«Mademoiselle» – Die hochgerühmte Pädagogin als Komponistin

Delos (2CD); LC 04487; EAN: 0 1349134962 6

„Mademoiselle – Première Audience. Unknown Music of Nadia Boulanger“

Auf DELOS erschien bereits vor einiger Zeit eine hochinteressante Doppel-CD, die u.a. das gesamte Lied- und Kammermusikschaffen der als Ikone der Musikpädagogik – vor allem für gut zwei Generationen amerikanischer Komponisten – geltenden Französin Nadia Boulanger enthält, zum großen Teil als Erstaufnahmen. Ein längst überfälliges Projekt!

   

Nadia Boulanger (1887-1979) gilt als die vielleicht einflussreichste Musikpädagogin überhaupt. Selbst zweifellos ein Wunderkind (mit neun am Pariser Conservatoire, als Organistin vertritt sie mit 16 Jahren ihren Lehrer Fauré), muss sie nach dem Tod des Vaters (1900) früh ihr eigenes Geld als Pianistin und Lehrerin verdienen. Als Komponistin gewinnt sie beim Prix de Rome 1908 allerdings „nur“ den 2. Preis. Bereits ihr Vater Ernest hatte 1835 den 1. Preis erhalten, ihre jüngere Schwester Lili (1893-1918) gewinnt diesen – als erste Frau – 1913. Ob wegen des Schocks über deren frühen Tod oder weil Nadia tatsächlich der Meinung ist, ihre eigenen Kompositionen seien im Vergleich zu denen Lilis „wertlos“, gibt sie das Komponieren 1922 auf. Ab 1921 unterrichtet sie an den neu gegründeten Instituten École Normale de Musique und dem Conservatoire Américain in Fontainebleau. In Amerika dirigiert sie als erste Frau die großen Orchester, wirbt unermüdlich für die Werke ihrer Schwester. Die Liste ihrer Kompositions-Studenten liest sich wie das Who Is Who der amerikanischen Musikgeschichte, darunter Elliott Carter, Aaron Copland, Roy Harris, Walter Piston, aber auch Dinu Lipatti, Ástor Piazzolla oder Daniel Barenboim sowie etliche polnische Größen gehören zu den Schülern. Mademoiselle, wie Nadia von ihnen genannt wird, bleibt bis an ihr Lebensende aktiv.

Obwohl ihr kompositorisches Œuvre recht schmal ist, sind von Nadias 26 Klavierliedern auf dieser Veröffentlichung 13 Erstaufnahmen. Sie werden hier, anders als beim Konzert im Dezember 2015 in der Münchner Musikhochschule, wo 12 davon überhaupt erst uraufgeführt wurden (!), nicht chronologisch angeordnet, um „dem Hörer zu ermöglichen, Boulangers schöne Musik aufgrund ihres intrinsischen – nicht historischen – Werts zu genießen“ (Booklet-Text). Dies erschwert dann allerdings, tatsächlich einzuschätzen, wie stark ihre Entwicklung gerade zuletzt in den sechs wirklich sensationellen Liedern von 1921/22 Anschluss an die Moderne findet und Nadias eigenes Werturteil spätestens da widerlegt werden muss. Die älteren Lieder bewegen sich von direkter Fauré-Nachfolge bis zu einem gemäßigten Impressionismus – noch mit klarer Tonalität. Sie sind alle stimmungsvoll, der Klaviersatz ist prächtig, die Begleitung immer unkonventionell; häufig wird ein Motiv wie eine Klangfläche behandelt, die jeweils eine zentrale Stimmung symbolisiert.

Die jeweils drei Stücke für Klavier bzw. Violoncello & Klavier sind allerdings eher Gelegenheitskompositionen, ohne sich aus der Masse zeitgenössischen französischen Repertoires herauszuheben. Interessanter dann wieder die Orgelwerke, die an der Cavaillé-Coll-Orgel der Pariser Madeleine aufgenommen wurden.

Die Darbietungen der Lieder sind alle erstklassig, die Begleitung von Lucy Mauro kann dabei besonders überzeugen und sie spielt auch die Kammermusikstücke. Geradezu ideal passen die Stimmen von Nicole Campbell (Sopran) und Edwin Crossley-Mercer (Bariton), lediglich der Tenor Alek Shrader wirkt in der Höhe etwas angestrengt, sein Deutsch bei den drei Heine-Liedern ist nicht ganz perfekt. Die Wiedergabe der Orgelstücke durch den langjährigen Titularorganist an der Madeleine, François-Henri Houbart, darf klanglich als authentisch gelten, ist aber schon extrem süßlich.

Auch das Booklet ist vorbildlich: Neben den kompletten Gesangstexten (original/englisch) und Anmerkungen zu jedem einzelnen Werk enthält es einen sehr persönlichen Beitrag der Delos-Produzentin Carol Rosenberger, selbst in den 1950ern Schülerin von «Mademoiselle». Dies ist ein wichtiger Schritt zu einer verdienten Rehabilitierung der Komponistin Nadia Boulanger und kann jedem Liebhaber französischer Musik nur dringend ans Herz gelegt werden.

[Martin Blaumeiser, August 2018]

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