Die unterschiedliche Wirkung von Dur und Moll ist eines der elementaren Phänomene der Musik. Viel ist darüber geschrieben und gesprochen worden. Hier soll es lediglich darum gehen, kurz die Fakten aufzuzählen, worin der entscheidende Unterschied zwischen Dur und Moll besteht und wie er zustande kommt.
Die Dur- und die Moll-Tonleiter sind nur zwei von insgesamt 90 möglichen Modi, die John Foulds 1934 in seinem Buch Music To-Day op. 92 aufgezählt hat (siehe dort, S. 46f.). Gemeinsames Merkmal aller dieser Modi ist die reine Quinte, die sich zwischen dem Grundton der Tonleiter und ihrem fünften Ton ergibt. Diese Quintbeziehung stiftet die Stabilität des Modus. Ohne sie würde er nicht als solcher wahrgenommen werden können. Dass der Oberquintton derartig wirkt, ergibt sich aus seiner Position in der Obertonreihe als der vom Grundton am wenigsten entfernte qualitativ verschiedene Oberton.
Das Grundgerüst einer Tonleiter sind also Grundton und Quinte, um die sich die übrigen Töne herum gruppieren. Dies geschieht in Dur und Moll auf verschiedene Weise. Dabei ist festzuhalten, dass jeder Ton einer solchen Tonleiter zum Grundton in einem Quintverhältnis steht: in direkter Form wie Quinte und Quarte (also Ober- und Unterquinte), oder in indirekter wie die übrigen Töne. So erhält man nahezu alle Töne der Dur-Tonleiter, wenn man vom Grundton aus den Quintenzirkel aufwärts geht. Im Falle von C-Dur heißt das: D ist zwei Quinten von C entfernt, A drei Quinten, E vier Quinten und H fünf. Die einzige Ausnahme stellt F dar, das durch den Quintschritt vom Grundton aus abwärts gewonnen wird. Durch die Aufnahme des Unterquinttons in die Tonleiter lässt sich ein reiner Dreiklang auf der Subdominante errichten, sodass in Dur alle drei Grundharmonien der Kadenz (Subdominante, Dominante, Tonika) aus reinen Dreiklängen gebildet werden können. (Hierin zeigt sich bereits der Einfluss des mehrstimmigen Denkens auf die Gestalt der Tonleitern!)
Man könnte die C-Dur-Tonleiter auch als aufsteigende Quintfolge schreiben: f-C-g-d-a-e-h
Im Gegensatz zur Dur-Tonleiter besteht die Moll-Tonleiter zum überwiegenden Teil aus Tönen, die gewonnen werden, indem man vom Grundton aus den Quintenzirkel abwärts schreitet. Im Falle von c-Moll heißt das: F ist eine Quinte von C entfernt, B zwei Quinten, Es drei Quinten und As vier. Anders als in der Dur-Tonleiter gibt es hier zwei Ausnahmen: Da man aufgrund der Stabilität des Modus nicht auf die Oberquinte verzichten kann, steht auf der fünften Stufe der Tonleiter ein G, wie in C-Dur. Das D auf der zweiten Stufe gehört ebenfalls zu den quintaufwärts liegenden Tönen. Seine Notwendigkeit ergibt sich aus einem ähnlichen Grund wie die des F in C-Dur: damit alle drei Grundharmonien der Kadenz aus reinen Dreiklängen gebildet werden können. D ist die Oberquinte von G.
Man könnte die c-Moll-Tonleiter auch als absteigende Quintfolge schreiben: d-g-C-f-b-es-as
Der unterschiedliche Charakter von Dur und Moll ist das Ergebnis des Aufbaus beider Tonleitern. Beide enthalten die gleichen Töne auf zweiter, vierter und fünfter Stufe. Entscheidend ist die Terz, die in Dur ein Ton aus dem quintaufwärts gerichteten Spektrum des Quintenzirkels ist, in Moll dem quintabwärts gerichteten Spektrum angehört. Der Unterschied in der Wirkung der quintabwärts und der quintaufwärts liegenden Töne liegt in den unterschiedlichen Obertonverhältnissen begründet: Spielt man einen Ton, der eine Quinte über einem zuvor gespielten liegt, so bringt man dessen dritten Oberton zum Klingen, der wiederum seinen eigenen dritten Oberton mitschwingen lässt. Dieser erklingt, wenn man den nächsten Ton quintaufwärts spielt… Die Tonfolge strebt immer weiter quintaufwärts, sie gewinnt immer neue Obertöne hinzu, wirkt extravertiert. Geht man nun vom selben Ursprungston eine Quinte abwärts, so erklingt ein Ton, dessen dritter Oberton schon vorhanden war, nämlich in Form des Ausgangstons. Die Qualität der Veränderung ist eine andere: Es wird weniger Neues hinzugewonnen als dass etwas bereits Bekanntes von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet wird. Quintabwärts schreitend, geht die Musik in sich, wirkt introvertiert.
Während der Quintton einer Tonleiter gegenüber dem Grundton immer extravertiert wirkt, enthält die Dur-Tonleiter eine extravertierte, die Moll-Tonleiter eine introvertierte Terz.
Da der Grundton der Subdominante dem quintabwärts gerichteten Spektrum entstammt, wirkt diese Harmonie stärker, wenn ihre Terz ebenfalls diesem Spektrum entnommen ist. Noch größer ist der Unterschied zwischen einer Dominante mit großer Terz und einer mit kleiner Terz. Der letzteren geht die typische Dominant-Wirkung, die sich aus der extravertierten Natur dieser Harmonie ergibt, so sehr ab, dass sie als Dominante vor der Schluss-Tonika schon in der „Alten Musik“ regelmäßig gemieden und durch die Dur-Dominante ersetzt wird. Da somit die Dominante in der Praxis regelmäßig eine Dur-Harmonie zu sein pflegt, während die Subdominante häufig eine Moll-Harmonie ist, hat dies für die Dur- und Moll-Tonleitern die Konsequenz, dass ihre an sechster bzw. siebter Stelle stehenden Töne immer wieder durch Töne des anderen Quintenzirkel-Spektrums ersetzt werden. Da es sich bei diesen Tönen nicht um Bestandteile des Grund-Dreiklangs handelt, ändert sich der Charakter der Tonleiter nicht wesentlich, denn über die Wirkung als Dur oder Moll entscheidet die Terz über dem Grundton.
[Norbert Florian Schuck, Januar 2026]
Zur weiteren Vertiefung seien hier die Vorträge empfohlen, die Christoph Schlüren über dieses Thema auf Youtube gehalten hat und denen der Verfasser dieser Zeilen die Anregung zum obigen Text verdankt:
Winzige Differenz=maximaler Unterschied: kleine & große Terz. Warum ist Dur fröhlich & Moll traurig?
Moll ist keine natürliche Skala, sondern ein an die Mehrstimmigkeit angepasstes Phrygisch