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Die Rache des Vaters – Verdis Rigoletto in der Staatsoper Unter den Linden

Die Staatsoper Unter den Linden zeigt in diesem Herbst die vierte Wiederaufnahme von Verdis Rigoletto in einer soliden, doch nicht sehr tiefgehenden Inszenierung.

17/09/2026. Hier werden hohe Erwartungen geweckt. Auf den Gazevorhang, der anfänglich die Bühne für Giuseppe Verdis Rigoletto verhüllt, ist George Grosz‘ Gemälde Widmung an Oskar Panizza projiziert, ein gigantischer, blutrot beleuchteter, von Pest und Syphilis angeführter Leichenzug. Später, im Ballsaal des Herzogs von Mantua, ist es das Aquarell Nieder mit Liebknecht, das die karikaturistisch verzerrten Stützen der Gesellschaft den pornographischen Blick auf nackte Frauenbrüste werfen lässt. Die verheißungsvolle Idee von Bühnenbildner Michael Yeargan scheint für Regisseur Bartlett Sher hinreichendes Zeichen einer dekadenten, zynischen Oberschicht zu sein; so dass seine Inszenierung sich darum offensichtlich nicht groß zu kümmern braucht. So verkommen Grosz‘ messerscharf sezierende, in grotesken Zuspitzungen schockierende Bilder zur bloßen Kulisse einer reichlich angestaubten Darbietung. Sie dient mehr oder weniger der Vorführung großer Sängerstars. Ihre Kompatibilität zum amerikanischen Markt ist damit gesichert – die traditionell ausgerichtete Berliner Staatsoper Unter den Linden arbeitet in dieser Produktion mit der renommierten Metropolitan Opera New York zusammen. Das Prinzip, berühmte Gastsänger zu engagieren und weniger auf Ensemblebildung zu setzen, ist beiden Opernhäusern gemeinsam. Dieser Rigoletto kam bereits 2019 heraus – damals in der Besetzung mit Christopher Maltman in der Titelrolle, Michael Fabiano und Nadine Sierra als Gilda. Nachdem zwischendurch Alfredo Daza Maltman abgelöst hatte und der Herzog durch Pene Pati, Gilda durch Aida Garifullina verkörpert worden war, kommt in diesem September die vierte Wiederaufnahme auf die Bühne der Staatsoper. Den Rigoletto singt diesmal Simon Keenlyside, eine Paraderolle für den britischen Bariton, der damit schon in den verschiedensten Inszenierungen brillierte.

Eine seltsame Unentschlossenheit kennzeichnet die Inszenierung von Bartlett Sher. Vor die Grosz-Prospekte hat Yeargan eine konventionell-naturalistische Szenerie gebaut, die zeitlos sein will, aber auch indifferent wirkt. Anzug- und Würdenträger (Kostüme: Catherine Zuber) bevölkern den herzoglichen Palast, er selbst ist mit allerlei militärischen Ehren behängt, Doch der ist kein Nachwuchs-Autokrat, dem eine präfaschistische Junta aus den Startlöchern hilft. Dafür sind die Herren vom Staatsopernchor einfach zu blass, fehlt auch Ben Bliss als Herzog die nötige Härte. Die Damen tragen Glitzergewänder im Empire-Stil. Er sähe in Verdis berühmter Oper keine metaphysische oder allegorische Ebene, meint der Regisseur dazu. Auch an die durch Grosz gekennzeichneten „Roaring Twenties“ wolle er nicht durch direkte Übertragung anknüpfen, vielmehr die „Dekadenz, Freizügikeit und Orientierungslosigkeit“ dieser Geschichte vom sexsüchtigen Herzog und seinem unterwürfig-hinterlistigen Hofnarren Rigoletto verdeutlichen. Der schlägt allerhand lustige Spiele vor, zum Beispiel einen Rivalen köpfen zu lassen, damit der Herzog sich ungestört mit dessen Frau vergnügen kann. Als die Begehrlichkeit des jungen Herrn sich auf Rigolettos eigene Tochter richtet, wendet sich das Blatt: Nach der „Schändung“ des verliebten Mädchens wird Rache geschworen, ein Mord in Auftrag gegeben, dem Gilda durch tragische Verstrickungen zum Opfer fällt. An diese Geschichte, hier solide und gradlinig erzählt, ließen sich heutzutage einige Fragen stellen. Was steckt hinter dieser symbiotischen Vater-Tochter-Beziehung? Was tut Rigoletto seiner fügsamen Gilda eigentlich an? Was ist Liebe, was Beschützen, was Kontrolle? Wie zeigt sich das soziale Gefälle zwischen Mächtigen und Machtlosen, wie die Ohnmacht des Unterdrückten gegen ein geschlossenes, undurchdringbares System? Rigoletto ist eigentlich ein Loser, der zum Schluss mir dem mit seinen Habseligkeiten vollgepackten Einkaufswagen durch die finstere Stadt irren müsste. Statt dessen sitzt er mit Gilda in einer spießigen zweistöckigen Wohnung, die zwar mit ihren überdimensionalen Glasflächen noch wie ein Überbleibsel des Grosz’schen Panizza-Bildes wirkt, auf dem die Prostituierten in hellerleuchteten Schaufenstern sitzen, doch die Möblierung mit Nachttischlämpchen und Sofas nimmt ihr jede soziale Brisanz. Sie ist eine Oase der bürgerlichen Sicherheit, kein Gefängnis für Gilda, das sie nur zum Kirchenbesuch verlassen darf.

