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Ambivalenter Magnard aus Freiburg

Naxos 8.574083; EAN: 7 4731340837 5 (Nr. 1&2)

Naxos 8.574082; EAN: 7 4731340827 6 (Nr. 3&4)

Das Philharmonische Orchester Freiburg unter seinem Generalmusikdirektor Fabrice Bollon legt auf zwei bei Naxos erschienenen CDs die vier – leider immer noch zu wenig gespielten – Symphonien des Franzosen Alberic Magnard (1865-1914) vor. Doch auch hier gab es schon ernstzunehmende Konkurrenz.

Im letzten Jahr machte die – seit der Uraufführung 1931 – erst zweite Inszenierung von Magnards bereits 1897-1900 entstandener Oper Guercoeur in Osnabrück Furore und wurde zu Recht von der Opernwelt als „Wiederentdeckung des Jahres“ gefeiert. Der öffentlichkeitsscheue und überaus selbstkritische Komponist galt schon zu Lebzeiten als Einzelgänger. Man nahm dem Privatschüler d’Indys seine anfängliche Nähe zu Wagner übel, bezeichnete ihn später dies- und jenseits des Rheins gar als „französischen Bruckner“ und verschmähte die wenigen, dafür aber recht vertrackten Werke. Sein Tod – er wurde bei der Verteidigung seines Anwesens beim Einmarsch deutscher Truppen 1914 erschossen – machte ihn zunächst berühmter als seine Musik.

In der Tat spürt man gerade in der ersten, noch etwas ungelenken Symphonie (1890) – mit einem alle vier Sätze verbindenden Hauptthema – gewisse Eigenheiten, die man auch Anton Bruckner zuordnen könnte, z.B. der Abbruch im ersten Satz (vor der Generalpause) auf einem Septnonakkord. Ebenso werden einem die wagnerisch anmutenden Horn- und Trompeteneinwürfe im Finale sowie die Wiederkehr des großartigen Chorals aus dem zweiten Satz als Schlussapotheose gerade aus der deutschen Symphonik vertraut vorkommen. Doch bereits in der 2. Symphonie hat Magnard eine ganz eigene Sprache entwickelt, die eher manche Elemente Mahlers aufgreift als sich an älteren Vorbildern zu orientieren. In den letzten beiden Gattungsbeiträgen (1896 bzw. 1913) tritt eine Formvollendung und eine Instrumentationskunst zu Tage, die sie vielleicht noch über die Solitäre von Chausson, Franck oder Dukas zum Bedeutendsten französischer Symphonik vor der Moderne erheben – echte Meisterwerke. Die Dritte dirigierte der Komponist immerhin auf Einladung Busonis 1905 mit den Berliner Philharmonikern.  

Auf CD gab es bereits drei Gesamtaufnahmen des Zyklus – unter Michel Plasson (EMI), Jean-Yves Ossonce (Hyperion) und Thomas Sanderling (BIS bzw. Brilliant), denen sich nun die Freiburger Produktion stellen muss. Insgesamt darf man der Darbietung einiges Lob zollen: Fabrice Bollon begreift die durchaus unterschiedliche Architektonik aller vier Werke und stellt dann die thematische Arbeit Magnards auch entsprechend in den jeweiligen Kontext. Auffallend ist seine immer große dynamische Spannweite innerhalb einzelner Phrasen, die die hohe Emotionalität magnardscher Melodik noch unterstreicht. Manches wirkt dann aber wirklich sehr deutsch: Besagter Choral am Schluss der Ersten kommt viel zu behäbig und dick aufgetragen daher. Hier ist etwa Plasson lässiger, unaufdringlicher – aber vor allem durchsichtiger. Mag den Hörer über Strecken dessen dauernde Weichzeichnung ermüden und die Musik zu nahe an den Impressionismus rücken, gelingt dem Orchester aus Toulouse eine sorgfältigere Detailarbeit – gerade an kniffligen Stellen. Dafür fehlte es in Freiburg anscheinend an Probenzeit. Nur ein Beispiel: 4. Symphonie, 4. Satz – Ziffern [46] u. [54]; da hört man auf der Bollon-Aufnahme in den hohen Streichern – hier lediglich Begleitschicht – nur unkonturiertes Genuschel; ganz anders bei Plasson oder Ossonce. Trotzdem schafft Bollon auch Momente klanglicher Raffinesse, die den Hörer unmittelbar bewegen und bei der Stange halten: so der Aufbau des Bläserakkords zu Beginn des Finales der 2. Symphonie – hier könnte man schon fast an die Spektralisten denken – oder die fantastisch changierenden Bläserfiguren direkt am Anfang der Vierten. Die Aufnahmetechnik vermittelt ein recht direktes Klangbild mit wenig Hall, ist mir allerdings nicht plastisch genug und im Bass etwas wummerig; da ist die Konkurrenz aber auch nicht perfekt. Magnards Symphonik wird immer noch weit unterschätzt; schön, dass sich nun ein deutsches Orchester ihrer angenommen hat, wenn auch noch recht nahe an Frankreich.     

