Alle Artikel von Ulrich Hermann

Mal wieder…

Mozart Klavierkonzerte 25 & 26 – Francesco Piemontesi, Klavier; Andrew Manze, Scottish Chamber Orchestra
Linn 544; EAN: 6 91062 05442 3

Warum es zum hunderttausendsten Mal eine Aufnahme mit den zwei Mozart-Klavierkonzerten Nr. 25 und 26 geben muss, ist mir nach Anhören dieser CD schleierhaft. Natürlich, Mozart ist und bleibt Mozart, aber bei einer neuen Ausnahme erwarte ich etwas mehr als nur das Buchstabieren der Noten. Das ist alles ganz schön realisiert, die Töne stimmen, das Orchester unter der Stabführung von Andrew Manze begleitet den jungen italienischen Solisten gekonnt, aber das ist auch schon alles. Gelingt es in den beiden langsamen Sätzen wenigstens teilweise, den Zauber der Mozart’schen Musik einzufangen, so laufen die schnellen Sätze einfach vorüber, die Bewegungen – d a s Charakteristikum seiner Musik – rauschen uninspiriert und teilweise auch unphrasiert hurtig dahin, das lässt keinen Höhepunkt erkennen, auf den diese Musik-Sprache sich zubewegt, auch das Orchester tut nicht mehr als notwendig ist, die Genialität dieser Konzerte wird nicht erlebbar. Und das genau ist eine Forderung, der jede – vor allem jede neue – Einspielung gerecht werden sollte. Denn der Referenz-Aufnahmen sind zahllose, von Horowitz über Gulda bis hin zu neueren von Chick Corea und Bobby McFerrin. Und wenn es um das Orchester und besonders um die Bläser geht – eine andere Spezialität in Mozarts Klangsprache, dann ist für mich die Aufnahme mit dem schönsten Orchesterspiel die von David Greilsamer und seinem Suedama Ensemble (naive V 5184).

Ganz zu schweigen von Glenn Gould’s Mozart, an dem sich alle Pianisten orientieren können, was melodiöse Phrasierung, Tempo und Musikalität angeht. Seit der neuen Aufnahme von Bachs Musik mit Anton Batagov ist allerdings ein neues Kapitel des Musizierens aufgeschlagen. Ob sich jedoch viele Musiker damit befassen und die Konsequenzen daraus ziehen können und wollen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber vielleicht ist die Tür geöffnet für einen ganz neuen Blick auch auf Mozarts Musik. Schon als Kind und Jugendlicher war für mich die „Exekution“ seiner Musik instinktiv viel zu schnell und viel zu oberflächlich. Und nicht erst seit Grete Wehmeyers Buch „Zu Hilfe, zu Hilfe!“ über die Tempowahl und alles Andere bei Mozart taucht ein anderes Verständnis für die „Klangrede“ (Nikolaus Harnoncourt) auf.

Zeit für eine große Veränderung der Frau Musica gegenüber wäre es längst. Auch im neuen Buch von Andrej Hoteev „Zwischen zwei Welten“ (hrsg. von G. Helbig) geht es bei seinen berühmten Kollegen Richter oder Gilels um das Tempo giusto. (Das es letztlich als absoluten Maßstab gar nicht geben kann!)

Und dagegen fällt diese CD ganz einfach ab. Da hilft auch der Hinweis im Booklet – das übrigens die Umgebung dieser zwei Konzerte recht gut und informativ beschreibt – auf berühmte Lehrer wenig bis gar nichts. Schade!

[Ulrich Hermann, August 2017]

Zwischen zwei Welten

Der russische Pianist  ANDREJ HOTEEV – Zwischen zwei Welten
Herausgegeben von Gabriele Helbig

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Staccato Verlag ISBN 978-3-932976-70-4

Nie vorher gehört, den Namen Hoteev, aber entsprechend neugierig machte ich mich an die Lektüre dieses Buches. Dass Hoteev die Original-Fassungen der drei Klavierkonzerte von Pjotr Ilitsch Tschaikowsky entdeckt hat und als erster auch einspielte, war die erste spannende Information, denn eigentlich glaubt doch jeder, dass die Fassungen, die man – vor allem vom 1. und 2. Konzert – kennt, dass diese die „richtigen“, die originalen sind, aber weit gefehlt…

Also wollte ich doch mehr wissen über einen russischen Pianisten, der seit 1993 in Hamburg zu Hause ist, dessen Werdegang eben in diesem sehr detailreichen und spannenden, gut zu lesenden Buch nunmehr dankenswerterweise in deutscher Übersetzung dargestellt wird: vor allem durch ihn selber, anscheinend angeregt durch die Herausgeberin  Gabriele Helbig, der an dieser Stelle schon einmal ein Lob gebührt. Denn was der Leser nicht nur über den Pianisten Hoteev erfährt, sondern vor allem über die russische Mentalität, Lebensart, Pädagogik und sonstige Umstände im Leben eines Künstlers, eines Pianisten, das ist so informativ wie unterhaltsam und lässt die Gegensätze zwischen hier und dort sehr klar und machvollziehbar werden.

Natürlich kommen alle wichtigen Zeitgenossen, Lehrer, Musiker und auch die entsprechenden Politiker vor, die es ja teilweise – vor allem durch die kafkaesk allmächtige „„Bürokratia“ (sozialitische Bürokratja) unzähligen Künstlern verdammt schwer gemacht hat. Man denke nur an Schostakowitsch oder Weinberg…

Dass selbst so berühmte Männer wie Svjatoslav Richter in einer winzigen Wohnung hausen musste, wie viele andere seiner Kollegen samt ihren Familien auch, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Dem gegenüber steht dennoch eine Art von Verbundenheit, wie sie vermutlich nur ein solches System als Gegenströmung hervorbringt.

Hoteevs Urteile über seine „Favoriten“  – Richter und Gilels z. B. –, aber auch über seine Lehrer, von denen er allerdings eine ganze Anzahl „verschliss“, wenn seine Mutter, über die er den Kontakt zur deutschen Sprache und zur deutschen Kultur bekam, mit ihnen nicht mehr so recht einverstanden war, gehen über übliches ”name-dropping“ weit hinaus. Man spürt die ganze Liebe und Hochachtung, die Verbundenheit mit ihnen allen sehr deutlich. Die Unterschiede zwischen der „Landstadt“ St. Peterburg und der „Hauptstadt“ Moskau spielen eine große Rolle.

Mit am spannendsten allerdings ist dann die Suche nach den Originalen der drei(!) Klavierkonzerte Tschaikowskys, an denen der Herausgeber und bedeutende Komponist Sergej Tanejew in besten Absichten die meisten „Sünden“ beging, die teilweise allerdings auch auf den Zustand der hinterlassenen Manuskripte zurückzuführen sind. Jedenfalls ist es Hoteev gelungen, die originalen Fassungen nach vielen Recherchen und Forschungen zu rekonstruieren und auch einzuspielen.

Ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, denen Klaviermusik und die Biographie eines ihrer bemerkenswertesten Zeitgenossen am Herzen liegt. Sie werden die Lektüre nicht bereuen.

[Ulrich Hermann, September 2017]

Die Oper von der Erde?

