diesen aus, springt heiter zwischen den mitreißenden Einfällen hin und her, entlockt seiner Partie einige spannende Effekte und hält den Satz sogar formal einigermaßen zusammen. Im Mittelsatz besticht er durch virtuoses und makellos reines Geigenspiel.

Das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra passt sich der Darbietung des Solisten an, enttäuscht im Mendelssohn und kann auch bei Tschaikowski nicht überzeugen, wird jedoch durch den unglaublichen Charme des viel zu selten gehörten Britten-Konzerts zu größerer Leistung angestachelt. Das Orchester steht unter dem Ruf, besonders abhängig zu sein von einem guten Dirigenten: Es kann Unvorstellbares hervorbringen, wenn es durch einen Meister seines Fachs geleitet wird – aber auch uninspiriert und farblos seine Pflicht erfüllen. Diese Aufnahme bestätigt das vortrefflich.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]

Eleganz und Perfektionismus

Simax Classics, PSC 1366; EAN: 7033662013661

Zu seinem 70. Geburtstag veröffentlicht der norwegische Pianist Håkon Austbø eine Doppel-CD mit dem gesamten Klavierwerk von Maurice Ravel. Die erste CD birgt Gaspard de la nuit, Miroirs und die Sonatine, auf der zweiten finden wir Sérénade grotesque, Menuet antique, Pavane pour une infante défunte, Jeux d’eau, Menuet en ut dièse mineur, Menuet sur le nom de Haydn, Valses nobles et sentimentales, A la manière de…, Prélude und La tombeau de Couperin. Lediglich Ravels grandiose Klavierbearbeitungen von La valse und Teilen aus Daphnis et Chloé vermissen wir schmerzlich, ebenso das Klavierstück La parade.

Ravels Klavierschaffen genießt einen besonderen Status in der Literatur für das Instrument. Nicht nur, dass Ravel die technischen-mechanischen Möglichkeiten bis an die Grenzen der Physik und Anatomie ausweitet und mit Gaspard de la nuit das nach eigenen Aussagen „schwierigste Stück, das je für Klavier geschrieben wurde“ komponierte; seine Werke verlangen dem Instrumentalisten auch musikalisch alles ab: Minutiöse Pedalisierung, federleichter und dennoch sonorer Anschlag, Herauskristallisieren unauffälligster Melodiestimmen und Erzeugung schwebender, unwirklicher und durch und durch orchestraler Klänge.

Nachdem Håkon Austbø bereits die Gesamtwerke von Debussy, Satie, Grieg und Janáček aufgenommen hat, macht er sich nun zu seinem 70. Geburtstag an eine vollständige Aufnahme von Ravels Musik – und kann damit überzeugen. Vom ersten Ton an klingt einem der unbestechliche Perfektionismus des Norwegers entgegen, der den Höhepunkt der Aufnahme direkt an den Anfang setzt: Gaspard de la nuit. Håkon Austbø erhebt den Anspruch, dass jede noch so rasche Note zeitgleich eigenständig hörbar ist und sich in ein schwirrend-geräuschhaftes Ganzes integriert; so klingen die eröffnenden Takte von Ondine klar, zart und absolut präzise. Die Darbietung von La Gibet ist schier überragend: jeder einzelne der ‚Glockenschläge‘ hallt in gleichbleibendem Gestus durch, wird durch sonore Akkorde stimmungsvoll untermalt. Der Scarbo rauscht in enormem Tempo umher, aus den schnellen Repetitionen entsteht ein wilder Sog, der den Hörer von Beginn an packt.

Die enorme Qualität vom Gaspard de la nuit hält Håkon Austbø die vollen 130 Minuten durch, wodurch man die Zeit beim Hören dieser Musik vollständig vergisst. Die schnellen und aberwitzig schwierigen Passagen meistert Austbø leichtfüßig, in den gemächlichen Stücken holt der Pianist einen unendlichen Reichtum an Details und Feinsinn ans Tageslicht. Meisterlich negiert er damit den Ausspruch, Ravel müsse man nicht musikalisch erschließen und vermitteln, da die Musik für sich alleine spreche: Doch, muss man, die meisten tun es lediglich nicht!

Die Zartheit und der Feinsinn im Spiel Håkon Austbøs erstaunen, bildlich sieht man die Bark auf dem Ozean (aus den Miroirs) oder das heitere Wasserspiel (Jeux d’eau) und auch die traurigen Vögel (ebenso Miroirs) klagen derart plastisch, als müsste man nur die Hand ausstrecken, um die anzufassen.

