Alle Beiträge von Ulrich Hermann

Frühlingsserenade

Kammerphilharonie dacapo im Künstlerhaus Festliche Frühlingsserenade am 15. Mai 2019

Werke von Mozart, Haydn, Glasunow, Elgar und Holst

(Bild: Ulrich Hermann)

Nach einer informativen Begrüssung durch Franz Schottky – wie stets bei den Konzerten der Kammerphilharmonie dacapo – begann das Programm der festlichen Frühlingsserenade mit dem dritten Horn-Konzert in Es-Dur von Mozart mit dem Solisten Aleksandar Crnojevic, dem Solohornisten des Orchesters. Die drei Sätze gehören zwar der Musik, die sehr bekannt ist, allerdings ist es immer wieder ein Erlebnis, sie live zu hören. Natürlich spielte der Solist makellos, wurde überaus sensibel und aufmerksam von seinen Kolleginnen und Kollegen begleitet, der langsame zweite Satz besonders einfühlsam, aber dieses Stück ließ keine Wünsche übrig und war ein wunderschöner Beginn eines zauberhaften Abends.

Dann waren die Streicher mit dem Divertimento Es-Dur von Joseph Haydn in ihrem ganz eigenen Element. Vom ersten Ton an hörten wir den typischen „Haydn’schen“ Tonfall, ganz vorzüglich allerdings im zweiten Adagio-Satz, wo der Konzertmeister, der junge Marius Bigelmeier, sein berückendes Solo mit vollendeter Leichtigkeit und tiefster Hingabe – begleitet von „hingetupften“ Streicher-Tönen – spielte und wieder einmal die ganze Genialität des „Papa Haydn“ erlebbar machte.

Für die nächsten beiden Stücke „Réverie“ op. 24 und der Serenade für Horn und Orchester op.2 /11 vom russischen Komponisten Alexander Glasunow ( 1865 – 1936) kam wieder Aleksandar Crnojevic auf die Bühne und bezauberte erneut mit diesen beiden spätromantischen elegischen Stücken.  Das dreifache Pianissimo in der Serenade kurz vor Schluß gelang außerordentlich, danach schließt das Stück mit einem vollen Akkord von Horn und Orchester. Großer Beifall für den gesamten ersten Teil.

Im zweiten Teil folgte die relativ bekannte Serenade op. 20 in e-Moll von Edward Elgar: so richtig passende Musik für den noch lange nicht überstandenen Brexit, oder? Jedenfalls eine wunderbar elegische melancholische Musik, in der der ausgewogene und „lustvolle“ Streicher-Klang der Kammerphilharmonie dacapo sich perfekt entfaltete. Als Höhepunkt – und das gehört ja bei dacapo dazu – ein Stück, dessen Komponisten Gustav Holst (1874-1934) man zwar kennt, aber nicht dessen St. Pauls Suite, das einfach ein spannendes, sehr vergnügliches und raffiniert rhythmisch vertracktes Musikstück ist. Der ideale Abschluss eines sehr ansprechenden Konzert-Abends. Langer, großer Applaus, Blumen für Dirigent und aus seinem Strauß Blumen für die Orchester-Damen, das lässt sich Franz Schottky nicht entgehen.

Das Sommerprogramm der Kammerphilharmonie hält glücklicherweise noch ein paar überaus spannende Überraschungen bereit, wie schön!

[Ulrich Hermann, Mai 2019]

Fängt gerade erst an…

Christoph Graupner (1683-1760): Das Leiden Jesu, Passion Cantatas III

Solistenensemble Ex Tempore, Barockorchester Mannheimer Hofkapelle, Florian Heyerick

Cpo, CD 555 230 2; EAN 7 61203 52302 3

Wer war Christoph Graupner? Der Komponist am Darmstädter Hof, der etwa 2.000 Werke schrieb, Opern, weltliche Kantaten, 113 Sinfonien, 44 Solokonzerte usw., usw… Seine Neuentdeckung begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist noch längst nicht abgeschlossen. Verdienstvoll, dass seine Musik auf mehreren CDs vorliegt, cpo ist wieder federführend, auch diesmal. Die Musik fesselt von ersten bis zum letzten Ton, sowohl von ihrer Melodik als vor allem durch das klangliche und instrumentale Spektrum. Darmstadt war damals eines der wichtigsten und renommiertesten Zentren für die zeitgenössische Musik. Bekannte und berühmte Solistinnen und Solisten kamen an den Hof, Graupner fand also für seine musikalischen Utopien auch die entsprechenden Musiker, auch wenn er gerne nach Leipzig als Nachfolger von Johann Kuhnau gekommen wäre. Sein Dienstherr erlaubte das nicht, was für Darmstadt eine ganz besondere Blüte bedeutete.

Die Aufführung dieser drei Passionen ist vorbildlich. Nicht nur, was die Solistinnen und Solisten, das Orchester und den Chor angeht, auch Florian Heyerick, der Leiter – vielbeschäftigt und in mannigfachen Funktionen unterwegs – überzeugt durch die Bank in allen Ausdrucksbereichen. Das Hören dieser angeblich so unzeitgemäßen Musik ist gerade im durch Bach’sche Passionen überreich eingeengten Repertoire eine hervorragende Ergänzung und Entdeckung.

Vielleicht gelingt es sogar, einiges aus Graupners Opernschaffen wieder einmal auf die Bühne zu bringen und auch da die Programme zu erweitern?

Zwar verfügte Christoph Graupner, dass alle seine Kompositionen nach seinem Tod vernichtet werden sollten, allein seine Erben setzten in einem jahrelangen Rechtsstreit durch, dass heute fast alle seine Werke in der Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt erhalten sind. Wir dürfen also gespannt sein auf weitere großartige Entdeckungen.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Was ist besser als ein Orchester?

Sonntags-Matineee der Kammerphilharmonie dacapo München am 14. April 2019 im Herkulessaal: Mozart, Mendelssohn, Brahms

Was ist besser als ein Orchester? Natürlich deren zwei. Vor allem, wenn damit nicht nur die Musik, sondern auch der kulturelle und persönliche Austausch zwischen so weit entfernten Ländern wie Taiwan und Deutschland gefördert wird. Und so saßen beim sonntäglichen Konzert der Kammerphilharmonie dacapo nicht nur die hiesigen Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, auch Spielerinnen und Spieler eines Taiwanesischen Orchesters aus Kaohsiung verstärkten die Besetzung.

Zuerst – welch ein Beginn eines vollbesuchten Sonntagskonzertes – erklang mit dem jungen Jernej Cigler aus Slowenien als Hornsolist das vierte Hornkonzert in Es-Dur KV 495 von W.A. Mozart, delikat begleitet vom Streichorchester der Kammerphilharmonie DaCapo und ihrem Dirigenten Franz Schottky. Zu den sehr ansprechenden Eigenheiten diese Konzertreihe gehört – wie üblich – die Begrüßung und eine kurze Einleitung des Programms durch Franz Schottky, der auch die beiden Solisten des Tages und die Gäste aus Fernost vorstellte und begrüßte. Natürlich kennt „man“ die Mozartschen Hornkonzerte, obwohl sie seltener im Programm stehen als es diese wunderbare Musik verdient, aber das leibhaftige Erleben ist dann doch wieder einmal etwas ganz Eigenes. Vor allem, wenn der Solist so überzeugend seinen Part vertritt wie es Jernei Cigler in den drei Sätzen tat. Besonders schön gelang der langsame zweite Satz, die Romanze.