GUSTAV MAHLER (1860-1911): Das Lied von der Erde (Fassung für Gesang und Klavier)
Alexandra von Roepke, Mezzosopran; Peter Furlong, Tenor; Christian Kälberer, Klavier

Thorofon CTH 2638; 4 003913 126382

‚Das Lied von der Erde’ – heute allbekannt in der Orchesterfassung – wurde von Gustav Mahler selbst auch für Klavier bearbeitet. Allerdings kam es zur Uraufführung dieser Fassung erst 1989 und es ist ausdrücklich kein ‚Klavierauszug’ jener Orchesterfassung, die heute längst die Konzertsäle erobert hat.

Die Frage, warum es diese „abgemagerte“ Fassung gibt, was Mahler dazu bewegt haben könnte, möchte ich mit einer Hypothese beantworten: So kommt das ‚Lied von der Erde’ noch unverstellter zum Ausdruck als in der beliebten Orchestrierung.

Und genau das ist der Ansatz meiner CD-Kritik, denn hier wird nicht das ‚Lied von der Erde’ aufgeführt, sondern eine „Oper von der Erde“. Der Pianist Christian Kälberer realisiert diese Mahler’sche Musik mit bewundernswerter Klarheit, mit Musikalität und Spürsinn für die typische Klanglichkeit in Mahlers Musik. (Auch seine Biographie im Booklet ist von seltener Zurückhaltung, Selbst-Ironie geprägt, und gipfelt in dem Satz: „…wenn diese CD-Einspielung hörbar dazu beitragen kann, ist eigentlich alles gesagt.“ Ecce homo!)

Was Kälberer betrifft, ist das auch voll und ganz erfüllt. Wie er aber als Erfüllungsgehilfen diese beiden Sängern hinzuziehen konnte  – er selbst ist für die Produktion verantwortlich –, ist und bleibt mir schleierhaft. Solch ein Danebengehen einer Einspielung ist mir selten untergekommen.

Dass man bei normal „verbildeten“ Sängern und Sängerinnen – vor allem, wenn sie aus dem Opernfach kommen – bei Liedern meist kein Wort versteht, ist man ja inzwischen gewöhnt, dass aber zwei Sänger aus dem Lied von der Erde eine „Oper von der Erde“ machen mit weite Strecken unkontrolliertem Vibrato, absoluter Text-Unverständlichkeit und einem opernhaft oberflächlichen Pathos, das den Texten und auch der musikalischen Aussage total zuwider läuft, das ist ein Höhepunkt der Unkultur. Dabei gibt es auch heute durchaus Sänger, die Stimme mit Textverständlichkeit – also Musik mit Poesie – verschwistern können, als Beispiel führe ich hier nur Herrn Gerhaher an. Und zitiere wieder einmal Hans Gal (1890-1987) aus seinem bis heute unübertroffenen Buch über Schubert: „…und man hat das Recht, bei der Erwägung einer solchen Frage an den vornehmsten Typ eines Interpreten, eines Hörers und an die vollkommenste Wortdeutlichkeit  zu denken – , so wird für ihn eine Meistervertonung eines Gedichts von höchster Vollendung ein Erlebnis sein wie kein anderes“. (S. 86)

Schade, denn mit diesem höchst musikalischen Gestalter am Klavier und zwei adäquaten Sängerinnen und Sängern könnte die Wiederentdeckung der Klavierfassung dem „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler neue berechtigte Begeisterung bringen. So aber muss man von einem totalen Missverständnis –ausschließlich bei den beiden Gesangs-Protagonisten – sprechen. (Was übrigens bei den Biographien der beiden bestätigend hinzukommt: Name-Dropping pur.)

[Ulrich Hermann, Juni 2017 ]

Harfen und Geigen soll’n auch nicht schweigen…

Johann Wilhelm Hertel (1727-1789): Drei Harfenkonzerte in D, G und F; Symphonie in B-Dur
Silke Aichhorn, Harfe; Kurpfälzisches Kammerorchester; Kevin Griffiths, Dirigent

CPO 777 841 – 2; EAN; 7 61203 78412 7

Fakt ist, dass Johann Wilhelm Hertel bisher fast nur SpezialistInnen bekannt war, wo er doch in Schwerin im dortigen Musikleben des 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte. Aber dank CPO – dem Label, das immer wieder für Überraschungen und vor allem Neuentdeckungen gut ist – sollte sich das mit dieser CD mit Hertels Harfenkonzerten ändern.  Die drei Konzerte und auch seine Symphonie in B-Dur lassen einen sehr gewandten Komponisten erkennen, der den Tonfall der damals verbreiteten „Empfindsamkeit“ zu bemerkenswerter Blüte brachte. Denn seine Musik ist nicht nur schön und überzeugend, sie schließt auch die Lücke – wenigstens teilweise – zwischen Bach’scher kunstvollster Polyphonie und dem Idiom der Wiener Klassik. Und daran haben die hervorragende Harfenistin Silke Aichhorn und das Kurpfälzische Kammerorchester unter seinem Dirigenten Kevin Griffiths entscheidenden Anteil.

Das ist nicht nur gut musiziert, sondern lässt diese Musik in all ihrem melodischen, harmonischen und klanglichen Reichtum aufblühen. Da stimmen Phrasierung, Zusammenspiel und Begleitung mit dem überzeugenden Spiel der Solistin überein, das ist ein echtes „Concertare“, eine wunderbare Neuentdeckung einer Musik, die einen vom ersten bis zum letzten Ton mitnimmt und mitschwingen lässt.

Natürlich ist die Harfe ein Instrument – da dem Klavier sehr ähnlich –, das reiche Möglichkeiten der Melodik und der Harmonik zusammen mit der Klanglichkeit, wie sie eben ein Instrument hat, das ohne nötige „Mechanik“ oder Klappen oder Bögen direkt mit den Fingern und eben auch dem dazu gehörigen „Fingerspitzen-Gefühl“ gespielt wird, in die musikalische Waagschale legen kann. Wenn dazu ein Komponist, wie Johann Wilhelm Hertel einer war, sein ganzes Können diesen Kompositionen mitgibt, dann ist es kein Wunder, dass diese CD eine echte Bereicherung der Musik des 18. Jahrhunderts offenbart. Es gab eben auch vor Mozart, Haydn und Beethoven eine Art klassischer Musik, die – dankenswerter Weise – heute wieder stärker in den Blickpunkt rückt.

Ich kann gar nicht sagen, welches der drei Konzerte mir am besten gefällt, alle drei – genau so wie auch die Symphonie – sind für das Ohr ein musikalischer „Schmaus“, der bezaubert und durchaus den Wunsch weckt, mehr zu hören zu bekommen vom Schweriner Meister Johann Wilhelm Hertel.