Alles steht und fällt mit den Sängern und Sängerinnen, und die schlagen sich achtbar. Allen voran Elena Villalón, die dem Ensemble der Frankfurter Oper angehörte, an der Royal Ballet & Opera London oder in Glyndebourne gastierte und nun als Gilda ihr Staatsopern-Debut gibt. Zugegeben, eine schlanke, mädchenhafte Engelsstimme hat sie nicht, aber wo findet man die heutzutage noch, wo Stimmen nach Anfangserfolgen überall herumgereicht werden, und sich im Verschleiß des Opernalltags nicht mehr pflegen lassen? Vom klaren, fokussierten Stimmideal, das vielleicht noch bis in die 1980er Jahre galt, sind wir heute weit entfernt. Allzuoft wabert uns die Stimmgewalt mit weit ausholendem Vibrato entgegen; „facettenreich“ ist dafür noch ein gnädiger Ausdruck. Aber Villalòn hat ihre Stimme noch im Griff, erklimmt bruchlos die höchsten Höhen und liefert vor allem ein überzeugendes Rollenportrait. Ihre Gilda ist ganz liebende, begehrende Frau. In der berühmten Arie „Caro nome“ muss sie keine glockenreinen Staccati, Koloraturen, Triller und Spitzentöne vorzeigen, sondern nutzt sie als Ausdruck gesteigerter Emotion. Sie scheint damit die Männer besänftigen zu können: so findet Ben Bliss in seiner großen Szene Anfang des zweiten Aktes („Ella mi fu rapida“ – sie wurde mir entrissen), geradezu anrührende Töne, wenn er besingt dass Gilda ihn fast zur Tugend verleitet hätte. Er zeigt einen wandlungsfähigen Tenor: Farbenreichtum entschädigt für eine gewisse Uneinheitlichkeit, die sich in seinen „Verführungsarien“ („La Donna e mobile“) zu metallischerer Klarheit bündelt. Alexander Tsymbalyuk bietet den der Mörderrolle des Sparafucile angemessenen finsteren Bass, während Anna Kissjudit als seine Schwester Maddalena den Herzog mit mächtigen Alttönen umgarnt. Im enganliegenden grünen Outfit mit wallender roter Mähne entspricht sie dem Bild der Prostituierten, wie sie auch Grosz gemalt haben könnte. Doch der Regiekniff, sie während des Quartetts „Bella figlia dell’amore“ auf einem halb einsehbaren Bett mit dem „Herzog“ auf- und abwippen zu lassen, wirkt eher lächerlich als provokativ. Äußerst eindrucksvoll nimmt sich der junge Bassbariton Hanseong Yun, seit dieser Saison Mitglied des internationalen Opernstudios der Staatsoper Unter den Linden, der Rolle des Grafen Monterone an: Mit Stock, Frack und Zylinder macht er ehrwürdige Figur, und so mächtig schleudert er seinen Fluch gegen den Herzog und Rigoletto heraus, dass man den Steinernen Gast aus Mozarts Don Giovanni zu hören meint.