Als zweites Konzert stand jenes berühmte Violinkonzert in e-Moll op. 64 auf dem Programm. Der junge Augsburger Simon Luethy spielte auf seiner Gaglino Geige mit dem Satori-Bogen dieses bei allen Geigern hochgeschätzte Stück mit souveräner Meisterschaft, begeisterte Publikum und Musiker gleichermaßen mit seiner uneitlen und hochmusikalischen Präsenz, die dem Orchester Anlass bot, das „Silbertablett“ seiner Begleitkunst zu präsentieren. Auch hier wieder gelang der langsame zweite Satz, das Andante, ganz besonders schön und innig, aber auch der Virtuosität des ersten und dritten Satzes bleiben Solist und Orchester nichts schuldig. Großer Beifall und als Zugabe eine Paganini Caprice Nr. 3 .

Nach der Pause – noch einmal vergrößerte sich das gemeinsame Orchester für die vierte Symphonie von Johannes Brahms in e-Moll. Für Arnold Schönberg begann mit dieser – Brahms letzter – Symphonie das Zeitalter der Neuen Musik, wie Franz Schottky zu Anfang erwähnte. Und wirklich zeigen diese vier Sätze ein Kompendium der rhythmischen und melodischen, neue Klänge schaffenden, sowie polyphon-verarbeitenden Meisterschaft des 52-jährigen Komponisten, sie ist vor allem im letzten, vierten Satz ein absolutes Novum der bisherigen Musikgeschichte. Brahms verwendet hier, ausgehend von einem Bach‘schen Thema eine bis dahin nicht symphonisch verwendete Variationsform, die weit in die Zukunft deutet. Das Orchester lief zu Hochform auf, Bläser und Streicher, Pauken und Schlagzeug ebenfalls und unter der Stabführung von Franz Schottky erblühte dieses letzte Meisterwerk des Johannes Brahms in Gelassenheit voller Energie vom ersten bis zum letzten Ton. Wie modern und faszinierend auch heute noch diese Musik ist und berührt, zeigte der enthusiastische Beifall, der dem Orchester und seinen besonders geforderten Solistinnen und Solisten gebührte.

Ceterum censeo… Ein viel zu wenig beachtetes, jedoch beachtenswertes Orchester! Aber das Nichtbeachten ist ja leider beim heutigen Münchner Feuilleton schon Usus.

[Ulrich Hermann, April 2019]

Wiener Klassik und Raritäten

Samstag, 23. Februar 2019 Herkulessaal

Symphonieorchester Wilde Gungl München , Michele Carulli Dirigent

Franz Schubert (1797-1828): Ouvertüre im italienischen Stil C-Dur D 591

Louis Spohr (1784-1859) Symphonie Nr.6 G-Dur op. 116 „Historische“

Ludwig van Beethoven (1770-1827) Symphonie Nr.2 D-Dur op.36

Geärgert soll er sich haben über die Begeisterung seiner Freunde nach einer Rossini-Oper: So eine Ouvertüre könne er auch schnell mal schreiben. Topp, die Wette galt, und „inert kurzem“ waren die beiden Ouvertüren D 590 und D 591 fertig. Mit großem Orchester (ohne Posaunen aber mit Pauke) war Letztere das Einleitungsstück dieses Abends. Durchaus Anklänge an Rossini hörte man, aber natürlich war es ein „echter“ Schubert. Auf ein langsames Einleitungs-Adagio folgt ein schnelleres Allegro. Auf dieses Stück – die beiden italienischen Ouvertüren sind ja nicht völlig unbekannt – folgte eine echte Rarität. Die Frage ist, ob diese sechste Symphonie des damals europaweit bekannten und geschätzten Ausnahme-Geigers, Komponisten und Dirigenten Louis Spohr in München jemals in den vergangenen 150 Jahren zu hören war. In den letzten Jahrzehnten jedenfalls stand sie wohl bei keinem Münchner Orchester auf dem Spielplan. Dabei bietet sie mit ihren vier Sätzen einen durchaus spannenden Einblick in die Musik-Geschichte, so wie der Komponist sie erlebte und hier geschickt verarbeitete.

Der erste Satz greift zurück auf Bach und Händel, die allerdings nur die Vorlage liefern für Spohrs eigene, sehr eigentümliche Musik-Sprache. Natürlich sind Fugen und Pastorale von den beiden Altmeistern abgeleitet, aber durchaus mit Spohr’scher Melodik und Harmonik. Der zweite, langsame Satz greift auf Mozart und Haydn zurück, doch ist auch hier des Komponisten Handschrift eigenständig und kein Plagiat oder bloßes Zitieren. Genau wie im dritten Satz, der sich an Beethoven orientiert. Allerdings war Spohrs Verhältnis zum damals noch nicht so berühmten Kollegen durchaus gespalten, der „Neunten“ konnte er nicht allzu viel abgewinnen. Im letzten Satz geht Spohr „in die Vollen“, – sogar die „gran cassa“, die große Trommel kommt dabei zum durchaus nicht gedämpften Einsatz – allerneueste Periode 1840 steht da. Nun gut, das Orchester ist in allen Stimmen gefordert, es ist nicht unbedingt etwas erschreckend „Modernes“ zu hören, jedenfalls ist die Bekanntschaft mit dieser Symphonie durchaus spannend und hörenswert.

Nach der Pause dann die leider zu selten gespielte zweite Symphonie von Ludwig van Beethoven, für die sich das Orchester – gegen die berühmte dritte, die „Eroica“ – entschied. Und das war ein wunderbarer Griff, denn da konnten wir vom ersten Einsatz des Orchesters hören, „wo der Bartel den Most holt“, um es flapsig auszudrücken. Denn von der Melodik, der Harmonik, der rhythmischen Energie, der ganzen Anlage her ist diese zweite Symphonie ein Wunderwerk, dem die Wilde Gungl mit ihrem Dirigenten Michele Carulli nichts schuldig blieb. In allen Stimmen, bei den wunderbar samtenen Streichern, den intensiven und sehr oft federführenden Bläsern bis hin zum energiegeladenen Paukisten, es entfaltet sich unter dem enormen leiblichen und seelischen Einsatz des Dirigenten eine Musik, die vor allem im himmlischen Larghetto-Satz einfach so schön und mitnehmend erklingt, dass der ganze Saal nicht nur atemlos lauschte, sondern zum Schluss seiner Begeisterung mit lauten Bravo-Rufen Ausdruck verlieh. Diese Begeisterung und Freude gab Michele Carulli dann höchstpersönlich an viele einzelnen Orchester-Musiker*innen weiter, was den Abend sehr persönlich abrundete.

Ceterum censeo… aber das sagte schon der alte Cato, als er auf Miss-Stände seiner Zeit angesprochen wurde. Ich sage jetzt nur: Münchner Feuilleton…?

[Ulrich Hermann, Februar 2019]

Nicht nur Pädagoge…

Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950): Piano Music, Volume One – Alberto Maria Riva, Piano

Toccata Classics , TOCC 0473; EAN: 5 060113 444738

Émile Jaques-Dalcroze ist eigentlich als Begründer der Methode Jaques-Dalcroze, einer eurhythmischen und musikalischen Grunderziehung bekannt geworden, vor allem, als er 1911 in Dresden-Hellerau die Leitung des eigens dafür gegründeten Instituts übernahm. Bekannte Pädagogen wie Heinrich Jacoby und andere lehrten an dieser Einrichtung, von der aus Impulse bis in unsere Tage ausstrahlen.