[Ulrich Hermann, Juli 2017]

Melodienzauber

Open-Air-Konzert „Sommerserenade“ am 22. Juli 2017 um 20 Uhr im Brunnenhof der Residenz
Symphonieorchester Wilde Gungl München Dirigent: Michele Carulli; Moderation: Dr. Arnim Rosenbach

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Fotos: Matthias Hallensleben

Am Morgen war es noch bedeckt, am Abend allerdings wurde es ein traumhafter Sommerabend. Und dazu diese Sommerserenade im Brunnenhof, der fast voll war, Herz, was willst Du mehr? Das Orchester begann – wie üblich und bei „normalen“ Konzerten leider eben nicht mehr üblich – mit der Anmoderation des Konzertmeisters Arnim Rosenbach. Auf seine sehr ansprechende und informative Art führte er das erste Stück von Gioacchino Rossini ein, die Ouvertüre zu seiner Oper „Il Signor Bruschino“, bei dem der Dirigent Michele Carulli natürlich voll in seinem Element war. Ein wundervoller sommerlicher Auftakt dieses Abends. Als kleines „Schmankerl“ hatte Rossini in diese Instrumentierung für die zweiten Geigen ein Extra hineinkomponiert, denn die durften sich zeitweise als „Klopf-Geister“ mit ihren Bögen auf einem Brett, das sie auf den Schoß gelegt hatten, austoben. Als zweites Stück des Abends stellte Arnim Rosenbach das Trompetenkonzert Es-Dur von Joseph Haydn vor und den Solisten, den 22-jährigen Valentin Hammerl. Der junge Trompeter verzauberte mit seinem strahlenden, aber immer weichen und schönen Ton. Vom Orchester wurde er besonders intensiv und gefühlvoll begleitet, kein Wunder, denn Michele Carulli – selbst mit 19 Jahren Soloklarinettist an der Mailänder Scala – weiß natürlich genau, welch eine Rolle die einfühlsame Begleitung bei einem Solo-Konzert spielt. Besonders der langsame überaus melodiöse zweite Satz geriet zu einem musikalischen und klanglichen Höhepunkt. Schade, dass dieses Konzert fast 150 Jahre lang nach seiner Uraufführung in der Versenkung verschwunden war, es ist ein absolutes Meisterwerk seiner Gattung. Dem jungen Solisten kann man für seinen weiteren Weg nur alle Daumen drücken. Nach der Pause – in der ich mit dem Solisten einige Worte wechselte, und der unter anderem darauf bestand, dass sein Name mit W und nicht wie bei seinem berühmten Namensvetter Karl V. mit Vau ausgesprochen wird – erläuterte Arnim Rosenbach einiges zum folgenden Stück: Johannes Brahms und seiner Orchester-Serenade op. 11. In dem nun folgenden 45 Minuten langen Werk zeigten die Musiker der „Wilden Gungl“ alles, was in ihnen steckt. Die sechssätzige Serenade – fast schon eine Vorstufe zu Brahms’ späteren Symphonien – fordert den Musikern alles ab an Spielfreude, an intensivem Aufeinander-Hören, an Extremen in der Dynamik und an den typisch Brahms’schen rhythmischen Finessen. Und wie das Orchester, in denen einzelne solistisch sehr gefordert waren, z. B. der Paukist, die Bläser, die Kontrabässe, diese Musik sich entfalten und sie so entstehen ließ, war einfach großartig. Und brachte dem Dirigenten Michele Carulli und „seinem“ Orchester großen Beifall und mehrere „Bravos“. Zum Abschluss dieses famosen Musik-Abends erklang noch einmal der Beginn der Reprise des vorletzten Satzes. Und damit ging ein herrlicher Sommerabend im wunderschönen Münchner Brunnenhof zu Ende. Seit ich dieses Orchester und seine Konzerte mitverfolge, wird immer auffälliger, dass natürlich alles besser und intensiver wird, aber besonders auffällig ist die stetige Steigerung bei den Streichern, die mir schon in den letzten Aufführungen sehr deutlich wurde. Schon jetzt freue ich mich auf die nächsten Konzerte mit der „Wilden Gungl“.

Ceterum Censeo: Auch wenn das gesamte berühmte Münchner Zeitungs-Feuilleton diese Konzert wieder mal mit intensiver Nicht-Zur-Kenntnis-Nahme gewürdigt hat, dennoch: Wann wachen die bestimmten Damen und Herren auf und nehmen dieses inzwischen gar nicht mehr zu überhörende Münchner Orchester mit seinem über 153-jährigen Bestehen endlich zur Kenntnis.

[Ulrich Hermann, Juli 2017]

Romantik pur [Rezensionen im Vergleich]

Felix Draeseke (1835-1913): Quintett op. 77 für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli; Szene op. 69 für Violine und Klavier; Quintett op. 48 für Violine, Viola, Violoncello, Horn und Klavier

Solistenensemble Berlin (Matthias Wollong, Violine op.69 & 77; Georg Pohle, Horn op. 48; Brigitta Wollenweber, Klavier op. 69 & 48); Breuninger Quartett (Sebastian Breuninger, Violine op.77; Stanley Dodds, Violine op. 77; Annemarie Moorcraft, Viola op.77; David Riniker, Violoncello op.77); Gäste: Felix Schwartz, Viola op.48; Andreas Grünkern, Violoncello op. 48 & 77

CPO, 555 107-2: EAN: 7 61203 51072 6

Mit Franz Schuberts unvergleichlichem Quintett C-Dur kann sich wenig andere Kammermusik messen. Das Quintett op. 77 von Felix Draeseke  (1835-1913) kann es, und zwar sehr eindrucksvoll und überzeugend. Wie viele andere Komponisten auch, ist Felix Draeseke und seine Musik auch heute noch nicht in den Olymp aufgestiegen, in den sie eigentlich längst gehört. Das von Christoph Schlüren verfasste ausführliche Booklet gibt darüber und über die Ursachen umfassend und kenntnisreich Auskunft, so dass wir uns ganz auf die Musik konzentrieren können.  Das knapp über eine halbe Stunde dauernde Streichquintett glänzt – wie das Schubert’sche – mit zwei Celli, was dem gesamten Klang eine fundierte Note gibt.  Die vier Sätze – der erste (langsam und düster), dann das Scherzo (sehr schnell und prickelnd), es folgt der dritte (langsam und getragen) und abschließend der vierte Finale (langsam und düster – rasch und feurig) – überzeugen sowohl durch die intensive Klanglichkeit, die allen fünf Instrumenten eignet, als auch durch die polyphonen und melodisch weittragenden Strukturen. Dass Draeseke sich durchaus – jenseits aller Romantik – auch als Neuerer verstand, beweist seine oftmals kühne Harmonik. Die Uraufführung seines Quintetts fand übrigens 1903 in Basel statt.

Die Szene op. 69 für Violine und Klavier  – kaum 10 Minuten lang – ist von der Besetzung her kein Experiment, aber was in Draesekes Komposition besticht, ist seine melodische Erfindung, seine polyphone Textur in beiden Instrumenten, die dieser Kombination von Geige und Klavier einen ganz eigenen Reiz verleiht. Die Harmonik ist durchaus neutönerisch – entgegen den damaligen „Regeln“ der maßgeblich Unterrichtenden, wofür Draeseke auch dementsprechend angefeindet wurde. Nach seinem „Germania-Marsch“ 1861 war er so verschrien, dass er für 14 Jahre in die Schweiz ins Exil ging.

Die Besetzung des dritten Werks war ursprünglich für Horn und Streichquartett angelegt, aber auf Bitten des Verlegers ersetzte der Komponist die zweite Violine durch eine Klavierstimme, die in dieser Komposition entscheidende Aufgaben – sowohl melodisch als auch harmonisch und klanglich – übernimmt. Die Musik glänzt durch Spielfreude und ausgeprägte melodische und harmonische Attraktivität, was die seltene Besetzung noch unterstreicht.

Ein weiterer Grund, sich anhand dieser Veröffentlichung sehr viel intensiver und näher mit der Musik eines immer noch fast gänzlich Vergessenen zu beschäftigen, ist, dass wenige Komponisten in ihrer Art Melodisches, Polyphones und Kontrapunktisches zu solch meisterlicher Klangsprache und Musik vereint haben wie Felix Draeseke.

