Ein vergessenes Meisterwerk

Feliks Nowowiejski (1877-1946): Quo vadis – Oratorium für Soli, gemischten Chor, Orgel und Orchester

Wioletta Chodowicz, Sopran; Robert Gierlach, Bariton; Wojtek Gierlach, Bass; Slawomir Kaminski, Orgel; Podlasie Opern- und Philharmonischer Chor (Violetta Bielecka, Chormeisterin); Poznan Philharmonisches Orchester (Lukasz Borowicz, Dirigent)

cpo CD 555089 – 2; EAN: 7 61203 50892 1

Als Henryk Sienkiewicz 1885 seinen Roman „Quo vadis“ veröffentlichte, dachte er dabei sicher weder an den Nobelpreis, den er 1905 dafür bekam, noch daran, dass sein Landsmann Feliks Nowowiejski ihn 1903 als Vorlage für sein gleichnamiges Oratorium verwenden würde. Aber beides geschah, und so wurde dieses Meisterwerk der Literatur in Musik umgesetzt – was damals in der europäischen und auch in der amerikanischen Musikwelt eine höchst erfolgreiche Aufführungsgeschichte zur Folge hatte.

Warum dieses Oratorium von der Bühne verschwunden ist, das hat sicher auch mit der Kulturpolitik des Dritten Reichs zu tun, denn ab 1939 verschwand das Werk aus dem Konzertleben und wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder aus der Versenkung geholt.

Es behandelt in monumentaler Form die letzten Tage der Herrschaft Kaiser Neros, wobei der Chor als Stimme des Dichters Petrus mit den Augen des Geistes seinem Weg aus Rom fort und wieder zurück folgt.

Das Verdienst der Labels cpo in Bezug auf polnische Musik ist nicht nur die (Wieder-)Entdeckung der Musik von Sir Andrzej Panufnik unter Lukasz Borowicz in vorzüglichen Aufnahmen, sondern hier nun auch, die Bekanntschaft zu ermöglichen mit einem der größten Erfolge der Musikgeschichte, einem Werk von mitreißend heroischem Charakter und episch fesselnder Dimension. Ab 1911 – dem Jahr der Uraufführung der revidierten Fassung in Amsterdam – wurde das Werk tatsächlich weltweit über 200 Mal auf die Bühne gebracht. Der Komponist allerdings geriet international in Vergessenheit, nur in Polen, wo er lebte und komponierte, blieb er einigermaßen lebendig. Allerdings im Schatten der berühmteren Landleute wie Szymanowski oder Rosycki. Zum 70. Todestag des Nowowiejskis kommt also die Möglichkeit, eines der großartigsten Werke der Romantik neu zu erleben, wie gerufen. Das Booklet – übrigens mit einem Textbeitrag von Lukasz Borowicz selbst – gibt über die Handlung, die musikalische Struktur und die Hintergründe des Komponisten und seines Meisterwerkes erschöpfend Auskunft. Natürlich mit Bildern und Beschreibung der einzelnen Mitwirkenden, selbstverständlich.

Wie schon des Öfteren erwähnt, ist das Medium CD in den letzten Jahrzehnten zum idealen Vermittler für Entdeckungen auf dem ungeheuer reichhaltigen und noch immer faszinierende Gebiet unbekannter Musik geworden und ein mehr als nur geeignetes Mittel, der Geschichte Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, jenseits aller anderen Möglichkeiten im Internet (gar nicht zu reden von der klanglichen Qualität der silbernen Scheibe, wenn sie so vorzüglich aufgenommen ist wie die hier vorliegende). Eine große Empfehlung!

[Ulrich Hermann, Juni 2017]

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