Dass Jaques-Dalcroze aber selbst auch Pianist und Komponist, Dirigent und Bewegungserzieher war, ist nach wie vor weniger bekannt. Seine hier in erster Folge vorliegende Klaviermusik zeigt einen durchaus versierten Komponisten, der mit sehr eingängigen, zwischen Schumann und Spätromantik angesiedelten Stücken überzeugt. Es braucht einen versierten Klavierspieler, um diese durchaus auch virtuosen Kompositionen auszuführen. Sehr melodisch und überaus bewegt sind sie und lassen erkennen, dass ihr Schöpfer über ein sehr weit gefächertes musikalisches Interesse und umfassende Kenntnisse der Musikgeschichte verfügte. Wenngleich natürlich Beethoven’sche Tiefe oder auch Mozart’sche Heiterkeit nicht seine Sache sind.

Alberto Maria Riva hat sich vor allem bei Schweizer Komponisten umgetan, das Label Toccata ist ja bekannt dafür, auch abgelegene Bereiche der Musik an Licht zu holen. Und das nicht zuletzt macht auch den Wert dieser CD aus, die keinerlei Wünsche hinsichtlich Booklet oder Aufnahmetechnik übrig lässt.

Die Stücke sind zwischen 1891 und 1896 entstanden und bilden einen Teil des frühen Schaffens von Émile Jaques-Dalcroze, über dessen weiteren Werdegang das Booklet (leider nur in Englisch und Französisch) umfassend Auskunft gibt.

Auf weitere Ausgrabungen aus dem Œuvre dieses Schweizer Musikers und Pädagogen dürfen wir gespannt sein.

[Ulrich Hermann, Februar 2019]

Out Of The Shadow

Solo Musica CD SM 291; EAN 4 260123 642914

[Rezension im Vergleich: Oliver Fraenzke über „Out of the Shadow“]

Rebekka Hartmann & Salzburg Chamber Soloists; Lavard Skou Larsen

Giuseppe Tartini (1692-1770) Konzert in A-Dur D 96 für Violine und Streicher; Joseph Haydn (1732-1809) Violin-Konzert in G-Dur Hob. VIIa-4; Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) Violin-Konzert in d-Moll für Violine und Streichorchester

Gibt es auch schon so viele CDs mit Violin-Konzerten, so fällt doch die vorliegende aus dem üblichen Rahmen. So hochmusikalisch und erfüllend sind diese Konzerte von Tartini, Haydn und Mendelssohn-Bartholdy sicher sehr selten gespielt worden. Das liegt zum ersten an der Solistin, die mitnichten erst jetzt aus dem Schatten treten muss oder erst jetzt ins Licht tritt – im Booklet erfährt man dazu und zu den Konzerten Näheres –, deswegen ist der Titel etwas fragwürdig. Ihr Solisten-Part ist nicht nur in den besten Händen – bzw. in ihrer Stradivari, besonders in den Kadenzen kommen die musikalischen und klanglichen, die souveränen Qualitäten der Geigerin voll zum Tragen. Überhaupt hört und spürt man, mit welcher Begeisterung sie und alle übrigen Musiker diese Musik entstehen lassen.

Was zweitens natürlich an den Salzburg Chamber Soloists liegt, die unter ihrem Leiter Lavard Skou Larsen nicht nur erlesen begleiten, nein, sie sind der entsprechende Widerpart zur Solistin Rebekka Hartmann, servieren ihr das strahlendste „Silbertablett“, auf dem alles prächtig zur Entfaltung kommt. In den langsamen Sätzen – von denen es beim Tartini-Konzert gleich deren zwei gibt – ist die Intensität zum Greifen nah, faszinierend und berührend zugleich.

Das Konzert von Haydn überrascht wie so vieles von seiner Musik mit seiner Melodik und Harmonik, immer wieder kommt einem der ganz eigene Ton seiner Kompositionen viel moderner vor, als es die Zeit der Entstehung glauben lässt. Kein Wunder, dass ein Komponist, der allein 83 Streichquartette schrieb, auch beim Violin-Konzert seinem Ruf gerecht wird. Die Darbietung lässt auch da keine Wünsche offen, weder von der Seite des Orchesters, noch von Seiten der Solistin.

Besonders überzeugend – wenn das nicht ein Paradoxon ist – gelingt das Mendelssohn- Konzert. Der 13-Jährige komponierte es für den Konzertmeister der Berliner Hofkapelle Eduard Rietz (1802-1832). Es wurde im Salon der Familie aufgeführt, geriet dann lange Zeit in den Schatten seines berühmten e-Moll Konzerts und wurde 1952 von Yehudi Menuhin in New York wiederaufgeführt.

Wie schön, dass es mit dieser CD wieder das Licht der Musik erblickt und den Abschluss einer gelungenen Produktion bildet, insofern ist der Titel dieser Scheibe doch nicht so ganz verfehlt.

[Ulrich Hermann, Januar 2019]

Ein ansprechendes Neujahrs-Konzert

Kammerphilharmonie dacapo München am Sonntag, 20. Januar im Herkulessaal

Solisten: Thomas Albertus Irnberger, Violine; Brigitta Simon, Koloratur-Sopran; Dirigent: Franz Schottky

Antonio Vivaldi (1678-1741): Die Vier Jahreszeiten, op. 8 1-4; Johann Strauß (1825- 1899): „Leichtes Blut“ Polka schnell op. 319, „An der schönen blauen Donau“ op. 314 (mit Sopran), „Frühlingsstimmenwalzer“ op. 410 (mit Sopran); Franz Lehár (1870-1948): „Ballsirenen“; Josef Strauß (1827-1870): „Ohne Sorgen“ Polka schnell op. 271, „Extempore“ Polka francaise op.241; Eduard Strauß (1835-1916): „Wo man lacht und lebt“ Polka schnell op. 108

Im ausverkauften Herkulessaal hören wir das Neujahrskonzert der Kammerphilharmonie dacapo, ein gelungener und ansprechender Einstieg ins Neue Jahr. Natürlich kennt man Vivaldis Vier Jahreszeiten, aber diese wundervollen vier Violin-Konzerte live zu erleben mit dem jungen und durchaus musikalischen Geiger Thomas Albertus Irnberger aus Österreich, das ist schon etwas Besonderes. Noch dazu, wenn Dirigent Franz Schottky in seinen launigen und sehr informativen Ansagen auf die geschickt in der Partitur versteckten programmatischen Einzelheiten hinweist: Hundegebell, krabbelnde Insekten, Gewitterwolken und andere Naturereignisse finden sich in den Noten. Da ist sie dann wieder, diese ansprechende – im wahrsten Sinn des Wortes – Stimmung, die die Konzerte der Kammerphilharmonie auszeichnet. Dass Thomas Albertus Irnberger auf seiner Stradivari von 1712 – aus der sogenannten „Goldenen Epoche“ des Meisters, mit dem Bogen des Dresdener Bogenmachers Hans-Karl Schmidt – bei Vivaldis Musik in seinem Element war, hörten wir vom ersten Ton der Frühlingsmelodie. Alle übrigen „Beschreibungen“ der einzelnen Jahreszeiten gelangen genauso überzeugend und beeindruckend. Das Orchester assistierte und begleitete intensiv und ungeheuer aufmerksam, gleich ob nur Geige und Solocello, oder nur die oberen Streicher die Musik mit dem Solisten zusammen entstehen ließen, es war ein wunderbares Erlebnis, diese scheinbar so vertraute Musik im lebendigen Musikwerden zu hören. Großer Beifall für alle Beteiligten, besonders aber für den souveränen Sologeiger.