[Ulrich Hermann, Juni 2017]

Ein vergessenes Meisterwerk

Feliks Nowowiejski (1877-1946): Quo vadis – Oratorium für Soli, gemischten Chor, Orgel und Orchester

Wioletta Chodowicz, Sopran; Robert Gierlach, Bariton; Wojtek Gierlach, Bass; Slawomir Kaminski, Orgel; Podlasie Opern- und Philharmonischer Chor (Violetta Bielecka, Chormeisterin); Poznan Philharmonisches Orchester (Lukasz Borowicz, Dirigent)

cpo CD 555089 – 2; EAN: 7 61203 50892 1

Als Henryk Sienkiewicz 1885 seinen Roman „Quo vadis“ veröffentlichte, dachte er dabei sicher weder an den Nobelpreis, den er 1905 dafür bekam, noch daran, dass sein Landsmann Feliks Nowowiejski ihn 1903 als Vorlage für sein gleichnamiges Oratorium verwenden würde. Aber beides geschah, und so wurde dieses Meisterwerk der Literatur in Musik umgesetzt – was damals in der europäischen und auch in der amerikanischen Musikwelt eine höchst erfolgreiche Aufführungsgeschichte zur Folge hatte.

Warum dieses Oratorium von der Bühne verschwunden ist, das hat sicher auch mit der Kulturpolitik des Dritten Reichs zu tun, denn ab 1939 verschwand das Werk aus dem Konzertleben und wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder aus der Versenkung geholt.

Es behandelt in monumentaler Form die letzten Tage der Herrschaft Kaiser Neros, wobei der Chor als Stimme des Dichters Petrus mit den Augen des Geistes seinem Weg aus Rom fort und wieder zurück folgt.

Das Verdienst der Labels cpo in Bezug auf polnische Musik ist nicht nur die (Wieder-)Entdeckung der Musik von Sir Andrzej Panufnik unter Lukasz Borowicz in vorzüglichen Aufnahmen, sondern hier nun auch, die Bekanntschaft zu ermöglichen mit einem der größten Erfolge der Musikgeschichte, einem Werk von mitreißend heroischem Charakter und episch fesselnder Dimension. Ab 1911 – dem Jahr der Uraufführung der revidierten Fassung in Amsterdam – wurde das Werk tatsächlich weltweit über 200 Mal auf die Bühne gebracht. Der Komponist allerdings geriet international in Vergessenheit, nur in Polen, wo er lebte und komponierte, blieb er einigermaßen lebendig. Allerdings im Schatten der berühmteren Landleute wie Szymanowski oder Rosycki. Zum 70. Todestag des Nowowiejskis kommt also die Möglichkeit, eines der großartigsten Werke der Romantik neu zu erleben, wie gerufen. Das Booklet – übrigens mit einem Textbeitrag von Lukasz Borowicz selbst – gibt über die Handlung, die musikalische Struktur und die Hintergründe des Komponisten und seines Meisterwerkes erschöpfend Auskunft. Natürlich mit Bildern und Beschreibung der einzelnen Mitwirkenden, selbstverständlich.

Wie schon des Öfteren erwähnt, ist das Medium CD in den letzten Jahrzehnten zum idealen Vermittler für Entdeckungen auf dem ungeheuer reichhaltigen und noch immer faszinierende Gebiet unbekannter Musik geworden und ein mehr als nur geeignetes Mittel, der Geschichte Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, jenseits aller anderen Möglichkeiten im Internet (gar nicht zu reden von der klanglichen Qualität der silbernen Scheibe, wenn sie so vorzüglich aufgenommen ist wie die hier vorliegende). Eine große Empfehlung!

[Ulrich Hermann, Juni 2017]

Nicht unterkühlt [Rezensionen im Vergleich]

FINNLANDS DIRIGENTEN – VESA SIRÉN
Von Sibelius und Schnéevoigt bis Saraste und Salonen

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SCOVENTA 2017; ISBN 978-3-942073-42-4

Ein dicker, fast 1000 Seiten umfassender Wälzer über Finnlands Dirigenten? Wer liest denn so was? Habe ich mich am Anfang auch gefragt, als ich das kiloschwere Werk in der Hand hielt… Aber nach kurzer Lektüre war das gar keine Frage mehr, eher: Wie kann man in der heutigen klassischen Musikwelt ohne die finnische „Übermacht“ an Dirigenten überhaupt so ein Buch nicht schreiben und dann eben auch nicht lesen. Denn dem Autor Vesa Sirén gelingt es nicht nur, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, nein, dieses dicke „Ding“ liest sich ausgesprochen gut und trotz aller Materialfülle erstaunlich flüssig und unterhaltend. Dazu tragen auch die vielen umfassenden Interviews und Statements sowohl der Dirigenten als auch der betroffenen Musiker bei, die dem Ganzen das Akademische oder Langweilige austreiben. Ob man einem, und welchem der vorgestellten Meisterdirigenten man nun den Vorzug gibt, ob den Älteren wie Kajanus, Sibelius oder Schnéevoigt oder den Jüngeren wie Salonen oder Saraste oder den noch Jüngeren wie Oramo, Lintu, Storgårds oder Mälkki, alle werden mit großer Ausführlichkeit und großem Sachverstand vorgestellt, kommen teilweise auch selbst zu Wort und geben dem ganzen Buch eine „undeutsche“ Leichtigkeit, die man sich bei Büchern dieser Art des Öfteren wünscht.

Wer also dem Thema der heute in aller Welt vertretenen finnischen Dirigenten nachspüren will, darüber hinaus einen tiefen Blick in die finnische Mentalität und Art des Vermittelns und Weitergebens erfahren will, der ist mit diesem dicken Buch bestens bedient. Und erfährt unter anderem, warum die Überlegenheit so sich entwickeln konnte, denn Finnland hat nicht allein das beste pädagogische System, was das Schulwesen angeht, wie alle Pisa-Studien seit Jahren zeigen, auch die Musik-Vermittlung ist allen anderen Ländern meilenweit voraus. Warum, diese Frage wird im Buch von Vesa Sirén genauestens beantwortet und zeigt auch, warum nicht nur finnische Dirigenten so begehrt sind: auch finnische Musiker – z. B. hier an deutschen Musikhochschulen – genießen als Lehrer und Musiker einen besonders guten Ruf.

Was läge also näher, als dieses umfassende Buch den entsprechenden Lesern dringend ans Herz zu legen, was hiermit geschehen ist.

[Ulrich Hermann, Juni 2017]

GINASTERA und das Eldorado der Musik

Volker Tarnow – GINASTERA und das Eldorado der Musik

Boosey & Hawkes, Berlin 2017; ISBN 978-3-7931-4164-8

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Vor circa einem halben Jahr bekam ich Nicolas Slonimskys Autobiographie „Perfect Pitch“ in die Hände und las sie mit allergrößtem Vergnügen. Ich kannte vorher weder den Autor noch die Rolle, die er in der Musik des 20. Jahrhunderts spielte. Sein „zweites Bein“ als Verfasser verschiedenster lexikographischer Bücher bescherte mir kurze Zeit später sein „Music of Latin Amerika“. Es öffnete mir die Augen für die ungeheure Fülle mir bis auf Villa-Lobos und wenige andere unbekannter Musiker und ihrer Musik. Diese Tatsache teile ich vermutlich mit den meisten anderen Europäern.

Und da kam im April 2017 das Buch über den größten argentinischen Komponisten Alberto Ginastera. Von dem hatte ich bei einem Konzert hier in München von Hugo Schuler, dem jungen argentinischen Pianisten, die „Danzas Argentinas“ gehört. Der Name Ginastera war mir als Gitarrist durchaus geläufig, aber von seiner Musik hatte ich eben bislang wenig bis gar nichts gehört.

