Das Pathos winkt

Chandos, CHSA 5214; EAN: 0 95115 52142 7

Vorliegende CD beinhaltet Orchestermusik von Gerald Finzi, die in den 50er-Jahren komponiert oder revidiert wurde. Das Programm beginnt mit dem Cellokonzert op. 40 a-Moll, führt über die Eclogue op. 10 F-Dur für Klavier und Streichorchester und die Nocturne op. 7 cis-Moll (New Year Music) zur Grand Fantasia and Toccata op. 38 d-Moll für Klavier und Orchester. Sir Andrew Davis leitet das BBC Symphony Orchestra, das Cellosolo spielt Paul Watkins und Louis Lortie übernimmt die Rolle des Klaviersolisten.

Die Uraufführung des Cellokonzerts war das Letzte, was Gerald Finzi hörte; tags darauf verstarb er im Alter von 55 Jahren an den Folgen der Hodgkinschen Krankheit, einem Tumor der Lymphknoten. Finzis Musik wirkt nicht zeitgemäß, viel eher zieht er seine Einflüsse aus der Musik des 19. Jahrhunderts, Elgar und Parry sind unüberhörbare Anknüpfungspunkte. Ausgedehnte Flächigkeit prägt die musikalische Landschaft Finzis, lange Zeit ruht er sich auf einmal gefundenen Ideen aus, genießt jede Pastorale und hält auch gespannte Momente bis zum Anschlag aus. Seine sentimentalen Melodien berühren durchaus, die melancholischen Elemente verfehlen ihre Wirkung keinesfalls und auch manch kuriose Effekte verzücken – und doch schafft es die Musik nur selten, die Spannung aufrechtzuerhalten und den Hörer bis zum Schlusston hin zu tragen, ohne dass er auf dem Weg dorthin abhanden kommt. Das Pathos winkt, doch wirklich passieren tut wenig. Es fehlt an Abwechslung, an Kontrasten oder zumindest an unerwarteten Details, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen; die Aussage verschwimmt durch Überlänge, nur Bruchstücke bleiben in der Erinnerung zurück.

Vom Cellokonzert kann der Mittelsatz durch sein inspiriertes Thema und die innige Melancholie bezaubern, die sich später kraftvoll entlädt. Auch die Thematik des Kopfsatzes ist stark, doch verliert sie sich schnell in Formlosigkeit; ähnlich das Finale, in welchem der Solist seinem Instrument abenteuerliche Effekte entlockt, was aber auch das einzige ist, das von diesem Satz hängenbleibt. Durchgehende Zartheit erleben wir in Eclogue für Klavier und Orchester, welches durch die Darbietung zu dem am meisten nachwirkenden Stück dieser CD avanciert. Die Nocturne (New Year Music) ertönt überraschend düster und weltfern für den zumeist freudigen Anlass. Grand Fantasia and Toccata begehrt deutlicher auf als die anderen Stücke, hier wagt Finzi auch einmal Unvorhergesehenes. Besonderen Wert legt der Komponist hier auf das Zusammenspiel der Partner, welches sich gerade auch auf die Dynamik auswirkt und wodurch manch ein hexensabbatartiger Effekt zutage tritt.

Das Orchester agiert äußerst vertraut mit der Musik, hält die Atmosphäre und schafft einen dichten Klang, der den jeweiligen Stimmungen entspricht. Sir Andrew Davis bringt die Solisten und das Orchester zum Einklang, überbrückt die klangliche Distanz der ungleichen Partner. Es gibt nur wenige Passagen, in denen Dirigent und Orchester sich wirklich beweisen müssen, also wo die Musik nicht für sich alleine wirkt, sondern geschickte Darbietungskunst erfordert: doch diese meistern die Musiker elegant. Paul Watkins erweist sich als aufmerksamer und gewandter Solocellist, der sowohl in den pastoralen Stellen als auch in den aufbrausend vorwärtstreibenden die Kontrolle behält und den Klang kultiviert. Der Pianist Louis Lortie überzeugt in Eclogue durch überaus feinen Klang und inniges Gefühl; unterminiert den Eindruck jedoch durch trockenes und uninspiriertes Spiel in der Grand Fantasia and Toccata. Das Staccato wird zur Manier, die Läufe und Akkorde prasseln zusammenhangslos auf den Hörer nieder – schade, denn wir hören auch, dass er könnte, wenn er wollte.

[Oliver Fraenzke, März 2019]

1 thought on “Das Pathos winkt

  1. Oooooch, ich halte Finzi für einen durchaus potenten Komponisten; vielleicht war er im Liedfach einfach eher zu Hause als im Orchesterfach, wo er ja auch nur relativ wenige Werke hinterließ. Ich bevorzuge (natürlich) die NAXOS-Aufnahmen seiner Werke mit der Northern Sinfonie unter Howard Griffiths, aber auch die Nimbus-Einspielungen des English String Orchestra unter William Boughton sind ganz wunderbar.

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