Nach der Pause dann die – fast schon obligaten Stücke –  der Brüder Strauß, unterbrochen nur durch die „Ballsirenen“ von Franz Lehár, die wieder einmal treffend zeigten, was für ein großartiger Melodiker Lehár war. Die zwei wohlbekannten Walzer, der von der blauen Donau und der von den Frühlingsstimmen, hörten wir in der ursprünglichen Fassung mit Koloratursopran und Streichorchester. Die aus Ungarn stammende junge Sängerin ließ ihre Stimme, den Kompositionen entsprechend, von der Tiefe bis in die höchsten Höhen jubelnd und mitreißend erklingen. Bravos und riesiger Beifall, das Publikum war begeistert. So klingen die beiden Stück doch neu und unerwartet. Die vier anderen Stücke der Strauß-Brüder waren alles andere als Lückenfüller; beim letzten, der Polka Francaise kamen unerwartet die Tänzerinnen und Tänzer der Ballett-Schule Dana Kalicinska mit auf die Bühne. Zusammen schufen sie ein überwältigendes Ende eines fabelhaften Neujahrs-Konzertes, dem natürlich als richtiger Abschluss der Radetzky-Marsch mit Publikums-beteiligung nicht fehlen durfte.

[Ulrich Hermann; Januar 2019]

Junge Solisten

Kammerphilharmonie dacapo München; Konzert am 30. September 2018: Junge Solisten

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden, hast mich in eine bess’re Welt entrückt! (Franz Schubert op. 88 No.4 / Text Franz Schober) „An die Musik“

 

Wenn man die Welt von heute so betrachtet, wahrhaft ein wilder umstrickender Kreis, es ist zum Verzweifeln, wohin man auch schaut.

Und dann kommen im vollbesetzten Festsaal des Künstlerhauses an einem Sonntag Abend Menschen, um das erste Konzert der neuen Saison zu hören. Ein Konzert mit drei jungen Solistinnen und Solisten unter der Ägide der Münchner Kammerphilharmonie dacapo mit Franz Schottky als Leiter. Es wird ein denkwürdiger Auftakt zu einer neuen Spielzeit des vor 18 Jahren gegründeten Orchesters.

Den Beginn macht die Ouvertüre „Il Signor Bruschino“ von Gioachino Rossini. Besser kann ein Konzert kaum beginnen als mit dieser immer wieder aufs Neue faszinierenden Musik, die so leicht daher kommt und doch so tief geht.

Natürlich begrüßt Franz Schottky zu Beginn das Publikum mit einer seiner kurzen Ansprachen, was zur Atmosphäre des Abends entscheidend beiträgt. Man wünscht sich so ein „Ansprechen“ durchaus öfter, um die steife Erwartungshaltung des Publikums ganz leicht und gelassen zu lösen. Aber das ist bei dacapo schon Tradition.

Als erste Solistin stellt Schottky die junge Bratschistin Lina Bohn vor, mit den ersten beiden Sätzen des Violakonzertes in D-Dur von Franz Anton Hofmeister (1754-1812). Bohn spielt das Konzert auf einer Viola eines unbekannten Instrumentenbauers und mit einem Bogen von Florian Schneidt, ihre Darbietung klingt souverän und enorm musikalisch. Besonders die Kadenzen sind ein Ohren- und Augenschmaus und zu Recht erhält sie großen Beifall. Die Kammerphilharmonie begleitet sowohl aufmerksam als auch intensiv, und schafft so das „Silbertablett“ für die Solisten, wie auch in allen anderen Stücken.

Als zweites wirkt die Geigerin Laura Katharina Handler als Solistin, diesmal mit dem ersten Satz von Pjotr Iljitsch Tschaikowskis (1840-1893) Konzert für Violine und Orchester in D-Dur op.35. Sie spielt auf einer italienischen Geige mit einem Bogen von Pfretzschner.

Die ebenfalls 20-jährige verzaubert mit ihrer Darbietung dieses durchaus vertrackten Stückes mühelos und mit intensivstem musikalischen und geigerischen Einsatz den ganzen Saal. Wieder einmal ereignet sich das Wunder des leibhaftigen Musizierens, was keine noch so perfekte CD auch nur annähernd wiederzugeben vermag. Natürlich lässt sich von so viel Können auch das Orchester anstecken, die Bravos von Publikum und der Beifall der Musiker sind mehr als berechtigt.

Nach der Pause – in der man zwei nagelneue Autos des neuen Sponsors betrachten kann, nachdem es zu Beginn schon Sekt und sogar für jeden Besucher eine Praline zur „Einstimmung“ gab – kündigt Franz Schottky den dritten jungen Künstler des Abends an, Hamlet Ambarzumjan, der den Kopfsatz aus Ludwig van Beethovens drittem Klavierkonzert in c-Moll spielt. Der junge, 1999 in Wolgast geborene Pianist überzeugt durch sein klares, sowohl kraftvolles als auch sehr lyrisches Spiel. Beethoven ist und bleibt einer der ganz große Melodiker und überrascht doch immer wieder mit der Genialität seiner Kompositionen. Solist und Orchester laufen zu Hochformen auf, begeisterter Applaus.

Und wieder ist es beeindruckend, was so junge Menschen wie diese drei sich und der Welt zum Geschenk machen, das ist dann eben die „Holde Kunst“, die einen doch so ganz andere Dimensionen dieser oft ach so unheilvollen Welt dankbarst erleben lässt.

Zum grandiosen Abschluss des Abends dann Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) mit der Sinfonie Nr. 3 in a-Moll op. 56, der „Schottischen“. Und hatte mich schon sein Streichquartett Nr. 6 in f-Moll (das er nach dem frühen Tod seiner geliebten Schwester schrieb) tief in den Bann seiner Musik gezogen, so geschah das an diesem Abend beim Anhören dieser Sinfonie auf Neue.

Und wie diese Musik, die die Kammerphilharmonie dacapo mit den hinzugekommenen Bläsern aufs Vortrefflichste und mit großem Einsatz aller Musikerinnen und Musiker entstehen ließ, weit in die musikalische Zukunft vorauswies auf Wagner und Bruckner zum Beispiel, das war sehr überraschend und beeindruckend. Franz Schottky gestaltete die vier Sätze ohne die sonst bei einer Sinfonie üblichen Zwischenpausen – auch da ein Blick in die sinfonische Weiterentwicklung bis zu Sibelius‘ einsätzigen Werken – so wurde diese großartige Musik zu einem großartigen Schlussakkord eines denkwürdigen Abends.

Großer Beifall auch für die einzelnen Instrumental-Solistinnen und -Solisten. Die Kammerphilharmonie dacapo aus München ist auf gutem Wege, ein ganz großes Orchester zu werden, auch wenn das vom normalen Münchner Zeitungsfeuilleton noch immer nicht zur Kenntnis genommen wird. Aber dies Schicksal teilt es – wie lange noch? – mit anderen Orchestern hier in dieser Stadt.

