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Die erste schwedischsprachige Symphonie

cpo 555 043-2; EAN: 7 61203 50432 9

Die erste CD der Gesamteinspielung aller fünf Symphonien des Schweden Hugo Alfvén von Łukasz Borowicz und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin für cpo umfasst die Erste Symphonie op. 7 in f-Moll, Midsommarvaka op. 19 und Drapa op. 27.

Einer der wenigen international einigermaßen bekannten Komponisten aus Schweden ist Hugo Alfvén, der vor allem durch seine Erste Schwedische Rhapsodie mit dem Titel Midsommarvaka op. 19 für Furore sorgte. Im Laufe seines achtundachtzigjährigen Lebens schuf Alfvén über 300 Werke, zumeist für große Besetzungen. Nach einer kleinen Anzahl von Klavierminiaturen und Kammermusikwerken trumpfte der Komponist 1896 (gerade einmal 24jährig) unerwartet mit einem ersten Orchesterwerk auf und wagte sich damit sogleich an die im Gefolge Beethoven nach wie vor ehrfurchtsvoll behandelte Großform der Symphonie. Ein Jahr später wurde diese Erste unter Conrad Nordqvist uraufgeführt, erschien allerdings erst 1951 nach zwei Revisionen im Druck. Die Symphonie gibt ein Bild auf einen weltoffenen, selbstbewussten und intuitiven Komponisten frei, der bereits über beachtliche technische Mittel verfügt, welche er jedoch nie dem innermusikalischen Gehalt vorzieht. Bereits diese frühe Symphonie stellt persönliche Aussage und Tonsprache unter Beweis, so dass er sie selbst später als „erste schwedischsprachige Symphonie“ bezeichnete, da sie im Gegensatz zu früheren Gattungsbeiträgen des Landes Anklänge an Volksmusik nicht verleugnet. Wichtiger Einfluss hierzu war zweifelsohne Svendsen, dessen Norwegische Rhapsodien und andere Werke folklorenaher Art seinerzeit populär waren. Interessanterweise kommt auch ein ganz unerwarteter Einfluss aus Böhmen zum Vorschein: Der Scherzo-Satz erinnert merklich an Dvořák; und das charakteristische und namensgebende Harfensolo im etwa zehn Jahre später entstandenen Drapa lässt erstaunliche Parallelen zu Smetanas Má vlast erkennen.

Weichheit und Flexibilität der Linie charakterisieren die Darbietung des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter Łukasz Borowicz. Der Klang ist voll und dicht, wobei eine stetige expressive Untergründigkeit mitschwingt. Phänomenal ist die sukzessive Zuspitzung und Wandlung ins Groteske der schwedischen Themen in Midsommarvaka. Lediglich der Siciliano-Rhythmus im ansonsten so schwungvollen Scherzo aus der Symphonie wurde ins Unpräzise aufgeweicht (eine der heikelsten Herausforderungen überhaupt für ein Symphonieorchester, womit sogar ein Solo-Musiker zu kämpfen hat). Abgesehen davon ist die Symphonie frisch und lebendig dargeboten und kommt in all ihrem schillernden Farbenreichtum zur Geltung, so dass wir gespannt sein dürfen auf die Fortsetzung dieser Reihe.

[Oliver Fraenzke, Februar 2018]

Ein vergessenes Meisterwerk

Feliks Nowowiejski (1877-1946): Quo vadis – Oratorium für Soli, gemischten Chor, Orgel und Orchester

Wioletta Chodowicz, Sopran; Robert Gierlach, Bariton; Wojtek Gierlach, Bass; Slawomir Kaminski, Orgel; Podlasie Opern- und Philharmonischer Chor (Violetta Bielecka, Chormeisterin); Poznan Philharmonisches Orchester (Lukasz Borowicz, Dirigent)

cpo CD 555089 – 2; EAN: 7 61203 50892 1

Als Henryk Sienkiewicz 1885 seinen Roman „Quo vadis“ veröffentlichte, dachte er dabei sicher weder an den Nobelpreis, den er 1905 dafür bekam, noch daran, dass sein Landsmann Feliks Nowowiejski ihn 1903 als Vorlage für sein gleichnamiges Oratorium verwenden würde. Aber beides geschah, und so wurde dieses Meisterwerk der Literatur in Musik umgesetzt – was damals in der europäischen und auch in der amerikanischen Musikwelt eine höchst erfolgreiche Aufführungsgeschichte zur Folge hatte.