Welche Rolle Alberto Ginastera in der argentinischen und allgemein in der amerikanischen Musik spielte und spielt, das ist das große Thema in Volker Tarnows neuem Buch. Wie auch seine beiden anderen Bücher über „“Das romantische Schweden“ und über „Jean Sibelius“ liest es sich hervorragend.

Nimmt man es in die Hand, so wundert man sich zu allererst einmal über das Gewicht. Man ist bei heutigen Büchern selten überrascht, was das Papier angeht, aber bei Volker Tarnows neuem Buch hat der Verlag (Ginasteras Exklusivverlag Boosey & Hawkes) weder am Papier noch an der Aufmachung gespart. Hin und wieder denkt man, man hätte zwei Seiten umgeblättert, bis einem aufgeht, dass es wirklich so ein exquisites Papier ist. Das gelbe Lesebändchen als Orientierungsgeber gehört natürlich auch dazu.

Neben den „Äußerlichkeiten“ überzeugt das Buch aber vor allem durch seinen Inhalt, durch die Bilder und Fotografien, durch Lebenslauf, Werkverzeichnis und Anmerkungen. Bei allem ausgebreiteten Wissen über Leben, Werk, Werdegang und die einzelnen Kompositionen liest es sich flüssig und ist durchaus unverkennbar mit dem Tarnow’schen Humor gewürzt, der mir auch in seinen anderen beiden Büchern schon so gut gefallen hat. Natürlich kennt sich der Autor nicht nur in musikalischen Dingen hervorragend aus, er lässt vor uns den ganzen Reichtum der südamerikanischen Musikkultur entstehen, angefangen mit der präkolumbianischen über die peruanische bis zur aktuellen argentinischen. Ginasteras Leben wird im Zusammenhang mit der politischen Situation in Buenos Aires und dem ganzen Land geschildert, seine Aufs und Abs als Musiker, auch als Leiter der verschiedensten musikalischen Institutionen, seine Auslands-Aufenthalte und die Freundschaften mit den verschiedensten Musikern vor allem in den USA, später dann auch in Europa, wo er in Genf mit seiner zweiten Frau – der Cellistin Aurora Nátola – lebte.

All das wird mit leichten Ton geschildert, dazwischen natürlich die Beschreibung seiner einzelnen Kompositionen, seien sie für Orchester, seien sie kammermusikalisch, seien sie für die Bühne oder für den Film. Bei einem Lebenswerk von „nur“ 60 Opera ist die Verschiedenheit der Kompositionen doch erstaunlich, auch drei gewaltige Opern sind dabei, und das Werkverzeichnis listet sie natürlich alle chronologisch auf. Die Verbindung – mal mehr, mal weniger – zur ursprünglichen indianisch oder invasorisch gauchoesk gefärbten indigenen Musik und ihren Instrumenten wird ausführlich dargestellt, auch die Verbindung zu seinen Kollegen in Brasilien oder Mexiko, in Peru oder Kolumbien.
Und Tarnow räumt mit einem Vorurteil auf, welches die Musikwissenschaft lange immer wieder aufs Neue tradierte: Auch die Inkas kannten weit mehr als die in der Forschung aufgedeckte Pentatonik primitivster Art. Wobei wir natürlich leider ob der oftmals schlechten Quellenlage originale Inka-Musik nur in geringem Maß erkunden können. Zu barbarisch haben die Eroberer in Süd- und Mittelamerika gehaust und gewütet. Was heute an „Volksmusik“ aus den Andenregionen und von anderswoher zu uns kommt, ist weitestgehend bloßer Kommerz wie die nervenden Bläsergruppen vor den Kaufhäusern.

Was dieses neue Buch so spannend macht, ist die Tatsache, dass es einen Komponisten umfassend sichtbar und erlebbar macht in seinem ganzen Lebensumfeld und seinem Werdegang. Die nächste Stufe wird also sein, dass ich die Musik dieses bedeutendsten argentinischen Komponisten neben dem viel einfacheren Astor Piazzolla suchen und hören werde. Denn Volker Tarnows Buch hat das geschafft, was ein Buch über ein staunenswertes „Phänomen“ – einen bisher ziemlich unbekannten Musiker namens Alberto Ginastera – so lebendig werden lässt, dass das Anhören seiner Musik der zwangsläufig nächste Schritt sein muss.

[Ulrich Hermann, Mai 2017]

Himmelfahrts-Konzert „Wilde Gungl“

Himmelfahrts-Konzert der „Wilden Gungl“ – 25. Mai 2017 im Prinzregententheater unter Leitung von Michele Carulli

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Von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner, welch ein Bogen! Und diesen musikalischen Bogen spannte das Orchester ”Wilde Gungl” unter seinem Dirigenten Michele Carulli am Vatertag im Münchner Prinzregenten-Theater in der Matinée um 11 Uhr.

Melodienzauber! hieß das Motto des Konzerts und dem entsprach das Programm, fast alle Melodien waren sogenannte ”Reißer”. Aber diese im Augenblick des Entstehens zu erleben, ist eben doch jedes Mal etwas ganz Anderes als sie zu Hause auf CD, im Radio oder bei einer Übertragung im Fernsehen zu hören. Lebendige Musik, „live“ ist durch nichts zu ersetzen, das wurde mir wieder einmal mit aller Deutlichkeit und Eindringlichkeit vor Augen und Ohren gebracht.

Solch einen Strauß aus vielen verschiedenen Melodien aus mehreren Jahrhunderten zu einem Programm zu verbinden, bedarf nicht zuletzt einer guten und ansprechenden Moderation. Sie ist und war bei Arnim Rosenbach – wie schon öfter – in allerbesten, charmanten Händen, auch dank seiner ebenso ansprechenden Stimme wie Art der Programmführung.

Von Bachs „Air“ aus der Orchestersuite BWV 1038 über Mozarts Klavierkonzert-Thema des zweiten Satzes  KV 467 , das durch den Film „Elvira Madigan“ weltbekannt wurde, über Verdi, Mascagni, Smetana hin zu Puccini, Mahler, Morricone, Böttcher, Tschaikowsky bis hin zu den beiden Zugaben von Nino Rota und der Ouvertüre zu „Rienzi“ von Wagner zog sich der Melodien-Zauber.

Die Konzerte der „Wilden Gungl“ verfolge ich nun schon seit ein paar Jahren, aber auch diesmal fiel mir besonders auf, dass die Gruppe der Streicher durch Michele Carulli noch homogener geworden ist, noch sensibler spielt, was man bei einigen Stücken, in denen die Streicher die Hauptrolle spielen, besonders hören konnte. Bei Mahlers „Adagietto“ aus seiner 5. Symphonie fiel das natürlich speziell auf. Aber auch die „Nichtstreicher“ – von denen mir besonders die Harfenistin und die Holzbläser gefielen – geben dem Orchesterklang die Farbigkeit, die diese Musik überhaupt so zum Klingen und Blühen bringt. Und das Publikum, jung und vor allem natürlich die älteren Semester, die der „Wilden Gungl“ – ihrer „Wilden Gungl“ –  schon seit Jahren die Treue halten,  war begeistert und brachte das entsprechend zum Ausdruck.

