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Sinn gesucht – nicht gefunden

Neue Meister, 0300700NM – EAN: 885470007007

Wo diese Musik einzuordnen sei, lässt sich nicht sagen: irgendwo zwischen Ambient, Elektro und blankem Geräusch. Es gibt keinen Punkt, an dem man sich festhalten kann, alles fließt so vor sich hin und hinterlässt keinerlei bleibenden Eindruck. Man dürfte meinen, Musik bräuchte einen Aufbau, ein harmonisches Konstrukt oder wenigstens melodiöse Elemente, die wiedererkennbar sind. Aber weit gefehlt! Nichts davon ist in Motschmanns Album „Electric Fields“ vorhanden, es ist rein oberflächliche Stimmungsmusik. Sinn gesucht – nicht gefunden.

Wozu bitteschön soll solch eine „Musik“ gut sein? Für aktives Zuhören ist sie viel zu eintönig und, gerade heraus gesprochen, furchtbar langweilig, für Hintergrundbedröhnung hingegen zu aufreibend und stressig. Gleichbleibende elektronische Felder fühlen sich unbehaglich an, ich werde gar angespannt und auf Dauer gereizt bei diesen willkürlichen Klangwolken. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass in einem Club zugedröhnte Teenager auf Motschmanns Album rumhampeln würden, denn selbst an kontinuierlichem Beat mangelt es hier.

Nichtssagende Beschreibungen im Booklettext bestätigen lediglich die Sinnlosigkeit von „Electric Fields“. Dem Labelnamen „Neue Meister“ spotten Motschmann und seinen beiden Kollegen geradezu. Es ist das erste Album dieses Labels, das mir unter die Finger kommt – und ich hoffe sehr, dass es nur ein Ausrutscher war, „Electric Fields“ in den Katalog aufzunehmen, und dass sich die anderen CDs von dieser richtungs- wie orientierungslosen Langeweile absetzen, deren akustisches Dasein glücklicherweise auf nur 43 Minuten beschränkt ist.

[Josef Rottweiler, August 2017]

 

Sich treiben lassen

Dreizehn Tracks sind auf dem Album „The Blue Hour“ von Federico Albanese für Berlin Classics Neue Meister zu hören. Er selbst spielt beinahe alle Instrumente und bedient die Elektronik, einzig Arthur Hornig und Carlota Ibañere de Aldecoa Silvestre wirken als Cellisten mit.

„Schönheit ohne Tiefgang“ ist eine Bezeichnung, die so für das Label Berlin Classics Neue Meister geltend gemacht werden kann. Ein exemplarisches Beispiel dessen stellt „The Blue Hour“ des 1982 geborenen Italieners Federico Albanese dar. Es handelt sich um eine Musik, die sich in den Bereich der Ambientemusik einordnen lässt, auf minimalistischen Patterns aufgebaute Musik, deren statische Elemente dazu beitragen, dass der Hörer den Halt verliert und sich in den zumeist zart-melancholischen Klängen treiben lässt. Die Zeit verschwimmt und zu leicht verlieren sich die Gedanken, die Musik führt beinahe zwangsläufig ein Hintergrunddasein hinter den Stimmungsbildern und Ideen, die durch sie angeregt und bereichert werden mögen. Sei es zu einem nächtlichen Spaziergang, einer Ausstellung oder ruhig bewegten Bildern, diese Musik fügt sich ein – wer jedoch sein Hauptaugenmerk auf die Musik selbst legen und sie nicht bloß zum Abspannen nutzen will, der sucht hier vergebens: Es gibt nicht einen außergewöhnlichen Moment, keine einzige sich ins Gedächtnis einbrennende Wendung, keinen aufregenden formal zusammenhängenden Aufbau, nur Gleiten und Stillstand.

Es ist eine anregende, anmutige Grazie, die diese Musik ausstrahlt, sie bewegt oberflächlich und spielt mit den einfachsten Emotionen des Menschen. Nichts Besonderes ist in ihr, nichts zeichnet sie aus, und doch bewegt sie – vermutlich eben weil sie keinen Tiefgang besitzt und den Menschen an seiner Oberfläche unmittelbar anspricht.

[Oliver Fraenzke, August 2017]

Imaginäre Bilder

Berlin Classics, Neue Meister; 0300950NM; EAN: 8 85470 00950 6

Mit seinem Album Ecartele taucht Damian Marhulets in die Welt eines nie realisierten Films ein, den er musikalisch ausdeutet. Er selbst ist an den Electronics tätig, es spielen das Szymanowski Quartet und die Pianistin Marina Baranova.

Filmmusik untermalt nicht nur die bewegten Bilder und gestaltet eine Atmosphäre aus, in vielen Fällen hat sie ganz eigenständigen Stellenwert, greift voraus und zurück, gibt Hinweise auf das Geschehen, verrät bislang Ungeklärtes oder bildet gar eine vollkommen neue Ebene, die parallel zur Filmhandlung eigenständig verläuft. Gut gemachte Filmmusik kommt auch ohne übergeordnetes Bildelement aus, besitzt eigenständigen Wert und ist manchmal sogar im Konzertsaal zu hören.

Damian Marhulets komponierte nun Musik zu einem Film der – nicht existent ist… Dieser Film war zwar in den 1970er-Jahren geplant, wurde allerdings nie umgesetzt. Aus den vorhandenen Informationen zeichnet Marhulets den Filmverlauf mit musikalischen Mitteln und stellt Szenen nach, die mit den Augen nicht zu sehen sein werden, dafür jetzt mit den Ohren.

Geheimnisvoll schwebend gibt sich die Atmosphäre, welche die Besetzung für Streichquartett, Klavier und Electronics aufspannt. Tatsächlich tun sich sogleich Bilder auf, wenn die Musik ansetzt, und man könnte meinen, es laufe ein Film ab und nur der Monitor fehle. Die Musik hat etwas Zartes und Nebliges, stellt bestimmte Stimmungen imaginativ und realitätsnah dar. Das Material von Ecartele ist auf ein Wesentliches reduziert, rasch ablaufende Passagen finden sich ebenso wenig wie Virtuosität oder klangliche Transparenz und Klarheit. Ein wolkenartig dichter wie zugleich zerbrechlicher Gestus ist charakteristisch für diese Musik. Es sind hauptsächlich statische Stimmungen, die erzeugt und durch langsames Voranschreiten in kleinen Schritten metamorphosiert werden. Dabei spielt das Geschehen niemals auf nur einer Ebene, immer gibt es mindestens eine zweite Schicht, die mit der anderen konkurriert. Marhulets beweist eine deutliche Klangvorstellung und weiß, diese umzusetzen. Dabei eignet der Ecartele-Musik auch etwas Hintergründiges, sie verliert nie den Bezug zum imaginär ablaufenden Film.

Die Instrumentalisten gestalten von der ersten Sekunde an einheitlich und wirken als ein geschlossener Klangkörper, der von den Electronics komplettiert wird. Das Spiel ist schlicht, dabei ausdrucksstark und von feinen Nuancierungen der Artikulation veredelt.

[Oliver Fraenzke, Juni 2017]