Eine Symphonie für den Frieden

Chandos, CHSA 5233; EAN: 0 95115 52332 2

Kirill Karabits dirigiert das Bournemouth Symphony Orchestra mit Musik des ukrainischen Komponisten Boris Liatoschinski. Auf dem Programm steht die Symphonie Nr. 3, „Frieden wird den Krieg besiegen“, op. 50 und die symphonische Ballade Graschyna op. 58 nach Adam Mickiewicz.

Ähnlich, wie die Symphonien von Sibelius als orchestrales Manifest Finnlands gelten, so gelten die fünf Symphonien von Boris Liatoschinski für die Ukraine. Über allen erhebt sich die Dritte Symphonie als ihr Höhepunkt, als imposante Darstellung von Krieg und Frieden. In den ersten drei Sätzen beschwört der Komponist düstere und bedrohliche Atmosphären, Aufständigkeit und Kampf; erst im Finale kippt die Stimmung und schafft einen versöhnlichen Abschluss. Wegen eben dieses Schlusssatzes kam Liatoschinski jedoch in Konflikt mit dem Sowjetregime, es galt als unpatriotisch; und so musste er den Satz deutlich revidieren, damit das Werk überhaupt zur Aufführung kommen konnte. Im Erstdruck erschien die neuere Version des Finals, wenngleich auf den meisten Aufnahmen der ursprüngliche Schlussatz zu hören ist; neuere Partituren zeigen die revidierte Finalversion lediglich als Anhang.

Das zweite Werk der CD ist die umfangreiche symphonische Ballade Graschyna op. 58, die Liatoschinski 1955 anlässlich des 100. Todestags von Adam Mickiewicz komponierte, der zu den wichtigsten Poeten Polens gehört. Für Liatoschinskis Verhältnisse klingt die Ballade erstaunlich friedlich und sanftmütig, nur kurzzeitig trüben bedrohliche Wolken die ruhige Stimmung.

Die Musik Liatoschinskis besticht durch ihre phänomenale Orchestration und den effektvollen Aufbau, durch das Dichterwerden und Näherkommen einer dunklen Vorahnung, die gerne durch Militärklänge zur Kulmination gebracht werden. Fürs Orchester ist diese Musik – ähnlich wie die von Schostakowitsch – ausgesprochen dankbar, da sie aus sich heraus dem Ohr viel bietet, selbst wenn sie unzureichend erarbeitet wurde. Kirill Karabits zeigt sich als routinierter, wenngleich nicht sonderlich inspirierter Dirigent: Er leitet das Bouremouth Symphony Orchestra mit sicherer Hand und setzt alle Anweisungen der Partitur pflichtgemäß um; damit endet jedoch auch seine Arbeit an dieser Musik. Die feine Abstimmung der einzelnen Instrumente für einen voluminösen Klang lässt er ebenso außer Acht wie Details der Form, also dass die einzelnen Tempopassagen aufeinander abgestimmt wären und die Sätze allgemein eine zwingende Stringenz aufweisen würden. Ihre Wirkung verfehlt die Musik dennoch nicht und gerade die Symphonie fesselt den Hörer unnachgiebig und zieht in in düsterem Sog hinfort, bis das Finale ihn erlöst.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

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