Dass Michele Carulli ein Dirigent mit Leib und Seele unter Einsatz voller Energie ist, der das Orchester befeuert und die Musik sich in melodische Höhenflüge aufschwingen lässt, ist bei jedem Konzert begeisternd zu erleben. Auch der Beifall, den er wie selbstverständlich den entsprechenden Solisten-Kollegen weitergibt, gehört dazu. Und nicht zuletzt seine eigene Moderation, mit der er die beiden Zugaben ansagt und das Publikum nach gewaltigem Beifall entlässt.

Ein Stück möchte ich allerdings gesondert erwähnen, nicht nur, weil es mir unbekannt war, sondern weil es als „Jugendstück“ von Giacomo Puccini schon alles erkennen und hören lässt, was uns später in seinen Opern so mitnimmt und beglückt. Das „Preludio sinfonico“ von 1882 – aus seiner Zeit am Mailänder Konservatorium – ist eine wunderbare Überraschung in diesem ambitionierten und doch so unterhaltenden Programm.

Ich freue mich schon auf das Sommerkonzert im Brunnenhof und auf das Wiederhören der „Wilden Gungl“.

Ceterum censeo: Auch wenn es Perlen vor die Säue gleich zu sein scheint, ich werde nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die Münchner Zeitungskritik, das sogenannte Feuilleton, gut daran täte, aufzuwachen und dieses Orchester – das schließlich schon seit 150 Jahren existiert – und seine wunderbaren Programme endlich zur Kenntnis zu nehmen. Ganz einfach.

[Ulrich Hermann, Mai 2017]

Martin Luther und die Musik

Musik von  Wernern Fabricius (1633-79), Martin Luther (1483-1546), Hans Neusidler (ca. 1508-63), Thomas Stoltzer (1480-1526), Johann Walter (1496-1570), Heinrich Schütz (1585-1672), Johann Eccard (1553-1611), Michael Praetorius (1571-1621), Johann Rosenmüller (1617-84), Lukas Osiander (1534-1604), Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Monika Mauch, Ina Siedlaczek, Franz Vitzthum, Georg Poplutz, Nils Giebelhausen, Markus Flaig, Jens Hamann

Bach Chor Siegen  –  Johann Rosenmüller-Ensemble
Ulrich Stötzel

CPO 555 089 -2; EAN: 7 61203 50982 9

Rechtzeitig zum „Luther-Jahr“ erscheint diese CD, und schon auf den ersten Blick wird die unerhört spannende Bandbreite erlebbar. Von Luther selbst bis zu Bach, der sich ja in fast all seinen Kantaten sehr stark auf Luther stützt und beruft. Und wer hier etwa frömmelndes Protestantentum erwartet, wird sofort eines Besseren belehrt bzw. „be-schallt“. Nicht mit Pauken und Trompeten, aber mit Chor und Instrumenten kommt die Musik daher, so gar nicht akademisch und auch nicht historisch-hysterisch, nein, und „Jauchzet, Ihr Himmel!“ so heißt gleich das erste Stück.

Alles in allem zeigt diese CD, wie Musik zum Lutherjahr klingen kann und soll. Von Luther (1483-1546) und seinen Zeitgenossen Thomas Stoltzer (1480-1526) und  Johann Walter (1496-1570) über  Hans Neusidler (1508- 1563), Heinrich Schütz (1496-1570), Johann Eccard (1553-1611) und Michael Praetorius 1571-1621) bis zu Lukas Osiander (1534-1604), Johann Rosenmüller (1617-1684) – der auch dem Ensemble seinen Namen gibt –  und zuletzt Johann Sebastian Bach (1685-1750) spannt sich ein weiter Bogen. Sie alle haben Luther als Ahnvater und Ideengeber. So verschiedenartig die einzelnen Stücke auch sind in Instrumentation und Gesangs- bzw. Chor-Stil, beziehen sie sich doch alle eindeutig auf den Begründer des Protestantismus. Dieser selbst hat ja auch als Musiker die Kraft der Musik sehr hoch eingeschätzt als Trägerin der Glaubensinhalte und im Gottesdienst.

Die Ausführenden haben Spaß und Lust am Musizieren, das hört man an allen Stellen, die Sängerinnen und Sänger sind textverständlich, soweit das bei derlei polyphonen Kompositionen möglich ist.

Zum Lutherjahr 2017 also auch musikalisch eine gelungene Einspielung, die so manche andere CD – wie z. B. eine ebenfalls kürzlich bei cpo erschienene mit Musik von Praetorius – um Längen hinter sich lässt

PS. Das sehr ausführliche Booklet besticht mit ausgezeichneten Informationen und den Texten der einzelnen Stücke, was ein zusätzliches Verdienst dieser CD ist.

[Ulrich Hermann April, 2017]

Ein alter Text aus Chios

Eleni Karaindrou: DAVID. Szenische Kantate für Soli, Chor und Orchester auf den Text eines unbekannten Dichters des 18. Jahrhunderts von der Insel Chios

Kim Kashkashian, Viola; Irini Karagianni, Mezzosopran; Tassis Christoyannopoulos, Bariton; Vangelis Christopoulos, Oboe; Stella Gadeni, Flöte; Marie-Cécile Boulard, Klarinette; Sonia Pisk, Fagott; Vangelis Skouras, Horn; Sokratis Anthis, Trompete; Maria Bildea , Harfe; Renato Ripo, Violoncello; Katerina Ktona, Cembalo.

ERT Choir, Antonis Kontogeorgiou (Chorleiter); Camerata Orchestra, Alexandros Myrat (Dirigent)

ECM New Series 2221 4814499; EAN: 0 28948 14499 0

Schon der Beginn dieser CD – geheimnisvoll und klangschön – lässt aufhorchen und gespannt sein, was alles folgt. Und das ist eine ganze Menge. Instrumentales und Chorisches, Solistisches vokal und instrumental, man möchte gerne die dazugehörige Aufführung auf DVD oder Blue Ray haben, um das Gesamtkunstwerk auch visuell erleben zu können, aber vielleicht kommt das ja noch.

Eleni Karaindrou wurde im Bergdorf Tichio geboren und wuchs in Athen auf. Sie studierte am Athener Konservatorium Klavier und Musiktheorie sowie an der dortigen Universität Geschichte und Archäologie. Von 1969 bis 1974 setzt sie ihre Ausbildung in Paris an der Sorbonne (Volksmusik) und der Schola Cantorum (Komposition) fort. Zurück in Griechenland, gründete sie das Laboratory for Traditional Instruments am ORA Cultural Centre. Seit 1975 komponiert sie Theater- und Filmmusik.

Mit der Bratschistin Kim Kashkashian arbeitete sie schon öfters zusammen, und ihre Klangsprache bewegt sich auf den verschiedensten Ebenen, wobei sie keine „Berührungsängste“ kennt. Die szenische Kantate „David“ nach einem auf der Insel Chios gefundenen Libretto aus dem 18. Jahrhundert beschäftigte die Komponistin 36 Jahre lang, ehe die Uraufführung 2016 in Athen stattfand. Die Verse des anonymen – wahrscheinlich – katholischen Dichters von der Insel Chios dürften größtenteils ursprünglich gesungen worden sein, und die Komponistin vermutet Einflüsse der damaligen Barockmusik. Sie selber bedient sich einer durchaus zeitgemäßen Tonsprache, wie man sie von ihr kennt, und der Zuhörer hat keinerlei Schwierigkeiten, das Geschehen als Ganzes zu verfolgen. Der bei der Aufführung die Teile verbindende Sprecher fehlt auf der CD. Ergänzend zum Booklet-Text spricht Eleni Karaindrou nicht nur den Solisten, sondern auch dem Produzenten Manfred Eicher ihren Dank für die Unterstützung ihres großen Projektes aus.
Das Ganze besteht aus 13 Abschnitten beginnend mit einer Ouvertüre und endet mit  dem Finale für Mezzo-Sopran, Bariton, Trompete, Chor und Orchester. Die Klangsprache der Komponistin ist sehr farbig, spannend und mitnehmend. Der griechische Text ist in englischer Übersetzung beigegeben und erleichtert das Verständnis des Werks enorm.