Warum dieses Oratorium von der Bühne verschwunden ist, das hat sicher auch mit der Kulturpolitik des Dritten Reichs zu tun, denn ab 1939 verschwand das Werk aus dem Konzertleben und wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder aus der Versenkung geholt.

Es behandelt in monumentaler Form die letzten Tage der Herrschaft Kaiser Neros, wobei der Chor als Stimme des Dichters Petrus mit den Augen des Geistes seinem Weg aus Rom fort und wieder zurück folgt.

Das Verdienst der Labels cpo in Bezug auf polnische Musik ist nicht nur die (Wieder-)Entdeckung der Musik von Sir Andrzej Panufnik unter Lukasz Borowicz in vorzüglichen Aufnahmen, sondern hier nun auch, die Bekanntschaft zu ermöglichen mit einem der größten Erfolge der Musikgeschichte, einem Werk von mitreißend heroischem Charakter und episch fesselnder Dimension. Ab 1911 – dem Jahr der Uraufführung der revidierten Fassung in Amsterdam – wurde das Werk tatsächlich weltweit über 200 Mal auf die Bühne gebracht. Der Komponist allerdings geriet international in Vergessenheit, nur in Polen, wo er lebte und komponierte, blieb er einigermaßen lebendig. Allerdings im Schatten der berühmteren Landleute wie Szymanowski oder Rosycki. Zum 70. Todestag des Nowowiejskis kommt also die Möglichkeit, eines der großartigsten Werke der Romantik neu zu erleben, wie gerufen. Das Booklet – übrigens mit einem Textbeitrag von Lukasz Borowicz selbst – gibt über die Handlung, die musikalische Struktur und die Hintergründe des Komponisten und seines Meisterwerkes erschöpfend Auskunft. Natürlich mit Bildern und Beschreibung der einzelnen Mitwirkenden, selbstverständlich.

Wie schon des Öfteren erwähnt, ist das Medium CD in den letzten Jahrzehnten zum idealen Vermittler für Entdeckungen auf dem ungeheuer reichhaltigen und noch immer faszinierende Gebiet unbekannter Musik geworden und ein mehr als nur geeignetes Mittel, der Geschichte Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, jenseits aller anderen Möglichkeiten im Internet (gar nicht zu reden von der klanglichen Qualität der silbernen Scheibe, wenn sie so vorzüglich aufgenommen ist wie die hier vorliegende). Eine große Empfehlung!

[Ulrich Hermann, Juni 2017]

Aus der Schatzkiste der britischen Oper

Label: DUX; Vertrieb: note1; Art.-Nr.: DUX1307-1308; EAN: 5902547013077

Zwei verborgene Schätze der englischen Oper gibt es derzeit bei einem Label zu heben, von dem man es nicht unbedingt erwartet hätte, dass ausgerechnet bei diesem Label britische Opern erscheinen würden. Dabei handelt es sich um das polnische Label DUX. Hintergrund dieser ungewöhnlichen Veröffentlichung ist das 20. Ludwig van Beethoven-Osterfestival in der polnischen Hauptstadt Warschau. Intendantin dieses Festivals ist die Ehefrau des Komponisten Krzystof Penderecki. Und bei der 20. Ausgabe dieses Festivals scheint britische Musik einen Schwerpunkt eingenommen zu haben.

So kommen wir unverhofft in den Genuss zweier selten bzw. noch nie aufgenommener Opern von Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams. Gustav Holsts Oper „At the Boar’s Head“  ist dabei die Weltersteinspielung. Bislang gab es von diesem Stück nur einzelne Szenen auf teils uralten Schallplattenveröffentlichungen, noch nie aber die komplette Oper am Stück.  Vaughan Williams Stück „Riders to the Sea“ hingegen wurde schon des Öfteren eingespielt, bislang aber ausschließlich mit Aufnahmen von britischer Provenienz mit meistens sehr namhaften britischen Sängern, Orchestern und Dirigenten. Es gibt also zumindest im Bereich der Vaughan Williams-Oper Vergleichsmöglichkeiten.

