Musik für sich selbst

Erst kürzlich gelang Călin Humă der Durchbruch mit seiner Ersten Symphonie, Carpatica, die auf dieser CD nun festgehalten wird. Zu dieser hören wir das Symphonie-Concerto für Klavier und Orchester, dargeboten vom Pianisten Sergiu Tuhuțiu. Es spielt das BBC National Orchestra of Wales unter Christopher Petrie.

Călin Humă ist ein spezieller Fall der neueren Musikgeschichte: Als rumänischer Generalkonsul in Großbritannien verdient er seinen Lebensunterhalt nicht als Komponist, sondern kann trotz professioneller Ausbildung ohne Existenznot, quasi hobbymäßig, an seine Kompositionen herantreten und sich entfalten, unabhängig von jeglicher Beeinflussung anderer. Diese Musik muss niemandem etwas beweisen, sie muss keinem zusagen, sie wurde rein aus der Liebe zur Schönheit der Töne geboren.

Der Werkkatalog Humăs zeigt sich entsprechend schmal und doch wagt sich der Komponist an umfangreiche Großformen, an deren Spitze seine beiden Symphonien und das Symphonie-Konzert stehen. Laut seiner Vita arbeitet er aktuell an einem Violinkonzert.

Sein Stil offenbart eine tiefe Verwurzelung in der Tradition der Tonalität, die zu keiner Zeit durchbrochen wird. Es gibt durchaus einige waghalsige Wendungen, möglicherweise nicht einmal intendiert, die sich allerdings kaum bemerkbar machen und sich sogleich in das Gesamtbild einfügen, somit sogar für gewisse Würze sorgen. Erkennbar bleibt eine Nähe zur russischen Tradition des 19. Jahrhunderts, Humă selbst nennt allerdings vor allem Sibelius als ein großes Vorbild. In den symphonischen Werken gestaltet er eine Weite und Erhabenheit, behält eine durchgehende Weichheit und schätzt besonders die zarten Ausdrucksweisen ohne Herbheiten oder vorstechende Kontraste.

Ohne es dem überschwänglich vergleichenden wie ständig illustrierenden Booklet-Autor gleichtun zu wollen, so komme ich doch nicht darum herum, einen direkten Vergleich anzuführen: Das Symphonie-Konzert könnte beinahe aus der Feder Rachmaninoffs stammen, insbesondere die Nähe zu dessen c-Moll-Konzert Nr. 2 frappiert. Lediglich von dessen Vollgriffigkeit und dem rhythmischen Vorwärtsdrang lässt Humă die Finger, diese könnten die Widerstandslosigkeit seines kristallenen Stils durchbrechen. Trotz der symphonischen Weite und Tragfähigkeit handelt es sich doch um ein ausgewachsenes Klavierkonzert mit anspruchsvollem Solopart inklusive zurschaustellerischer Kadenzen.

Der Stil der Symphonie ähnelt dem des Symphonie-Konzerts deutlich, wobei Humă hier mehr auf ausgeglichene Orchestration achtet und gewisse Anklänge von Kernigkeit nun dem Blech und den tiefen Streichern überlassen muss, wo zuvor das Klavier den Ausgleich brachte. In ihrer formalen Gestaltung drehen sich beide Werke teils doch im Kreis und führen nicht geradlinig voran, wodurch allerdings auch eine gewisse träumerische, beinahe schwärmerische Sphäre entsteht, in der man sich gerne verliert. Denn diese Musik berührt unmittelbar und lädt ein, in ihr zu versinken.

Das BBC National Orchestra of Wales unter Leitung von Christopher Petrie nimmt seinen Ausgangspunkt gerade bei der Reinheit und emotionalen Unbekümmertheit, um eine sanftmütige und freundliche Darbietung er erzielen. Das Orchester schafft wellenartig schwingende Flächen und stimmt einen gemächlichen Panoramablick an über die endlosen Weiten von Humăs Formen. Im Symphonie-Konzert passt sich Sergiu Tuhuțiu als primus inter parens ein, folgt dem Orchester, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. So wird das Werk auch seinem Titel gerecht, der dem Solisten nicht die alleinige Führung überlässt. Wohl dosiert Tuhuțiu seinen Anschlag, bringt impressionistische Leichtigkeit und Feingliedrigkeit in den Solopart, verleiht ihm so Schwerelosigkeit.

[Oliver Fraenzke, Mai 2020]

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