Wiederentdeckung einer walisischen Komponistin

Grace Williams: Violinsonate; Sextett für Oboe, Trompete, Violine, Viola, Violoncello und Klavier; Suite für neun Instrumente; Romanze für Oboe und Klarinette; Sarabande für Klavier für die linke Hand; Rondo für zwei Violinen und optionales Violoncello

London Chamber Ensemble – Madeleine Mitchell

Naxos; EAN 747313138074 / 8.571380

Kaum scheint die betont konservative Klassikwelt die Scheu vor der Wiederentdeckung von Komponistinnen abzuschütteln, schon wird wieder ausgesiebt: Während einerseits nun Komponistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts wie Emilie Meyer, Louise Farrenc, Clara Schumann oder Fanny Hensel inzwischen in größerem Stil so wiederentdeckt werden, dass sich dies auch in Einspielungen niederschlägt und die Komponistinnen der Gegenwart im Prinzip ebenso stark beachtet werden wie ihre männlichen Kollegen, sind es nun die Komponistinnen des 20. Jahrhunderts, die bei der Rehabilitierung weitgehend durchs Raster fallen. Kommen solche Komponistinnen zufällig auch noch aus Großbritannien, scheint die Lust an der Wiederentdeckung anscheinend gänzlich zu erlahmen.

Eine neue CD aus der Kooperation zwischen Naxos und der British Music Society zeigt, was uns da so gemeinhin durch die Lappen geht. Es ist dies das erst dritte Album überhaupt mit Musik der immerhin schon 1977 verstorbenen walisischen Komponistin Grace Williams. Ähnlich wie ihr Mentor Ralph Vaughan Williams (einer der wenigen unter den etablierten Komponisten übrigens, der sich auch der Ausbildung von SchülerINNEN widmete und gleich mehrfach weibliche Kompositionstalente entdeckte und förderte) lehnte Williams ihr angetragene Ordens-Würden ab, und so wurde weder Ralph Vaughan Williams zum Sir noch Grace Williams zur Lady geadelt.

Hätte ihr der Status weitergeholfen, um ihr musikalisches Werk zu verbreiten? Das kann man nur vermuten. Qualitativ zeigt die vorliegende Naxos-CD jedenfalls, dass hier eine wirklich bedeutsame kompositorische Größe wiederentdeckt werden kann. Anhang von sechs Werken aus den Jahren 1930 bis 1970 wird die gesamte stilistische Bandbreite von Grace Williams ausgelotet, und dies unter Berücksichtigung gleich einer ganzen Reihe von Werkgattungen – von der Violinsonate über Sextett, Bläserduo, Klavier-Solostück bis hin zu einer Suite für ein klein besetztes Kammerorchester.

Unverkennbar sind die Einflüsse von Williams‘ Lehrer Vaughan Williams, aber sie hat auch ihren eigenen Tonfall, der expressiver ist als etwa die englischen Pastoralisten wie beispielsweise Finzi aber gemäßigter als die aufkeimende Moderne um beispielsweise Britten oder Tippett – möglicherweise ein Erbe ihres zweiten prominenten Lehrers, des Wiener Expressionisten Egon Wellesz. Manchmal rutscht die Musik auch in eine archaisch erscheinende Volksmusikharmonik, die an die „Cowboy-Ballette“ eines Aaron Copland erinnert, der ja doch aus einem ganz anderen Kulturkreis stammt.

Dieses Album ist eine der spannendsten Entdeckungen des noch jungen Jahres, und Fans von gediegener britischer Musik sollten hier nicht zögern, zumal die gebotenen Interpretationen von Madeleine Mitchell und den Solisten ihres London Chamber Ensembles überwiegend hochklassig sind und dieser extrem selten gehörten Musik alle Ehre machen.

[Grete Catus, März 2019]

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