Wem Gott will rechte Gunst erweisen

Friedrich Theodor Fröhlich: The Complete String Quartets
Rasumowsky Quartett
Dora Bratchkova, Violine
Ewgenia Grandjean, Violine
Gerhard Müller, Viola
Alina Kudelevic, Violoncello
cpo 555017-2
EAN  761203501724

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Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Wer kennt nicht dieses strahlend optimistische Marsch-Wanderlied aus dem Anfang von Joseph Freiherr von Eichendorffs erzromantischer Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts? Aber kaum jemand kennt den Aargauer Komponisten Friedrich Theodor Fröhlich (1803-1836). Von ihm stammt (kaum älter als der Text) die Melodie dazu. Erst recht unbekannt sind seine vier Streichquartette, die nun erstmals komplett auf vorliegender Doppel-CD vom Rasumowski Quartett eingespielt wurden.

Weil es großartige Musik ist, obendrein großartig eingespielt, wird man traurig über den allgemeinen Stumpfsinn gegenüber Fröhlichs Werk, damals wie heute. Weil diese Ignoranz exemplarisch steht für die Rezeption von „Nicht-Titanen“, möchte ich mich dazu etwas breiter auslassen: In Wikipedia lesen wir: „Fröhlichs Musik ist durch erfrischende und natürliche Melodizität und Sinn für das Einfache und gleichzeitig Effektvolle gekennzeichnet. Seine Musik ist reich an gefühlhaftem Ausdruck und an unerwarteten Wendungen im Bereich des Harmonischen. Doch auch das starr Formelhafte und Schematische sowie die vielfachen Satzfehler in seinen Werken sind nicht zu übersehen. An diesen Mängeln wird erkennbar, dass Fröhlich wohl nicht nur an der provinziellen Enge seiner Umwelt, sondern auch an der wachsenden Einsicht in seine eigene künstlerische und kompositorisch-technische Unzulänglichkeit verzweifelte“. Ich musste erstaunt feststellen, dass viele gerade aus diesem sehr fragwürdigen Beitrag wörtlich abgeschrieben haben. Solche Worte gäben Fröhlich auch heute noch Grund genug, sich gleich noch einmal in die Aare zu stürzen. Ich konnte nicht herausbekommen, wie dieser Wikipedianer zu seiner „Meinung“ gelangt war. Wie dem Mitteilungsblatt des Naturschutzvereins Kloten (Schweiz) zu entnehmen ist, starb er (seinen Namen behalte ich für mich) 2010 (zwei Jahre nach seinem Beitrag über Fröhlich) im Alter von fast 83 Jahren, hoch geehrt für „sein Engagement für den Verein und für die Musik“. Über Musik zu schreiben war, neben seiner Vorstandstätigkeit im Verein, offenbar sein Hobby.

Wesentlich besser kommt Fröhlich bei Edgar Refardt, dem hochverdienten Hans Huber-Biographen, im alten MGG (Bd. 4, 1955) weg, der ihm eine „geradezu hochromantische Harmonik […] , eine Zartheit, Innigkeit und Intensität des Empfindens […], Stärke seiner Erfindung, Differenzierung der Gefühlsstimmung […]“ und „[…] eine außergewöhnliche Begabung für Erfindung charakteristischer Instrumentalfiguren […]“ attestierte, aber derlei eigenständige Beobachtung ist leider die Ausnahme.

