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Schönklang und dessen Opfer

RCA Red Seal; 1 90758 71142 3

Gemeinsam mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra unter Andrew Litton nimmt Sebastian Bohren die Violinkonzerte von Felix Mendelssohn e-Moll op. 64 und Benjamin Britten op. 15 auf; zudem hören wir Tschaikowskis Sérénade mélancolique op. 26 für Geige und Orchester.

Regelrechten Hype genießt der aus der Schweiz stammende Geiger Sebastian Bohren in letzter Zeit: Presse wie Publikum loben seinen warmen, vollen Ton und die Eigenständigkeit seines Ausdrucks; seine Aufnahme aller Bach-Sonaten und -Partiten für Violine solo sorgen für Aufsehen. Mit der vorliegenden Aufnahme widmet sich Bohren nun Werken für sein Instrument mit Orchesterbegleitung, wozu er sich das flexible und vielseitige Royal Liverpool Philharmonic Orchestra als Partner wählte, unter der Leitung von Andrew Litton.

Doch der Funke mag nicht so recht überspringen in dieser Aufnahme, immer wieder gerät der Fluss der Musik ins Stocken. Dies liegt in erster Linie an Bohrens enormen Streben nach Schönklang und Klarheit, wofür er andere, teils wichtigere, Aspekte der Musik bereitwillig opfert. Bohren scheut gerade bei Mendelssohn und Tschaikowski das Piano und Pianissimo, was einige der hinreißendsten Effekte dieser Werke unterminiert. Bei Tschaikowski geht somit auch die Zartheit und Melancholie seiner ausdrücklich „mélancolique“ getauften Sérénade verloren, die Musik wirkt zu real und nicht emotional ergriffen. Bei Mendelssohn ist dies zudem eine der Ursachen dafür, dass das Orchester nicht gleichwertig zur Violine erscheint, sondern weit hinter ihr verschwindet – wodurch sogar manch ein wichtiger thematischer Einsatz kaum oder gar nicht zu hören ist. Hinzu kommt, dass Bohrens Spiel gespickt ist von Manierismen, was die These bestätigt, er schaue zu sehr auf die momentane Tonerzeugung und nicht auf den Kontext der Musik: Beinahe jeder Schwerpunkt liegt auf der schweren Zeit (also dem ersten und im 4/4-Takt dem dritten Schlag), die in raschen Passagen gerne durch leichtes Rubato ausgekostet und somit verlängert wird. Daraus resultiert eine vermeidbare Plumpheit, welche das Filigrane dieser Musik negiert. Fließender und plastischer hätte Bohren die Musik gestalten können, würde er auch einmal die schwachen Zeiten betonen und seine Rubati nicht auf die Schläge setzen, sondern auf die nächste Untereinheit (z.B. die zweite Sechzehntel oder zweite Note einer Triole).

Am ehesten funktioniert das Violinkonzert von Benjamin Britten, wobei auch hier das Finale ins Stocken gerät. Die ersten beiden Sätze jedoch stechen hervor im Vergleich zum Rest dieser Aufnahme: Im blues-artigen Kopfsatz findet Bohren viel Witz und kostet diesen aus, springt heiter zwischen den mitreißenden Einfällen hin und her, entlockt seiner Partie einige spannende Effekte und hält den Satz sogar formal einigermaßen zusammen. Im Mittelsatz besticht er durch virtuoses und makellos reines Geigenspiel.

Das Royal Liverpool Philharmonic Orchestra passt sich der Darbietung des Solisten an, enttäuscht im Mendelssohn und kann auch bei Tschaikowski nicht überzeugen, wird jedoch durch den unglaublichen Charme des viel zu selten gehörten Britten-Konzerts zu größerer Leistung angestachelt. Das Orchester steht unter dem Ruf, besonders abhängig zu sein von einem guten Dirigenten: Es kann Unvorstellbares hervorbringen, wenn es durch einen Meister seines Fachs geleitet wird – aber auch uninspiriert und farblos seine Pflicht erfüllen. Diese Aufnahme bestätigt das vortrefflich.

[Oliver Fraenzke, Januar 2019]

Rastlose Brillanz

Linn Records, CKD 555; EAN: 6 91062 05552 9

Gemeinsam mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Antonio Méndez spielt Ingrid Fliter die Klavierkonzerte a-Moll Op. 54 von Robert Schumann und g-Moll Op. 25 von Felix Mendelssohn. Das Orchester erklingt zudem in Mendelssohns Konzertouvertüre Op. 32 „Das Märchen von der schönen Melusine“.

An der Oberfläche präsentiert sich die Aufnahme Ingrid Fliters mit Klavierkonzerten von Schumann und Mendelssohn brillant und heiter glänzend. Mit Pathos jagt Fliter über die Tasten, verströmt einen Sog nach vorne und mitten hinein in die Musik. Dabei strahlt sie nicht nur handwerkliche Souveränität aus, sondern auch ein gewisses Gespür für den Zusammenhalt einzelner Phrasen sowie eine glühende Inspiration. Mit dem Scottish Chamber Orchestra unter Antonio Méndez besteht eine spürbare Verbindung, die Partner fügen sich problemlos zu einer Einheit zusammen, die verschmilzt.

Erst der Blick auf die subtileren Ebenen legt ein anderes Bild frei. Denn so sehr Fliter in der Virtuosität aufgeht und in raschen Passagen zu zaubern scheint, so rastlos sind die langsamen wie entspannten Abschnitte genommen. Die Pianistin scheint innerlich nie zur Ruhe zu kommen, und so wird auch die gesamte Lyrik gerade im Schumann-Konzert durch atemlose Hektik ausgehebelt. Die romantische Verträumtheit und die Wendungen ins Innere sind nicht vorzufinden (natürlich dürfen diese nicht ins manieriert Willkürliche übertrieben werden, aber sie sind dennoch ein entscheidendes Merkmal für Musik jener Zeit). Dazu gehörlt auch, dass immer wieder die spannungstragenden Dissonanzen, die wie ein Gewürz dem Ganzen erst die unverkennbare Note verleihen, unter den Tisch gekehrt und verharmlost werden.

Sehr subtil kann Antonio Méndez das Scottish Chamber Orchestra auf die jeweiligen Stimmungen einschwingen, kann ausgebreitete Melodien natürlich entstehen lassen und dann doch plötzlich wieder in entschiedenstem Aufbegehren toben. Gerade in Mendelssohns Konzertouvertüre kann das Orchester sich einlassen und eine beschwingte Gestaltung erlebbar machen. Dabei geht allerdings manche Nebenstimme im Geflecht unter, die noch einen schönen Beitrag hätte leisten können. Gerade in den Klavierkonzerten hätte damit noch für eine stärkere Kompaktheit des Apparates und für einen stringenter zusammenhängenden Fluss gesorgt werden können.

[Oliver Fraenzke, Januar 2017]