[Martin Blaumeiser, Februar 2020]

In Reich verschwenderischer Vielfalt

Naxos, 8.574082; EAN: 7 47313 40827 6

Unter Stabführung von Fabrice Bollon spielt das Philharmonische Orchester Freiburg die Symphonien Nr. 3 b-Moll op. 11 und Nr. 4 cis-Moll op. 21 von Albéric Magnard.

Der Werkkatalog von Albéric Magnard ist mit nur 21 veröffentlichten Opusnummern mehr als schmal, dafür gezeichnet von perfektionistischem Streben und dem ständigen Drang, formale Klarheit und Ausgeglichenheit zu schaffen. Die Bruckner’schen Anklänge in seinen symphonischen Werken boten Zielfläche für Anfeindungen, er komponiere nicht französisch genug, nicht nationalistisch – zu der Zeit kein marginaler Vorwurf. Dies könnte einer der Gründe gewesen sein, warum Magnard beim Einfall deutscher Truppen 1914 im Ersten Weltkrieg an die Front stürmte, um seine Heimat zu verteidigen: was er mit dem Leben bezahlte. Erst ein Jahr zuvor beendete er seine Vierte Symphonie und damit sein letztes Werk, in welchem er stilistisch in die Zukunft blickte und ganz neue Pfade betrat. Wir können nur erahnen, wie er diesen Weg weitergegangen wäre. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens komponierte Magnard die Dritte Symphonie, wohl die klarste und am leichtesten verständliche von allen. Heute stellt sie das am meisten gespielte seiner Werke dar.

Vom ersten Ton an werden wir in den Bann der verschwenderischen Fülle an Ideen gezogen. Die Symphonien sind durchzogen von dichter Stimmvielfalt und ausgewogenem Kontrapunkt. Die Hauptstimmen werden getragen von mehreren Nebenstimmen und subtilen Motiven, die am Rande der Wahrnehmung ablaufen, was einen Eindruck von Volumen und Dichte schafft. In den raschen Sätzen werden wir regelrecht erschlagen von rhythmischer Präsenz und drängerischem Gestus, in den pastoralen Passagen tragen innige Kantilenen uns fort, doch auch um sie herum schwirrt es an parallel ablaufenden Ideen.

Fabrice Bollon gibt den Symphonien genug Luft zum Atmen, gleichzeitig nutzt er das Zeitmaß auf halbe Noten in den schnellen Sätzen für rasende Ausbrüche, rhythmische Feuerwerke und ausgiebiges Precipitato. Dabei erhält er stets die Souveränität und Erhabenheit der Musik, bietet luzide Einblicke in die Kontrapunktik der Symphonien und verleiht ihnen die notwenige Ausgewogenheit formaler Abstimmung. Das Philharmonische Orchester Freiburg folgt mit klarer Klanggestaltung und geht einfühlsam auf die hinreißenden Melodien ein.

