„Ich will die Ohren öffnen!“

„Passio“ heißt die neue CD der Zurich Chamber Singers – die musikalische Botschaft sowie der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Tonträgers sollen genau diesem Titel entsprechen. Christian Erny und seine fabelhaften Sängerinnen und Sänger erwecken hier eine tief spirituelle Musik zum Leben. Da tritt sogar in den Hintergrund, dass Johann Sebastian Bach, Henry Purcell und Thomas Talis einerseits sowie der gerade einmal 27 Jahre junge Kevin Hartnett aus gänzlich verschiedenen Jahrhunderten kommen.

Das Interview führte Stefan Pieper

Diese Musik berührt so tief, dass man sich kostbare Momente für das Hören aussucht. Verstehen Sie, was ich damit meine?

Das freut mich sehr. Dann ist unsere Botschaft ja wirklich angekommen. Unser zentrales Anliegen ist, Intensität geltend zu machen.

Erzählen Sie etwas über die Vorgeschichte zu diesem Projekt.

Ich habe dieses Ensemble im Jahr 2015 ins Leben gerufen und die ersten Debutkonzerte sind jetzt 2 Jahre her. Begonnen haben wir mit neun befreundeten Sängerinnen und Sängern von der Hochschule. Alles hat sich sehr schnell weiter entwickelt. Mittlerweile sind wir 18, manchmal arbeiten wir sogar zu 20. Genauso stelle ich mir meine Vokalarbeit vor! Wir wollen uns allen Epochen widmen und die traditionelle Musik mit zeitgenössischer Musik verbinden. Deswegen sind Auftragskompositionen ein wichtiger Bestandteil. Wir sprechen junge Komponisten an und überlegen uns, in welchem thematischen Rahmen das Projekt stattfindet. Für das aktuelle Projekt bin ich mit meinem Team die Texte durchgegangen, dabei stießen wir auf die Bußpsalmen, die wir an Kevin weiter gegeben haben.

Woher kennen Sie Kevin Hartnett?

Er war ein Studienkollege in den USA, wo ich mein Konzertexamen gemacht habe.

Kevins Stück wirkt ja gar nicht so neutönerisch, sondern fügt sich extrem geschmeidig in die Gesamtdramaturgie dieser CD ein.

Das hat sicher damit zu tun, wie es gemacht ist. Es erinnert von der Satzart stark an die Polyphonie der Renaissance. Überhaupt hat Kevin Hartnett einen sehr guten Riecher, wie ein Vokalwerk zur Passion zu gestalten ist, damit die Botschaft wirklich überkommt. Meine einzige Vorgabe war, dass es vierstimmig sein soll, um Klarheit herein zu bekommen. Ich finde es schon erstaunlich, dass Kevin allein mit vier Stimmen so viel Klanglichkeit und Bewegung herein gebracht hat.Es entsteht ein regelrechtes Flimmern dadurch, dass die Stimmen individuell in Bewegung sind und viele kleine Intervalle vorherrschen.

Wie gestalten sich die Arbeitsphasen mit dem Chor?

Wir haben zwei bis drei Projekte pro Saison und beginnen immer zwölf Tage vor einem Konzert. Zu diesem Zeitpunkt haben die Sänger schon ihre Parts vorbereitet und eine intensive Probenphase kann beginnen.

Aus welchem Kontext kommen die Musiker?

Ich habe eine gesunde Mischung von Leuten darin. Da sind einerseits die Profis, die ich von der Hochschule kenne und sonst als professionelle Sänger unterwegs sind. Außerdem gibt es Menschen aus meiner eigenen Chorzeit, die hervorragende Chorsänger sind, die aber nicht als Solisten tätig sind.

Ist dies das Geheimnis dafür, dass dieser Chor nicht wie eine amorphe Masse wirkt, sondern vielmehr ganz viele individuelle Stimmen heraus klingen? Beschreiben Sie doch mal etwas genauer Ihre Philosophie!

Ganz bewusst wähle ich möglichst schlanke Besetzungen mit so wenig Leuten wie möglich pro Register. Dadurch maximiere ich die Klarheit im Kontrapunkt. Ich mag es nicht, wenn die Sänger zu Chorsängern degradiert werden. Denn da leidet meiner Meinung nach der individuelle Ausdruck drunter. Dafür ist die Musik, zum Beispiel Henry Purcells „Funeral Music“ viel zu expressiv! Ich will nicht, dass man auf Sparflamme singt, sondern gut gestützt und mit tiefem Ausdruck. Ich verlange als Dirigent von jedem, die Musik mitzugestalten. Ich nehme jede Sängerin und jeden Sänger als Musiker ernst, der gewillt ist, eine musikalische Botschaft zu transportieren. Wenn das nicht zustande kommt, wäre die Musik doch nutzlos.