P.S. Wichtiger Nachsatz: Natürlich möchte man die drei jungen Solistinnen und Solisten möglichst bald mal mit allen Sätzen ihres heutigen Konzertes hören!

[Ulrich Hermann, Oktober 2018]

 

Geisterwerke

Helbling CD 2016, EAN: 9783990351819

Anselm Hüttenbrenner (1794-1868): Geisterszenen; Robert Schumann (1810-56): Geistervariationen; Julia Rinderle, Klavier

„Nachruf an Schubert in Trauertönen am Pianoforte“ (Anselm Hüttenbrenner, 1829) heißt ein Stück im Heft 8 „Das Charakterstück“ der Reihe DAS MUSIKWERK aus dem Arno Volk Verlag von 1955. Jahrelang unbeachtet von mir bis zum Beitrag von Christoph Schlüren über Anselm Hüttenbrenner in der NMZ. Darin erwähnt er auch die Neueinspielung, nein, die Ersteinspielung von Hüttenbrenners Klavierstücken „Geisterszenen“ von 1850.  Nun ist dieser Nachruf in F-Moll gerade mal eine Seite lang und durchaus auch für „normale“ Klavierspieler zu spielen, aber natürlich machte er Lust auf mehr von diesem Komponisten, der ja mit Schubert nicht nur befreundet war, sondern mit ihm zusammen auch bei Antonio Salieri Unterricht hatte, wo sich beide begegneten.

Diese „Geisterszenen“ (Tongemälde für Klavier) sind nun alles andere als eine leichte Kost, sie erfordern höchstes Niveau, wenn sie adäquat realisiert werden sollen. Nicht nur von den pianistischen Schwierigkeiten her, auch vom großen Bogen und der Poesie, die es zu erfassen gilt.

Julia Rinderle stellt sich dieser Herausforderung auf überzeugende und berührende Weise, es entsteht ein echter „Meilenstein“ des Klavier-Repertoires. Sowohl vom Meistern aller technischen Schwierigkeiten als auch vom klanglichen und poetischen Erfassen und Vermitteln ist alles höchst gelungen, hingerissen und staunend lauscht man dieser bis heute so vergessenen Musik. Dieser Komponist – bisher nur als Schuberts „Beiwerk“ geschätzt – harrt dringend der Entdeckung. Denn was da an Musikalischem zu sichten ist, ist weit mehr als Beiwerk. Wovon auch das äußerst umfangreiche und informative Beiheft Zeugnis gibt, denn in solcher Ausführlichkeit ist sowohl von Michael Aschauer, dem Verfasser, als auch von der Pianistin selbst selten ein Booklet dieser Qualität zu lesen gewesen. Und dass der Verlag natürlich auch für alle Interessierten die erste Notenausgabe dieser „Geisterszenen“ im Programm hat, rundet die sehr gelungene Präsentation dieser CD ab.
Den Klang des modernen Flügels betreffend bleiben keine Wünsche offen, auch wenn die Pianistin selbst auf die andersartigen Möglichkeiten auf einem damaligen Hammerflügel hinweist.

Wir dürfen gespannt sein, was von Anselm Hüttenbrenners Musik in Zukunft entdeckt und aufgeführt wird, schließlich ist sein Werkverzeichnis durchaus umfassend:

  • 27 Geistliche Werke: darunter 6 Messen,
  • 3 Requien
  • 4 Opern: darunter „Lenore“ und „Oedip zu Colonos“ vollständig erhalten
  • 258 Lieder
  • 133 Männerquartette
  • 159 Männerchöre
  • 20 Orchesterwerke: darunter 2 Symphonien
  • 13 kammermusikalische Werke: darunter 2 Streichquartette,
  • 1 Streichquintett
  • 60 Werke für Klavier zu 2 Händen
  • 23 Werke für Klavier zu 4 Händen
  • 8 Bearbeitungen fremder Werke

Und auch wenn er in seinen späteren Jahren kaum mehr komponierte und ihn spirituelle Themen – wie übrigens schon immer – mehr interessierten – neben seiner Familie mit seinen neun Kindern –, so wird es nun doch höchste Zeit, neben Schubert auch seinem komponierenden Zeitgenossen und Gefährten nachzuspüren und dieser Musik die nötige „Gerechtigkeit“ widerfahren zu lassen. Jedenfalls ist vorliegende CD ein schöner Meilenstein auf diesem Weg.

Als passende „Ergänzung“ spielt Julia Rinderle die Geistervariationen von Robert Schumann, dessen letztes Klavierwerk und überaus  gelungen als Ausklang und Weiterleitung in die Gefilde der romantischen Musikkultur, die mit dieser CD ein weiteres Meisterwerk aus der Taufe gehoben hat.

[Ulrich Hermann, September 2018]

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Aus Italien

Sommerserenade „Aus Italien“ am 21. Juli 2018 um 20 Uhr im Herkulessaal
Symphonieorchester Wilde Gungl München, Michele Carulli (Leitung), Arnim Rosenbach (Moderation), Susann Král (Oboe)


(Foto von: M. Hallersleben)

Nichts wurde es mit dem Open-Air-Konzert des Orchesters Wilde Gungl: Statt im Brunnenhof fand ihr Konzert im Herkulessaal statt. Aber ob das ein Nachteil war, mag bezweifelt werden, denn es wurde ein besonders memorables Konzert. Nach der wie immer charmanten Moderation des Konzertmeisters Arnim Rosenbach, der die schon seit Jahrhunderten vorhandene Italien-Sehnsucht der Deutschen auch mit einem Goethe-Gedicht belegte, begann Maestro Carulli das Italien-Programm mit der Ouvertüre zu Rossinis Oper Tancredi. Diese zählt nicht zu seinen bekanntesten Bravourstücken, gestaltet sich aber ebenso wirkungsvoll in ihrer Melodik und Instrumentierung.

Die Fortsetzung machten zwei Oboen-Konzerte, von denen das erste in d-moll von Alessandro Marcello sogar Bach zu einer Bearbeitung „verleitete“. Die meisten dürften dieses Werk kennen, aber es live zu hören mit der fabelhaften Solistin Susann Král – Oboistin der Bad Reichenhaller Philharmoniker, mit denen die Wilde Gungl am Himmelfahrts-Tag im Prinzregententheater ein wunderbares Konzert musizierte – das ist eben doch der Unterschied zu einer noch so gelungenen CD. Behutsam und aufmerksam begleitet vom Streichorchester und Cembalo, wurde es zum Erlebnis, genauso wie das folgende Konzert in C-Dur von Domenico Cimarosa von 1780, das eine Entdeckung wahrhaft wert ist.

Nach der Pause ertönte die nächste Ouvertüre, diesmal aus Vincenco Bellinis Norma, einer hochdramatischen Oper, was die Einleitungsmusik sehr deutlich hören ließ. Der musikalische Höhepunkt des Programms war dann zum Schluss das „Capriccio Italien“ von Peter Tschaikowsky. Maestro Carulli verlangte dem Orchester in diesem Stück alles ab, allerdings durchaus auch sich selbst. Er dirigierte mit Leib und Seele, blühte in der Musik voll auf und nahm alle Mitspielenden mit in die Gefilde dieser italienischen Musik, auch wenn sie von einem russischen Komponisten stammt. Denn nicht nur die Deutschen haben diese Sehnsucht nach Bella Italia.