Herzog und Hofnarr nehmen diesen Fluch, welcher der Vergewaltigung von Monterones Tochter gilt, ohne erkennbare Regung entgegen. Sir Simon Keenlyside als Rigoletto ist die mit den meisten Erwartungen behaftete, deshalb auch die die größte Enttäuschung bereitende Person des Abends. Einen Buckel hat man dem sich hinkend kleiner machenden Sänger noch angeklebt, doch die erzwungene Verkrüppelung scheint ihn im wahrsten Sinne zu behindern. Sein an sich lyrischer, geradliniger Bariton, der als Don Giovanni, Papageno oder als Valentin in Gounods Faust glänzte, erscheint hier schlicht überstrapaziert. Nichts spielerisch Groteskes blitzt am Anfang auf, wenn Rigoletto den Herzog mit abstrusen Ideen unterhalten will. Seine Wutausbrüche sind meistens – laut; auch in der großen Arie „Cortigiani“, wenn er völlig aufgelöst nach seiner Tochter sucht. Das Weinen und Bitten nach seinem Zusammenbruch gelingt ihm mit differenzierterer Tongebung schon besser – doch warum muss er dabei ein weißes Taschentuch aus seiner Jackentasche hervorziehen? Auch in den Duetten mit Gilda kommt weicherer Schmelz zum Vorschein, damit auch eine größere Ausdruckspalette. Trotzdem, der berühmte Bariton erhält den stärksten Beifall von einem Publikum, dem es wohl hauptsächlich um den Belcanto zu tun ist. Doch wer einen wahrhaft erschütternden Rigoletto bei allem konservativen Regieansatz erleben möchte, sehe sich die italienische Verfilmung von 1946 an, mit Tito Gobbi als abstoßendem, anrührendem, exaltiertem, sich selbst in tiefstes Unglück stoßendem Narren und Mario Filippeschi als Herzog mit einem Timbre, das an den siegstrahlenden Operettenhelden Jan Kiepura erinnert: „Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau’n.“ Mit gemächlicheren Tempi erreicht Tullio Serafin am Pult des Orchesters der Oper Rom ungleich stärkere Intensität: Plötzlich wird deutlich, dass die Ouvertüre ein Trauermarsch ist, mit schicksalhaft scharfen Hörner- und Trompetenakzenten. Diese Ruhe bringt Domingo Hindoyan mit der Staatskapelle Berlin nicht auf, doch gelingt ihm eine feine, leichte Beweglichkeit, die die Feierlaune am Hof zu Mantua, aber auch die nervöse Zuspitzung des Dramas überzeugend antreiben kann.

[Isabel Herzfeld, September 2026]

Gesangslegenden

SWR-Music, 6 CD’s; Bestellnr.: SWR 19436CD, EAN: 747313943685

Legendary Singers, so der Titel einer vom Label SWR-Music herausgegeben Box, erinnert an Martina Arroyo, Marilyn Horne, Peter Anders, Nicolai Gedda und Dietrich Fischer-Dieskau. Die Erklärung für die auf den ersten Blick beliebig erscheinende Auswahl liegt auf der Hand: der Südwestfunk hat in seinem Archiv Soloalben dieser historischen Gesangsgrößen aufgestöbert und bietet sie nun in einer preislich attraktiven Kassette an.

