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Fragile Etüden

Cyprès, CYP1678; EAN: 5 412217 016784

Élodie Vignon spielt die zwölf Etüden von Claude Debussy in einer neuen Aufnahme für Cyprés.

Drei Jahre vor seinem Tod 1918 komponierte Claude Debussy seine zwölf Etüden, welche er dem Andenken Chopins widmete. Wie auch die Etüden von Chopin, Liszt, Scriabin oder – etwa zur gleichen Zeit entstanden – die von Rachmaninoff handelt es sich keinesfalls um reine Fingerübungen, sondern um ausgereifte Werke, die das gesamte Spektrum des Personalstils ihres Schöpfers beinhalten. Debussy behandelt in je einer seine Etüden verschiedene konsonante Intervalle (Terzen, Quarten, Sexten, Oktaven), die Fünf- (gewidmet Czerny) und die Vierfingerübung, Chromatik, Arpeggien, Akkorde, Ornamente und Repetitionen. Nur eine einzige der Etüden beschäftigt sich laut Titel mit einem musikalischen Problem: den opponierenden Klängen, eine Pedal- und Anschlagsübung. Hinter dem technisch basierten Konzept verbirgt Debussy allerdings weit mehr und verlangt dem Pianisten alle erdenklichen Anschlagsarten, leisestes Pianissimo and zahllose musikalische Aufgaben ab, die über Fingerfertigkeit hinausgehen. Nichtsdestoweniger schwingt natürlich eine Ästhetik der Virtuosität mit, wie sie gerade auch bei Ravel zu finden ist.

Élodie Vignon bemüht sich merklich, nah an die Zartheit und Finesse Debussys heranzukommen, was sich durchaus niederschlägt. Und doch bleibt Debussy auch hier ein Gegenstand der Komparative: Alles könnte noch feiner, noch fragiler, noch feinstofflicher sein. Nur wenigen Pianisten ist es gelungen, Debussy in seiner seidenen Substanz zutiefst zu ergründen, Michelangeli und Gieseking seien namentlich genannt. Neben diesen Referenzen verblasst ein Gros der Aufnahmen, denn hier erst wird einem bewusst, wie viel diese Musik auszusagen hat, wenn man sich ihr vollständig widmet. Dennoch ist die Aufnahme von Élodie Vignon durchaus bemerkenswert und auf überdurchschnittlichem Niveau.

[Eduard Alpmann, April 2018]