Was hat Sie selber zum Chorgesang getrieben?

Damit bin ich groß geworden. Mit 13 oder 14 hat mich mein Musiklehrer in den Chor geholt. Da habe ich 13 Jahre mitgesungen. Eigentlich bin ich selber im Chor als Sänger aufgewachsen. Ich hatte einen tollen Chorleiter, der mich angestiftet hat. Mit dem arbeite ich heute noch zusammen. Er hat mir die ganze Ästhetik des Chorgesangs vermittelt. Ich habe dann angefangen, Klavier zu studieren. Auch während meines Klavierstudiums blieb die Begeisterung für Chorgesang. Ich habe neben dem Studium Kirchenchöre geleitet, damit erste Erfahrungen gemacht und später dann noch Dirigieren an der Hochschule belegt. Als ich schließlich die Zurich Chamber Singers gegründet habe, ist ein lange gehegter Wunsch von mir in Erfüllung gegangen.

Wie berühren sich die beiden Bereiche Chorarbeit und Pianistenlaufbahn in Ihrem künstlerischen Alltag?

Es wäre schade, wenn ich mich in meinem Leben mehr für das eine oder für das andere entscheiden müsste. Ich bin daher froh, dass ich phasenweise mehr Projekte als Pianist und dann wieder als Chorleiter habe. Zumal sich beide Bereiche hervorragend miteinander ergänzen. Als Pianist wächst Du damit auf, polyphon zu denken. Du lernst von klein auf, mehrstimmig zu lesen, was Dich auch für die Arbeit mit Chor prädestiniert. Gleichzeitig beeinflusst das Dirigieren mein Klavierspiel sehr positiv. Als Chordirigent ist ein extrem geschultes Gehör einfach Pflicht. Hier wie dort, geht es um dieselbe Frage: Wie balanciere ich bestimmte Stimmen aus, dass ganz bestimmte Farben heraus kommen? Vor allem bei zeitgenössischen Stücken mit Chor macht es sich ganz besonders bemerkbar – das tritt auch in Kevin Hartnetts Stück ganz besonders hervor: Wenn man hier nur einen Ton verändert, kommt plötzlich eine ganz andere Farbe heraus und der Klang schwingt komplett anders. Das versuche ich, den Leuten ins Gehör zu bringen. Ich muss ihnen klar machen, wie sich etwas auf den Gesamtklang auswirkt. Ich will die Ohren öffnen, dass es wirklich jeder hört, was mit den Farben passiert!

Nochmal ein paar Details über die anderen Stücke. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl für diese CD getroffen?

Die Passion war der ursprüngliche Gedanke. Das Projekt hat im letzten Frühling zur Passionszeit begonnen. Da war der Plan, dass die CD ein Jahr später veröffentlicht wird. Wir haben Brainstorming gemacht und viel Literatur durchkämmt. Ein Fazit kristallisierte sich heraus: Die Passionszeit ist ja nicht nur eine Zeit des Leidens. Man kann sie genauso vorwegnehmend deuten, nämlich im Hinblick auf Ostern symbolisiert. Am Anfang wirkt Thomas Tallis Motette wie ein Hilferuf über die eigene Vergänglichkeit. Die zweite Tallis-Motette am Schluss der CD löst diese Spannung auf. Die „Funeral Sentences“ von Purcell enthalten beides: Eine Traurigkeit über die eigene Vergänglichkeit, aber dann einen Hoffnungsschimmer. In Bachs Kantate „Jesu, meine Freude“ ist es dasselbe. Du darfst auch vorausschauen und Hoffnung in der Sache sehen. Das moderne Stück von Kevin Hartnett birgt eine kleine Überraschung: Am Schluss des Stückes kommt ein Halleluja vor. Die strenge Lithurgie verbietet dies während der Fastenzeit. Durch diese verstecke Anspielung, will ich die streng liturgische Verbindlichkeit aufbrechen. Denn mein Anliegen ist die festlich-meditative philosphische Art, über dieses Thema nachzudenken.

Also geht es Ihnen um die Dialektik aus Verzweiflung und Zuversicht?

Mir ist wichtig bei dieser Art von Musik, dass sie nicht als reine Gottesdienstmusik gesehen wird. Sie ist von Menschen gemacht und für Menschen, die sich tiefe philosophische Gedanken über Materie, Mensch und Gesellschaft machen. Ich möchte das unbedingt von diesem Ansatz her betrachtet wissen.

Wie verhält es sich mit der emotionalen Ebene?

