Anfang und Ende eines großen Symphonikers

Sony Classical; Deutschlandradio Kultur; ISBN: 8 88751 56972 0

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Die erste und die nur fragmentarisch erhaltene letzte Symphonie, jeweils in D-Dur, des jung verstorbenen Franz Schubert bilden das kurze Programm der neuen CD-Einspielung der Kammerakademie Potsdam unter Leitung ihres Chefdirigenten Antonello Manacorda.

Es klingt eigentlich recht logisch: Die erste Symphonie eines Komponisten ist deutlich beeinflusst von dessen großen Vorbildern und die letzte schließlich ist die absolute Eigenständigkeit und vollendete Individualsprache des Meisters. So zumindest ist es immer und immer wieder zu hören und zu lesen – wie zum Beispiel auch im Booklet der vorliegenden CD, welches Albert Breier verfasst hat. Doch lauscht der Hörer einmal genau in die entsprechende Musik hinein, so dürfte er relativ schnell feststellen, dass dies auch dann nicht der Fall sein muss, wenn sich anscheinend alle darüber einig sind. Zweifelsohne lässt sich die aufgestellte These bei Franz Schubert umgehend als falsch deklarieren (übrigens nicht weniger bei Beethoven, dem in seinem symphonischen Erstlingswerk ebenfalls gelegentlich ein bisschen Haydn-Epigonentum vorgeworfen wird, und bei vielen anderen wie Niels W. Gade, Edvard Grieg, Jean Sibelius, Douglas Lilburn et cetera, denen allen ungerechtfertigterweise der unverkennbar eigene Ton in ihren Frühwerken beziehungsweise bei Lilburn oder Gade von manchem „Experten“ sogar in ihrem Gesamtwerk abgesprochen wird. Bei anderen Komponisten wie Mahler, Mozart, Bach oder Haydn ist von so etwas kaum einmal die Rede, obgleich auch sie natürlich gleichfalls Vorbilder hatten). Selbstverständlich lassen sich Anklänge an die Idole erkennen und werden teils durchaus deutlich, aber davon abgesehen liegt bei Schubert (und auch bei allen anderen genannten Namen) ohne den leisesten Verdacht eines Zweifels schon sehr früh eine große Eigenleistung vor, die sich deutlich von Vorherigem abhebt und bereits in jungem Alter einen eigenen Ton schafft. Die Behandlung des Orchesterapparats in relativ großer Besetzung ist trotz der für Schuberts bekanntere Werke ungewohnt freudig-festlichen Stimmung eine vollkommen andere als bei Haydn oder Mozart. Ironischerweise widerspricht sich bei der Aufzählung der angeblichen Vorbildwerke sogar der Booklettextautor, der den Hauptsatz gerne auf Beethovens Eroica errichtet sehen würde, aber gleichzeitig schreibt, von Beethoven seien um die Zeit allerdings nur die ersten zwei Symphonien im Repertoire des Konviktsorchesters für Schubert zu hören gewesen. Bei dem von Brian Newbould ergänzten Fragment des Andantes, welches vermutlich einer zehnten Symphonie angehören sollte, haben alle Klischeeliebenden dafür ihre Freude, es gehört tatsächlich zu den handwerklich und stilistisch vollendeten und innigen Manfestationen des unumstößlich erkennbaren Spätstils von Franz Schubert.

Die Kammerakademie Potsdam unter Antonello Manaconda nimmt die Werke insgesamt ziemlich schwungvoll und akzentuiert mit einem vollen Orchesterklang. Abgesehen von der frechen Verspieltheit im Finale der ersten Symphonie erzeugt das Spiel meist eine pathetisch-aufgeladene Wirkung mit gewissem Drang nach vorne. Im Symphoniefragment nimmt Manacorda die Scharfkantigkeit mehr heraus und vertraut eher dem lyrischen Moment, was dem Satz einen überlegenen Vorteil gegenüber dem Andante des Erstlingswerkes verschafft. All das Pompöse und Heroische ist auch nicht immer vorteilhaft für diese Musik, gerade die Adagio-Introduktion des Kopfsatzes ist dadurch ein wenig zu mächtig für die an sich erwünschte Wirkung eines durchsichtigen und beweglichen Orchesterklangs. Anstelle dessen erhält der Hörer eine durch ungebändigte Tuttischläge aufwühlende und in unglaubhaftem Pathos badende Musik, was zwar durchaus auch einen gewissen Reiz haben kann, aber hier doch ziemlich überzogen ist. Wie man eine gute Synthese zwischen diesen Gesten erhalten kann, präsentiert Manacorda selbst, und zwar im gleichen Werk: Der Finalsatz ist wesentlich stimmiger und auch alle Scharfkantigkeit der Fortepassagen wirkt mehr in den sinnvollen Kontext eingebunden. Das Finale zeichnet eine besondere Stringenz aus, die einen vom ersten bis zum letzten Ton im Bann hält – was sich vom Kopfsatz nicht behaupten lässt, da die Wiederholung zudem die ganze Angelegenheit unendlich lang erscheinen lässt, denn viel zu weit hat sich das dramatische Geschehen bereits vom Ausgangspunkt entfernt, als dass es noch einmal von Beginn an sinnträchtig abgespult werden könnte. Interessant gestaltet sich die Ausdifferenzierung des Menuetts mit seinem kontrastierenden Trio-Mittelteil. Durch eine leichte Temporücknahme gelingt es Manacorda hier, einen deutlichen Kontrast zwischen den beiden Abschnitten herzustellen, der sehr weibliche Elemente im Trio hervorkehrt und äußerst männliche im Menuett. Das ist natürlich hier etwas romantisierend übertrieben.

Eine vollkommen neue Welt kann sich schließlich in der spät entdeckten und als solche identifizierten Symphonie Nr. 10 D 936A öffnen. Solch eine Schönheit zeigt sich in diesen Orchesterklängen und betört dazu mit fabelhaften Orchesterwirkungen, so dass der von Brian Newbould rekonstruierte und orchestrierte Satz fast zum Träumen einladen würde, wäre da nicht diese Doppelbödigkeit, die Schubert so ausmacht und einen doch aufs Neue schlucken lässt angesichts dessen, was sich hinter der Fassade verbergen mag.

[Oliver Fraenzke, Oktober 2015]

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