Im Ganzen also eine sehr spannende, unterhaltliche „Oper“, die diejenigen Lügen straft, die meinen, man könne so etwas heutzutage gar nicht mehr komponieren, und wenn ja, dann nur so, wie man es bei manchen Werken der modernen Oper schreckerfüllt hinnehmen  zu müssen meint.
[Ulrich Hermann April 2017]

Happy Birthday Händel

Messiah-Konzert in Halle am 25. Februar 2017

Gillian Keith, Sopran –  Franziska Rabl, Alt  – Robert Sellier, Tenor –  Padraic Rowan, Bass – 400 Sänger aus aller Welt  – Staatskapelle Halle

 Proinnsías Ó Duinn, Dirigent

Das Konzert in der Georg-Friedrich-Händel Halle in Händels Geburtsstadt Halle hat zwei verschiedene Aspekte: einen gesellschaftlichen und einen musikalischen. Seit 2000 findet alljährlich um den Geburtstag des Komponisten (23. Februar 1685) eine Aufführung des „Messias“ statt. Dazu lädt der „Happy Birthday Händel–Verein“ Sänger und Chöre aus der ganzen Welt ein. Die Hallenser Staatskapelle spielt und ungefähr 400 Sängerinnen und Sänger singen unter der Leitung des irischen Dirigenten Proinnsías Ó Duinn. Die erste Probe ist am Donnerstag Abend, eine weitere am Freitag und nach der Generalprobe am Samstag Vormittag ist am Abend die Aufführung. So weit das Äußerliche.

Schon zu Händels Lebzeiten wurde die Aufführung des „Messias“ mit immer größeren Chören ein Teil der Rezeption, die ja in Amerika zu Johann Strauß’ Zeiten mit Tausenden von Sängern ihre Fortsetzung fand. Und auch heute ist Händels „Messias“ ein bevorzugtes Stück der Chorbewegung, die seit ungefähr 15 oder 20 Jahren Sängerinnen und Sänger zu allen möglichen Projekten zusammenführt, wie etwa dem „Requiem“ von Mozart, den Messen von Schubert, dem Verdi-Requiem oder anderen Kompositionen. Längst ist daraus tatsächlich eine richtige „Bewegung“ geworden, die natürlich beide Seiten – das gemeinsame Singen und das gemeinsame „Feiern“ – miteinander verbindet.

Einen gemischten Chor von 400 Menschen zusammen zu führen, ist eine ganz besondere Aufgabe, die Proinnsías Ó Duinn allerdings seit Jahren in souverän vereinigender Weise übernimmt. Er kennt natürlich seinen „Messias“  in- und auswendig, und er schafft es, in den wenigen Proben aus der „Masse“ der Singenden einen wirklichen Chor herauszubilden. Allerdings kennen sich viele der Mitwirkenden schon seit Jahren, und die Begegnung ist ein zentraler Aspekt der Aufführung. Auch haben sich fast alle gut vorbereitet, wodurch das Proben mit Proinnías Ó Duinn vom ersten Moment an „klappt“. Natürlich ist bei einer solchen Größenordnung nicht gerade an Feinheiten der Phrasierung oder an besondere Abstufung der Dynamik zu denken. Jedoch, er gibt sein Bestes, mit bestechender Energie und eine gehörigen Portion Humor bringt er die Massen zum chorischen Singen, versucht, das Beste aus der kurzen Probezeit herauszuholen, und so ist der Chor am Samstag Abend bereit, alljährlich diesen „Messiah“ zu einem Erlebnis werden zu lassen.

Unterstützt wird Proinnsías Ó Duinn dabei von vier Solisten und vor allem von der Staatskapelle Halle, die seit 2006 die Aufführung instrumental ermöglicht. Alle gehen sehr bereitwillig auf Ó Duinns Dirigieren ein, und da hilft natürlich die langjährige Vertrautheit von Orchester und Dirigent. Allerdings muss ich an dieser Stelle zwei Musiker herausgehoben erwähnen: die Konzertmeisterin Dorothée Stromberg, die mit unbedingtem Einsatz ihre Kolleginnen und Kollegen anführt, und den Kontrabassisten Steffen Slowik. Ganz selten habe ich jemanden erlebt, der seinen Continuo-Part und auch das Übrige so mit Leib und Seele und natürlich auch mit seinem ganzen Wissen und unwiderstehlicher Präsenz musiziert wie diesen Musiker. Auch er ließ den Abend zu einem ganz besonderen Erlebnis werden.

Ein Wort zu den Solisten, ohne deren Präsenz die Aufführung des „Messiah“ nicht möglich wäre: Schon im Vorfeld ist man ja immer gespannt, wer dieses Jahr die Solopartien singen wird. Wenn dann amSamstag vormittags bei der Generalprobe die vier zum ersten Mal hinzutreten und meist ihre Partie zum Chor gewendet singen, dann erst kommt das richtige „Feeling“ auf, bei einem Konzert mit dabei zu sein auch als Chorsänger – ich bin dabei einer von ungefähr 40 Tenören.

Proinnsías Ó Duinn begann mit dem zweiten Teil, also war Franziska Rabl mit ihrer Altstimme die erste, die wir hörten: „He was despised“. Dann kam Robert Sellier mit der Tenorklage: „All they that see Him,“ und den nachfolgenden, tief bewegenden Stücken „Thy rebuke…“. Auch wenn er in seiner Arie „Thou shalt break them“ bei der Probe „markierte“, seine Stimme, seine Gestaltung und seine Präsenz waren bewegend. Die eigentliche Überraschung bei den Solisten allerdings war der 26-jährige Padraic Rowan, der die Bass-Arie „Why do the nations“ mit voller Kraft und Stärke und einer staunenswerten Stimme erfüllte. Gillian Keiths Sopran kam trug in der wohl schönsten Arie „I know that my redeemer liveth“ leicht und bewegt im Riesenraum der Händelhalle.

Am Abend also die Aufführung: Natürlich lässt sich nach nur drei Proben dieses geniale Riesenwerk nur bedingt in seinem Potential ausschöpfen und auch nicht komplett wiedergeben – doch registriere man die Tatsache, dass es ja eh keine endgültige Fassung des „Messiah“ gibt, jede ist eine andere Auswahl, was ebenfalls dafür gesorgt hat, dass – anders als bei der „Matthäus-Passion“ von Bach – Händels „Messiah“ immer gegenwärtig war und blieb. Die Musik, vor allem die Chöre, kommt oft nicht über das schlichte Realisieren der Noten oder der Töne hinaus, allerdings ist bei den schnellen Tempi, die Proinnsías Ó Duinn nimmt, an ein bewussteres und musikalischeres Ausführen kaum zu denken, besonders die Koloraturen in den tiefen Stimmen oder die Dynamik bei den hohen, das kommt oft nur sehr plakativ daher. Auch sind Feinheiten wie „for unto us a child is born“ oder „His yoke is easy“ _ und nicht „His yoke is easy“ usw. – nicht möglich, was schade ist, denn Händel hat im „Messiah“ intensiv mit und nach der englischen Sprache komponiert. Auch das Halleluia-Schlachtross wird bei solch einem „Event“ natürlich nicht besonders differenziert musiziert, wie es zu wünschen wäre.