Gerade bei Bach sind Emotionen wahnsinnig wichtig. Früher gab es eine starke Tendenz, in Bach eine trockene, akademische Art herauszuarbeiten. Der Ansatz greift meiner Meinung aber zu kurz. Im Kern von Bachs Musik stehen die stärksten Emotionen, die man empfinden kann und die hier in Musik vereint sind.

Haben Sie ein bestimmtes Rezept, dies aus den Sängern heraus zu kitzeln?

Bei Bach, aber eigentlich bei jeder guten Musik ist nie etwas rein zufällig komponiert. Meine Aufgabe als Musiker, vor allem aber als Dirigent ist es, die Noten so zu lesen, dass ich verstehe, was hier passiert. Ich will dem Chor ins Gehör bringen, wo die besonderen Momente sind. Wenn beispielsweise ein Sopran einen grossen Sprung nach oben singt oder eine Stimmkreuzung geschieht, muss dies an einem Moment passieren,wo emotional etwas vorhanden ist. Ich versuche die Noten so zu lesen, dass ich wirklich eine Vorstellung von der Architektur habe und wozu es gemacht ist. Es gibt verschiedene Methoden, dies zu kommunizieren, die naheliegendste ist der Text. Doch hat jeder seine eigene Art, mit dem Text umzugehen. Meine Aufgabe ist es, die Architektur der Musik den Sängerinnen und Sängern so zu kommunizieren, dass sie mit den Emotionen im Text kongruent wird.

Wenn Sie das ganze aufnehmen, lassen Sie in langen Durchläufen singen oder geht es manchmal auch kleinteilig zu Werke?

Takt für Takt zu arbeiten, ist für die Sänger wahnsinnig anstrengend. Ich versuche, so gut es geht, weite Strecken singen zu lassen. Dass man wirklich sagt, wir machen jetzt nur diesen Takt, ist die letzte Entscheidung. Es ist meist viel gewinnbringender, wenn die Leute in einen längeren musikalischen Bogen kommen. Wenn man allzu viel Flickwerk betreibt, passiert es oft, dass es trotz aller Perfektion zu leblos wird – dann hat man auch nicht gewonnen.

Gibt es für Sie ein Schlüsselerlebnis, welches Sie zur Chormusik gebracht hat?

Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie ich zum ersten Mal in einem Chor mitgemacht habe. Vorher hatte ich noch nichts vom Chor gewusst. Dann hat mich mein Musiklehrer dafür begeistert. Es war auf Anhieb eine großartige Erfahrung, in dieser Masse zu stehen und diese Stimme zu singen und zu merken, wie sich alles miteinander integriert. Ein Teil von etwas größerem zu sein, das war schon sehr eindrücklich! Es kamen dann viele spannende Projekte: Mit 16 durfte ich das Verdi-Requiem singen, dann ging es mit 17 auf Konzertreisen nach Osteuropa. Hier sind viele starke Eindrücke hängen geblieben. Aber zugleich habe ich immer Klavier gespielt. Aber auch noch viele andere Dinge gemacht. Ich war auch recht lange als Gitarrist in Rockbands aktiv.

Was gibt Ihnen dieser offene Blick über die Tellerränder?

Ein erfülltes Musikerdasien braucht verschiedene Wirkungsgebiete. Ich mag Genreabgrenzungen überhaupt nicht. Ich habe zum Beispiel zwei sehr gute Freunde, mit denen ich mich sehr gut über Musik unterhalte – und die sind beide Popmusiker! Man merkt, dass die Produkte vielleicht unterschiedlich sind, aber schlussendlich ist die Botschaft man Ende doch ziemlich gleich, sie kommt nur in verschiedenen Kanälen zum Ausdruck!

Wo haben Sie die Bookletfotos gemacht? Das könnte auch ein Industriedenkmal im Ruhrgebiet sein!

Die Fotos entstanden in einem stillgelegtem Fabrikareal in Winterthur. Ich mag eine solche Ästhetik in Kombination mit diesem Repertoire. Das gibt dem Ganzen einen anderen Anstrich. Chormusik hat teilweise immer noch den Anstrich, dass sie verstaubt und uncool ist. Aber da bin ich ganz anderer Meinung. Und dafür muss man heute mit zeitgemäßem Artwork Farbe bekennen. Zum Glück sind heute viele junge Künstler unterwegs, die so etwas super machen und hier für neue Zugänglichkeit sorgen.

Haben Sie schon mal etwas in einer solchen Location aufgeführt?

Nein, leider noch nicht. Aber wir denken schon lange darüber nach, vielleicht mal, um in dieser Fabrikhalle eine Johannespassion aufzuführen. Das wäre fantastisch. Aber es ist eine Frage des Geldes. Es gibt schon viele alte Industriebauten, die kulturell genutzt werden, aber insgesamt hinkt die klassische Musik da noch etwas hinterher.

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