Bezaubernd gelingt auch die Pavane pour une infante défunte, in dem Håkon Austbø größtenteils auf Pedal verzichtet und einen lupenreinen Klang entfaltet. Allgemein meistert der Pianist die Pedalisierung in Ravels Klaviermusik: Die Musik verschwimmt nicht zu einem konturlosen Brei, erhält jedoch den nötigen Nachhall, was besonders in den ‚Glocken‘-Stücken La vallée des cloches und La gibet auffällt, ebenso in den Valses nobles et sentimentales.

Eine durch und durch außergewöhnliche Aufnahme, die ein enormes Gespür für Klang präsentiert und uns verzaubert mit der schleierhaften, wellenartigen und teils unwirklichen Musik von Maurice Ravel.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]

Sonaten für zwei

TYX Art, TXA18110; EAN: 4 250702 801108

Vorliegende CD birgt Sonaten für Klavier und Violine sowie für Klavier und Viola, wobei Burkhard Maiss die Streichinstrumente spielt und Ji-Yeoun You an den Tasten sitzt. Wir hören die zweite Violinsonate d-Moll op. 121 von Robert Schumann und die 1. Klarinettensonate in der Version für Bratsche und Klavier von Johannes Brahms.

Wenngleich einige Jahrzehnte zwischen den beiden Werken liegt, so herrscht doch eine innere Verbindung zwischen den späten Streichersonaten von Schumann und Brahms – die Idee der Einheit zwischen den Sätzen, der stringenten Entwicklung und des aufgewogenen Wechselspiels gleichberechtigter Partner.

Schumanns zweite Violinsonate ist ein ständiges Mit- und Gegeneinander, ein „Concertieren“ in beiden ursprünglichen Bedeutungen. Nach einer kurzen Einleitung stürmt der Kopfsatz sprudelnd und hetzend voran, verschiebt die Stimmen immer wieder gegeneinander; der noch raschere zweite Satz beginnt im Unisono, die beiden Partner entfernen sich erst später voneinander. Eine der hinreißendsten Inspirationen Schumanns stellt der volksliedhafte dritte Satz dar, dessen Thema schlichter und unprätentiöser kaum sein könnte – bis plötzlich das Scherzo-Thema störend dazwischenfunkt! Das Finale perlt wieder spielfreudig und zerberstet die durch den langsamen Satz hergestellte Harmonie. Eine wahre Berg- und Talfahrt, Aufbegehren und Zurücknehmen wechseln sich ab, Hoffnung wird aufgebaut und sogleich wieder unterminiert.

Die Begegnung mit Richard Mühlfeld, dem Soloklarinettisten der damals hoch angesehenen Meininger Hofkapelle, inspirierte Brahms zu mehreren Kammermusikkompositionen mit diesem Instrument, so auch zu dieser Sonate. Brahms legte zu der Klarinettenstimme auch Varianten für Bratsche und Geige bei, um sie mehr Spielern zugänglich zu machen – und schuf so beiläufig eines der meistgespielten Bratschenwerke der Zeit. In seiner Klarinettensonate aktualisierte Brahms die „unmodern gewordene“ Sonatenform und flößte ihr neues Leben ein: Die Sätze hängen untrennbar zusammen und entwickeln sich auseinander, alles beginnt in einer einzigen Keimzelle. In der Version für Bratsche und Klavier liegt die Schwierigkeit in erster Linie darin, dass die Bratsche anders als die Klarinette in den tiefen Lagen nur schwer durch eine volle Klavierstimme durchhörbar ist.

In ihrer Darbietung fokussieren sich Burkhard Maiss und Ji-Yeoun You auf den großen Bogen und die Zusammengehörigkeit innerhalb der Sätze sowie der Sätze als Ganzes. Sie verlieren sich nicht im Moment, sondern behalten den Fluss. Das Klavier tönt voll und reich an Klangfarben, bewegt sich leichtfüßig durch die vielgriffigen Passagen. Maiss spielt Geige wie Bratsche gleichermaßen beschwingt, lebendig und mühelos. Die beiden hören sich gegenseitig zu beim Spielen und schaffen so selbst für die verschobenen Passagen ein Bewusstsein, feuern den Wettstreit der Instrumente – das Mit- und Gegeneinander – regelrecht an. Nur selten einmal funktioniert die Abstimmung der beiden aufeinander nicht: Im Kopfsatz von Schumanns Violinsonate wechseln sich die Instrumente rasch ab, hier wäre ein einheitlicheres Klangideal wünschenswert gewesen; und bei Brahms hört man teils die Bratsche in den tiefen Lagen nur schwer durch, sie ist zu zart gegen das von Brahms akkordlastig gesetzte Klavier. Doch diese Marginalien seien nicht weiter von Bedeutung: Denn hier liegt zweifelsohne eine hervorragende Aufnahme zweier virtuoser, technisch wie (noch mehr) musikalisch fordernder Sonaten, die von den Musikern auch wirklich verstanden und umgesetzt wurden.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]