Nach riesigem Beifall gab es als Zugabe das Intermezzo aus der Oper „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni. Und auch da zeigte das Orchester, dass es in den letzten Jahren unter seinem Dirigenten Michele Carulli immer souveräner und musikalisch überzeugender geworden ist, denn dieses wunderbare Kleinod der Musikgeschichte erwies sich als herzbewegender Abschluss des gelungenen Sommerkonzertes der Wilden Gungl.

Hoffentlich kann es unter diesen Umständen nicht mehr allzu lange dauern, bis auch das Münchner Feuilleton endlich dieses fabelhafte Orchester und seine Konzerte zur Kenntnis nimmt.

[Ulrich Hermann, Juli 2018]

Tribute to Stéphane & Django

Gramola Avanti Jazz 5414706 1053-2; EAN: 5414706105320

Tribute to Stéphane & Django; Roby Lakatos & Biréli Lagrène; Modern Art Orchestra

Biréli Lagrène und Roby Lakatos haben ungefähr das selbe Alter; und Herrn Lakatos ging es wie mir, als wir vor Jahren zum ersten Mal diesen jungen Gitarristen hörten und totale Begeisterung verspürten. Kein Wunder also, dass es Jahre später zur überfälligen musikalischen Begegnung kam: Sie spielten gemeinsam ein Konzert und nahmen dieses auf, woraus diese CD entstand.

Die Aufnahme ist zwei Giganten des Zigeuner-Jazz gewidmet, dem Geiger Stéphane Grapelli und dem Gitarristen Django Reinhardt. Zusammen mit einigen anderen Musikern und dem Modern Art Orchestra entstand eine Scheibe, die anzuhören einfach ein hinreißendes Vergnügen ist. Nicht nur, weil die Stücke zum bekannten Repertoire gehören, nein, die große Spielfreude aller Beteiligten überträgt sich auf den Zuhörer und lässt jedes Mal wieder eine kurzweilige Stunde höchsten Vergnügens entstehen.

Es gibt Musiker, denen Geschwindigkeit über alles geht. (Wie meinte ein Kritiker zu den rasenden Geschwindigkeiten mancher Gitarreros: Sie mögen sich doch bitte nicht so anstrengen, ein Maschinengewehr sei einfach noch immer viel, viel schneller!) Man meint oft, bei einem Wettbewerb dabei zu sein: Wer kann noch schneller spielen, besitzt noch flexiblere Finger, noch irrwitzigere Einfälle und dröhnt das ganze so unmusikalisch wie möglich in die Ohren der Hörer? Anders jedoch diese beiden Protagonisten! Nicht nur ihre Finger sind schnell und ihre Technik atemberaubend, nein, in erster Linie ist es ihr Bewusstsein. So dient die Schnelligkeit keinem demonstrativen Selbstzweck, sondern bindet sich in die Persönlichkeit und das musikalisches Bewusstsein der beiden ein. Mir fällt dazu immer wieder der Pianist Cecil Taylor ein, der diesen Gesichtspunkt par excellence verkörperte und repräsentierte.

Wie leicht und doch überzeugend solche Fähigkeit des Spielens zu hören und zu genießen sind ebenso wie diese ja oftmals aus dem Moment heraus improvisierten Melodien und Läufe, Ausbrüche und Weiterführungen, das wird auf dieser eindrucksvollen CD deutlich und hörbar. Die Live-Atmosphäre wurde darüber hinaus vortrefflich eingefangen.

Insgesamt also eine wunderbare Huldigung von zwei exzellenten Solisten mit ebenso herausragenden Musikerkollen, von denen jeder eine Nennung wert wäre: Man denke allein an den Trompeter Kornél Fekete-Kovács, den Leader des Modern Art Orchestras, sowie natürlich den Schlagzeuger Niek de Bruijn und den zweiten Gitarrist Andreas Varady, die allesamt feinfühlig und sicher agieren.

[Ulrich Hermann, Juli 2018]

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Zwei Orchester

Matinée „Familienkonzert der Gung’l-Orchester“ am 10. Mai 2018 um 11 Uhr im Prinzregententheater

Bad Reichenhaller Philharmoniker und Symphonieorchester Wilde Gungl München
Dirigenten: Christian Simonis und Michele Carulli; Moderation: Dr. Arnim Rosenbach;
Solisten: Yan Zhang (Violine); Michele Carulli (Klarinette)

©M. Hallensleben
©M. Hallensleben

Was ist schöner als ein Orchester? Nun, natürlich zwei, davon eins, die Wilde Gungl aus München und eins, die Bad Reichenhaller Philharmoniker aus Reichenhall! Und was für ein prächtiges Bild, diese vielen, vielen Musikerinnen und Musiker mit ihren beiden Dirigenten Michele Carulli und Christian Simonis. Nach einigen Anmerkungen zur Geschichte und zur Verbindung über den Dirigenten und Komponisten Josef Gung’l, den Begründer, begannen sie gemeinsam mit einem Festmarsch von Richard Strauss (1864–1949) von 1888 in strahlendem C-Dur. Schon das zweite Stück, wieder von Strauss, dem damals 13-jährigen Wunderkind, einer Orchester-Serenade, verblüffte durch seine raffinierten Orchesterfarben und lassen die spätere Meisterschaft durchaus erahnen. Wie üblich moderierte Konzertmeister der Wilden Gungl Arnim Rosenbach auf seine charmante Art und sagte als nächstes Stück vor einer Pause die Ouvertüre zur Oper „Die diebische Elster“ von Gioachino Rossini (1792–1868) an. Die beiden Orchester liefen unter dem Dirigat von Maestro Carulli zur Höchstform auf. Mit vollem Einsatz – wie wir es kennen – feuerte er seine Musikerinnen und Musiker an. So lebendig, kraftvoll und begeisternd habe ich dieses Stück noch nie erlebt, großer Jubel und verdienter Beifall auch für die solistischen Passagen und ihre Spielerinnen und Spieler. Nach der Pause übernahm gleich Maestro Simonis die Leitung und begeisterte mit einem Galopp von Josef Gung’l (1809–1889), bevor Michele Carulli als Solist an „seinem“ Instrument, der Klarinette, das zauberhafte Adagio von Heinrich Joseph Baermann (1784–1847) mit den Streichern zusammen anstimmte. Baermann, selber ein hochberühmter Klarinettist und Komponist des 19. Jahrhunderts, wusste dem Instrument in allen Lagen berückende Musik abzugewinnen. Beide Orchester wieder gemeinsam musizierten danach zwei Stücke vom Gründer Gung’l, einen Isar-Lieder-Walzer Opus 209, „den freundlichen Bewohnern Münchens gewidmet“ und einen rasanten Galopp, den „Narrengalopp“ Opus 182. Die Bandbreite des Konzertes reichte von Rossini bis Charles Kálmán (1929–2015), dem Sohn des berühmten Emmerich Kálmán, der für Sologeige und Streichorchester ein Stück namens „Nostalgie“ komponierte. Die Konzertmeisterin der Reichenhaller, Frau Yan Zhang, spielte mit intensivster Tongebung, aufs aufmerksamste begleitet von ihren Mitmusikerinnen und Mitmusikern dieses melancholisch-melodische Kleinod. Rauschender Beifall, bevor es mit Maestro Carulli wieder zum letzten Programmpunkt ging, dem Walzer und Galopp aus der Suite „Maskerade“ vom armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan (1903–1978). Auch hier zogen die Spielerinnen und Spieler beider Orchester noch einmal alle Register ihres Könnens, wieder mit unermüdlichem Einsatz von Leib und Seele des Dirigenten. Nach dem tosenden Beifall die erwünschte und geforderte Zugabe: „Unter Donner und Blitz“, Schnellpolka von Johann Strauß (1825–1899)! Blumen über Blumen, Beifall über Beifall und das Ende eines gemeinsamen Konzertes, von dem wir uns alle eine weitere Zusammenarbeit erhoffen und wünschen. So ein tolles Feiertags-Geschenk für die ganze Familie, vielen Dank allen Beteiligten auf, vor und hinter der Bühne!