Wenn Sie noch mehr Fundiertes zu Friedrich Theodor Fröhlich erfahren wollen, so empfehle ich Ihnen die Lektüre des sehr guten Booklet-Texts zur vorliegenden Einspielung, verfasst von Anneliese Alder. Dort kann man lesen: „Das mangelnde Interesse an einer Gesamtedition mag in den wenigen Untersuchungen begründet liegen, die den Streichquartetten handwerkliche Mängel wie Quintparallelen attestieren und Plagiate nachweisen.“  Zum Thema  Quintparallelen fällt mir ein: Am 25. Mai1826 schrieb der einflussreiche Zeitgenosse Carl Friedrich Zelter (generöses Lob für Fröhlich: „Schweizer, das hast du brav gemacht“) an seinen Freund Goethe über seinen Schüler Felix Mendelssohn Bartholdy (es geht um das fünfte Brandenburgische Konzert): „In der Partitur eines prachtvollen Konzerts von Sebastian Bach gewahrte mein Felix, als er zehn Jahre alt war [1819], mit seinen Luchsaugen sechs reine Quinten nacheinander, die ich vielleicht niemals gefunden hätte …“  Über Zelter bemerkte Fröhlich einmal bitter: „Ihm allein habe ich es zu verdanken, dass meine größeren Kompositionen noch nicht bekannt sind.“ Zum vorgeblichen Plagiats-Problem (W. Labhart: „Fröhlicher Themenklau“), das ja auf Gustav Mahler immer wieder angewendet werden könnte, fällt mir ein anderes prominentes Beispiel ein: Der Choral des vierten Satzes von Brahms‘ erster Symphonie erinnert oberflächlich, und wirklich nur oberflächlich, an Beethovens Finale aus seiner „Neunten“. Auf diese „Merkwürdigkeit“ angesprochen soll Brahms geantwortet haben: „[…] und noch merkwürdiger ist, dass das jeder Esel gleich hört!“ In Fröhlichs Streichquartetten findet man in der Tat mehrere Zitate, und wir freuen uns, wenn wir (als zuhörende Esel) etwas wiedererkennen. Da beginnt das g-Moll-Quartett  mit einem „verhalten melancholischen Thema“ (Alder) und auf einmal moduliert es nach Dur und mündet in „ … Blühe Deutsches Vaterland“ (genauer: Joseph Haydn, op. 76, Nr. 3, also das Kaiserquartett – den Text, den heute unsere Fußball-Nationalmannschaft singt, gab es damals noch nicht). Ich habe in diesem g-Moll-Quartett noch etwas Wunderschönes entdeckt: Carl Maria von Webers Freischütz war damals erst ein paar Jahre alt, aber Fröhlich hat die Oper sicher gekannt. In Agathes Arie „Leise, leise …“ ist die Stelle „Lied, erschalle! Feiernd walle …“ genau der Anfang und die Keimzelle von Fröhlichs Largo cantabile (hier allerdings dann mit einer ganz anderen Fortsetzung).

Es ist nicht einfach, Fröhlichs Kompositionsstil zu beschreiben; manchmal klingt er eher wie Schubert (z.B. im 1. Satz des f-moll-Quartetts), manchmal etwas nach Schumann, oft auch wie Weber (z. B. im 4. Satz des f-moll-Quartetts). Jemand, der frühromantische Musik liebt, aber nicht auf Namen fixiert ist, wird große Freude an diesen Streichquartetten haben, und obendrein: Er kann sie Freunden vorspielen und sie raten lassen – das wird sicher spannend! Kaum zu glauben, dass solch gute Musik bisher kaum beachtet und derart verschmäht wurde.

Noch ein paar Worte zum Rasumowsky Quartett: Ich muss (zu meiner Schande) gestehen: Zunächst dachte ich, hier habe das für seine „Nischen-Produktionen“ bekannte Label cpo  auch gleich noch einem unbekannten Ensemble eine Chance geben wollen. Weit gefehlt!: Das Quartett, zu dessen Kernrepertoire die Wiener Klassik gehört, und das auch schon zeitgenössische Werke (z. B. von dem mir unbekannten Leo Dick) uraufgeführt hat, ist schon für seine Gesamtaufnahme der 15 Streichquartette Schostakowitschs weithin mit Lob überhäuft worden. Was mir an der vorliegenden Einspielung so gut gefällt, ist das Unprätentiöse der Darstellung: Vielleicht auch, weil es nicht die dreihundertste Aufnahme der Streichquartette eines Beethoven oder Schubert ist, hatten die vier Musiker es gar nicht nötig, ihre Programmwahl durch eine sensationell neue Art der Interpretation zu rechtfertigen. Worte wie „exzentrisch“ „aufwühlend“ oder „atemberaubend“ sind hier fehl am Platz. Exzellent aufeinander eingespielt, bekennen sie sich zwar zur sogenannten historisch informierten Aufführungspraxis, haben aber kein Interesse daran, alles unbedingt „gegen den Strich“ zu bürsten. Vielmehr dienen sie „selbstvergessen“ der Darstellung dieser Musik mit vitaler Musikalität und Spielfreude. Und ihre Schostakowitsch-Quartette werde ich mir jetzt auch noch anhören!

[Hans von Koch, Mai 2016]

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