Aus dem Schatten zum Hörer

Solo Musica, SM 291; EAN: 4 260123 642914


[Rezension im Vergleich: Ulrich Hermann über „Out of the Shadow“]

Das Album „Out oft he Shadow“ widmet sich drei unbekannten Violinkonzerten bekannter Komponist: Tartinis Concerto in La Maggiore D 96, Haydns Violinkonzert G-Dur Hob.VIIa:4 und Mendelssohns frühes Konzert d-Moll für Violine und Streicher. Lavard Skou Larsen leitet die Salzburg Chamber Soloists, die Solovioline spielt Rebekka Hartmann.

„Out oft he Shadow“ ist das Resultat instrumentaler Meisterschaft und musikalischer Leidenschaft. Live wie auch auf CD erlebte ich beide, sowohl die Salzburg Chamber Soloists unter Lavard Skou Larsen als auch die Violinistin Rebekka Hartmann, als feinfühlige, passionierte und perfektionistische Musiker – entsprechend gespannt war ich auf diese Aufnahme.

Das Orchester spürt in Tartinis Concerto in La Maggiore D 96 noch das Klangideal der späten Barockzeit auf und markiert die wiederkehrenden pochenden Figuren der Streicherstimmen, hebt allgemein einen non-legato-Charakter hervor. Die Solistin steht hierbei als Primus inter Parens gleichberechtigt neben den anderen Stimmen, kann sich in den Soli dennoch gut absetzen vom Orchester. Besonders fein gelingen die Auszierungen in den langsamen Sätzen, wobei vor allem der zweite Satz durch die akzentuierten Brüche für Aufmerken sorgt.

Während Tartini etwa 135 Violinkonzerte schrieb, so waren es bei Haydn lediglich drei, die belegt werden können. Eines davon ist das hier zu hörende G-Dur-Konzert Hob.VIIa:4. In diesem vor 1770, also noch zu Tartinis Lebzeiten, entstandenen Werk empfinden die Musiker einen Gestus, der mehr der Wiener Klassik zugeordnet werden kann. Die Violine steht deutlicher im Vordergrund und schwingt sich zu Höhenflügen über die Orchesterbegleitung auf. Rebekka Hartmanns Geigenstimme bleibt dabei leicht und unbeschwert, spielerisch und mancherorts gar keck. Dadurch entsteht ein hinreißender Kontrast zu den schlichten Streichorchesterbegleitungen, denen Lavard Skou Larsen einen Rest der barocken Markierung verleiht.

Das Finale der Aufnahme bildet Mendelssohns geniales Jugendkonzert für Violine und Streicher d-Moll, welches er mit gerade einmal 13 Jahren komponiert hat. Im zarten Jugendalter schrieb er bereits 12 Streichersymphonien, mehrere Konzerte und zahllose Kammermusikwerke, die er größtenteils später in die Schublade legte: zu Unrecht! Dieses Konzert entdeckte Mendelssohn später und bearbeitete es, nichtsdestoweniger konnte es sich nicht gegen das bekannte e-Moll-Konzert durchsetzen. Wider Erwarten besticht dieses Violinkonzert (ebenso wie Mendelssohns andere Frühwerke!) eben nicht allein durch jugendlichen Übermut und Lebendigkeit, sondern zeigt in gleichem Maße nachdenkliche und fragile Seiten, die gar philosophisch reflektiert anmuten. Rebekka Hartmann stellt sich leidenschaftlich in den Dienst dieser vor Inspiration sprühenden Musik, wie eine Löwin bewältigt sie anmutig und selbstbewusst die virtuosen Läufe und Figurationen, zieht sich dann aber auch wieder zurück in ganz verinnerlichte Welten, in denen sie sich selbst offenbart. Hier geschieht etwas Magisches: Rebekka Hartmann und die Salzburg Chamber Soloists unter Lavard Skou Larsen gehen eine Symbiose ein, beginnen, aus einem Atem und einem Puls heraus zu musizieren und das Konzert zu einer Einheit zu formen, gemeinsam und ohne Distanz zwischen Solist und Orchester.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]