Gustav Holst „At the Boar’s Head“ ist eine typische Falstaff-Oper nach dem gleichnamigen Shakespeare-Vorbild. Auch Ralph Vaughan Williams, der ein enger Freund Gustav Holsts war schrieb eine Falstaff-Oper und nannte sie „Sir John in Love“. Vergleicht man beide Werke miteinander, so schneidet Holsts Ausgabe des Falstaff-Stoffes musikalisch konventioneller aber vielleicht unterhaltsamer ab. Die Komik des Stoffes betonend, mit süffigen Trinkgelage-Szenen und heiteren, bewegten Dialogarien ausgestattet und mit einem durch und durch volkstümlichen Flair ausgestattet, ist dies ein sehr schön zu hörender Einakter, der vielen Opernfans Freude bereiten kann. Unter kompositorischen Gesichtspunkten kennt man sicherlich Subtanzielleres von Gustav Holst, und ohne eine andere Oper dieses Komponisten zu kennen, der immerhin fünf Gattungsbeiträge verfasst hat, wage ich zu behaupten, dass Holst nicht unbedingt seine Berufung als Opernkomponist gesehen hat. Man kennt ihn heute ja auch für ganz anderes Repertoire, unter anderem für zum Teil sehr überzeugende Orchestermusik.

Bei Vaughan Williams liegt die Sache etwas anders. Ralph Vaughan Williams war ein Opernkomponist, der sich aus eigener Leidenschaft zu Oper der Gattung immer wieder angenähert hat und letztlich beeindruckende acht Beiträge zum Genre verfasste. Das von diesen acht Stücken heute kaum noch eines wirklich bekannt ist, liegt nicht unbedingt an mangelnder kompositorischer Qualität, sondern auch an einen fehlgeleitetem Blick auf Vaughan Williams als vermeintlich reinem Sinfoniker. Vaughan Williams war aber vor allem anderen ein erfahrener Vokalmusikkomponist, der neben Kantaten und seiner Chorsymphonie „A Sea Symphony“ auch Klavier- und Orchesterlieder, Chormusik, geistliche Musik wie Messen und zum Teil merkwürdig anmutende vokal besetzte Mischgenres bedient hat, wie etwa die für 16 Solisten und Chor angelegtes „Serenade to Music“. „Riders to the Sea“ ist ein verblüffend kurzer Einakter, der kaum 40 Minuten ausfüllt. Die Geschichte (nach einem Bühnenstück von John Millinton Synge) spielt im ländlichen Irland und ist eine typische Geschichte nach dem Motto „das Meer fordert seine Opfer“. In dieser Hinsicht könnte man die Oper durchaus als einen Vorläufer von Brittens „Peter Grimes“ auffassen. Vielleicht ist das aber auch zu hoch gegriffen. Die Komposition ist über weite Strecken überzeugend. Wirklich ergreifend ist die Schlussszene mit dem Trauergesang der Maurya (in dieser Einspielung wundervoll verkörpert von Katherine Reveille), die zu den besonders berührenden Szenen der jüngeren britischen Oper zählen dürfte.

Was auch immer man von diesen beiden britischen Kurzopern kompositorisch halten mag, die Qualität der Einspielungen ist begeisternd! Wirklich alle Sänger sind nicht nur sehr gut in ihren Rollen, sondern immer wieder in Bereichen, die ich als referenzwürdig einstufen würde. Die Warsaw Chamber Opera Sinfonietta samt Chor unter Leitung von Łukasz Borowicz liefert gleichfalls glänzende Leistungen ab, ist aber im Audio-Mix zu weit nach hinten gemischt worden. Obwohl es sich um Liveaufnahmen handelt, sind keine Nebengeräusche zu hören, was auch daran liegen mag, dass diese Aufnahmen konzertant erfolgt sind. Ich kenne einige Einspielungen des Vaughan Williams-Stücks „Riders to the Sea“, unter anderem bei Chandos und in älteren Auflagen bei der EMI. Doch diese neue Liveproduktion von DUX ist auf technischem und gesanglichem Gebiet absolut auf Augenhöhe und im emotionalen Zugriff früheren Einspielungen sogar überlegen.

Warum diese beiden Opern hingegen als unnötig teures Doppelpack erscheinen und nicht einzeln veröffentlicht werden, bleibt mir trotz ihrer jeweils kurzen Spielzeit etwas unklar… Immerhin ist die Ausstattung toll, mit reich bebildertem Booklet und komplettem Libretto. Hut ab, DUX!

[Grete Catus, März 2017]