           

[Ulrich Hermann, Mai 2018]

 

Matinée der Virtuosen

Konzert mit der Kammerphilharmonie DACAPO; Sonntag, 30. April 2018

Georges Bizet (1838-1875):Adagietto (aus der Arlesienne-Suite Nr.1)
Joseph Haydn (1732-1809):  Cello-Konzert Nr. 2 D-Dur
Sergej Rachmaninow (1873-1943) Vocalise op 34 /14
Josef Suk (1874-1935): Serenade für Streichorchester op.6

Jiri Barta, Violoncello; Franz Schottky, Dirigent

Eine Bemerkung zu Beginn: Die Programmfolge hätte am besten genau umgekehrt heißen müssen! Warum? So schön die Streicherserenade op. 6 von Josef Suk auch ist, so vertraut die Vocalise op. 34 / 14 auch in der Strreicherfassung sich anhört – die Konzertmeisterin war berückend in ihrer Solorolle – so schön der rote Teppich, das Adagietto aus der „L’Arlesienne-Suite“ dem Solisten Jiri Barta auch den Auftritt vorbereitete, der absolute Höhepunkt dieser Matinée war denn auch das zweite Cello-Konzert von Altmeister Joseph Haydn.  Dieser hochmusikalische Energie, diesem Spiel mit den leisesten und den lautesten Tönen, den Registern auf dem Cello von ganz tief bis in himmlische Höhen, der rhythmischen Vertracktheit, der Melodien-Seligkeit zu lauschen, war ein berückendes, verzauberndes Erlebnis.

Was in diesem Konzert mit seinen drei Sätzen Jiri Barta zusammen mit der DACAPO Kammerphilharmonie unter ihrem Dirigenten Franz Schottky  so spielerisch zeigten, kam fast einer Umwertung des „alten“ Papa Haydn gleich. Solch eine intensiv mitnehmende Musik traut man gewöhnlicherweise – und  wie das bei Vorurteilen so üblich ist, fälschlicherweise –dem Klassiker Haydn gar nicht zu. Wie schon  bei der letzten Matinée, in der eins von zwölf Klavierkonzerten des Joseph Haydn erklang, und diese Musik völlig zu Unrecht im Schatten steht , so gilt das für diese Aufführung doppelt. Was da an Musik und Spiel – nach dem Schillerschen Motto: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ – an Klanglichkeit und gegenseitigem  Sich-die-Bälle-zuspielen zu vernehmen war, nicht eine Sekunde Leerlauf, wie sie des Öfteren bei Solisten auftritt, wenn sie scheinbar nichts zu tun haben.

Solist Jiri Barta und Orchester und Dirigent waren auf einem musikalischen Niveau, das ich in dieser Form und Intensität lange nicht erlebt habe. Begeisterter Beifall, Bravos und eine Zugabe einer Sarabande von Johann Sebastian Bach, die dem ganzen noch die Krone aufsetzte.

Dass nach solch einem fast überirdischen Höhenflug der zweite Teil des Konzertes nicht mehr diese himmlischen Höhen erreichte, darauf sollte meine Anfangs-Bemerkung hinweisen. Natürlich war der Herkules-Saal bei sommerlichstem Wetter bis auf wenige Ausnahmen voll, natürlich war diese Matinée ein sonntägliches Geschenk, was uns da Franz Schottky mit der DACAPO Kammerphilharmonie präsentierte, aber dass dabei solch ein außergewöhnliches Erlebnis auf uns wartetet, wer hätte das –außer den Musikerinnen und Musikern – geahnt.

Um so gespannter warten wir auf die nächste Saison und die Überraschungen, die dann sich im Herkules-Saal an Sonntag-Vormittagen und zu den anderen Terminen ereignen werden.

[Ulrich Hermann, April 2018]

Mozart-Matinée am 25. März im Herkulessaal

Kammerphilharmonie Da Capo: Alberto Ferro, Klavier; Franz Schottky, Dirigent

Kann es etwas Schöneres geben als einen sonnigen Sonntag-Vormittag und eine Matinée im Münchner Herkulessaal mit Musik von Mozart und Haydn?

Das Publikum wusste die Antwort, es strömte in hellen Scharen herbei. Nachdem die Musikerinnen und Musiker Platz genommen hatten, begrüßte Dirigent Franz Schottky auf seine ganz persönliche Weise die Hörer und sprach einige Worte zum folgenden Stück von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), der Haffner-Symphonie. Sie entstand in einer äußerst arbeitsreichen Phase –Mozart arbeite unter anderem gerade an der „Entführung aus dem Serail“, lehnte aber dabei den Auftrag für die Adelerhebung der befreundeten Familie Haffner nicht ab. Beim Überarbeiten ein Jahr später stellte er selbst fest, was ihm da für ein Meisterwerk gelungen war.

Die Kammerphilharmonie Da Capo mit dazugekommenen Bläsern ließ unter der Stabführung von Franz Schottky auch gleich vernehmen, was für ein immer wieder staunenmachender „Komponierer“ dieser  „Donnerblitzbub“ Mozart doch gewesen ist. Das Allegro con spirito erklang in all seiner Größe und seinem Wohlklang vom ersten Ton an. Besonders schön gelang der zweite Satz, das Andante. Dass sich Bläser und Streicher natürlich die Bälle zuspielten, zu einem wunderbaren Gesamtklang – im piano wie im forte – zusammenfanden, ist klar. Natürlich kennt „man“ diese Musik, aber sie live in statu nascendi zu erleben, ist dann doch etwas ganz anderes als daheim auf einer noch so guten HiFi-Anlage. Der zweite wie auch der dritte Satz im Dreier-Takt machten den ganzen Zauber dieser Musik hörbar, ebenso der schnellere Presto-Satz, der aber nie oberflächlich dahin huschte, es wurde genau so intensiv musiziert wie alle anderen drei Sätze dieser herrlichen Meistersymphonie auch. Eine wahre Sonntags-Musik! Den entsprechend wichtigen Bläsern wurde ganz spezieller Beifall zuteil, wie natürlich auch dem gesamten Orchester.