Mit einer Doppel-CD- wird Peter Anders gewürdigt. Der 1908 geborene Tenor gehörte bis zu seinem Unfalltod mit nur 46 Jahren zu den Publikumslieblingen der Nachkriegszeit. Er begann im lyrischen Fach und eignete sich allmählich jugendlich-heldische Partien an, besaß den Charme für die Operette und ein Gefühl für das Kunstlied. Die beiden Alben mit zwischen 1946 und 1952 entstandenen Aufnahmen versammeln einen Querschnitt aus Anders‘ Repertoire. Dramatische Arien, etwa Wagners Lohengrin und der Florestan aus Fidelio sind darunter, Duette von Verdi-, Puccini- und Bizet mit der hinreißenden Sena Jurinac, Szenen aus Der Zigeunerbaron und vorwiegend deutsche Lieder. Stimmlich ist Anders auf der Höhe seines Könnens, gelegentliche enge Spitzentöne fallen angesichts der vokalen Pracht und des eindringlichen Vortrags bei absoluter Textverständlichkeit nicht ins Gewicht.

Dietrich Fischer-Dieskau, auf Tonträgern so präsent wie kaum ein anderer Klassikkünstler, nahm im Frühstadium seiner Karriere Anfang der 50er Jahre Barock-Kantaten auf. Auch auf diesem Terrain, mit dem man den Bariton weniger verbindet, erweist er sich als gestalterische Kapazität und offen für abseitige Musikpfade. Mit frischem Organ, geschmeidigen Verzierungen, auch in der hier geforderten Basslage, und beispielhafter Diktion singt er Geistliches nicht nur von Buxtehude, sondern auch von weniger geläufigen Komponisten wie Franz Tunder, Nicolaus Bruhns und Adam Krieger.

Das Porträt des gleichaltrigen Nicolai Gedda dokumentiert die enorme stilistische Bandbreite des schwedischen Tenors. Von diesen Aufnahmen kann man nur schwärmen: wegen der durchgehenden Klangschönheit, der perfekten Artikulation in fünf Sprachen und der ausgefeilten Phrasierung. Imponierend, wie mühelos er die Stratosphärenhöhen des Sobinin in Glinkas Ein Leben für den Zaren oder des Chapelou in Adams Postillon von Lonjumeau erklimmt; meisterhaft, wie idiomatisch und elegant er so unterschiedliche Stücke wie Poulenc–Mélodies, italienische Lieder der Spätromantik oder russische von Nikolai Rimski-Korsakow darbietet.

Die beiden weiblichen Gesangslegenden sind in Mitschnitten zweier Liederabende aus Schwetzingen zu hören. Martina Arroyo, zu ihrer Zeit eine der führenden Verdi-Soprane, doch für ihren Rang wenig dokumentiert, gab 1968 dort ein Solokonzert. Ihre üppige, dunkelgolden timbrierte Stimme beeindruckt auch in den Liedern von Rossini (mit federleichten Spitzentönen bei La Danza), Schubert, Brahms und Dvořák. Sie ist eine ausdrucksvolle, dynamisch variable Interpretin, nur hapert es ihr an einer klaren Aussprache. Abgerundet wird das Programm durch vier tief empfundene, mit Wärme gesungene Spirituals, die im hymnischen Witness gipfeln.

Ganz im Zeichen Gioacchino Rossinis stand das Schwetzinger Recital, mit dem Marilyn Horne 1992 dem „Schwan von Pesaro“ anlässlich seines 200. Geburtstags gratulierte. Die Mezzosopranistin mit der unverwechselbaren Stimmfarbe, die im Januar 2024 neunzig Jahre alt wurde, bekräftigte bei dieser Hommage noch im Karriere-Spätherbst ihre Ausnahmestellung als Belcantointerpretin. Mit verblüffenden Koloraturen und Verzierungen, wie in der feurigen Canzonetta spagnuola, mit lang gesponnenen Kantilenen und vollendeter Legatokultur, wie in der berühmten Tancredi– Arie Di tanti palpiti, beschenkte sie den Jubilar. Der vernehmbare Dank des Publikums: Jubel und Bravos zwischendurch und am Ende.

Karin Coper [August 2024]

Himmelfahrts-Konzert „Wilde Gungl“

Himmelfahrts-Konzert der „Wilden Gungl“ – 25. Mai 2017 im Prinzregententheater unter Leitung von Michele Carulli

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Von Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner, welch ein Bogen! Und diesen musikalischen Bogen spannte das Orchester ”Wilde Gungl” unter seinem Dirigenten Michele Carulli am Vatertag im Münchner Prinzregenten-Theater in der Matinée um 11 Uhr.

