Neues Repertoire aus Russland

Northern Flowers, NF/PMA 99123; EAN: 5 055354 481239

Sergey Mikhaylovich Slonimsky: Symphony Nr. 2, A voice from the chorus; Leningrader Philharmoniker, Gennady Rozhdestvensky

Sergey Mikhaylovich Slonimsky zählt zu den namhaftesten russischen Komponisten und Pianisten der Gegenwart. Northern Flowers veröffentlichte Aufnahmen aus dem Musikarchiv Sankt Petersburg, auf denen seine Zweite Symphonie zu hören ist, ebenso die Kantate „Eine Stimme aus dem Chor“. Es spielen die Leningrader Philharmoniker und das Kammerorchester der Leningrader Philharmoniker unter Gennady Rozhdestvensky. In der Kantate wirkt zudem der Chor der Staatskapelle mit, hinzu kommt der Organist Yuri Semyonov und die Vokalsolisten Eugenia Gorokhovskaya und Sergey Leyferkus.

Erst vor kurzem fiel mir die Partitur der 33. Symphonie von Sergey Slonimsky in die Hände, was mir einmal mehr bewusst machte, welch große Schaffenskraft in dem 1932 geborenen Russen steckt. Sein symphonisches Oeuvre übersteigt allein durch die Anzahl der Werke das der meisten Komponisten abgesehen einiger Ausnahmen wie Joseph Haydn oder Leif Segerstam (wenngleich fraglich ist, ob die Werke Segerstams wirklich als „Symphonien“ zu bezeichnen sind). Im Falle Slonimskys lässt sich wie auch bei Haydn sagen, dass seine symphonischen Werke allesamt Eigenständigkeit und Substanz besitzen. Slonimsky besitzt ein Gespür für Orchestration und langanhaltende Spannung. Einmal gefundene Themenabschnitte kann der Russe über mehrere Minuten ausdehnen, ohne dabei langweilig zu werden; genau im richtigen Moment bringt er neues Material hinein. Mit großen Besetzungen weiß Slonimsky ebenso umzugehen wie seine älteren Kollegen Schostakowitsch und Prokofieff: volles Blech, Schlagwerk und gewaltige Choreinsätze überwältigen den Hörer jedes Mal aufs Neue.

In Anbetracht seiner langen Schaffenszeit möchte man die beiden hier zu hörenden Werke beinahe als Frühwerke titulieren, wenngleich Slonimsky bei Komposition der 2. Symphonie schon auf die 50 zuging und er die Kantate mit über 30 schrieb. Sie besitzen großen Programmwert und ich rechne Northern Flowers hoch an, solche Schätze aus den Archiven zu holen. Bedauernswerterweise überzeugt die CD weder in ihrer Aufmachung, noch ihrer Klangqualität, ihres Booklettextes oder der künstlerischen Leistung – weshalb die Qualität der Musik für sich alleine steht, um diese CD doch den Fans russischer Musik ans Herz zu legen.

Der erst kürzlich verstorbene Gennady Rozhdestvensky dirigiert in dieser Aufnahme keineswegs schlecht, ganz im Gegenteil: In technischer Perfektion leitet er die Musiker präzise und holt alle noch so verborgenen Stimmen in den Vordergrund – und dies ist nicht einfach bei einer so dichten und vielstimmigen Musik wie der von Slonimsky. Mir fehlt jedoch die Lebendigkeit und Frische der Aufführung, die hier einer Oberflächlichkeit und Routine weicht. Rozhdestvensky ist ein Uhrwerk: Vollkommen exakt, aber gleichförmig. Überzeugen können allerdings die Solisten, Yuri Semyonov bringt inniges Gefühl in seine Orgelpartie und sticht regelrecht hervor, indem er seine Klänge sich entfalten lässt, und die beiden Vokalsolisten holen echt russische Kernigkeit in die Kantate, präsent geben sich ihre Stimmen.

[Oliver Fraenzke, Juli 2018]

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