Nach einer kurzen Umbau-Pause kam zum zweiten Stück, dem 11. Klavierkonzert D-Dur von Joseph Haydn,  der junge italienische Pianist Alberto Ferro auf die Bühne. Haydns Klavierkonzerte stehen etwas im Schatten seiner Symphonien oder seiner Streichquartette wie auch Oratorien, was aber ein Irrtum ist, wie uns in diesem Konzert gezeigt und vorgeführt wurde. Nach einer kurzen Orchester-Einleitung beginnt der Solist sehr lebhaft. Und Haydns Musik entfaltet melodiös aber auch rhythmisch prägnant alles, was dem Komponisten an Witz, Humor und Einfall zu Gebote stand. Ein Furioso an bewegendsten Klängen, Harmonien, Melodien und Ideen, beim langsamen Andante-Satz ebenso wie beim schnellen Rondo all’ Ungarese, in dem der Pianist all seine Spielfreude in den Dienst dieser großartigen Musik stellte. Das Orchester begleitete bravourös, ließ dem Solisten immer den Raum und auch die Zeit, damit sich Haydns wahre Größe adäquat zeigen konnte. Die Bravos im Schlussapplaus ließen Alberto Ferro ein kleines, überaus sprudelndes und vergnügliches Stück von Gioacchino Rossini als Zugabe spielen.

Nach der Pause stellte Franz Schottky die beiden anderen Stücke von Mozart vor: Adagio und Fuge in c-Moll KV 546, die Mozart im Zusammenhang mit seiner Beschäftigung mit der Musik von Georg Friedrich Händel und Johann Sebastian Bach komponierte, im strengen Fugenstil, und zum Abschluss ds Konzertes die berühmte g-Moll-Symphonie KV 550. Nur das Streichorchester spielte KV 546 mit einer langsamen Adagio-Einleitung, die doch sehr an die barocken Vorbilder erinnert, was allerdings die anschließende Fuge mit ihrem Thema – zuerst von den Celli und Kontrabässen vorgetragen dann durch alle Instrumental-Gruppen wandernd – nicht mehr tat. Was Mozart da an musikalischer und kompositorischer Raffinesse aus dieser strengen Form herausholt, verblüfft auch heute noch, mehr als zweihundert Jahre später. Natürlich war die Kammerphilharmonie in ihrem Element. Der Streicherklang ist „deutsch“, voll und doch durchsichtig und sehr klar die Stimmen aufeinander bezogen.

Zum letzten Stück, der g-Moll Symphonie, kamen noch einmal die benötigten Bläser hinzu. Auch hier wieder: Diese Symphonie ist zwar wohlbekannt, wenn man sie aber im Augenblick des Entstehens hört, ist es doch etwas ganz anderes und berührt auf völlig andere Weise. Die Trias der drei späten Symphonien könnte man durchaus als Mozarts symphonisches Vermächtnis beschreiben, wobei diese melancholischste in g-moll am meisten in die Tiefe des Erlebens geht. Franz Schottky und die Musikerinnen und Musiker der Kammerphilharmonie Da Capo überzeugten mit ihrer Darbietung und ließen uns alle beglückt diese „Ungeheuerlichkeit“ erleben. Vom eröffnenden Molto allegro über das Andante und Menuetto Allegretto bis zum vierten Satz, dem Allegro assai, war die seit ihrer Entstehung so bewegende Symphonie hier wieder einmal in all ihrer Einzigartigkeit und Größe zu erleben. Begeisterter Beifall im sonntäglichen Herkulessaal und Danke für diese musikalische Sternstunde!

[Ulrich Hermann, März 2018]

Wie Dr. Clockwork Orange die Fuge liebte

Anthony Burgess (1917-1993): The Bad-Tempered Electronic Keyboard: 24 Preludes and Fugues (Stephane Ginsburgh: Klavier)

 

Grand Piano, GP 773: EAN 7 47313 97732 1

 

Wie bitte? Anthony Burgess? Das ist doch der von “Clockwork Orange”, diesem  ‚strangen’ Film aus den frühen 80ern, oder? Was hat denn der mit Musik zu tun, doch, obwohl, in dem Film spielte Musik – vor allem von Beethoven – eine große Rolle, aber Burgess als Komponist?

Doch, doch, bevor der sich nämlich der Literatur zuwandte und diesen Erfolg mit seiner Schreiben und der daraus resultierenden Filmadaption durch Stanley Kubrick verbuchen konnte, war er Musiker und vor allem auch Komponist. Das Booklet (nur auf englisch und französisch) gibt umfassend Auskunft über Werdegang und Weg des Anthony Burgess. Und dass es einen Pianisten und Komponisten reizt, sich auf die Spuren von Johann Sebastian Bach zu begeben und einen andAlternativzyklus zum ‚Wohltemperierten Klavier’ zu kreieren, teilt er mit vielen anderen Komponisten, wie z.B. Dimitri Shostakowitsch, Hans Gal – oder sogar Mario Castelnuovo–Tedesco mit ‚The well-tempered Guitar’! Immer wieder hat diese Aufgabe Komponisten gereizt, und so eben auch Anthony Burgess. Auch wenn die Literatur die Hauptfrucht seines sehr spannenden und interessanten Lebens war, das ihn von Manchester – seiner Geburtsstadt – bis nach Brunei und wieder zurück nach Europa führte, und seine letzte Lebensjahre verbrachte er in Monaco: er hörte doch nie auf zu komponieren, unter anderem drei Symphonien, Konzerte, Kammermusik und Lieder.

Der 1986 entstandene Zyklus unter dem ironischen Namen „The Bad-Tempered Electronic Keyboard“ zeigt schon Burgess’ nichtakademische Herangehensweise an diese Aufgabe.

Das erste, was mir beim Anhören auffiel, ist die quasi improvisatorische Musizierlust, die allen Stücken eignet. Als hätte der Komponist sie zu allererst einmal für sich selber geschrieben, zu seiner eigenen Vergnügung und Freude, ohne das so übliche Schielen nach Aufführung und Ruhm, also ähnlich wie Charles Ives, der ja sein Geld auch nicht mit seiner Musik verdiente, sondern als Mitinhaber einer großen Versicherung. So konnte er schreiben, was er wirklich wollte ohne Rücksicht auf den Musikbetrieb. Bei Burgess war nach der Ablehnung eines Musikstudiums der Lebensunterhalt und damit auch der „Ruhm“ durch seine Literatur und seine pädagogische Tätigkeit mehr als gesichert. Er sagte sogar einmal, am liebsten hätte er sein ‚Clockwork Orange’, das ihn unsterblich machen sollte, nie geschrieben, denn darauf würde er meistens reduziert. Auch bei den Stücken aus diesem Zyklus  – mit großem Enthusiasmus gespielt und lebendig gemacht vom belgischen Pianisten Stephane Ginsburgh –  ist die Freude am Komponieren durch alle 24 Dur und Moll-Tonarten deutlich zu spüren. Welches der Stücke besonders gut gefällt, ist eine so subjektive Frage, dass ich selber  keine Aussage machen kann und möchte, allerdings ist die Fuge über das Weihnachtslied „Good King Wenceslas“, ein besonders wunderbares Meisterstück, das den ganzen großartigen Bogen des gar-nicht-’bad-tempered keyboard’ grandios abschließt.

Natürlich sind die Stücke tonal und bewegen sich gekonnt und überzeugend im Rahmen des Tonartenkreises, man erwarte also keine Morton Feldman’schen oder Cage’schen Experimente, sondern eher das, was sich sicher mancher Klavierspieler selber schon vorgenommen hat: In allen 24 Dur und Moll-Tonarten einfach mach à la JSB selber loszuspielen und zu erleben, was dabei rauskommen kann und will.

[Ulrich Hermann, Februar 2018]