[Oliver Fraenzke, November 2019]

Geheimtipp des Verismo

CPO 7089707; EAN: 7 61203 79602 1

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Die Stilrichtung des italienischen Verismo ist heute v. a. durch Opernkomponisten wie Giacomo Puccini, Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo oder Umberto Giordano bekannt. Der 1883 geborene Riccardo Zandonai dagegen, seines Zeichens selbst Mascagni-Schüler, ist heute fast völlig vergessen. Von seinen insgesamt elf Opern dürfte der tragische Vierakter ‚Francesca da Rimini’ allerdings jenes sein, welches Kennern noch am ehesten geläufig ist. Eine Aufnahme mit Ausschnitten aus der ‚Francesca’ unter dem Label Decca mit der Verismo-Diva Magda Olivero und dem berühmten florentinischen Tenor Mario del Monaco aus den späten 60er Jahren ist legendär. Die Geschichte um Francesca, welche sich gegen die arrangierte Ehe auflehnt und letztlich für ihre wahre Liebe stirbt, obendrein am Schauplatz eines von politischen Machtkämpfen zerrütteten Italien im frühen 14. Jahrhundert, hat auf den ersten Blick alles, was das Erfolgsrezept einer guten Oper ausmacht. Doch hatte es Zandonais Musikdrama seit seiner Uraufführung am 19. Februar 1914 in Turin schwer, sich einen Repertoireplatz auf den Bühnen der Welt zu sichern, zumal das damals allmählich aufkommende Medium des Films eine ernstzunehmende Konkurrenz darstellte.

Die vorliegende cpo-Einspielung mit dem Philharmonischen Orchester Freiburg unter der Leitung von Fabrice Bollon dürfte die erste Studioproduktion der kompletten Oper auf kommerziellem Tonträger sein. Allein dieser Umstand kann gar nicht hoch genug gelobt werden. Sowohl das instrumentale Klangbild als auch die musikalische Verwendung der Singstimmen und des Chores erinnern in ihrer eindrücklichen Klangfülle und -gewalt an die Tonsprache anderer Zeitgenossen, wie vor allem Vittorio Gnecchi oder Richard Strauss. Gerade das leidenschaftliche Duett „No, Smaragdi, no! … Inghirlandata di violette“ aus dem dritten Akt, sowie das dramatische Finale der Oper, bei welchem beide Portaganisten ermordet werden, hinterlassen in dieser Hinsicht einen bleibenden Eindruck. In Bezug auf die alte Decca-Einspielung kommt besonders bei der Besetzung der Hauptdarsteller ein leichtes Déjà-vu-Gefühl auf. Der in der Rolle von Francescas Liebhaber debütierende deutsch-brasilianische Tenor Martin Mühle überrascht mit frappierender Ähnlichkeit zu Mario del Monacos bronzenem Timbre. Trotz insgesamt beachtlicher Leistung neigt seine klanggewaltige Stimme allerdings gelegentlich etwas dazu, sich in einem durchgängigen Forte zu verfestigen (interessanterweise eine Eigenart, die man auch bei del Monaco öfters beobachten kann). Christina Vasileva als lyrisch-dramatische Francesca reicht in ihrem Ausdrucksreichtum zwar nicht an Legenden wie die Olivero heran, vermag aber dessen ungeachtet durch ihre einfühlsame Stimmfärbung und -führung sehr zu gefallen. Ihre gefühlvollen Piani, zumal in den sehnend romantischen Passagen, sind besonderer Erwähnung wert. Anders als ihrem Kollegen Mühle gelingt es ihr auch besser, ein differenzierteres Charakterbild ihrer Rolle zu zeichnen. Das Freiburger Orchester unter Bollon ist für seine ausgesprochen solide Leistung besonders zu würdigen. Der Dirigent versteht es dabei auf hervorragende Art und Weise, die dramatischen Untiefen der Partitur filigran auszuloten und den gebündelten Klangkörper der 84 Musiker mit der nötigen Transparenz spielen zu lassen. Alles in allem eine unbedingt hörenswerte Einspielung.

[Georg Glas, Januar 2016]