Dafür waren Solisten und Orchester in Hochform, besonders die beiden Männerstimmen sangen all ihre Arien mit bewegender Intensität. Und die „Pifa“ habe ich persönlich selten so fein und ausgezeichnet gehört wie dieses Mal.

Selbstverständlich gab es vom Publikum riesengroßen Beifall für alle, und als Zugabe wurde – längst Tradition – das „Halleluja“ wiederholt, womit ein großer Abend sein Ende fand.
Bei alledem wurde dem anderen, dem gesellschaftlichen Teil des Projekts jeden Abend nach den Proben und auch nach dem Konzert noch ausgiebig Rechnung getragen in den verschiedensten Kneipen, Wirtshäusern und Restaurants der Stadt Halle. So kamen alle auf ihre Kosten.

[Ulrich Hermann, Februar 2017]

 

 

 

Wales’ überragender Symphoniker

Daniel Jones (1912-93): Symphonien Nr. 1 & 10

Lyrita,  SRCD 358; EAN: 5 020926 035820

Der 1912  in Pembroke, Süd-Wales als Sohn eines  Komponisten-Vaters und einer Sängerin-Mutter geborene Daniel Jones schrieb 14 Symphonien neben anderen Kompositionen wie Kammermusik, aber auch zwei Opern und Musik für das Hörspiel „Under The Milkwood“ von Dylan Thomas, mit dem er auch befreundet war.

Seine „Erste“ komponierte Jones 1947, die „Zehnte“ 1981. Dazwischen liegt also eine beträchliche Zeitspanne und eine sehr deutliche Entwicklung seiner Klangsprache. Dauert die erste Symphonie über 50 Minuten, begnügt sich die 10. mit knapp 20. Beiden gemeinsam ist eine durchaus tonale und streckenweise sehr melodiöse Art, die durch sehr wirkungs-volle und beeindruckende Orchestrierung verrät, dass Jones  – so unbekannt er auch bei uns sein mag – eine Entdeckung wert ist. Besonders die langsamen Sätze seiner beiden Symphonien beeindrucken durch magische Klangwirkungen und intensive Melodik. Überhaupt ist seine melodische Erfindungsgabe verbunden mit dem Wissen um die Umsetzung ins Orchestrale ein herausragendes Merkmal seiner Musik.

Beide Aufnahmen sind Mitschnitte der BBC von 1990 unter Leitung des erfahrenen späten Bryden Thomson und überzeugen durch ein Klangbild, das dieser symphonischen Musik ein adäquates Hörerlebnis vermittelt.

Wie schade, dass diese Kleinodien vom heutigen – wenigstens deutschen – Musikbetrieb so ganz und gar übergangen werden. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass das Label Lyrita sich Jones’ Musik annimmt und uns damit bekannt macht: Eine wahre und begeisternde Neuentdeckung eines Komponisten, dessen 1. und 10 Symphonie im Kontext  britischer Musik schon längst ihren Platz gefunden hat.

Natürlich bietet das ausführliche Booklet genügend Information zu Leben und Werk des Daniel Jones, wenn auch leider nur auf Englisch.

[Ulrich Hermann, Februar 2017)

Konzert „Verzupft“ im Wildwuchs

Am Samstag den 4. Februar stellte das Gitarren-Ensemble „Verzupft“ seine Debut-CD im Rahmen eines Konzerts im „Café Wildwuchs“ in der Münchner Leonrodstrasse vor. In diesem kleinen – von Beginn an rauchfreien – Saal begannen die drei Musiker um  den „Primarius“ René Senn , die zweite Gitarre spielte Doris Leibold, und die dritte Gitarre war gut aufgehoben in den Händen von Thomas Kohl.

Die drei begannen mit sogenannter „Bauernmusik“. Wer aber nun allzu sehr an Wirtshaus und Krachlederne dachte, wurde sogleich eines Besseren belehrt. Was da von der Bühne kam, war alles andere als die übliche Bayerische Volksmusik. Wer – wie  René Senn – zu seinen Vorbildern den Bayerischen Musiker Joseph Eibl (den Eibl Sepp), aber andererseits auch Jimi Hendrix  zählt, von dem darf man auch in Punkto Volksmusik etwas Anderes erwarten. Und das hörte man auch vom ersten Stück an: Der Gitarren-Bayerische, eine Original-Komposition für drei Gitarren von Tobi Reiser sen. (1907-74), gemeinhin der Begründer jener klassischen „Stub’n-Musik“, wie sie heute so verbreitet ist – allerdings spielte „Verzupft“ laut Ansage dieses Stück heut zum letzten Mal, denn wie unlängst die Recherche von Doris Leibold ergeben hatte, spielte Tobi Reiser im Dritten Reich eine sehr unerquickliche Rolle, weshalb sich nicht nur das Ensemble, sondern sogar die Stadt Salzburg sich von ihm distanziert hat.

Es folgte eine ganze Reihe von Tänzen und Stücken aus einer Sammlung, die sich tatsächlich „Bauernmusi“ nennt, und die jeweils nach den Ansagen von Doris Leibold erklangen. Unterbrochen wurde diese Session von einem altenglischen Liebeslied „As I Was Awalking“ mit Doris Leibold als Sängerin, die mit ihrer hellklingenden Stimme von den beiden Gitarristen wunderbar untermalt wurde. Überhaupt ist – im Gegensatz zu sehr vielen klassischen Gitarristinnen und Gitarristen – das gesangliche Melodiespiel vor allem bei René Senn und Thomas Kohl ein ganz besonderes Merkmal. Wie wunderbar phrasiert diese Melodien daherkommen, kontrapunktiert von den Bassläufen auf der dritten Gitarre von Doris Leibold, ist beispielhaft. Aber ist es bekanntlich bei der Bayerischen Volksmusik sowieso zentraler Ausgangspunkt: Das Singen. Demzufolge können einiger der besten Volksmusik-Gitarristen – siehe der Eibl Sepp – Melodien so natürlich  spielen, wie „es sich gehört“, da sie es bereits mit der Muttermilch aufgesogen haben. (Wie auch Sergiu Celibidache darauf hinwies.) Und sowohl René Senn als auch Thomas Kohl gehören zu dieser „Gattung“ zweifellos dazu. Auch auf der CD ist das alles nachzuhören.

Aber der zweite Teil des Abends brachte noch andere Musik in unser Ohr: Und da ging dann einfach musikalisch die Post ab! Blues vom Feinsten, rhythmisch mit der Kontrabass-Gitarre von Doris Leibold zum schönsten grooven gebracht und von den beiden Herren in bester Spiellaune dem knallvollen Saal präsentiert. T-Bone Walker, Freddy Q und andere standen dann auf dem Programm, und die Tatsache, dass eben auch Jimi Hendrix zu den Vorbildern gehört, war genau wieder einmal der Beweis, dass es letztlich nur zwei Arten von Musik gibt: Gute – wie an diesem Abend – und schlechte, über die wir hier allerdings kein weiteres, überflüssiges Wort verlieren wollen.

[Ulrich Hermann, Februar 2017]