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Die Klaviermanufaktur Pleyel und ihr Umkreis

Ars Produktion Schumacher; Concert; Ars 38 828; EAN: 4 260052 388280

Varvara Manukyan spielt Werke aus dem Umkreis der Klavierbauerfamilie Pleyel auf einem originalen Hammerflügel aus dem Jahr 1838 (op. 5884). Auf ihrem Programm stehen Ignaz Joseph Pleyels Sonate V G-Dur aus dem Streichquartett Ben 332 als Ersteinspielung, vier Nocturnes von John Field, Camille Pleyels Nocturne à la Field B-Dur op. 54 sowie Frédéric Chopins Trois Nocturnes op. 9, welche Madame Marie Moke-Pleyel gewidmet sind.

Ignaz Pleyel zählte seiner Zeit zu den gefragtesten Komponisten und wurde europaweit regelmäßig aufgeführt. Der ansonsten kritische Mozart schrieb seinem Vater ein warmes Empfehlungsschreiben für Pleyel und machte deutlich, dass dieser ein geeigneter Nachfolger für Joseph Haydn wäre, der neben Johann Vanhal zu den prominenten Lehrern Pleyels gehört. Das Werk Ignaz Pleyels geriet noch vor dem Tod des Komponisten 1837 in Vergessenheit. Nachhaltige Berühmtheit erlangte er jedoch durch seine 1807 gegründete Klaviermanufaktur Ignace Pleyel & Comp.ie, die erst 2013 ihre Produktion einstellte. Lange Zeit galten die Pleyel-Klaviere als marktführend durch ihren voluminösen und vielseitigen Klang mit großem Dynamikspektrum, das besonders im Mezzo-Bereich äußerst fein abschattiert.

Das vorliegende Programm beginnt mit der Sonate V G-Dur aus dem Streichquartett Ben 332, das Pleyel 1786 komponierte und Varvara Manukyan nun erstmalig auf CD festhält. Die Sonate besticht durch ihre eingängigen Themen und spielfreudige Anlage voller Witz und Charme. Das Gewicht liegt auf dem knapp 10-minütigen Kopfsatz, Mittelsatz und Rondo-Finale dauern je nur etwa 3 Minuten. Darauf folgen Beiträge aus der Gattung der Nocturne, welche vom irischen Komponisten John Field begründet wurde, der maßgeblichen Einfluss unter anderem auf Chopin, aber auch auf Mendelssohn, Schumann und Moscheles ausübte. Aus der Feder Fields hören wir vier seiner insgesamt achtzehn erhaltenen Nocturnes. Camille Pleyel, Sohn von Ignaz, widmete ihm seine Nocturne à la Field B-Dur op. 54 aus dem Jahr 1828, welche eine Stilkopie im ursprünglichsten Sinne darstellt. Den Abschluss machen Chopins Trois Nocturnes op. 9, die Madame Marie Moke-Pleyel gewidmet sind und sich ebenfalls auf die Nocturnes von Field berufen, wenngleich sie harmonisch deutlich weitschweifiger ausfallen und auch melodische Neuerungen aufweisen, nicht zuletzt durch die rhythmisch von der linken Hand losgelösten Läufe. Varvara Manukyan spielt das Programm auf einem Pleyel Hammerflügel aus dem Jahr 1838, also auf einem Instrument, das erst nach dem Tod von Ignaz Pleyel (und John Field) gebaut wurde und ein satteres Volumen aufweist als die früheren Instrumente. Der Hammerflügel überragt durch seine vollen und sonoren Bässe und die singenden Höhen, die gerade den cantabile-Melodien schmeicheln. Die Tiefen gewährleisten ein warmes Fundament, auf dem sich die verspielten Läufe frei entfalten können, ideal geschaffen für die Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – sowie für Musik von beispielsweise Haydn und Mozart, aber auch für Grieg könnte ich mir dieses Instrument trefflich vorstellen. Die Wahl des vergleichsweise späten Instruments aus der Ära Camille Pleyels dürfte wohl auf die Werke Pleyel Juniors und Chopins zurückzuführen sein, doch auch Field wurde 1838 noch regelmäßig gespielt. Lediglich die Sonate Pleyel Seniors wurde wohl für Klaviere mit anderem Klangideal komponiert.

Durch ihr einfühlsames und doch nicht sentimentales Spiel kann die armenische Pianistin Varvara Manukyan überzeugen. Sie entlockt dem Instrument zahllose Klangnuancen, die jeweils genau auf die Musik abgestimmt erscheinen, achtet auf klare Linien und wohl austarierte Gewichtung zwischen den einzelnen Stimmen. Besonders in Fields Nocturnes erlaubt sie sich die Freiheit, der rechten Hand improvisatorische Elemente hinzuzufügen, was den Melodienreichtum erhöht – zur Entstehungszeit der Nocturnes war dies gängige Aufführungspraxis. Dynamisch bleibt Manukyan viel im Mezzobereich, was jedoch den Stärken des Instruments schmeichelt. Allgemein sticht hervor, wie intensiv sich die Pianistin mit dem Instrument und der Aufführungspraxis auseinandergesetzt hat: Die Musik wird jedoch nicht wie so oft zum historisierten Museumsstück, sondern Manukyan aktualisiert das Geschehen. Mir fallen besonders die fein abgestuften Ritardandi auf, die so natürlich und ungekünstelt erscheinen, dass sie der Hörer nicht aktiv wahrnimmt; und doch dienen sie als gliedernde Elemente.

[Oliver Fraenzke, März 2019]