Melodienzauber! hieß das Motto des Konzerts und dem entsprach das Programm, fast alle Melodien waren sogenannte ”Reißer”. Aber diese im Augenblick des Entstehens zu erleben, ist eben doch jedes Mal etwas ganz Anderes als sie zu Hause auf CD, im Radio oder bei einer Übertragung im Fernsehen zu hören. Lebendige Musik, „live“ ist durch nichts zu ersetzen, das wurde mir wieder einmal mit aller Deutlichkeit und Eindringlichkeit vor Augen und Ohren gebracht.

Solch einen Strauß aus vielen verschiedenen Melodien aus mehreren Jahrhunderten zu einem Programm zu verbinden, bedarf nicht zuletzt einer guten und ansprechenden Moderation. Sie ist und war bei Arnim Rosenbach – wie schon öfter – in allerbesten, charmanten Händen, auch dank seiner ebenso ansprechenden Stimme wie Art der Programmführung.

Von Bachs „Air“ aus der Orchestersuite BWV 1038 über Mozarts Klavierkonzert-Thema des zweiten Satzes  KV 467 , das durch den Film „Elvira Madigan“ weltbekannt wurde, über Verdi, Mascagni, Smetana hin zu Puccini, Mahler, Morricone, Böttcher, Tschaikowsky bis hin zu den beiden Zugaben von Nino Rota und der Ouvertüre zu „Rienzi“ von Wagner zog sich der Melodien-Zauber.

Die Konzerte der „Wilden Gungl“ verfolge ich nun schon seit ein paar Jahren, aber auch diesmal fiel mir besonders auf, dass die Gruppe der Streicher durch Michele Carulli noch homogener geworden ist, noch sensibler spielt, was man bei einigen Stücken, in denen die Streicher die Hauptrolle spielen, besonders hören konnte. Bei Mahlers „Adagietto“ aus seiner 5. Symphonie fiel das natürlich speziell auf. Aber auch die „Nichtstreicher“ – von denen mir besonders die Harfenistin und die Holzbläser gefielen – geben dem Orchesterklang die Farbigkeit, die diese Musik überhaupt so zum Klingen und Blühen bringt. Und das Publikum, jung und vor allem natürlich die älteren Semester, die der „Wilden Gungl“ – ihrer „Wilden Gungl“ –  schon seit Jahren die Treue halten,  war begeistert und brachte das entsprechend zum Ausdruck.

Dass Michele Carulli ein Dirigent mit Leib und Seele unter Einsatz voller Energie ist, der das Orchester befeuert und die Musik sich in melodische Höhenflüge aufschwingen lässt, ist bei jedem Konzert begeisternd zu erleben. Auch der Beifall, den er wie selbstverständlich den entsprechenden Solisten-Kollegen weitergibt, gehört dazu. Und nicht zuletzt seine eigene Moderation, mit der er die beiden Zugaben ansagt und das Publikum nach gewaltigem Beifall entlässt.

Ein Stück möchte ich allerdings gesondert erwähnen, nicht nur, weil es mir unbekannt war, sondern weil es als „Jugendstück“ von Giacomo Puccini schon alles erkennen und hören lässt, was uns später in seinen Opern so mitnimmt und beglückt. Das „Preludio sinfonico“ von 1882 – aus seiner Zeit am Mailänder Konservatorium – ist eine wunderbare Überraschung in diesem ambitionierten und doch so unterhaltenden Programm.

Ich freue mich schon auf das Sommerkonzert im Brunnenhof und auf das Wiederhören der „Wilden Gungl“.

Ceterum censeo: Auch wenn es Perlen vor die Säue gleich zu sein scheint, ich werde nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass die Münchner Zeitungskritik, das sogenannte Feuilleton, gut daran täte, aufzuwachen und dieses Orchester – das schließlich schon seit 150 Jahren existiert – und seine wunderbaren Programme endlich zur Kenntnis zu nehmen. Ganz einfach.

[Ulrich Hermann, Mai 2017]

Frauenrollen und Frauengestalten

Carattere di Donne
Frauenrollen und Frauengestalten bei Schubert, Rossini und Verdi

Cornelia Lanz, Mezzosopran

Stefan Laux, Klavier

Hänssler Classic
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Merkwürdig! Sonst wird üblicherweise bei einer Aufnahme für Gesang und Klavier zuerst die singende Person genannt, dann der „Begleiter“ oder die „Begleiterin“. Nicht so in diesem Booklet: Hier lässt sich der Pianist Stefan Laux ausgiebig und exklusiv über die Wichtigkeit der Klavierbegleitung und des Klavier bei Schubert aus, dann kommt – nach den notwendigen Texten, denn wie üblich verstünde man den gesungenen Text ohne Beilage kaum – dazu nachher mehr! – der ausführliche Lebenslauf des Begleiters, bevor am Schluss die eigentliche Hauptperson der CD, die Sängerin Cornelia Lanz, zu ihrem Recht kommt. Wobei ihre Beschreibung wieder einmal –wie so oft – primär aus name-dropping besteht, mit wem sie schon berühmterweise zusammen sich hat hören lassen und welche Berühmtheit sie folglich eigentlich ist.  Das also ist der erste Eindruck, der sich leider beim Anhören nur bestätigt: Die Klavierbegleitung drängt sich bei fast allen Schubert-Liedern ungebührlich in den Vordergrund, obwohl sie – bei allem wohlverdienten Anspruch – doch eben der „Begleitung“ des Sängers, der Sängerin zu dienen hat; außer an den Stellen – die es natürlich gibt –, wo das Klavier fortführt, entscheidend kommentiert oder ergänzt.

Dass die sehr genauen Dynamik-Vorschriften und Tempovorgaben  – wobei zu berücksichtigen ist, dass die Musiker von damals keine höheren Geschwindigkeiten kannten als ein galoppierendes Pferd, und weder Radio noch TV noch CD oder sonstiges Entertainment hatten –  vom Pianisten und der Sängerin oft nicht oder nur teilweise beachtet werden, ist zudem fragwürdig – es gibt bei Schubert, vor allem, wenn man die damaligen Klaviere mit  berücksichtigt, vom ppp bis zum fff alle Stufen mit sämtlichen Zwischenwerten,  auch bei den Tempoangaben ist Schubert ungemein vielseitig und genau, aber das scheinen für die Aufführenden nur Marginalien zu sein. Und natürlich ist beim heutigen Gesangsunterricht die Stimme das Wichtigste, die Poesie oder das Wort sind zumindest sekundär, wenn nicht völlig ausgeklammert. Aber Musik und Poesie sind Geschwister, und vor allem beim Lied bilden  die beiden im idealen Fall zusammen einen Gipfel und nicht einen Berg, bei dem die eine Flanke, nämlich die Musik das Übergewicht haben soll, sonst entsteht statt eines Gipfels nur eine seltsame Abplattung. Hans Gal beschreibt in seinem Buch „Schubert und die Melodie“ (dem meines Erachtens besten Buch über Franz Schubert) solch ein „Gipfelerlebnis“ als Ziel jeglichen Liedgesangs. Die Sentenz „prima la musica è poi le parole“ mag bei der Oper eine gewisse Berechtigung haben, aber beim Lied ist diese Reihenfolge völlig verfehlt. Man bedenke nur, wie normalerweise vom Text die Energie zur Vertonung ausgeht, wie also das Gedicht das Primäre ist, dann gesellt sich die Musik dazu, im allerbesten Fall – wie eben bei Schubert und ähnlichen Liedmeistern – als gleichberechtigte Schwester, aber nicht als übergeordnete „Herrscherin“. Und auch heute noch machen Sänger wie Herr Gerhaher deutlich, wie solch ein Gipfelerlebnis sich anhören kann.

Im Großen und Ganzen ein zwar interessantes Thema für eine Lieder-CD, aber vom Begleiter und auch von der Sängerin kein „Gipfelerlebnis“!

[Ulrich Hermann, März 2016]